Unicef und Blutgold

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Die Goldraffinerie des Unicef-Deutschland-Chefs Jürgen Heraeus hat geliefert. Wir alle haben gekauft.

Federico Franchini, Hannes Grassegger und Daniel Puntas Bernet

Kann man Schuld messen?

Ja, man kann.

160 000 Tonnen schwer. Glitzernd. Pures Gold. Ein Würfel, etwas über 20 Meter Kantenlänge, das ist, zusammengetragen, all das Gold, das die Menschheit je gefördert hat. Darin steckt alles. Nicht nur Liebe, Ihr Hochzeitsring, das Namenskettchen für Ihr Kind, die Uhr am Handgelenk. Auch der Holocaust, die Inquisition, die Kreuzzüge stecken darin. Das verschwindet nicht, denn Gold geht so gut wie nie verloren. Es ist zu wertvoll. Fast nichts in dieser Welt wird so exakt dokumentiert. Jedes Gramm, jeder Zentimeter Wegpfad. Gold ist wie ein ewiger Speicher, ein Register seiner eigenen Geschichte. Aus den Minen in die Hände, um die Hälse, in den Mund, hinaus, immer weiter und weiter. Man spricht von Blutgold, wenn etwas daran nicht stimmt, wenn dafür getötet, geraubt und gefoltert wurde. Aber das ist falsch. Gold ist sauber. Das Blut klebt nicht am Gold, es klebt an den Händen der Täter. Gold wird gewaschen, immer wieder eingeschmolzen, vermengt, purifiziert. Am Schluss wird es raffiniert.

Die Raffination ist die Wäsche des Goldes. Die glühend heisse Reinigung, alles kommt hinein in die Öfen, vom nur grob vorgereinigten «Schmutzgold», an dem noch die DNA seiner Herkunft hängt, bis zu alten Schmuckstücken. Heraus kommen einheitliche Goldbarren. Die grösste Menge der besten Qualität strömt aus dem «goldenen Dreieck» im südlichen Tessin, das drei der weltgrössten Raffinerien beherbergt, die zusammen ein Drittel des Weltmarkts für 24-Karat-Feingold kontrollieren. Reinheitsgrad 99,99 %, fast keine Spur von Schmutz. Rein, weil nichts darin mehr auf seine Geschichte verweisen soll. Damit es tauglich ist für die Lager der Banken, die Anleger und die Schmuckhersteller, soll es frei sein von aller Geschichte, aller Schuld. Eine Raffinerie ist das Tor zum Markt. Der Schmutz, der die Herkunft eines Metalls verraten würde, ist nach der Raffinerie hinausgewaschen. Aber nicht die Erinnerung.

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