Rückblick aufs Reportagen Festival Bern 2019

VON Christian Schmidt

07.09.2019

Grossen Dank an den Fotografen Meinrad Schade für alle Bilder.


Als ich vor 40 Jahren meine erste Reportage schrieb, geschah das aus Wut gegen den Raubbau an der Natur. Die Wut wurde zum Beruf, zum Engagement gegen das, was auf diesem Planeten schiefläuft. Der Gang der Dinge hält diese Wut zwar bis heute am Leben, zwangsläufig, doch die oft unbefriedigende Resonanz hat Substanz gekostet.

Bis ich am vergangenen Wochenende nach Bern ans Reportagen Festival fuhr. 5000 Menschen kamen, um uns Schreibenden zuzuhören. Sie standen Schlange, damit sie Zutritt zu einem der Talks, Panels und Workshops erhielten; sie sassen am Boden und lehnten an Wänden. Sie kamen, um von Undercover-Recherchen über moderne Sklavenhändler zu hören, von Überlebenstricks chinesischer Wanderarbeiter und von der grossen Trockenheit, die der weltgrösste Farmer über Kalifornien bringt. Sie kamen, um sich über die Unter- und Abgründe dieser Welt zu informieren, und zwar aus dem Munde jener, die sich mitten hinein gewagt hatten. Kurz: Das Publikum war hungrig.

Als ich nach dem letzten Talk des Tages durch die Gassen ging, schien mir die ganze Stadt von diesem Hunger ergriffen. Das gefiel mir. Ich spürte Idealismus und Mut. Da waren richtige muckraker am Werk.

Aber das war erst der Anfang.

Zwei Stunden später sass ich im Stadttheater, wo im Rahmen des Festivals zum ersten Mal der True Story Award verliehen wurde, der bisher einzige globale Journalistenpreis. 924 Texte aus fast hundert Nationen in 21 Sprachen waren eingereicht worden; daraus hatte die Jury 39 auserkoren und auf die Shortlist gesetzt. Fast alle diese Nominierten standen nun auf der Bühne. Ich schaute sie mir an. Sie waren angereist aus Usbekistan, Ägypten, Nepal und Kolumbien. Sie waren zwischen 25 und 40, und in ihren Gesichtern konnte ich lesen, dass sie für ihre Recherchen brennen, an beiden Enden. Ein einziges grosses Ziel verbindet sie. Hauptjuror Patrick de Saint-Exupéry benannte es: «Wir alle wollen eine bessere Welt.»

Nach der Preisverleihung setzte ich mich in eine Bar und trank Champagner, berauscht bereits vor dem ersten Schluck. Der True Story Award und das Reportagen Festival gaben mir das Gefühl zurück, dass wir Schreibenden zusammen tatsächlich die vierte Gewalt sind und damit den Lauf der Dinge beeinflussen können. So wie Preisträger Shura Burtin, der mit einem 70 Seiten langen Plädoyer dazu beigetragen hat, dass der tschetschenische Menschenrechtsaktivist Oyub Titiev im Juni 2019 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Phantastisch! Ich spürte eine Kraft, die ich bei Medienanlässen im nationalen Rahmen jeweils vermisse. Weil die kritische Masse nicht erreicht wird. Doch hier, mit Schreibenden aus der ganzen Welt, war sie da.

Und damit kam auch meine Wut zurück!


Christian Schmidt ist freischaffender Journalist und Autor bei Reportagen