Und die Fifa pfeift nicht

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Ein unglaublicher Verdacht: Syriens Regime zwingt Fussballer in die Nationalmannschaft. 

Steve Fainaru

Kuwait City

 

An einem kühlen Februarnachmittag 2017 sitzt einer der bekanntesten syrischen Fussballspieler vor einem Einkaufszentrum am Persischen Golf und ringt mit einer Entscheidung, die ihn, so fürchtet er, das Leben kosten könnte. «Egal, wie ich mich entscheide, 12 Millionen Syrer werden mich lieben», sagt er. «Die anderen 12 Millionen werden mich umbringen wollen.» Seit mittlerweile fünf Jahren weigert sich Firas al-Khatib, für die syrische Nationalmannschaft zu spielen, aus Protest gegen den Diktator Bashar al-Asad, der Khatibs Heimatstadt bombardierte und aushungern liess. Nun erwägt Khatib, seine Entscheidung zu überdenken und Syrien im Schlussspurt um den Einzug in die Endrunde der Fussball-WM im kommenden Jahr doch zu unterstützen.

Syriens unerwartete Aussicht auf die Teilnahme an der Fussball-WM spaltet sowohl Spieler als auch Trainer untereinander – Trennlinien, die einen Konflikt widerspiegeln, der einen Grossteil der Welt aus den Angeln gehoben hat. Die Nationalmannschaft repräsentiert einen Staat, in dem mehr als 12 Millionen Menschen auf der Flucht sind – etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung –, und ist damit ein weiteres Schlachtfeld in der Auseinandersetzung der Anhänger und der Gegner von Bashar al-Asad.

«Ich habe Angst», sagt Khatib in holprigem Englisch. «Wer heute in Syrien lebt und redet, wird umgebracht. Nicht für das, was er tut. Sie töten dich für das, was du denkst.»

Khatib ist nicht sonderlich gross, hat einen Bart, lockiges braunes Haar und einen freundlichen Gesichtsausdruck. Als Fussballprofi hat er in Kuwait Millionen verdient. Das moderne Einkaufszentrum lässt erahnen, wie angenehm sein Leben hier sein muss – Jachten schaukeln davor sanft auf den blauen Wellen, Männer und Frauen in langen Gewändern rauchen aromatisierten Tabak aus Wasserpfeifen neben den Tischen. Irgendwann in den kommenden 36 Tagen, bevor Syrien zum nächsten Spiel antritt, muss Khatib versuchen, in unserer modernen Welt das kleinere Übel zu wählen. Kehrt er nach Syrien zurück, wird er Mannschaftskapitän und wichtigster Spieler im Kampf seines Landes um die erstmalige Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Zugleich wird er eine Regierung vertreten, die den Fussball als Waffe einsetzt, um ihre mörderische Herrschaft salonfähig zu machen.

 

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