27 Jahre Einsamkeit

Christopher Knight haust sein halbes Leben lang allein im Wald. Bis er verhaftet wird. 

Michael Finkel

Um Mitternacht brach der Einsiedler auf. Seinen Rucksack und die Tasche voller Einbrecherwerkzeug geschultert, verliess er das Lager und schlängelte sich an Bäumen und Büschen vorbei, überwand Felsbrocken, Wurzelwerk und wieder Felsbrocken, jeder Schritt genaustens eingeprägt. Er hinterliess keinen einzigen Stiefelabdruck. Die Nacht war kalt, fast mondlos, perfekt für einen Raubzug. Die Wanderung zum «Pine Tree Camp», einem Sommerlager bestehend aus einigen Dutzend Hütten am Ufer des North Pond in Maine, dauerte rund eine Stunde. Mit einem Schraubenzieher öffnete er routiniert die Tür zum

Um Mitternacht brach der Einsiedler auf. Seinen Rucksack und die Tasche voller Einbrecherwerkzeug geschultert, verliess er das Lager und schlängelte sich an Bäumen und Büschen vorbei, überwand Felsbrocken, Wurzelwerk und wieder Felsbrocken, jeder Schritt genaustens eingeprägt. Er hinterliess keinen einzigen Stiefelabdruck. Die Nacht war kalt, fast mondlos, perfekt für einen Raubzug. Die Wanderung zum «Pine Tree Camp», einem Sommerlager bestehend aus einigen Dutzend Hütten am Ufer des North Pond in Maine, dauerte rund eine Stunde. Mit einem Schraubenzieher öffnete er routiniert die Tür zum Speisesaal und glitt hinein. Mit seiner Taschenlampe suchte er die Vorratsregale ab.

Süssigkeiten! Immer gut. Zehn Rollen Smarties. Eilig stopfte er sie in die Tasche. Dann öffnete er seinen Rucksack und packte Marshmallows, zwei Dosen gemahlenen Kaffee und einige Tüten Chips ein. Burger und Speck lagen im verschlossenen Tiefkühlraum. Auf einem früheren Beutezug ins «Pine Tree» hatte er einen Schlüssel mitgehen lassen, mit dem er jetzt die Stahltür aufschloss. Am Schlüssel baumelte ein Anhänger in Form eines vierblättrigen Kleeblatts. Eines der Blätter war zur Hälfte abgebrochen. Ein dreieinhalbblättriges Kleeblatt.

Ein bisschen mehr Glück hätte er gebrauchen können. Hinter der Eiswürfelmaschine verborgen hing seit kurzem ein Bewegungsmelder des Militärs. In der Küche gab das Gerät keinen Laut von sich, dafür aber bei Sergeant Terry Hughes zu Hause, einem Jagdaufseher, der besessen davon war, den Dieb endlich zu fassen. Hughes wohnte eine Meile entfernt. Er raste mit seinem Pick-up ins Sommerlager, rannte zum Speisesaal und spähte durch ein Fenster.

Und da war er. Vermutlich. Dieser Mann da, der Lebensmittel stahl, kam ihm viel zu gepflegt vor. Er war frisch rasiert, trug eine Brille und eine wollene Skimütze. Sollte das der North-Pond-Einsiedler sein, der Mann, der die Menschen in der Region seit Jahren – Jahrzehnten – in Atem hielt? Der Mann, dessen Namen die Polizei noch immer nicht kannte?

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Hughes verständigte Diane Perkins-Vance von der Staatspolizei Maine, die ebenfalls auf der Jagd nach dem Einsiedler war. Aber schon bewegte sich der Dieb mit prallem Rucksack Richtung Ausgang. Würde es der Mann jetzt bis in den Wald schaffen, so viel war Hughes klar, würde man ihn vermutlich nie wiedersehen.

Der Einbrecher schlich aus dem Speisesaal, und Hughes blendete ihn mit der Taschenlampe, während seine Magnum auf dessen Nase zielte. «Hinlegen!», brüllte er.

Der Dieb gehorchte, widerstandslos, und legte sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Ein paar Bonbons kullerten aus seinen Taschen. Es war 1 Uhr 30 am 4. April 2013. Wenig später traf Perkins-Vance ein. Der Dieb wurde in Handschellen auf einen Plastikstuhl gesetzt. Die Beamten fragten nach seinem Namen. Er antwortete nicht. Seine Haut war seltsam blass; seine Brille, mit klobigem Plastikgestell, völlig aus der Mode. Aber er trug eine schöne Outdoorjacke, neue Markenjeans und robuste Stiefel. Die Beamten durchsuchten ihn, fanden aber keinen Ausweis.

Hughes liess den Verdächtigen allein mit der Polizistin. Sie nahm ihm die Handschellen ab und reichte ihm eine Flasche Wasser. Dann begann er zu erzählen. Ein wenig. Als Perkins-Vance ihn fragte, weshalb er ihr nicht antworte, sagte er, er schäme sich. Er sprach stockend, unsicher, als wäre die Verbindung zwischen Hirn und Mund so lange nicht benutzt worden, dass sie verkümmert war. Doch während der nächsten Stunden taute er mehr und mehr auf. Sein Name war Christopher Thomas Knight. Geboren am 7. Dezember 1965. Keine Adresse, kein Auto, keine Steuererklärung. Post bekam er auch nicht. Er sagte, er lebe im Wald. «Wie lange schon?», wollte Perkins-Vance wissen. Knight dachte kurz nach. Seit langem schon hatte er aufgehört, die Zeit in Monaten oder Jahren festzuhalten. Dann fragte er, wann die Atomkatastrophe in Tschernobyl gewesen sei. Daran konnte er sich noch erinnern. Die Kernschmelze geschah 1986, im selben Jahr sei er in den Wald gezogen. Knight war damals 20 Jahre alt gewesen, hatte kurz davor die Highschool abgeschlossen. Jetzt war er 47, ein Mann mittleren Alters.

Knight gab an, er hätte in all den Jahren ausschliesslich in einem Zelt geschlafen. Ein Feuer hatte er nie gemacht, aus Angst, der Rauch würde sein Lager verraten. Er war nur in der Nacht unterwegs. Ob seine Eltern noch lebten, wisse er nicht. Er hatte nicht ein einziges Mal jemanden angerufen oder ein Auto gefahren oder Geld ausgegeben, nie in seinem Leben eine E-Mail verschickt oder das Internet auch nur gesehen. Er gestand, seit seinem Umzug in den Wald ungefähr vierzig Einbrüche pro Jahr verübt zu haben – insgesamt also über tausend. Nie jedoch, wenn jemand zu Hause war. Er nahm nur Lebensmittel und Küchenutensilien und Gasflaschen und Lesestoff und ein paar wenige andere Dinge. Knight gab zu, dass alles, was er auf dieser Welt besass, gestohlen war, einschliesslich seiner Kleider, bis hin zur Unterwäsche. Die einzige Ausnahme war seine Brille.

Knight war nicht vorbestraft. Er erzählte, er sei in einer Gemeinde in der Nähe aufgewachsen. Bald schon tauchte ein Foto von ihm aus dem Jahrbuch der Lawrence-Highschool von 1984 auf. Darauf trug er dieselbe Brille. In den beinahe dreissig Jahren hatte er weder einen Arzt besucht, noch Medikamente eingenommen. Er sei kein einziges Mal krank gewesen; um krank zu werden, müsse man in Kontakt mit anderen Menschen kommen, sagte Knight.

