Sozialismus tiefgekühlt

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Die Sowjetunion ist untergegangen. Doch im sibirischen Dorf Dikson lebt sie einfach weiter.

Urs Mannhart

Mit zerknittertem Gesicht öffnet Ljoscha die Holztür, betritt die düstere, nach Diesel, altem Öl, Gummi und grauer Gewohnheit stinkende Garage und schaut sich um mit kleinwinzigen Augen: halb leer ist die Halle, angenehm ruhig, leider aber steht der Uas, der mausgraue, museal anmutende Kleinbus, mit dem sich Ljoscha bereits vergangene Woche abzumühen genötigt fühlte, immer noch da, hängt immer noch wie ein Vorwurf mitten in der Werkstatt und begrüsst jeden, der eintritt, mit erhobenem Hintern. Ljoscha klopft sich den Schnee von den Schuhen, setzt sich auf einen Schemel, zündet sich eine an und sieht, wie er raucht, wie er blickt, aus wie der kleine Bruder Sylvester Stallones nach einem harten Drehtag. Es ist Montag, es ist Morgen, keine gute Zeit für Helden, die gerne spät zu Bett gehen. Viele Autos sind derzeit nicht in Reparatur, auch mit den Panzern des öffentlichen Verkehrs ist alles in Ordnung, aber Ljoscha ahnt, dass der verkrüppelte Uas dennoch an ihm hängen bleiben wird, dass alle anderen wieder so tun werden, als seien sie beschäftigt, obwohl jeder sieht, dass es nichts zu tun gibt

 

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
Urs Mannhart unterwegs:
AutorIn
Themen
Region
Urs Mannhart
Urs Mannhart
Urs Mannhart
Urs Mannhart
Urs Mannhart