5×Geburt

Ein Kind zu gebären, scheint die natürlichste Sache der Welt zu sein. Mit dabei in Brasilien, China, der Schweiz, Kenya und Mexiko.

Christine Wollowski, Yang Nan, Andres Eberhard, Patrick Mayoyo und Alejandra Sánchez Inzunza

Diese globale Betrachtung zu einem Thema wurde finanziert durch den Reportagen-Recherchefonds (reportagen.com/recherchefonds).

Brasilien

CHRISTINE WOLLOWSKI

Erst als Amazonildes für den Fussball zu alt geworden war, wurde sie Hebamme. Vorher hatte die Sportlerin nie daran gedacht, in die Fussstapfen ihrer Mutter zu treten. «Mama hat mir nichts über Geburtshilfe beigebracht», sagt die heute 49-Jährige, die von allen nur Amazon genannt wird. «Sie konnte kaum Portugiesisch, sie sprach nur Sateré.» Mutter und Tochter konnten sich mit Worten kaum verständigen: Sateré ist die Sprache des indigenen Volkes, dem Amazons Mutter angehörte, Amazon spricht Portugiesisch. Ihre Mutter, eine schmale Person, stieg zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Kanu, wenn sie zu einer Gebärenden gerufen wurde. Meist blieb sie über Nacht weg, ihre Tochter nahm sie nicht mit.

33 Jahre alt war Amazon, als die Knie nach dem Fussballtraining immer öfter schmerzten und sie schliesslich ihre Frauenfussballmannschaft auflösen musste. Da hatte sie schon vier Kinder geboren und war von dem Stück Land am Rand des Flusses Maués-Açu ins Zentrum der 650 Kilometer östlich von Manaus gelegenen Stadt Maués gezogen. Weil auf dem Grundstück gerade genug Platz für das Haus ist, stellt Amazon ihren Stuhl abends davor in die Gasse, die so schmal ist, dass sie die Füsse einziehen muss, wenn ein Nachbar mit dem Moped vorbeifährt. Amazon legt ihre kräftigen Hände im Schoss zusammen und erzählt: Die Idee, Hebamme zu werden, sei ihr nachts im Schlaf gekommen. «Im Traum wurde ich von einem Mann zu einer Schwangeren geführt und begriff: Ich sollte ihr beim Gebären helfen.»

Für die evangelische Amazon war das ein göttlicher Hinweis, und sie nahm ihre Berufung sofort an. Die erste Schwangere, der sie helfen konnte, war ihre Tochter Delmira. Die war 16 und erwartete ihr erstes Kind. Amazon dachte an die Geburt und wusste plötzlich, dass der wilde Ingwer Mangarataia die Wehen verstärkt, in eine Salbe mit Schlangenfett gerührt und auch als Tee. Hatte sie das in einem Gespräch ihrer Mutter mit anderen Hebammen erlauscht? Oder war es eine Eingebung? Amazon, mit den muskulösen Armen und den dichten dunklen Locken, kann nicht erklären, woher sie ihre Kenntnisse hat. Aber sie vertraut ihnen. «Ich weiss es einfach», sagt sie mit Nachdruck.

Sie weiss, dass Andirobaöl die Geburtsschmerzen erleichtert, dass Schildkrötenfett hilft, das Baby im Bauch in die richtige Stellung zu massieren, und eine Einreibung mit Rochenfett zuverlässig die Geburt auslöst. «Es ist so, wie es eben ist», sagt sie gelegentlich, als sei ihr Wissen eine Selbstverständlichkeit. In 17 Jahren ist nie etwas schiefgegangen. Amazon, die nur drei Jahre die Schule besucht hat, weiss intuitiv, was zu tun ist. Meist gar nicht viel. Ihre Tochter etwa hat sie nur mit der Mangarataia-Salbe massiert, schon kam der Enkel so leicht und schnell auf die Welt gepurzelt, dass Amazon ihn nur auffangen musste. An diesem Abend sitzt die inzwischen 33-jährige Delmira neben ihrer Mutter in der nachtdunklen Gasse, im Bauch das achte Kind. Sie lacht und sagt: «Bei der Geburt wird nur Mama dabei sein!» Hebamme werden möchte sie trotzdem nicht.

