5×Arbeit

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Strassenverkäufer, Influencerin oder Packer bei Amazon: Wie sich unser Verhältnis zur Arbeit verändert.

Vauhini Vara

Barcelona

Strassenverkäufer – Lamine Bathily, 29
 

Ich war ein trotziges Kind. In der Schule gab ich oft Widerworte und durfte dann nicht nach draussen zum Spielen. Ich wollte Wolof sprechen, und es gefiel mir nicht, dass man uns zwang, Französisch zu reden.

In der Schule wurde uns Europa als Paradies gezeigt, in dem einfach alles perfekt ist. Menschen, die auf der Strasse schlafen, sieht man nicht in den senegalesischen Medien. Als ältester Junge der Familie bin ich für die Zukunft meiner Geschwister verantwortlich. Ich sah, wie sich die Leute in kleinen Booten auf den Weg machten, und dachte: Warum nicht ich? Warum nicht?

Mein Vater verkaufte Schuhe. Er hatte keinen eigenen Laden, er verkaufte die Schuhe auf dem Markt. In den Ferien schickte mein Vater mich immer zu meinen Tanten und Onkeln, doch ich lehnte ab. Ich wollte lieber ihm helfen. Mein Dad war superglücklich. Er wusste ja nicht, dass ich vorhatte, Afrika zu verlassen. Weil ich noch so jung war, fragten mich die Leute: «Warum verkaufst du Sachen auf der Strasse?» Ich antwortete, dass ich so meine Ausbildung bezahlen wolle. Und sie lobten mich, was für ein gewissenhafter junger Mann ich doch sei. Mein Vater sagte immer, ich würde einmal der beste Verkäufer aller Zeiten werden.

Ein Jahr lang habe ich für meinen Vater Schuhe verkauft und das verdiente Geld gespart. Dann habe ich mich in den Süden des Landes aufgemacht und beschlossen, auch in so ein Boot zu steigen. Damit mein Vater sich keine Sorgen machte, habe ich ihm erzählt, ich würde für einen Monat meine Grossmutter besuchen.

Mann, so was brauch ich definitiv nicht noch mal im Leben. Es ist wahnsinnig gefährlich. Du sitzt in einem kleinen Boot mitten auf dem Meer, um dich herum hohe Wellen, und manchmal kommen riesige Boote vorbei. Am letzten Tag hatten wir kein Essen, kein Wasser und kein Benzin mehr. Aber wir waren in spanischen Gewässern. Um 17 Uhr sahen wir einen Hubschrauber am Himmel kreisen und begannen, wie wild um Hilfe zu schreien.

Manteros sind Strassenverkäufer, die ihre Ware auf Decken (spanisch: Mantas) ausbreiten und verkaufen, meistens illegal. Ich war 17, also brachte die Polizei mich in eine Einrichtung für Jugendliche. Das war im Jahr 2007. Ich bat darum, nach Barcelona umziehen zu dürfen, und dort begegnete ich anderen Senegalesen. Wir trafen uns häufiger. Sie luden mich zu sich nach Hause ein, und vor oder nach der Schule trafen wir uns auf der Strasse. Ich wollte auch Geld verdienen, so wie die Manteros. Sie boten mir an, bei ihnen zu wohnen, also zog ich zu ihnen. Sie waren älter als ich, 24, 25, 30 oder so. Zuerst haben sie mich gefragt, was ich denn verkaufen wolle. Ich war ziemlich klein und konnte nicht so viel schleppen. Daher schlugen sie mir Sonnenbrillen vor.

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