Susanna Schwager: "Was ich mache, ist meine Umgebung anschauen."

VON Claude Fankhauser

12.04.2012

Das Portrait des Senns Markus in der aktuellen Reportagen-Ausgabe ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Das halbe Leben - Junge Männer erzählen" der Autorin Susanna Schwager. Reportagen interviewte Frau Schwager zu ihrer Arbeitsweise.

Reportagen: Frau Schwager, “Alpglück” beziehungsweise “Markus”, wie der Text im Original heisst, liest sich wie eine logische Fortsetzung der Reihe, die mit “Fleisch und Blut”, “die Frau des Metzgers” und “Ida” bereits äusserst erfolgreich ist. Sehen Sie sich als Chronistin des einfachen Schweizers?

Susanna Schwager: Ich muss grad ein wenig ausholen: Also wenn schon Fortsetzung, dann eher Fortsetzung von "Das volle Leben, Männer bzw. Frauen über 80 erzählen". Das neue Buch ist die Fortschreibung dieser beiden Bände mit alten Menschen. Die Alten sollen auf keinen Fall das letzte Wort haben. Es geschieht mir eben immer, dass sich nach einem Buch eine Art innerer Gerechtigkeitspolizist in mir meldet: Wenn ich den alten Hans in "Fleisch und Blut" reden lasse, dann soll auch - als Kehrseite der Medaille - seine Frau Hildi zu Wort kommen usw.. Meine Bücher bekommen immer Gegenstücke, Spiegelungen. Das liegt wohl auch an meiner Neugierde. Ich mag es, mir selber zu widersprechen und zu schauen, was dabei rauskommt.

Dann: Ob das Chroniken sind, weiss ich nicht. Das neue Buch hat sicher nichts oder wenig Historisches. Ausser man betrachtet alle vergangene Zeit bereits als Geschichte. Was ich mache, ist ein Versuch, meine Umgebung abzubilden, so getreu wie möglich, vielleicht in einer Art sprachlichem Fotorealismus. Ich betrachte und befrage meine mehr oder weniger ganz normale nahe Umgebung, und gebe so genau wie möglich wieder, was dabei rauskam. Es wäre aber gelogen zu sagen, meine Texte seien sachliche Chroniken. Sie sind stark gestaltet, sie sind Sprache, keine Tonbandprotokolle. Ich befrage das Leben, lasse mir das Leben, das mir ein immer grösseres Rätsel wird, ein wenig erklären und gebe es weiter.

Und: Dass gerade der Text von Markus, dem Senn, aus meinem Buch von "Reportagen" gewählt wurde – und mit diesem romantischen oder meinetwegen ironischen Titel versehen – finde ich symptomatisch nicht für mein Schaffen, sondern eher für den Zeitgeist. In meinem Buch sind die allermeisten Texte aus einem sehr städtischen Milieu, urban, um es mit einer zeitgeistigen Wortleiche zu umschreiben. Markus ist eine Stimme unter elf. Wenn jetzt dänn wieder ausserhalb der Grenzen alle denken, in der Schweiz sitzen die jungen Männer auf Alpen, essen Käse und betrachten Berge, ist das also imfall nicht meine Schuld.

Und dann noch: Wenn ich den Ausdruck "einfacher Mensch" höre, dann frage ich mich immer, was damit wohl gemeint ist? Oder was nicht. – Was ich mache, ist meine Umgebung anschauen. Und die scheint mir - mich eingeschlossen - meistens nicht gerade das, was ich mit "einfach" bezeichnen würde.

Reportagen: “Alpglück” ist ja ein gekürzter Auszug aus Ihrem neusten Buch, “Das halbe Leben - Junge Männer erzählen”, das im Juni diesen Jahres erscheint. Auf welche Charakterköpfe dürfen wir uns nebst Markus, dem Senn, freuen?

Schwager: Es ist eine sehr zufällige Auswahl von elf Männern, die alle unter vierzig waren und in meiner Umgebung auftauchten. Ein Slammer und Poet ist drin, ein Magier mit einem Salzburger Stier, ein Streifen-Polizist mit türkischer Abstammung, ein Koch, der grad wegen Drogen in Italien im Gefängnis sass, noch ein Koch, der illegale Beizen kreiert, (das hat mich übrigens, neben sehr viel anderem, erstaunt, wieviele junge Männer Koch sind oder leidenschaftlich kochen) ein Rapper mit Scheidungshintergrund, ein Personal Trainer und Kickbox-Meister mit Chrütli-Heilpatent, ein blutjunger Nationalrat, ein Mönch und ein chinareisender Geschäftsmann. Spannend für mich war, mit dem Rapper u.a. über Kindererziehung, mit dem KIckboxer über Gott, mit dem Mönch über Sex, mit dem Magier über Burn-out oder ähnliches zu reden. Mit dem Senn über New York. Wenn die Gespräche frei werden und nicht einfach Clichés bedienen, fangen sie mir an zu gefallen.