Wann hatte er zum letzten Mal Kontakt mit einem anderen Menschen, wollte die Polizistin wissen. Irgendwann in den 1990er Jahren, antwortete Knight. Auf einem Marsch durch den Wald sei ihm ein Wanderer begegnet. «Was haben Sie da gesagt?»

«Hi.» Sein einziger Kontakt mit einem Menschen in 27 Jahren. Bis auf diese eine Silbe hatte er mit niemandem gesprochen, geschweige denn jemanden berührt. Christopher Knight wurde verhaftet, des Einbruchs und Diebstahls angeklagt und ins Kennebec-County-Gefängnis in Augusta gebracht. Zum ersten Mal seit beinahe 10 000 Tagen schlief er in einem Gebäude.

Die Nachricht von der Festnahme verblüffte die Bürger von North Pond. Seit Jahrzehnten schon lebten sie mit diesem eigenartigen Gefühl der Bedrohung durch … irgendwas. Was genau, konnte niemand sagen. Alles begann in den späten 1980er Jahren. Plötzlich geschahen seltsame Dinge. Batterien aus Taschenlampen fehlten. Steaks verschwanden aus Kühlschränken. Neue Grill-Gasflaschen waren durch die alten ersetzt worden. «Meine Enkel dachten, ich verliere den Verstand», erzählt David Proulx, in dessen Ferienhaus mindestens fünfzigmal eingebrochen wurde.

Und den Bewohnern fiel noch mehr auf. Holzspäne unter Fensterschlössern, Kratzer an Türrahmen. War es ein Nachbar? Eine Teenager-­Gang? Die Diebstähle hielten an – Bootsbatterien, Bratpfannen, Winterjacken. Allmählich machte sich Furcht breit. «Wir fühlten uns ständig beobachtet», so ein Anwohner. Die Polizei wurde gerufen, mehrmals, konnte aber nichts tun.

Schlösser wurden ausgetauscht, Alarmanlagen installiert. Nichts schien den Täter aufzuhalten. Oder die Täterin. Oder die Täter. Das wusste niemand. Einige verzweifelte Hüttenbesitzer hinterliessen gar Nachrichten an ihren Türen: «Bitte brechen Sie hier nicht mehr ein. Sagen Sie mir, was Sie brauchen, und ich stelle es Ihnen hin.» Keine Antwort.

Die Vorfälle häuften sich, und aus dem Phantom wurde eine Legende. Bei einer Hauseigentümerversammlung 2002 wurden die 100 Anwesenden gefragt, bei wem schon eingebrochen worden sei. 75 hoben ihre Hand. Lagerfeuergeschichten über den Einsiedler machten die Runde. Jemand erinnerte sich, dass ihm mit zehn sämtliche Halloween-­Süssigkeiten gestohlen worden waren, mittlerweile war er 34. 

Mit jedem verstreichenden Jahr fühlten sich die Diebstähle mysteriöser an. «Die Einsiedlerlegende hielt sich hartnäckig», sagte Pete Cogswell, dessen Jeans und Gürtel der Einsiedler bei seiner Festnahme getragen hatte. «Ob ich daran geglaubt habe? Nein. Wer glaubt schon so etwas.» 

Dass Knight schliesslich gefangen wurde, schien jedoch mehr Fragen aufzuwerfen, als zu beantworten. Sollte tatsächlich ein Mann über 27 Jahre in einem Wald in Maine gelebt haben, in einem unbeheizten Nylonzelt? Die Winter in Maine sind lang und extrem kalt: eine feuchte, windige Kälte, wie es schlimmer kaum geht. Eine Woche Campen im Winter ist eine beeindruckende Leistung. Von einer ganzen Saison hat man kaum je gehört.

Obwohl belegt ist, dass es Einsiedler schon seit Tausenden von Jahren gibt, scheint Knight eine Kategorie für sich zu sein. Er trat mit absolut niemandem aus der Aussenwelt in Kontakt, schoss kein einziges Foto, führte kein Tagebuch. Kein Mensch erfuhr jemals von seinem Lager. Knight zu erwischen, das war, als wäre einem ein legendärer Riesenkalmar aus der einsamen Finsternis des Meeres ins Netz gegangen. Er war ein unkontaktierter Stamm mit nur einem Mitglied.

Reporter aus ganz Maine, und bald schon von überall aus den USA und der Welt, versuchten mit ihm Kontakt aufzunehmen. Was wollte er uns sagen? Welchen Geheimnissen war er auf den Grund gegangen? Wie hatte er überlebt? Knight schwieg eisern. Selbst nach seiner Festnahme blieb der North-Pond-Einsiedler ein unlösbares Rätsel.

Ich beschloss, Knight einen Brief zu schreiben. Ich verfasste ihn von Hand und schickte ihn aus meiner Heimat Montana ins Kennebec-­County-Gefängnis. Darin stand, ich sei ein Journalist und suche nach Erklärungen für sein rätselhaftes Leben. Eine Woche darauf lag ein weisser Umschlag in meinem Briefkasten. Der Absender, in krakeliger Blockschrift mit blauer Tinte auf die Rückseite gekritzelt, lautete «Chris Knight». Es handelte sich um eine kurze Mitteilung – drei Absätze; 272 Wörter. Doch diese Sätze gehörten zu den ersten, die Knight überhaupt formuliert hatte.

«Ich habe Ihren Brief beantwortet», erklärte er, «weil das Verfassen von Briefen die Anspannung und Langweile, die meine gegenwärtige Situation mit sich bringt, etwas lindert.» Zudem sei ihm Reden unangenehm. «Meine mündlichen verbalen Fähigkeiten sind ziemlich eingerostet und langsam.»

In meinem Brief hatte ich erwähnt, dass ich ein passionierter Leser sei. Soweit ich es beurteilen konnte, las auch Knight sehr gern. Viele Opfer von Knights Raubzügen gaben an, dass ihnen Bücher gestohlen worden seien – von Tom-Clancy-Krimis über militärgeschichtliche Abhandlungen bis zu James Joyce’ Ulysses.

Hemingway, so schrieb ich, gehöre zu meinen Lieblingsautoren. Knight schien ein sehr zurückhaltender Mensch zu sein, ausser wenn es um Literaturkritik ging. Er erwiderte, dass Hemingway ihn «ziemlich kalt lasse». Aber er mochte Rudyard Kipling, seine «weniger bekannten Werke». Als hätte er sich selbst dabei ertappt, zu freundlich geworden zu sein, fuhr er fort, dass er mich ja nicht kenne und sich deshalb nicht weiter dazu äussern wolle.

Das schien ihm wiederum zu unfreundlich, denn er fügte hinzu: «Ich zucke ob der Grobheit meiner eigenen Worte zusammen, doch ich bevorzuge, mich klar und ehrlich auszudrücken anstatt höflich. Ich war versucht, nichts Persönliches preiszugeben, aber handgeschriebene Briefe sind immer persönlich.» Er schloss mit: «Es war nett von Ihnen, mir zu schreiben. Danke.» Eine Unterschrift fehlte.

