Sprachlos in Kambodscha

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Wie zwei Zirkusartisten mit Akrobatik die Geister des Pol-Pot-Regimes vertreiben. 

Christian Schmidt

Nichts. Ako und Apra rütteln am Gitter. Es versperrt ihnen den Zugang zu ihrer Trainingshalle, dem letzten Gebäude am Stadtrand von Battambang im Nordwesten Kambodschas. Sie zerren und reissen daran, treten dagegen. Vergeblich. Nochmals. Sie wollen arbeiten, es ist neun Uhr morgens, 34 Grad, bald wird es noch heisser. Nach dem vierten Versuch lassen sie vom Gitter ab, schauen ratlos, so lange, bis sie dieselbe Idee haben. Gemeinsam drücken sie mit dem Hintern dagegen – zweimal, dreimal – im Takt, und zack!, kreischend springt das Tor auf. Ako und Apra. Wieder einmal zeigt sich: Allein sind sie nicht nichts, doch nur zusammen sind sie gut.

Die beiden wollen ihr neues Stück proben. Ako, der Grosse, 29 Jahre alt, kindliche Züge, muskulös, meist lächelnd. Apra, der Kleine, 28, Brust und Schulter tätowiert, ein scharf geschnittenes Gesicht umrahmt von einem ungezähmten Haarschopf.

Im Innern der Halle wärmen sie sich auf. Ihre neue Nummer ist technisch anspruchsvoll, was ihnen Sorgen macht, und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Die letzten Wochen haben sie etwas gar locker genommen. Schliesslich gab es keinen Grund, sich anzustrengen. Ihre vergangenen Saisons verliefen erfolgreich. 2013 tourten sie gemeinsam mit anderen Artisten durch Frankreich, zuletzt waren sie mit dem Circus Monti in der Schweiz unterwegs. Von diesen Engagements ist noch etwas Geld da. Wie es Sitte ist, gaben sie es ihren Eltern, die damit den Lebensunterhalt der grossen Familien bestreiten – alle wollen essen, alle wollen ein Smartphone und ein T-Shirt mit dem geschwungenen «S» von Superman. Doch in Battambang, der drittgrössten Stadt des Landes, gibt es kaum Möglichkeiten, so viel Geld zu verdienen, wie es Ako und Apra bisher gelungen ist. Nun ist bald alles Ersparte weg, die Zeit drängt.

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