Timbuktu muss warten

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Vier Karawanen, ein Tuareg und ein Schlangenei: Warum das Pulverfass Mali zwingend hochgehen musste.

Michael Stührenberg

Jeder kann sehen, was die Zukunft bringt. Es ist wie ein Schlangenei. 
Durch die dünnen Häute kann man das fast völlig entwickelte Reptil deutlich erkennen.

Aus Ingmar Bergmans Film Das Schlangenei, 1977

Januar 2013. Ein Augenblick in Mopti

«Is this a joke?» Luke Harding, Reporter für den britischen «Guardian», kann nicht fassen, was ich ihm aus dem Französischen übersetze: «Es gibt einen Charterflug nach Timbuktu!» Mitten im Krieg? Auf jeden Fall verkauft Thiemoko Dembelé, der malische Direktor unseres Hotels in Mopti, gerade Tickets an der Bar. Interessenten sollen sich melden. Am besten sofort, ruft Thiemoko in den Raum: «Wer zuerst kommt, fliegt zuerst!» Der Mann ist eine Legende in Mopti. Bereits im Alter von sieben hat er Geld gemacht, als Fremdenführer am Nigerfluss. Damals ein kleiner Habenichts mit grosser Klappe. Jetzt, mit knapp vierzig Jahren, ist er Millionär und noch immer schlank. «Wie sind die Bedingungen?», frage ich. Thiemoko lächelt: «Ein Freund von mir besitzt ein Flugzeug. Damit errichten wir eine Luftbrücke zwischen Mopti und Timbuktu. Wir wollen euch Journalisten doch helfen.» 

Hilfsbedürftige Journalisten? Davon gibt es gerade mehrere Dutzend im Hotel Kagana: gestrandete Reporter, zornige Korrespondenten, frustrierte Fotografen, deprimierte Kameraleute. Allesamt Berichterstatter aus einem Krieg, wo wir nichts zu melden haben. Weil wir nie an die Front gelangen. Frankreichs Interventionstruppe, die am 11. Januar Malis Hauptstadt Bamako vor dem Zugriff der Jihadisten gerettet hat, befreit nun den Norden des Landes. Im Eiltempo nach Timbuktu! Ohne uns! Jetzt, da die Légion étrangère sie nicht mehr braucht, ist die Piste von Mopti nach Timbuktu gesperrt. Zu unserer Sicherheit, sagen sie. Sicher ist, dass das französische Fernsehen von dem Verbot nicht betroffen ist. Deshalb können nun auch wir die befreite «Stadt der 333 Heiligen» sehen – auf einem grossen Flachbildschirm über der Hotelbar. 

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