Sterben nach Ostern

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Peter ist krank.
Edith ist kerngesund.
Er wählt den Freitod, sie geht mit.

Stephan Hille

Eine 70-jährige Dame, die sich in fünf Wochen das Leben nehmen will, stellt man sich anders vor. Flink, vergnügt und beinahe etwas aufgekratzt nimmt sie die Stufen zur Wohnung im vierten Stock. «Ich muss jetzt erst mal aus meinen hochhackigen Schuhen raus», sagt Edith Stäheli beschwingt im Treppenhaus. Eine kleine, quirlige, elegante Frau. Man würde sie deutlich jünger schätzen. Edith Stäheli wirkt keineswegs lebensmüde, und sie ist es auch gar nicht. Aber sie hat sich entschieden. Ihr Mann, Peter Stäheli, ebenfalls 70, steigt hinter ihr ernst und steif die Treppen hinauf. Seinen Morbus Parkinson, den Grund für den geplanten gemeinsamen Freitod, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Er steht etwas wackelig auf den Beinen. Es ist der 7. März 2015. Unser erstes Treffen. Stähelis haben sich um wenige Minuten verspätet. Sie waren mit Freunden zum Mittagessen verabredet. Die Freunde haben sie nach Hause gebracht. Nach Pratteln, einem Vorort von Basel.

Von jetzt an gerechnet, ab dem 7. März, wollen Edith und Peter Stäheli noch fünf Wochen leben. Höchstens. Den genauen Termin weiss das Ehepaar noch nicht. «Es muss einfach vor dem 15. April passieren», sagt Edith Stäheli. Dann würde sie 71 Jahre alt werden. Die Vorstellung, an diesem Tag Gratulationen und Geburtstagswünsche entgegennehmen zu müssen und doch kurz darauf aus dem Leben zu treten, ist für sie wie für ihren Mann Peter unerträglich. Die Entscheidung steht. Irgendwann zwischen dem 5. April, Ostersonntag, und dem 15. April. «Wir gehen sicher nicht am Osterwochenende. Wir möchten nicht, dass unser Sohn sein Leben lang Ostern mit dem Tod seiner Eltern verbindet», sagt Edith Stäheli. Für ihn, Patrick Stäheli, 37, den einzigen Sohn, wollen die Eltern es so erträglich wie möglich machen. «Das ist für uns der wunde Punkt», sagt die Mutter. Sie ist kerngesund. Der Sohn ist mein guter Freund. Eltern und Sohn heissen in Wahrheit anders.

Vor gut zehn Jahren fängt der Parkinson langsam an, sich in Peter Stäheli auszubreiten. Dank Medikamenten kann Stäheli den Verlauf aufhalten; lange Jahre spürt der ehemalige Banker keine grösseren Einschränkungen. Dann, im Sommer vor zwei Jahren ein grosser Schub. Auslöser ist ein psychisches Trauma: der Konkurs eines kleinen Hightech-Unternehmens. Peter Stäheli ist dort Verwaltungsratspräsident. Die Firmenpleite ist sein persönlicher Scherbenhaufen. Und neue Nahrung für den Parkinson in seinem Körper. «Ich hatte plötzlich Verkrampfungen im ganzen Körper. Vom Genick an, über Schultern, Kreuz, Beine, bis in die Zehenspitzen.» Zur Illustration fährt der 70-Jährige mit den Händen den ganzen Körper entlang. «Diese Krämpfe sind unerträglich.» Nur schwere Schmerztabletten helfen noch.

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