Ich schrieb zurück und schickte ihm zwei Bücher von Kipling (The Man Who Would Be King und Captains Courageous). Seine zweieinhalb Seiten lange Antwort war so ungefiltert und ehrlich wie ein Tagebucheintrag. Er litt im Gefängnis, der Krach und der Dreck strapazierten seine Sinne. «Sie haben gefragt, wie ich schlafe. Wenig und unruhig. Ich bin fast immer müde und nervös.» In seinem nächsten Brief fügte er in seinem abgehackten Stil, der stellenweise an einen Songtext erinnerte, hinzu, dass er es verdiene, im Gefängnis zu sitzen. «Ich habe gestohlen. Ich war ein Dieb. Ich habe über viele Jahre hinweg gestohlen. Ich wusste, dass es falsch war, fühlte mich jedes Mal schuldig, hörte trotzdem nicht damit auf.»

Den ganzen Sommer über schrieben wir uns Briefe. Knights Zustand verschlechterte sich zusehends, er gewöhnte sich nicht daran, im Gefängnis zu sitzen und andere Menschen um sich zu haben. Im Wald, erzählte er, habe er sich immer sorgfältig rasiert, doch damit habe er jetzt aufgehört. «Mein Bart dient als Gefängniskalender.»

Er versuchte mehrmals, sich mit anderen Insassen zu unterhalten, doch von ihren Gesprächsthemen – Musik, Filme, Fernsehen – hatte er nicht die geringste Ahnung, und Slang verstand er auch keinen. «Du sprichst wie ein Buch», frotzelte ein anderer Häftling. Daraufhin sagte er nichts mehr.

«Als defensive Massnahme ziehe ich mich in die Stille zurück», schrieb er. Bald hatte sich sein Wortschatz auf vier Wörter reduziert, die er ausschliesslich gegenüber den Gefängniswärtern äus­serte: ja, nein, bitte, danke. «Mich überrascht, wie viel Respekt mir das einbringt. Wie die Stille einschüchternd wirken kann, ist mir rätselhaft. Stille ist für mich normal, sie ist mir angenehm.»

Über seine Zeit in den Wäldern äusserte er sich wenig. Aber was er preisgab, war erschütternd. Einige Winter habe er nur knapp überlebt. In einem Brief erzählte er, dass er, um die schweren Zeiten zu überstehen, es mit Meditation versucht habe. «Ich habe nicht täglich meditiert, auch nicht jeden Monat oder zu jeder Jahreszeit. Nur wenn ich dem Tod entgegensah. Dem Tod in Form von zu wenig Essen oder zu viel Kälte über eine zu lange Zeit hinweg.» Meditation half, so sein Fazit. «Ich lebe. Ich bin bei guter geistiger Gesundheit, davon gehe ich jedenfalls aus.» Wie immer fehlte ein formeller Schluss. Seine Briefe hörten einfach auf, manchmal mitten in einem Gedanken.

In einem späteren Brief kam er auf das Thema geistige Gesundheit zurück. «Als ich aus dem Wald kam, drückten sie mir das Etikett ‹Einsiedler› auf. Merkwürdige Idee. So hatte ich mich nie gesehen. Ausserdem ist mit der Bezeichnung die Idee des Wahnsinns verbunden. Was für ein hässlicher kleiner Scherz.»

Er dagegen befürchtete, dass das Gefängnis seine psychischen Probleme erst auslöse. «Ich hege den Verdacht, dass meine geistige Gesundheit unter einigen Monaten Gefängnis mehr gelitten hat als unter Jahren, Jahrzehnten im Wald.»

Das Gerichtsverfahren zögerte sich hinaus, denn der Staatsanwalt und Knights Anwalt mussten zuerst herausfinden, wie sie ohne Präzedenzfall ein gerechtes Urteil fällen konnten. Nach vier Monaten im Gefängnis hatte Knight immer noch keine Ahnung, welche Strafe ihn erwartete. Zwölf Jahre Haft oder mehr waren möglich. «Die Anspannung wächst ins Unermessliche», schrieb er. «Nennen Sie mir eine Zahl. Wie lange? Monate? Jahre? Wie viele Jahre im Gefängnis. Sagen Sie mir den schlimmstmöglichen Fall. Wie lange?»

Schliesslich war er nicht einmal mehr zu Briefen imstande. «Eine  Zeitlang diente mir das Schreiben der Stressreduktion. Jetzt nicht mehr.» Er schickte mir einen letzten, herzzerreissenden Brief, in dem er den Eindruck vermittelte, am Rande eines Zusammenbruchs zu stehen. «Immer noch müde. Müder. Am müdesten, müde ad nauseam, müde ad infinitum.»

Und das war’s. Sein letzter Brief. Diesmal mit Unterschrift. Trotz der Erschöpfung und der Anspannung waren seine letzten zu Papier gebrachten Worte witzig und selbstironisch: «Ihr freundlicher Einsiedler von nebenan, Christopher Knight.»

Drei Wochen nach seinem letzten Brief flog ich nach Maine. Das Kennebec-County-Gefängnis war ein dreistöckiger grauer Klotz. Knight wusste nicht, dass ich gekommen war, und ich bezweifelte, dass er Lust hatte, mich zu sehen. Durch die Wand des Wartezimmers hörte ich schrille Alarmtöne und Türenschlagen. Nach einer Weile erschien ein Beamter und rief: «Knight!» Er schloss eine rötlichbraune Tür auf, und ich betrat eine Besucherkabine. Drei kleine, am Boden festgeschraubte Stühle standen vor einem schmalen Tisch. Über dem Tisch war eine dicke, bruchsichere Scheibe angebracht, die die Kabine in zwei Hälften teilte. Auf einem Hocker auf der anderen Seite der Scheibe sass Christopher Knight.

Noch nie hatte sich jemand weniger gefreut, mich zu sehen. Mürrisch verzog er die schmalen Lippen, blickte mir nicht in die Augen. Als ich mich ihm gegenübersetzte, schien er keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Er starrte einen Punkt irgendwo oberhalb meiner linken Schulter an. Er trug eine verwaschene grüne Gefängnisuniform, die mehrere Nummern zu gross war. Ein schwarzer Telefonhörer hing an der Wand. Ich nahm ihn ab. Er nahm seinen ab – die erste Bewegung, die ich ihn machen sah. «Freut mich, Sie zu sehen, Chris.»

Keine Antwort. Er sass einfach nur da, mit versteinerter Miene. Sein schütteres Haar glänzte wie ein Schneefeld im fluoreszierenden Licht; sein Bart war ein Wirrwarr von rotbraunen Locken. Er hatte eine Brille mit silberner Fassung auf, nicht mehr jene, die er während einer Ewigkeit im Wald getragen hatte. Er war sehr dünn. Seit seiner Verhaftung hatte er stark abgenommen.

Knight hatte in einem Brief geschrieben, er fühle sich in der Stille am wohlsten. Also schwieg ich und sah ihm dabei zu, wie er an mir vorbeisah. So verstrich vielleicht eine Minute.

Länger hielt ich es nicht aus. «Dauernd dieses Türenschlagen und all die Alarme», begann ich, «das muss sehr irritierend sein für jemanden, der Naturgeräusche gewohnt ist.» Sein Blick zuckte in meine Richtung – ein kleiner Sieg – und huschte wieder weg. Hellbraune Augen. Kaum Augenbrauen. Ich liess meinen Kommentar in der Luft hängen.

