Tochter zu verkaufen [#18]

VON Daniela Schröder

17.02.2015

Daniela Schröder berichtete in Reportagen #18 über Zwangsprostitution im Syrien-Krieg, explizit aus der Männerperspektive. Zeit, um nochmals hinzufahren und einige der Protagonisten wieder zu treffen.

was seither geschah

Als ich Tochter zu verkaufen schrieb, war eines von Anfang an klar: der Schluss. Die Szene ereignete sich in der maroden Unterkunft einer syrischen Flüchtlingsfamilie, der Vater Abu Basel erzählt von den Männern, die ihm für seine hübsche Tochter Barik eine hohe Mitgift bieten und damit nicht lockerlassen.

Basel schien der gute Mensch zu sein in einer schlechten Zeit, die andere Menschen ebenfalls schlecht werden liess. Aber als er vor Wut auf die hartnäckigen Freier sein Handy zertrümmerte, hatte ich eine dumpfe Vorahnung. Wie allen Flüchtlingen, die ich kennenlernte, ging es der Familie mies. Wie lange würde der Vater die guten Angebote noch ausschlagen?

Seither war ich für zwei weitere Recherchen über syrische Flüchtlinge in Jordanien, beide Male habe ich Abu Basel und seine Familie besucht, zuletzt kurz vor Weihnachten. Nach wie vor leben sie in dem brüchigen Haus nahe der Stadt Ramtha an der Grenze zu Syrien. Die Abendkälte kriecht durch die undichten Fenster und in die Beine, die Wasserflecken an den Wänden sind grösser geworden. In der Ecke des Wohn- und Schlafzimmers surrt ein Radiator, der kleine Fernseher ist nicht mehr da.  

Barik ist nach wie vor da. Ein Hauch Schwarz um die hellen blauen Augen, Porzellanteint, geblümtes Kopftuch, Jeans. «Ich will Abitur machen», sagt sie, zeigt stolz Schulbücher, Hefte, Zeugnisse. Die Zahl der interessierten Männer wächst. «Vor vier Tagen war mal wieder ein Jordanier da und hat gefragt, ob wir sie verheiraten», erzählt Abu Basel, er spricht laut, hat neuerdings Probleme mit dem Hören. Im Herbst arbeitete er auf einer Baustelle, schleppte Steine, verdiente pro Tag sieben jordanische Dinar, knapp acht Euro. Ein für Flüchtlinge üblicher Satz, jordanische Arbeiter verprügelten ihn als Lohndrücker. 

Basel erzählt von einer Nachbarsfamilie, ebenfalls Flüchtlinge aus Syrien. «Sie hatten ihre älteste Tochter, dreizehn ist die, an einen Saudi verheiratet. Einen Monat lang wohnte er mit ihr in einem Apartment hier in der Nähe. Jetzt ist sie wieder zuhause. Niemand in der Familie spricht darüber, was geschehen ist.» Basel schüttelt den Kopf. «In solchen Zeiten verheiratet man seine Tochter nicht.» 

Auch von zwei weiteren Männern in meiner Geschichte habe ich wieder gehört. Mahmoud, der Übersetzer und am Ende unserer Recherche potenzielle Feminist, lebt mittlerweile in Dubai, auf Facebook postet er Strandfotos mit seiner russischen Freundin. Ali, der schmierige Hotelbesitzer in Amman, hat kurz nach unserem Interview eine vierte Frau gefunden, eine Syrerin, im April bekommen sie ein Baby, seine neue Frau ist siebzehn. Das Kinderhilfswerk Unicef berichtet, mittlerweile sei in Jordanien jedes dritte Flüchtlingsmädchen unter achtzehn verheiratet.