Autorinnengespräch: Daniela Schröder

VON Claude Fankhauser

20.08.2014

Reportagen: Frau Schröder, Sie haben sich in eine von Männern dominierte Welt gewagt. Wie wurde es von Ihren Gesprächspartnern aufgenommen, dass sie ausgerechnet von einer Frau zu solch heiklen Themen befragt wurden?
Daniela Schröder: Eigentlich war es eher ein Vorteil. Ich hatte auch diese Befürchtung, warum die gerade mit mir reden sollten, immerhin sprach ich eines der grössten Tabuthemen an. Aber als europäische Frau hat man in einem Land, das für ein arabisches verhältnismässig liberal eingestellt ist, recht viel Bonus. Klar, es gab verschiedene Gesprächspartner, die verschiedene Reaktionen gezeigt haben. Die Offenheit, die mir meist entgegengebracht wurde, habe ich überhaupt nicht erwartet, und es lief rückblickend doch erstaunlich gut.  

Wie kamen Sie eigentlich genau auf das Thema?
Meine ursprüngliche Idee war es, eine Geschichte über die Situation der Frauen und Mädchen zu schreiben. Ihr Chefredaktor meinte, die klassische Opfergeschichte sei schon zu oft erzählt worden. Wir haben dann einen neuen Ansatz entwickelt, in dem wir die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählen wollten: aus derjenigen der Männer. Was sind ihre Gründe, ihr Selbstverständnis? Es war für mich auch ein Experiment. 

Ein gelungenes?
Die Fragen, die sich mir gestellt haben, sind nur teilweise beantwortet worden. Einerseits gibt es Figuren wie der Hostelbesitzer Ali, wo die Motivation klar ist: Er ist Geschäftsmann, Frauen sind Waren, er argumentiert mit dem Marktmechanismus. Auch bei Männern aus den Golfstaaten, die junge Mädchen heiraten, ist die Motivation klar. Doch – wie kann ein Vater bloss seine Tochter an einen Fremden verkaufen? Wie kann da plötzlich dieser Wirtschaftsansatz greifen? Diese Fragen bleiben weiterhin offen, aber ich finde das auch legitim. Eine runde Geschichte muss nicht immer alle Fragen beantworten.

Wie schwierig war es, für Ihre Reportage Gesprächspartner zu finden?
Am Anfang habe ich von Deutschland aus die ersten Kontakte organisiert – über befreundete Journalisten und NGOs. Zuerst wollte ich ja mit den betroffenen Frauen sprechen, um über sie dann an die entsprechenden Männer zu gelangen. Mit diesen Gesprächen habe ich fast zwei Wochen verbracht. Sie haben aber nicht so weit geführt wie erhofft: Die Frauen hatten Angst, Namen und Telefonnummern des jeweiligen Mannes, der sie ausgenutzt hatte, herauszugeben. Der Übersetzer hat dann einfach Leute angesprochen, die er kannte und Jordanien ist ein kleines Land, wo jeder jeden um drei Ecken kennt. Daraus ergaben sich zig Gespräche, die nicht alle in die Reportage eingeflossen sind, aus denen dann aber für mich ein wichtiges Gesamtbild entstand.  

Wohl jeder männliche Kollege hätte bei der Recherche eine Art Verbrüderungstaktik angewendet: freundlich grinsen, Zigarette anbieten, «und jetzt sag mal, wie ist das mit den Frauen hier …» Das ging bei Ihnen ja nicht. 
Ja, das war schon anders. In Europa kann ich ja einfach an eine Eckkneipe und da mit den Leuten unbefangen reden – in Jordanien geht das nicht. Der Mann ist hier klar der Türöffner. Europäerinnen werden jedoch mit anderen Massstäben gemessen, sie gelten als liberal und modern. Aber klar, letztlich sprachen die Männer mit einer Frau. Der sie wiederum aber schneller vertrauen können als einem Mann, da Frauen vermeintlich harmlos sind und schon nichts Böses wollen.  

Sie haben mit Männern gesprochen, die sich recht offen über Mitgift-Preise, Stundentarife und Zeitehen äusserten, die Ihnen erklärten, wie sie ihre Töchter ins Ausland verkaufen. Wie haben Sie es geschafft, angesichts dessen die Beherrschung nicht zu verlieren?
Bei Ali, diesem ekligen Hostel-Besitzer, da hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Ich hätte dem wirklich nicht alleine im Dunkeln begegnen wollen. Andererseits habe ich von ihm schon nach wenigen Minuten nichts Positives mehr erwartet, es war klar, wie er tickt, daher konnte ich mich auf ihn einlassen. Bei Abu Firas, dem Vater, hingegen  … da fiel mir das wesentlich schwerer. Ich durfte das Kind ja sehen, und als er dann diese Verkaufshaltung gezeigt hat … Vom Imam wusste ich, dass das Mädchen jünger ist, als der Vater behauptete, dass er von Anfang an gelogen hat. Da war es schon schwierig, ruhig zu bleiben. Aber egal welche Antwort man bekommt, man lässt es an sich abprallen. Auch, damit einen das Gegenüber nicht manipulieren kann. 