Dann sprach er. Zumindest bewegten sich seine Lippen. Seine ersten Worte an mich waren unhörbar. Ich sah, weshalb: Er hielt die Sprechmuschel zu weit unter dem Kinn. Seit Jahrzehnten hatte er kein Telefon benutzt; er war aus der Übung. Ich gestikulierte, dass er die Sprechmuschel näher an den Mund halten soll. Das tat er. Und er wiederholte seine grossartige Ansage. «Es ist ein Gefängnis.» Weiter nichts. Stille.

Er wollte mich nicht hier; ich fühlte mich nicht wohl hier. Aber das Gefängnis hatte mir eine Stunde gewährt, also beschloss ich zu bleiben, machte es mir auf dem Hocker bequem und beobachtete durch die zerschrammte Scheibe, wie Chris’ rechtes Bein auf und ab wippte. Er kratzte sich dauernd.

Meine Geduld wurde belohnt. Zuerst beruhigte sich sein Bein. Er hörte auf, sich zu kratzen. Und dann, das war schon fast ein Schock für mich, begann er zu sprechen.

«Manche Leute wollen, dass ich so eine warme, knuddelige Person bin. Voller freundlicher Einsiedlerweisheiten. Und immer einen Glückskeks-Spruch auf den Lippen aus meiner Einsiedlerzeit in meinem Einsiedlerzuhause.» Seine Stimme war klar, er hatte die langgezogenen Vokale beibehalten, die so typisch sind für den Akzent aus dem östlichen Maine. Und seine Sätze, wenn er sich denn dazu herabliess, sie zu äussern, konnten offensichtlich geistreich und unterhaltsam sein. Und sarkastisch.

«Ihr Einsiedlerzuhause – so wie unter einer Brücke?», versuchte ich mitzuspielen. Er schenkte mir einen schmerzlich langen Blick. «Was Sie meinen, ist ein Troll.»

Ich lachte. Über sein Gesicht flackerte der Hauch eines Lächelns. Wir hatten eine Verbindung hergestellt – oder immerhin die steife Atmosphäre vom Anfang etwas aufgelockert. Wir begannen, irgendwie normal miteinander zu reden. Er nannte mich Mike, und ich nannte ihn Chris.

Er erklärte, warum er Augenkontakt mied. «Ich bin es nicht gewohnt, Gesichter zu sehen. Sie enthalten zu viele Informationen. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Zu viel, zu schnell.»

Ich verstand seinen Wink und schaute von da an über seine Schulter, während er über meine starrte. An diese stille Übereinkunft hielten wir uns fast während meines gesamten Besuchs. Chris hatte sich kurz davor einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen müssen. Sie legte das Aspergersyndrom als mögliche Diagnose nahe, eine Form von Autismus, die häufig mit ausserordentlicher Intelligenz einhergeht, aber auch mit einer extrem hohen Empfindlichkeit auf Bewegungen, Geräusche und Licht.

Chris hatte bis dahin noch nie von Asperger gehört, doch die Diagnose schien ihn nicht zu beeindrucken. Er sagte, er nehme keine Medikamente. «Ich werde auch nicht gern angefasst», fügte er hinzu. «Du bist nicht etwa einer, der ständig alle umarmen muss?» Ich räumte ein, dass ich mich gelegentlich zu einer Umarmung hinreissen lasse. «Ich bin froh, dass das da zwischen uns ist», er deutete auf die Scheibe. «Wenn es ein Rollo gäbe, würde ich es herunterlassen.»

Ein Teil von mir war auf perverse Weise fasziniert von Chris. Er konnte einem kratzbürstig vorkommen – er ist kratzbürstig –, aber das war lediglich ein Schutz. Er erzählte mir, dass er seit seiner Verhaftung in unerwarteten Momenten von Gefühlen übermannt werde. «Manchmal kommen mir bei Werbespots die Tränen. Es ist nicht gut, im Gefängnis beim Weinen ertappt zu werden.»

Alles, was er sagte, schien aufrichtig und unverblümt, ungefiltert vom Sicherheitsnetz sozialer Höflichkeiten. «Ich habe kein Problem damit, unhöflich zu sein, wenn ich so schneller zum Punkt komme», sagte er.

Das sei in Ordnung, erwiderte ich. Dennoch fing ich mit einer netten Frage an: Wie war dein Leben, bevor du in den Wald gegangen bist?

Bevor er für exakt ein Vierteljahrhundert in den Wäldern schlief, hatte Chris kein einziges Mal in einem Zelt übernachtet. Er war in der Gemeinde Albion aufgewachsen, 45 Autominuten östlich von seinem Lager, er hat vier ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Sein Vater, der 2001 starb, arbeitete in einer Molkerei. Seine Mutter, die heute Mitte achtzig ist, lebt noch immer in Chris’ Elternhaus, einem bescheidenen zweistöckigen Gebäude aus der Kolonialzeit auf einem zwanzig Hektar grossen bewaldeten Grundstück.

Die Familie lebt extrem zurückgezogen und lehnte es ab, mit mir zu sprechen. Ein Nachbar erzählte, dass er in vierzehn Jahren kaum mehr als ein paar Worte mit Chris’ Mutter gewechselt habe. 

Chris betonte, dass seine Kindheit glücklich war. «Keine Klagen», meinte er. «Ich hatte gute Eltern.» Anschaulich erzählte er mir von Elchjagden mit seinem Vater. «Auf einigen Jagdausflügen schlief ich auf der Ladefläche des Pick-ups, aber nie allein und nie in einem Zelt.» Seine Familie hatte sein Verschwinden nicht bei der Polizei gemeldet.

«Meine Brüder gingen davon aus, dass ich tot war», so Chris. «Aber sie wollten meiner Mutter nicht die Hoffnung nehmen. Vielleicht ist er in Texas, sagten sie zu ihr. Oder in den Rocky Mountains.» Zwei von Chris’ Brüdern, Joel und Tim, besuchten ihn im Gefängnis. «Ich habe sie nicht wiedererkannt», gab er zu. Besuche von seiner Mutter lehnte er ab. «Schau mich an, ich trage Häftlingskleidung. Niemals könnte ich ihr so unter die Augen treten.»

Die Highschool habe er mit ausgezeichneten Noten vorzeitig abgeschlossen. Freunde hatte er nie. Wie zwei seiner Brüder meldete er sich an der Sylvania Technical School in Waltham, Massachusetts, für einen neunmonatigen Elektronikkurs an. Danach arbeitete er, immer noch in Waltham, als Alarmanlageninstallateur – und eignete sich wertvolles Wissen für seine zweite Laufbahn als Einbrecher an.

Er kaufte sich ein neues Auto, einen weissen Subaru Brat 1985. Den Kreditvertrag unterzeichnete er gemeinsam mit seinem Bruder Joel. «Da habe ich ihn angeschmiert», sagte Chris. «Ich schulde ihm immer noch Geld.» Nach weniger als einem Jahr gab er seinen Job auf. Er fuhr den Brat nach Maine, brauste ohne Halt durch den Ort, in dem er aufgewachsen war und fuhr weiter Richtung Norden. Bald schon war er beim Moosehead Lake angelangt, wo Maine immer abgeschiedener wird.

