Zwergensterben

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Deutschlands letzte Manufaktur für Gartenzwerge findet keinen Nachfolger.

Marius Elfering

Es war einmal ein junger Mann, der entschloss sich, sein Leben den Zwergen zu widmen. Jeden Morgen, wenn das Gezwitscher der Vögel ihn weckte und die Sonne über der Stadt Gräfenroda aufging, machte er sich auf den Weg zu seiner Arbeitsstätte, dem alten Bauernhof, dessen Fassade immer noch so strahlend weiss getüncht war wie vor über hundert Jahren. Jeden Morgen, wenn er dem neuen Tag entgegensah, erinnerte sich der junge Mann an seine Berufung: ein Vater für seine Zwerge zu sein, sie zu lieben und ihren Mythos in die Welt hinauszutragen. Ganz so wie es sein Vater, sein Grossvater und der Urgrossvater schon getan hatten. Und so produzierte er Tag für Tag, Jahr um Jahr seine Zwerge, die in alle Welt verschickt wurden. Er brachte Kinderaugen zum Leuchten und erinnerte die Älteren an ihre Jugend. 

Doch irgendwann einmal ist alles vorbei. So ist es im Leben.

Irgendwann ist jedes Märchen einmal zu Ende. 

Der junge Mann ist heute alt. Reinhard Griebel steht im Untergeschoss seiner Firma und erweckt einen neuen Gartenzwerg zum Leben. Er hält ein Stück Gips in der Hand, legt es langsam auf ein zweites, so dass sie genau aufeinanderpassen. Dann greift er zu einem orangefarbenen Gurt und bindet die beiden Teile zusammen. Er holt einen Messbecher und giesst langsam eine braune Tonflüssigkeit zwischen die beiden Hälften. Den Ton, den er schon lange aus dem Westerwald liefern lässt, hat er selbst in einer grossen Plastikwanne angerührt. Griebel ist ein geduldiger Mensch, das muss er sein. Er wischt sich die Hände an seinem Poloshirt ab, das vom Ton ganz verschmiert ist. Seine grauen Haare bilden einen leichten Kranz, er trägt Schnauzer und Brille: Typ Grossvater durch und durch. Von Dienstag bis Samstag giesst er, brennt, spritzt, malt und verkauft. Montags macht Griebel frei. Verkaufen ist wichtig, natürlich. Aber Sonntag ist Sonntag, und Montag ist Ruhetag. 

Reinhard Griebel ist der Letzte seiner Art, der einzige verbliebene Hersteller von Gartenzwergen aus Ton in Deutschland. Er ist ein kleiner Mann. Was wäre das auch für ein Zwergenhersteller, der selbst ein Riese ist? Wenn er aufhört, die kleinen Figuren zu produzieren, dann wird der deutsche Gartenzwerg in seiner bisherigen Form so nicht mehr produziert werden. 

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