Reportagen: Man hat den Eindruck, als ob Susanna Schwager überall Geschichten findet. Egal ob in der eigenen Famiile, auf einer Alp oder bei einer Begegnung mit einem Rapper aus der Romandie. Wie und wo finden Sie Ihre Originale, Ihre Geschichten?

Schwager: Es findet doch jeder Geschichten um sich herum. Es geschieht kein einziger Erdenmoment ohne Geschichte, unablässig, überall. Es braucht nur jemanden, der sie wahrnimmt und erzählt. Es braucht das Wort, die Abbildung.

Wo ich meine Köpfe finde? Vor der Nase. Ich suche nie, sie tauchen auf, und ich frage sie und sie machen mit oder nicht. Erstaunlicherweise machen sie meistens mit.

Reportagen: Beim Lesen von “Alpglück” bekommt man jemanden zu hören, dem man wohl üblicherweise Schweigen unterstellen würde, zumindest Schweigen gegenüber uns “Unterländern”. Markus wirkt, als ob er Ihnen, der Chronistin, vollständig vertraut. Wie schafften Sie es, diesen Markus so ausführlich zum Erzählen zu bringen? Kannten Sie ihn bereits im Voraus?

Schwager: Ich hatte ihn auf einer Alp kennengelernt, nur kurz. Als ich an das Buch ging, ist er mir wieder eingefallen. Oder nein, meistens ist es anders: ich traf ihn, und er ist irgendwo in einem speziellen Speicher in mir hängengeblieben. Seine Wortkargheit, seine Art zu arbeiten, seine Haltung und sein Blick, und auch sein Hund, gefielen mir. Wenn das so ist, entsteht eine Lust, etwas zu fragen, zu erfahren.

Reportagen: Der Text wirkt aus einem Guss, wie in einem Zug erzählt. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, als ob die Worte Markus heraussprudelten, als ob der ganze Text an einem Nachmittag transkribiert worden wäre. Ist dies tatsächlich so oder lagen dem Text mehrere “Sitzungen” zugrunde?

Schwager: Eigentlich müsste der Text wimmeln von Gedankenstrichen! Ob die in der gekürzten Version rausgefallen sind? Nein, Markus erzählte sehr langsam, mit vielen Pausen. Zuerst bruchstückhaft, dann immer mehr. Alle Menschen erzählen, wenn man sie fragt. Vielleicht, wenn sie spüren, dass man wirklich etwas von ihnen erfahren, etwas verstehen will. Ich gehe möglichst leer und naiv in die Gespräche. Ich weiss, dass ich viel mehr meine, als ich weiss. Vielleicht merken sie das.

Die Texte entstehen meistens nach ein paar wenigen Stunden Gespräch. Ich habe immer das Problem, dass ich zu viel Gesprächs-Stoff habe.

Reportagen: Arbeiten Sie mit Gesprächsnotizen, mit einem Tonbandgerät?

Schwager: Mit Tonband. Die ureigene Sprach-Musik des Erzählenden ist von grösster Wichtigkeit für mich. Ich könnte mich auch zu wenig auf das Gespräch einlassen, wenn ich mitschriebe.

Reportagen: Wie gesagt erscheint Ihr neues Buch demnächst. Nach den über 80-jährigen Männern, den über 80-jährigen Frauen und nun den unter 40-jährigen Männern: wann dürfen wir uns auf die unter 40-jährigen Frauenportraits freuen?

Schwager: Das kann ich wirklich nicht sagen. Ich schwöre mir immer nach jedem Buch: das mache ich nie mehr. Es ist wie nach einer Geburt, man ist noch zu nah dran und hat gelitten, sieht noch nicht, was dabei rauskam. Aber wie ich mich kenne, kann ich die Jungen Männer nicht allein stehen und reden lassen.

Reportagen: Und was macht Susanna Schwager, wenn sie einmal ihre Zeitgenossen und Zeitgenossinnen - zumindest demografisch - vollständig chroniert hat?

Schwager: Da ich mich eigentlich nicht als Chronistin sehe, male ich einfach weiter und weiter meine Menschenlandschaften, möglichst ohne Konzept und Vorausplanung. Und wenn mir das verleidet ist, dann lege ich mich auf eine blaue Wolke und lese endlich alle Bücher, für die ich jetzt keine Zeit habe. Zum Beispiel die Göttliche Komödie in dieser grossartigen Übersetzung von Kurt Flasch, die vor Kurzem herausgekommen ist. Oder lese Gedichte. Oder schreibe Gedichte. Oder ich koche richtig aufwendige Sachen. Oder ich besticke Nastücher mit Herzen. Oder ich lerne endlich alte Autos flicken, damit ich mir aufs Alter eine Carozza (mein erstes Auto) anschaffen kann aus einer Zeit, als die Autos noch Liebeserklärungen waren und nicht computerkalkulierte Einheitseier oder Kriegsfahrzeuge. Oder nein: ich tue gar nichts. Und warte, was kommt.