«Ich fuhr weiter, bis ich fast kein Benzin mehr hatte. Ich nahm eine kleine Strasse. Dann bog ich in eine noch kleinere. Und dann in einen Pfad.» Er parkte den Wagen. Den Schlüssel liess er drin. «In meinem Rucksack hatte ich das Allernötigste. Einen Plan hatte ich nicht. Eine Landkarte auch nicht. Ich wusste nicht, wohin ich gehen würde, wanderte einfach los.»

Das war im Spätsommer 1986. Er campierte immer rund eine Woche an einem Ort und zog dann weiter Richtung Süden, liess sich von der natürlichen Geologie Maines führen, mit seinen langen, von Gletschern geformten Tälern. «Ich wusste nicht mehr, wo ich mich befand», sagte er. «Es war mir egal.» Eine Weile versuchte er sich in Nahrungssuche. Er ass überfahrene Rebhühner. Dann begann er, in Gärten Mais und Kartoffeln zu ernten.

«Aber ich wollte mehr als nur Gemüse», sagte er. «Es dauerte eine Weile, bis ich meine Skrupel ablegen konnte. Ich hatte immer Angst beim Stehlen. Immer.» Er betonte, dass er nie jemandem während eines Raubzugs begegnet sei, immer habe er sich vergewissert, dass kein Auto in der Einfahrt stand, nichts auf einen Menschen im Haus hindeutete. «Es war meistens 1 oder 2 Uhr in der Nacht. Ich ging hinein, plünderte die Vorratsschränke, den Kühlschrank. Und wieder raus. Mein Puls raste jedes Mal. Mir gefiel das nicht, überhaupt nicht, und ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen.» Ein einziger Fehler, so viel war ihm klar, und die Welt da draussen würde ihn sich zurückholen.

Er streifte für etwa zwei Jahre umher, bis er auf den Ort stiess, der sein Zuhause werden sollte. Er wusste sofort, dass er ideal war. «Dort liess ich mich nieder.»

Kaum einer der Ferienhausbesitzer, mit denen ich sprach, konnte Knights Geschichte glauben. Viele blieben überzeugt, dass er entweder Hilfe gehabt haben musste oder in unbewohnten Hütten überwintert hatte. Gegen Ende der Besuchszeit konfrontierte ich Chris damit.

Chris’ Auftreten veränderte sich. Es war das einzige Mal, dass er mir in die Augen schaute. «Kein einziges Mal habe ich drinnen geschlafen.» Er habe nie geduscht. Oder eine Toilette benutzt. Er gab zu, dass er einige Male bei Einbrüchen Fleisch in der Mikrowelle aufgetaut habe. Doch er habe immer draussen ausgeharrt, ganz allein. «Ich bin ein Dieb. Ich habe Menschen verängstigt. Es ist ihr gutes Recht, auf mich wütend zu sein. Aber ich bin kein Lügner.»

Ich glaubte ihm. Mehr noch, ich spürte, dass Chris praktisch unfähig ist zu lügen. Und mit diesem Gefühl war ich nicht allein. Diane Perkins-Vance, die Staatspolizistin von Maine, die bei seiner Verhaftung zugegen gewesen war, sagte mir, dass ihr Job vor allem darin bestehe, Lügen zu erkennen. Bei Chris hingegen war sie sich sicher. «Ich glaube ihm, vorbehaltlos.»

Bevor er den Hörer aufhängte, sagte Chris, wenn ich sehen könnte, wo er gewohnt und wie er überlebt hatte, würde ich ihm definitiv glauben.

Ich hatte bereits beschlossen, nach seinem Lager zu suchen. Danach wollte ich ihn gern ein weiteres Mal besuchen. Also fragte ich ihn, ob wir uns wiedersehen können. Seine Antwort fiel unerwartet aus: «Ja.»

Die Gegend rund um die Belgrade Lakes, wo Knight lebte, ist ganz anders als die ausgedehnten Wälder im Norden Maines, die wild und unbevölkert sind. Wiesen mit Kühen und Pferden bestimmen hier die Landschaft. Knights Lager befand sich auf einem privaten Anwesen, keine zweihundert Meter von einer Hütte entfernt, in einem von Feldwegen durchkreuzten Gebiet.

Als ich selbst in Knights Wald stand, verstand ich sofort, weshalb er dort unentdeckt geblieben war. Die Hemlocktannen, Ahornbäume und Ulmen stehen dort so dicht, dass die Luftfeuchtigkeit viel höher ist als in angrenzenden Waldstücken, ein Schritt hinein, und meine Brillengläser liefen an.

Die wahre Herausforderung aber waren die Felsbrocken – Mitbringsel des Gletschers aus der letzten Eiszeit, so gross wie Autos –, die wild verstreut überall herumlagen und mein Vorankommen erschwerten. Eine Stunde lang schlug ich mich durchs Gehölz, bis ich mir zwischen zwei moosglatten Felsen eine Kniezerrung holte. Ich gab auf und kehrte zur Strasse zurück.

Bevor Chris inhaftiert wurde, hatte er Hughes und Perkins-­Vance zu seinem Lager geführt, ich wusste also in etwa, wo es sich befand, doch auch mein zweiter Versuch schlug fehl. Ich entdeckte nicht die geringste Spur eines Pfads. Mücken schwärmten um mich herum. Das nächste Mal kämpfte ich mich ganz systematisch durchs Dickicht, zwängte mich an Felsbrocken vorbei. Und plötzlich sah ich es.

Meine Güte. Chris hatte aus dem Chaos eine Lichtung in der Grösse eines Schlafzimmers gehauen, die aus wenigen Schritten Entfernung komplett unsichtbar war und auf einer kleinen Anhöhe lag, die gerade genug Wind erlaubte, um die Mücken fernzuhalten, aber nicht so viel, um einem kalten Wintersturm ausgesetzt zu sein. Sie war umgeben von einem natürlichen Stonehenge aus Felsbrocken, hoch oben verbanden sich Äste spalierähnlich zu einem Baumkronendach, das Chris’ Lager abschirmte. Deshalb war seine Haut so blass – er hatte ständig im Schatten gelebt. Ich verbrachte drei Tage dort, beobachtete tagsüber die Kaninchen und in der Nacht die Sterne hinter dem Astgitter. Noch nie hatte ich mich an einem schöneren und friedlicheren Ort aufgehalten.

Die Polizei hatte einen grossen Teil seines Lagers abgebaut, doch bei meinen nächsten Besuchen im Gefängnis beschrieb Chris bis ins letzte Detail, wie seine Waldwohnung ausgesehen hatte. 

Er hatte in einem einfachen Zelt geschlafen, das er immer mit mehreren Schichten brauner Planen bedeckt hatte. Er wollte nicht riskieren, dass etwas Glänzendes Blicke auf sich zog, weshalb er seine Abfalleimer, Kühlboxen und Kochtöpfe waldfarben ansprühte. Sogar seine Wäscheklammern strich er grün.

