Sudan 1998

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«Humanitäre Hilfe ist ein Automat, in den Geld gesteckt wird, damit der Fernseh­zuschauer keine Bilder von verhungernden Kindern mehr anschauen muss.»

Hans Christoph Buch

«Nimm genug zu essen mit», sagte mir ein wohlmeinender Freund vor der Abreise in den Sudan, «und pass gut auf dich auf!» Zumindest der erste Rat schien überflüssig zu sein, denn im Unicef-Camp von Lokichokio, dem Ausgangspunkt aller Hilfsflüge in den Südsudan, gibt es überreichlich zu essen. «Now is the time to wash your hands», steht am Eingang zur Messe neben einem Computerausdruck mit dem Tagesmenu. Lunch: Gazpacho, Salat, kalter Braten, Irish Stew, Tempura-Gemüse, Ugali mit Ziegenbraten, Reis, Käseplatte, Caramel-pudding. Dinner: Soupe St. Germain, texanisches Hähnchen, Crêpes mit Zwiebeln, Pilzen und Auberginen, Kokoskuchen, Zitronenmousse. Kein Wunder, dass die Uno-Bürokraten, die tagsüber vor ihren Monitoren und abends an der Bar sitzen, durch Jogging überflüssige Pfunde abspecken müssen. Aber der Anschein blitzblanker Hygiene täuscht: Die drückende Hitze brütet Bakterien aus, Magen- und Darmerkrankungen sind an der Tagesordnung, Moskitos übertragen Malaria, und zum Schutz vor Schlangen und Skorpionen sind feste Stiefel angesagt.

«Du fühlst dich, als wärst du hundert Jahre alt, liegst im Bett und kommst nicht mehr hoch», sagt Jeremy Newall, 40, genannt Jez, Logistikexperte des britischen Hilfsdienstes Oxfam, der eine Amöbenruhr mit Schüttelfrost, Durchfall und Erbrechen von seinem Einsatz im Südsudan mitgebracht hat und sich seit Tagen von Tee und Biskuits ernährt.

Wir sitzen an der Bar des Unicef-Compounds und sehen den Aasvögeln zu, die krächzend von Tisch zu Tisch flattern und die Reste der Mahlzeiten von den Tellern picken: riesige blauschwarze Krähen, denen man nicht allein in der Wüste begegnen möchte.

«Meine Arbeit besteht vor allem im Berichteschreiben», sagt Jez, während der Kellner Geschirr abräumt, «im Einschätzen, Planen, Implementieren, Evaluieren und Re-Evaluieren von Hilfsprojekten im Südsudan. Rescue and Relief - man kann auch RockʼnʼRoll dazu sagen!»

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