Sprechen durch Anna

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Sie betreut einen stummen Schwerbehinderten und verliebt sich in ihn. Jetzt steht sie vor Gericht. 

Daniel Engber

Anna wollte ihre Gefühle nicht verstecken. Soweit sie sagen konnte, ­­D. J. auch nicht. Ihre Beziehung hatte sich in den letzten Wochen verändert, und sie wussten nicht, wann oder wie sie damit herausrücken sollten. «Es ist deine Entscheidung», sagte sie ihm, bevor sie sich mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder trafen. «Es ist deine Familie. Es liegt bei dir.»

Als sie am Memorial Day des Jahres 2011 zu ihm kam, arbeitete sein Bruder Wesley im Garten. Also ging sie direkt ins Haus, um mit D. J. und seiner Mutter P. zu sprechen. Am Esstisch unterhielten sie sich eine Weile über D. J.s Pläne, zur Schule zu gehen und eine eigene Wohnung zu beziehen. Als Wesley hereinkam, versiegte das Gespräch, und Anna nahm D. J.s Hand. «Wir möchten euch etwas sagen», verkündeten sie schliesslich. «Wir lieben uns.»

«Was soll das heissen, ihr liebt euch?», fragte P. und erbleichte.

Wesley sah, wie blass und schwach sie plötzlich wirkte, wie «Cäsar, als er herausfand, dass Brutus ihn verraten hatte». Ihm wurde übel. Unbehaglich war ihnen nicht, weil Anna 41 und D. J. 30 war, weil Anna weiss und D. J. schwarz war, noch nicht einmal, weil Anna verheiratet war und zwei Kinder hatte, während D. J. noch nie mit jemandem ausgegangen war. Was sie aus der Fassung brachte – und was all die späteren Auseinandersetzungen auslöste und in einen Strafprozess und eine millionenschwere Zivilklage mündete –, war die Tatsache, dass Anna sprechen konnte und D. J. nicht; dass sie ordentliche Professorin für Ethik an der Rutgers University in Newark war und D. J. vom Staat die geistigen Fähigkeiten eines Kleinkinds attestiert bekommen hatte.

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