Die Vielfalt seiner erbeuteten Dinge beeindruckte mich. Er war vor der modernen Welt geflohen und hatte sich dann die feinsten Happen herausgepickt. In seinem Zelt stand ein metallenes Bettgestell, das er aus dem Ferienlager geschleppt und in einem Kanu über den See befördert hatte. Das Kanu hatte er nicht gestohlen. Er borgte es sich nur, nicht zum ersten Mal, von einem Ferienhäuschen am Ufer – «es gibt da eine grosse Auswahl» – und brachte es danach wieder zurück, verstreute wie immer ein paar Kiefernnadeln im Inneren, damit es unbenutzt aussah. Er nahm auch eine Federkernmatratze und Schlafsäcke mit.

Er stahl Toilettenpapier und Handdesinfektionsmittel für seine WC-Ecke. Er entwendete Waschpulver und Shampoo für seinen Waschbereich. Eine Feuerstelle hatte er nicht, wie er versicherte. Er kochte auf einem Gaskocher mit zwei Brennern, für den er unzählige Gasflaschen klaute, sämtliche Gasgrills rund um den See mit seinen 30 Meilen Umfang hatte er geplündert. Er brachte sie nie zurück, sondern vergrub sie – wahrscheinlich hunderte – in seiner Mülldeponie am Rande des Lagers.

Er liess Deodorants, Einwegrasierer, Taschenlampen, Schneestiefel, Gewürze, Mausefallen, Sprayfarben und Isolierband mitgehen, nahm sich Kissen von Betten, hatte drei verschiedene Thermometertypen im Lager: ein Digital-, ein Quecksilber- und ein Bimetallthermometer. Die exakte Temperatur zu kennen, war unerlässlich. Und er stahl Uhren – schliesslich musste er auf seinen Raubzügen sicher sein, dass er es vor Tagesanbruch in sein Lager zurückschaffte.

Tiefer im Wald hortete er Plastikboxen mit einem Zelt, einem Schlafsack und ein paar warmen Kleidern – alles Notwendige, um sein Lager sofort zu verlassen und anderswo wiederaufzubauen, falls ein Eindringling ihn heimsuchen sollte. 

Er war nie krank im Wald, und sein schlimmster Unfall war ein Sturz auf dem Eis, aber er hatte verfaulte Zähne – kein Wunder. Seine Ernährung war grauenhaft. «Kochen ist ein zu schönes Wort, um zu beschreiben, was ich tat», sagte Chris. Ich wühlte mich durch seine fünfundzwanzig Jahre Abfall, der zwischen Felsbrocken verbuddelt war, und notierte meine Funde: ein Zwei-Kilogramm-Marshmallow-­Behälter, eine leere Schachtel Devil-Dogs-Kuchen, Erdnussbutter, Chips, Honig, Kekse, Thunfisch, Kaffee, Kartoffelkroketten, Pudding, Limonade und, und, und …

Er stahl Radios und Kopfhörer und versteckte eine Antenne in den Bäumen. Eine Zeitlang hörte er konservative Nachrichtensender. Dann fuhr er auf klassische Musik ab – Tschaikowski und Brahms, Bach nicht. «Bach ist zu makellos», fand er. Es folgte eine Phase mit übers Radio gesendeten TV-Shows. Alle lieben Raymond war seine Lieblingssitcom. Doch seine wahre Leidenschaft galt dem klassischen Rock: The Who, AC/DC, Judas Priest, und mehr als alles andere: Lynyrd Skynyrd. Wir behandelten hunderte Themen im Gefängnis, und nichts erntete von ihm mehr Lob als Lynyrd Skynyrd. «Noch in tausend Jahren wird man Lynyrd Skynyrd spielen.»

Gelegentlich stahl er auch mobile Spielkonsolen – Pokémon, Tetris, Dig Dug –, doch meistens las er oder stellte Beobachtungen im Wald an. «Aber denk bloss nicht, ich wäre so ein Vögel-beobachtender Naturfreak», warnte er, schickte aber gleich eine poetische Beschreibung des Knuspergeräuschs von trockenen Blättern unter den Füssen hinterher («über Corn Flakes laufen») und vom Rumpeln eines Risses, der sich über den gefrorenen See ausbreitet («wie eine Bowlingkugel, die die Bahn hinunterrollt»).

Über die Jahre stahl er Hunderte von Büchern, vorzugsweise militärgeschichtliche Abhandlungen – sein Lieblingsbuch war William Shirers The Rise and Fall of the Third Reich –, aber auch alles andere, was ihm zwischen die Finger geriet. Häufiger stahl er Zeitschriften. Wenn er sie durchgelesen hatte, klebte er sie mit Isolierband zu ziegelähnlichen Blöcken zusammen und vergrub sie, um den Boden seines Lagers zu begradigen. In der Erde rund um sein Zelt lagen Dutzende von diesen Ziegeln.

Chris’ Leben richtete sich nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, stets dominiert von einem Gedanken: Er musste den Winter überleben. Die Vorbereitungen dafür begannen jeweils am Ende des Sommers, wenn die Ferienhäuschen für den Rest des Jahres dichtgemacht wurden. «In dieser Zeit hatte ich am meisten zu tun», sagt er. «Erntezeit. Ein urtümlicher Instinkt. Wenn auch üblicherweise nicht mit kriminellen Handlungen in Verbindung gebracht.»

Sein erstes Ziel war es, fett zu werden, eine Notwendigkeit, die über Leben und Tod entschied. «Viel Zucker und viel Alkohol», erzählte er. «Auf diese Weise nimmt man am schnellsten zu, und mir gefiel der Rausch.» Die Flaschen, die er gestohlen hatte, verrieten einen Mann, der kein einziges Mal, wie er zugab, einen Drink in einer Bar bestellt hatte: süsse Fruchtcocktails, Kaffee- und Sahneliköre.

Als die Abende kühler wurden, liess er seinen Bart bis zur idealen Länge wachsen – gut zweieinhalb Zentimeter, lang genug, um sein Gesicht vor der Kälte zu schützen, kurz genug, um nicht zu vereisen. Er ging häufiger auf Raubzüge, um seine Lebensmittel- und Gasvorräte aufzufüllen. Der erste Schnee fiel normalerweise im November. Chris bemühte sich immer, keinen einzigen Fussabdruck zu hinterlassen – im Schnee fast unmöglich. Darum verliess er während der nächsten sechs Monate bis zum Tauwetter im April seine Waldlichtung kaum.

Ich fragte ihn, ob er die ganze Zeit nur geschlafen habe, wie in einem Winterschlaf. «Völlig falsch», entgegnete er. «Es ist gefährlich, im Winter zu lange zu schlafen.» Wenn es richtig kalt war, konditionierte er sich darauf, um 19 Uhr 30 einzuschlafen und um 2 Uhr morgens wieder aufzuwachen. «Auf diese Weise war ich wach, wenn die Temperatur ihren Tiefpunkt erreicht hat.» Wenn er länger liegen blieb, konnte das Kondenswasser in seinem Schlafsack gefrieren. «Wer versucht, diese Art von Kälte zu verschlafen, wacht vielleicht gar nicht mehr auf.»

