Die Asads und ihr Nazi

Alois Brunner, Vollstrecker der Endlösung, lebte vierzig Jahre lang in Damaskus. Als Gegenleistung beriet er die Folterdiktatur des Asad-Clans.

Hedi Aouidj und Mathieu Palain

Serge Klarsfeld ist acht Jahre alt, als die Gestapo bei ihm an die Tür klopft. Es ist September 1943 in Nizza. In einem doppelwandigen Schrank dicht an Mutter und Schwester gedrängt, hört er, wie sein Vater den Deutschen die Tür aufmacht. Sehen kann Serge Klarsfeld nichts, nur Stimmen dringen an sein Ohr. «Ich muss die Stimme von Alois Brunner gehört haben. Es war sein Kommando, und er ging die Leute persönlich festnehmen.» Alois Brunner schickt Serge Klarsfelds Vater nach Drancy und dann nach Auschwitz.

Alois Brunner, 1912 in Wien geboren, Nazi der ersten Stunde und für die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden zuständig, wird von seinen Leuten als kleiner, unscheinbarer Mann beschrieben: düster und nervös, schmächtig, krummbeinig, mit sehr dunklen Augen, wulstigen Lippen und eintöniger Stimme. In seinen Memoiren sagt Adolf Eichmann, der Architekt der «Endlösung», über ihn: «Er war mein bester Mann.»

Alois Brunner ist verantwortlich für die Deportation von 56 000 Wiener Juden nach Auschwitz, 43 000 aus Saloniki, 14 000 aus der Slowakei und 23 500 aus Frankreich, wo er das Lager von Drancy leitete. Doch er musste nie für seine Verbrechen büssen. Als Nazideutschland fällt, nutzt er das Todesurteil gegen einen anderen Brunner, um im Strom der Fliehenden unterzutauchen, nimmt den Namen seines Cousins Georg Fischer an und lässt sich von den US-Truppen als Lastwagenchauffeur anheuern. 1947 arbeitet er in einem Kohlebergwerk in Essen, 1953 flüchtet er mit dem Pass eines gewissen Georg Fischer nach Ägypten. Dort bleibt er nur kurz und verschwindet 1954 nach Damaskus.

Ende der 1950er Jahre wird den Amerikanern klar, dass Georg Fischer Alois Brunner ist. 1960 wird Adolf Eichmann in Buenos Aires festgenommen. Ein Jahr darauf verliert Brunner ein Auge, als er auf der Post von Damaskus eine Briefbombe entgegennimmt. Brunner begreift, dass man ihn «aufgespürt» hat. Als erstes Land meldet sich Österreich mit einem offiziellen Auslieferungsbegehren. Die Mächte der Nachkriegszeit wissen nun, dass der Nazi inkognito in Syrien lebt.

Der formelle Pakt zwischen Alois Brunner und dem werdenden syrischen Staat geht auf das Jahr 1966 zurück. In diesem Jahr wird ein gewisser Hafez al-Asad nach einem x-ten Staatsstreich Verteidigungsminister. Asad hat mit Brunner einen Experten mit gewichtigen Referenzen hinter sich. Adolf Eichmanns «bester Mann» hatte nämlich nach seiner Ankunft in Syrien damit begonnen, den Pionier der syrischen Geheimdienste, Oberst Abdel Hamid el-Sarraj, zu beraten.

Fünf Jahre später, 1971, wird al-Asad der neue Präsident Syriens. Mithilfe von Alois Brunner baut er einen Repressionsapparat von seltener Effizienz auf. Dem komplizierten, weitverzweigten Gebilde, in dem man sich gegenseitig überwacht und ausspioniert, liegt ein einziges Prinzip zugrunde: die Machterhaltung im Land durch eine Diktatur.

Als al-Asad im Jahr 2000 stirbt, erbt sein Sohn Bashar al-Asad ein aus Stahlwolle gestricktes Land. Dreissig Jahre lang ist der Geheimhaltungsapparat immer perfekter geworden. Er hat sich auf allen Ebenen der Macht festgesetzt und kontrolliert das Alltagsleben bis in die kleinsten Details.

Fragte man den Vater und später den Sohn Asad nach Alois Brunner, wollten sie über Jahre hinweg nie etwas von seiner Anwesenheit wissen und antworteten stets: «Wir kennen diesen Mann nicht.» So geisterte das Phantom Alois Brunner während sechzig Jahren durch Syrien. Und bislang war selbst sein Tod eine umstrittene Annahme: Die einen meinen, er sei 1992 gestorben. Andere glauben, er sei 2010 im Alter von 98 Jahren gestorben. Und wieder andere wähnen ihn immer noch am Leben.

In Exklusivinterviews brechen drei Syrer, die früher mit dem Schutz des Ex-Nazis in Damaskus beauftragt waren, das Schweigen. Einer spricht offen, die andern schützen sich mit Pseudonymen. Ihre schrecklichen und bedrückenden Erzählungen stimmen bis ins kleinste Detail überein. Sie werden von zahlreichen Gesprächen mit den Hauptagierenden in dieser Sache belegt und zeugen von einer Geschichte, deren Wurzeln in eine überwunden geglaubte Vergangenheit zurückreichen. Sie werfen ein Schlaglicht auf das Drama, das sich in Syrien abspielt.

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Diese Reportage stammt aus unserer nächsten Ausgabe, die am 9. Februar 2017 erscheint. Abonnenten und auf unserer Website registrierte Leser können sie bereits jetzt vorab lesen.