Trotzdem: Was ging in Ihnen vor, als Abu Firas Ihnen sagte, die Mitgift für seine Tochter, die er einem ihm völlig unbekannten Mann anvertraute, habe 8000 Dinar betragen? 
Mahmoud und ich haben danach lange darüber gesprochen. Ich weiss noch, dass ich mich sehr aufgeregt habe. Ich fühlte mich dort total unwohl, wollte so schnell wie möglich aus dem Haus raus. Anders als im Höhlenhostel, das zwar schmierig und eklig, aber doch irgendwie vorhersehbar war, habe ich es im Haus von Abu Firas wirklich nicht mehr ertragen. Ich habe vorher mit Mädchen gesprochen, die nach einer dreimonatigen Ehe wieder in ihre Familie zurückkehren, beschmutzt und ehrlos. Und das wirklich Perverse an der Situation: Die Opfer werden letztlich für die Taten ihrer Peiniger verantwortlich gemacht. 

Die Antwort des Imams Abdal auf die Frage nach dem Warum ist äusserst dürftig: In der Not verliert der Mensch seine Würde. Das ist zwar ein Gemeinplatz, aber doch kein Naturgesetz. Bei weitem nicht jeder Vater, der in Not ist, verkauft seine Tochter …
Ich hatte im Gespräch mit ihm das Gefühl, dass er selbst schnell an Grenzen kam und keine Antworten mehr wusste, wenn es um existenzielle Fragen ging wie die Frage, ob Menschen in einer schlechten Welt überhaupt gut sein können. Es gibt in dieser Situation keine einfachen Antworten, auch nicht für einen Imam.

Was tun diejenigen Männer im Nahen Osten, die eigentlich gegen die Ausbeutung der Frauen sind, konkret dagegen?
Ich habe während meiner Recherche nur den Imam getroffen, der diese Rolle übernehmen könnte – und auch mein Übersetzer Mahmoud zeigte mit der Zeit, dass er so denken kann. Aber das offene Auftreten für Frauenrechte, eine Art «männlicher Feminismus», ist mir nicht begegnet. Obwohl Jordanien westlich geprägt ist, herrscht eine konservative Einstellung. Allein die Männer entscheiden, was richtig und was falsch ist. Die Frage nach den Rechten der Frau stellt sich ihnen gar nicht.  

Ist das, was momentan in Jordanien passiert, typisch für jede Kriegssituation? Oder sprechen wir hier über ein Phänomen, das in der Form nur im Nahen Osten oder generell in islamischen Ländern auftreten kann?
Tatsache ist, dass Frauen in Kriegen immer in doppeltem Sinne Opfer sind. Vergewaltigung als Kriegsmittel ist typisch, um den Gegner im Tiefsten zu erniedrigen. Hier aber, in einer Region, wo es immer viele Flüchtlingsströme gab scheint sich die Situation zu potenzieren. Hier habe ich erstmals gesehen, wie unter dem Ehe- oder Schutzvorwand Prostitution praktiziert wird und dass es niemanden gibt, der die Situation anprangert, wie mit Frauen umgegangen wird. Man kümmert sich nicht um das Problem, nimmt es nicht wahr. Das Geschäft mit den Frauen ist alltäglich geworden. 

Mahmoud, der in Ihrer Reportage als Übersetzer auftaucht, scheint eine Art Entwicklung durchzumachen. Was denken Sie, was war genau der Auslöser dafür?
Die Schlüsselszene war sicher das Abendessen: Als er merkte, dass das angebotene Mädchen auch seine Schwester oder seine Tochter sein könnte, wurde bei ihm wohl der Schalter umgelegt. 

Offensichtlich wurden Mahmoud und Sie nicht wirklich dicke Freunde. Haben Sie trotzdem noch Kontakt zu ihm?
Während des Schreibens hatte ich Kontakt mit ihm, um letzte Dinge abzuklären. Obwohl ich am Anfang sehr skeptisch war, könnte ich mir vorstellen, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Unterm Strich ging es gut auf. Unsere «Beziehung» ist irgendwie schon gewachsen, da wir uns aus verschiedenen Richtungen aufeinander zubewegen mussten. Am Ende haben wir wohl beide profitiert. 

Hat sich Ihr eigenes Männerbild im Rahmen der Recherchen verändert?
Mein Männerbild ist nach wie vor von europäischen Männern geprägt, von dem her würde ich kaum von einer Veränderung sprechen. Aber ich habe sicher neue Facetten an den Männern entdeckt. Nicht unbedingt erfreuliche, aber neue. 

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Reportage aus?
Als Leserin führt sie mich an Orte und Menschen, die ich so nie kennengelernt hätte. Sie erzählt eine packende Geschichte, die mich nicht mehr loslässt, die Fragen stellt und die mich die Fragen zumindest teilweise auch selbst beantworten lässt. Sie verleitet mich dazu, ein «was wäre wenn?» weiterzuspinnen. 

Wie arbeiten Sie eigentlich genau? Mit Notizblock oder Diktiergerät?
Beides. Tagsüber schreibe ich auf den Block, abends spreche ich die Dinge, die mir durch den Kopf gehen, ins Gerät. Die Interviews habe ich absichtlich nicht aufgezeichnet, die Leute waren eh schon sehr nervös.  

Zum Schluss eine Frage, die ich all meinen Interviewpartnern stelle: Frau Schröder, warum schreiben Sie?
Oh je. Weil ich in Mathe schlecht war, keine Naturwissenschaften konnte, und keine anderen Begabungen als Lesen und Schreiben habe. Aber eigentlich liebe ich an diesem Job vor allem das Recherchieren. Sobald ich mit Schreiben beginne, wird es dagegen kritisch.