Nach dem Aufstehen zündete er als Erstes seinen Herd an und begann, Schnee zu schmelzen. Zur Anregung seiner Blutzirkulation schritt er die Grenzen seines Lagers einmal ab. Seine Füsse schienen nie ganz aufzutauen, aber solange er ein Paar frische Socken hatte, war das kein Problem. «Trocken zu bleiben, ist wichtiger, als warm zu bleiben», sagte Chris. Bei Sonnenaufgang trank er die Wasserration des Tages. «Dann, wenn ich noch etwas zu essen hatte, frühstückte ich.» Und wenn er nichts mehr hatte? Er erzählte mir von einigen sehr strengen Wintern – hoffnungslose Winter –, in denen ihm Gas und Lebensmittel ausgegangen waren. Da habe er entsetzlich gelitten. Chris beschrieb es als «physisches, emotionales und psychologisches Leiden». Er deutete an, dass ihm ein paarmal sogar der Gedanke an Selbstmord gekommen war.

Warum dann nicht einfach den Wald verlassen? Chris sagte, er habe darüber nachgedacht, hatte sogar eine Trillerpfeife bei sich. «Wenn ich mehrmals dreimal hintereinander gepfiffen hätte, wäre vielleicht Hilfe gekommen.» Doch das tat er nie. Vielmehr hatte er sich geschworen, den Rest seines Lebens im Dickicht der Bäume zu verbringen.

Wenn er die Meisen endlich singen hörte, konnte er sich entspannen. «Dann wusste ich, der Winter hatte seinen Griff gelockert. Der Frühling kam, und ich war noch am Leben.»

Mit zunehmendem Alter ertrug er die Kälte schlechter. «Du hättest mich mit zwanzig sehen sollen!», prahlte er. «Ich war der Herr der Wälder. Ich herrschte über das Land, auf dem ich stand. Ich war clever und zäh.» Doch wie bei einem alternden Athleten hatte sein Körper über die Jahre allmählich abgebaut. Das grösste Problem waren seine Augen. «Über die letzten zehn Jahre wurde alles, was weiter als eine Armeslänge entfernt liegt, verschwommen. Am Ende benutzte ich meine Ohren mehr als meine Augen.» Immer wenn er bei einem Einbruch eine Brille fand, probierte er sie an, fand aber nie eine mit passender Stärke. Seine Beweglichkeit nahm ab, Verletzungen brauchten länger, bis sie verheilt waren.

Jahrelang hatten Knights Opfer vergeblich auf einen Fahndungserfolg der Polizei gewartet. Dann nahmen sie die Sache selbst in die Hand. 

Debbie Baker installierte in ihrem Ferienhaus eine Überwachungskamera für «den hungrigen Mann» – so hatte sie den Einsiedler getauft, um ihren kleinen Söhnen etwas die Angst zu nehmen. Und 2002 tappte Knight in die Fotofalle. Die Polizei veröffentlichte das Foto und rechnete damit, ihn bald zu verhaften.

Elf Jahre lang geschah nichts. Nach einem Einbruch im Ferienlager «Pine Tree» im März 2013 bat Sergeant Terry Hughes, der dort regelmässig aushalf, schliesslich den Grenzschutz um Hilfe. «Es ging einfach schon zu lange», fand Hughes. Er installierte einen Bewegungsmelder, der bei ihm zu Hause einen Alarm auslöste, und trainierte den Spurt aus seinem Bett bis ins Camp, bis er bei unter vier Minuten war. Dann wartete Hughes die Rückkehr des Einsiedlers ab.

Seine Verhaftung spaltete die Öffentlichkeit. Der Mann, der sein Leben so unsichtbar wie möglich führen wollte, war einer der berühmtesten Menschen in Maine geworden. Es war unmöglich, eine Bar in Augusta und Umgebung zu betreten, ohne in eine Diskussion verwickelt zu werden, darüber, was mit Christopher Knight geschehen solle.

Manche fanden, dass er umgehend freizulassen sei. Käse und Speck klauen stelle kein schweres Verbrechen dar. Der Mann war nie gewalttätig geworden, hatte keine Waffe. Er war introvertiert, nicht kriminell. Er lehnte es einfach ab, Teil unserer Welt zu sein. Man wollte via Crowdfunding Geld für seine Lebensmittel der nächsten paar Jahre sammeln, damit er wieder in den Wald zurückkonnte. Einige boten sogar an, ihn auf ihrem Land leben zu lassen, gratis.

Nicht die geklauten Sachen machten seine Verbrechen so beunruhigend, argumentierten dagegen andere. Er habe Hunderte von Menschen ihres Friedens beraubt. Ihres Sicherheitsgefühls. Woher sollten sie wissen, dass Knight nicht bewaffnet und gefährlich war? Wenn Knight unbedingt im Wald leben wollte, hätte er dies auf öffentlichem Grund tun und sich Nahrung mit Jagen und Fischen beschaffen können. Er ist nichts anderes als ein fauler Mann und tausendfacher Dieb. Hinter Gitter mit ihm!

Am 28. Oktober 2013 bekannte sich Chris Knight vor Gericht des Einbruchs und Diebstahls in dreizehn Fällen für schuldig. Er wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt – die er während seiner Untersuchungshaft bis auf eine Woche bereits abgesessen hatte. Dem Tatbestand nach war es ein ausgesprochen mildes Urteil, aber selbst der Staatsanwalt hatte eine lange Gefängnisstrafe in diesem Fall als zu hart empfunden. Chris wurde dazu angewiesen, jeden Montag einen Richter aufzusuchen, auf Alkohol zu verzichten und sich entweder einen Job zu suchen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Verstiess er gegen diese Auflagen, drohten ihm sieben Jahre Gefängnis.

Vor seiner Entlassung traf ich Chris erneut. Er sagte, er werde nach Hause zurückkehren und bei seiner Mutter leben. Sein Bart war struppig – «mein verrückter Einsiedlerbart», wie er ihn nannte. Er war erschreckend mager, kratzte sich am ganzen Körper. Nach wie vor sahen wir uns kaum in die Augen.

«Ich kenne eure Welt nicht», sagte er. «Nur meine Welt, und die Erinnerungen an die Welt, bevor ich in den Wald gezogen bin. Was für ein Leben führt man heute? Was gehört sich? Ich muss lernen, wie man lebt.» Er wünschte sich, er könnte in sein Lager zurückkehren – «ich vermisse den Wald» –, aber er wusste, dass seine Auflagen dies nicht erlaubten. «Was ich von der Gesellschaft sehe, die ich bald betreten werde, gefällt mir nicht. Ich glaube nicht, dass ich hineinpasse. Sie ist zu laut. Zu bunt. Der Mangel an Ästhetik. Die Rohheit. Die Bedeutungslosigkeit.»

Ich sagte ihm, dass ich grösstenteils seiner Meinung sei, und fragte: Was ist mit deiner Welt? Welche Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit mit dir selbst gewonnen? Bei jedem meiner Besuche hatte ich versucht, dies zu erfahren, aber erst jetzt traute ich mich, ihn zu fragen.

Wer seine Erkenntnisse offenlegt, so Chris, sei gemäss seiner Definition kein echter Einsiedler. Am Ende hatte Chris sich also der Vorstellung, ein Einsiedler zu sein, gefügt und schliesslich sogar damit angefreundet. Als ich Thoreau erwähnte, der zwei Jahre am Walden Pond, einem See in Massachusetts, gelebt hatte, tat Chris ihn mit einem einzigen Wort ab: «Dilettant.»

Echte Einsiedler würden laut Chris keine Bücher schreiben, hätten keine Freunde und beantworteten keine Fragen. Ich fragte ihn, weshalb er im Wald nicht wenigstens Tagebuch geführt hätte. Chris gab sich kratzbürstig. «Ich habe angenommen, dort draussen zu sterben. Wer würde mein Tagebuch lesen wollen? Du? Lieber würde ich es mit ins Grab nehmen.» Der einzige Grund für unsere Gespräche sei, dass er eingesperrt sei und den Umgang mit anderen Menschen üben müsse.

«Aber du hast doch sicher über gewisse Dinge nachgedacht», wandte ich ein. «Über dein Leben, das Menschsein.» Da wurde Chris nachdenklich. «Ich habe mich selbst beobachtet», sagte er. «Die Einsamkeit hat meine Wahrnehmung verstärkt. Aber das Verzwickte daran ist, dass damit ein Verlust meiner Identität einherging. Ohne Publikum, ohne ein Gegenüber, dem ich etwas vorspielen konnte, war ich einfach nur da. Ich hatte keinen Grund, mich zu definieren, ich wurde irrelevant. Der Mond war der Minutenzeiger, die Jahreszeiten waren der Stundenzeiger. Ich hatte nicht einmal einen Namen. Ich fühlte mich nie einsam. Um es romantisch auszudrücken: Ich war komplett frei.»

Das klang schön. Trotzdem, drängte ich weiter, müsse er in der Wildnis doch zu einer grossartigen Erkenntnis gelangt sein. Er schwieg. Ob er nachdachte oder schmollte oder beides, vermochte ich nicht zu deuten. Schliesslich schien er zu einer Antwort anzusetzen. Ich fühlte mich wie ein Auserwählter, dem gleich das grosse Geheimnis über den Sinn des Lebens offenbart wird. «Immer genug schlafen.» Seine Kieferpartie verkantete sich – ein Zeichen, dass er nicht mehr sagen würde. Das also hatte er gelernt. Ich akzeptierte es als Wahrheit.

«Was ich am meisten vermisse», fuhr er schliesslich fort, «ist dieses Gefühl zwischen Ruhe und Einsamkeit. Stille vermisse ich am meisten.» Im Hochsommer habe er sich nachts manchmal zum See hinuntergeschlichen. «Ich liess mich auf dem Rücken treiben und schaute zu den Sternen.»

Am Ende jedes meiner Besuche stellte ich ihm dieselbe Frage: Warum bist du verschwunden? Er hatte nie eine befriedigende Antwort. «Es gibt keinen Grund.» «Ich kann nicht erklären, weshalb.» «Gib mir mehr Zeit, um darüber nachzudenken.» «Es ist mir auch ein Rätsel.» Einmal wurde er ungehalten: «Warum? Diese Frage langweilt mich.»

Doch während unseres letzten Besuchs zeigte er sich reflektierter. Suchen nicht alle, sagte er, dasselbe im Leben? Suchen wir nicht alle nach Zufriedenheit? Er war nie glücklich gewesen in seiner Jugend, nicht an der Highschool, nicht bei der Arbeit, nicht in Gesellschaft anderer. Dann hatte er sein Lager im Wald entdeckt. «Ich fand einen Ort, wo ich zufrieden war.» Sein eigener perfekter Fleck. Der einzige Ort auf dieser Welt, wo er in Frieden lebte.

Das war alles, was er mir zu sagen hatte. Er war meiner Besuche überdrüssig geworden. Lass mich in Ruhe, bat er mich, wir sind keine Freunde. Ich will nicht dein Freund sein, sagte er, ich will niemandes Freund sein. Und: «Ich werde dich kein bisschen vermissen.»

Ich hatte Chris sehr gern. Ich mochte seine Art zu denken, ich mochte seine lyrische Sprache. Aber er war ein echter Einsiedler. Er konnte nicht mehr in die Wildnis entschwinden, also wünschte er nun, sich in der Welt aufzulösen. «Leb wohl, Chris», sagte ich. Ein Gefängniswärter war gekommen, um ihn wegzuführen, liess Chris aber noch Zeit, um einen letzten Gedanken zu äussern. Er tat es nicht, hängte einfach den Hörer auf. Kein Winken, kein Nicken. Er stand auf, drehte mir den Rücken zu, verliess die Besuchskabine und lief den Gefängnisgang hinunter.

 

Aus dem Amerikanischen von Christina Heyne.

 

 

Reportagen - Das Beste aus anderen Sprachen, erstmals auf Deutsch.


 

Die Zwei als Nom

Es ist paradox: Die Anzahl der Singles steigt, gleichzeitig bevorzugt unsere Gesellschaft das Leben zu zweit. Wer es nach sozialen Standards «richtig macht», bildet irgendwann ein Paar, wenn nicht sogar eine Familie – und damit die intimste aller möglichen Gemeinschaften. Ein Leben in Einsamkeit? Bitte nicht! Rund 90 Prozent der jungen Deutschen wünschen sich laut einer Forsa-Umfrage Kinder, in der Schweiz sind es sogar 93 Prozent. In jungen Jahren ungebunden sein? Kein Problem. Doch wer mit Ende 30, 40 noch immer nicht den «Partner fürs Leben» gefunden hat, muss sich rechtfertigen. Und die Ehe? Die bleibt als dauerhaftes Dasein zu zweit die politisch und auch gesetzlich geförderte Lebensform. 

 

Die Eins als Ziel

Warum zieht ein Mensch das Leben in Einsamkeit dem in einer Gemeinschaft vor? Oft ist der Glaube oberste Motivation. Bereits im dritten Jahrhundert nach Christus zogen Eremiten als radikale Christen durch die Wüsten des Nahen Ostens. Religiöse Rituale, Armut und Stille kennzeichneten ihr Leben. Dafür ernteten sie von der Gesellschaft grossen Respekt; Eremiten waren schon damals hoch angesehen. Die katholische Kirche hat das Eremitendasein in ihrem Kirchenrecht als «geweihtes Leben» anerkannt, jedoch ist diese Lebensform nicht auf den Katholizismus beschränkt: Sowohl im Hinduismus als auch im tibetischen Buddhismus ziehen sich Menschen dauerhaft zurück, in Höhlen etwa. Im Islam ist das frühe Einsiedlertum ebenfalls bekannt: Schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed soll Uwais al-Qarani, einer der ersten Sufis, nach sunnitischer Überlieferung sein Dasein asketisch in der Wüste verbracht haben. 

 

Autor

Der Amerikaner Michael Finkel, 48 Jahre alt, arbeitet genauso lange als Journalist, wie sein Protagonist im Wald lebte, also seit 27 Jahren. Dass er seinem Protgonisten ähnelt, glaubt Finkel jedoch nicht. Allerdings: «Wenn Sie mich fragen, was ich am liebsten mache, um mich zu entspannen: erstens Bücher lesen, zweitens in einem Zelt im Wald schlafen. Und Chris Knight ist so etwas wie der Weltmeister in meinen beiden Lieblingsdisziplinen!» Wieso Finkel gleich ein ganzes Buch über seinen Protagonisten geschrieben hat, das im Herbst unter dem Titel Ruf der Stille auch auf Deutsch erscheinen wird, und was er sonst über den Eremiten Chris Knight denkt, lesen Sie im Autoren-Interview.

 

 
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