Als Amazon gerade wieder die Beine einziehen will, um ein Motorrad vorbeizulassen, bremst der Fahrer scharf und hält vor ihr an. «Wohnt hier Amazonildes?», fragt er. «Die bin ich», sagt Amazon. Die Beifahrerin, eine junge Frau im goldenen Minirock, klettert umständlich vom Motorrad, tritt näher und bittet mit leiser Stimme: «Kannst du mich untersuchen – ich bin im fünften Monat und habe seit Tagen Schmerzen in der Leiste.» Eine Freundin habe ihr die Dienste von Amazon empfohlen. Nur so finden die Frauen zur Hebamme, an ihrem blau gestrichenen Haus ist kein Hinweis auf ihre Fähigkeiten zu finden. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand nach einer Medizin fragt oder ein Baby im Bauch zurechtzurücken ist, puxação nennt man diese Kunst in Amazonien.

Amazon schlüpft in ihre Flip-Flops und geleitet die junge Frau ins Wohnzimmer mit Wänden aus unverputzten Ziegeln und einem Fussboden aus rohem Estrich. Sie schiebt ein Tuch zur Seite, die beiden treten in das halbdunkle Schlafzimmer, in dem eine dünne Matratze als Behandlungsliege dient. Amazon kniet neben der Patientin nieder, schiebt vorsichtig deren Bluse hoch, verteilt harzig riechendes Andirobaöl auf der Haut und beginnt mit kräftigen Griffen nach dem Baby zu tasten. Sie drückt dabei tief in die weichen Stellen, um die Konturen des kleinen Körpers genau zu erfühlen. «Hier ist er», sagt sie nach ein paar Minuten und zeigt mit den Händen eine halbrunde Form an: «Wie eine kleine Bohne liegt er hier, alles in bester Ordnung.» Amazon lächelt dabei so zufrieden, als ginge es um ihr eigenes Kind. Ihre Prognose nach weiterem Tasten: «Ich würde sagen, das ist ein Junge!» Dann arbeitet sie sich vor bis zur schmerzenden Leiste, hält inne, drückt zu und stellt fest: «Hier tut es weh.» Die Patientin nickt. «Blasentzündung», diagnostiziert Amazon ohne Zögern. «Nicht gefährlich, aber du solltest das behandeln. Wenn du möchtest, kann ich dir eine Medizin machen.» Sie verreibt noch ein wenig Öl auf der schmerzenden Stelle und massiert sie zart, bis die Patientin sich bedankt, es gehe ihr schon viel besser. Die Medizin möchte sie nicht. Wenig später sind die beiden in der Nacht verschwunden. Umgerechnet zwei Euro hat sie Amazon als Dank in die Hand gedrückt.

Die brasilianischen Kräuterkundigen und Hebammen sehen ihre Berufsausübung oft als eine Verpflichtung, ihr von Gott gegebenes Talent zu nutzen. Deswegen verlangen sie kein Geld für ihre Tätigkeiten. Jeder kann geben, was er für richtig hält. «Wenn mich jemand fragt, was es koste, sage ich: Es kostet nichts», erklärt Amazon, «manche geben wirklich nichts, aber am Ende des Tages kommt doch fast immer etwas zusammen, um unsere Haushaltskasse aufzubessern.» Ihr Mann verkauft Holzkohle und Maniokmehl, und ihr Sohn, der als Krankenpfleger arbeitet, trägt ebenfalls zur Haushaltskasse bei – trotzdem ist sie nicht gerade üppig gefüllt. Rund 120 Hebammen gibt es in und um Maués, in jedem Viertel, in jeder Siedlung leben ein oder zwei der weisen Frauen. Die meisten von ihnen sind seit Jahren nicht mehr aktiv, weil die Krankenschwestern in den öffentlichen Gesundheitsstationen die Schwangeren zum Gebären ins Krankenhaus schicken.

Die anderen bringen vor allem Babys in die rechte Lage im Mutterbauch, sogar Drehungen aus der Steisslage können die Erfahrensten mittels puxação anregen. Sie nutzen Pflanzenöle wie das erhitzend wirkende Andirobaöl, Heilpflanzen, tierische Fette und selbstgerührte Salben. Diese Art natürliche Geburtsvorbereitung nehmen viele Frauen an – doch spätestens wenn die Wehen einsetzen, hören sie auf die Ratschläge der Krankenschwestern und gehen ins Krankenhaus. Sogar die indigenen Frauen, die kaum Portugiesisch können, aus weit abgelegenen Dörfern. Sie reisen in die Stadt und warten dort oft bis zu einem Monat ohne Begleitung auf die Geburt. «Manchmal schickt der Beamte der Indigenenschutzbehörde Sateré-Frauen zu mir, weil ich sie wenigstens ein bisschen verstehe», sagt Amazon.

Vor allem aber empfängt sie Schwangere aus der Stadt, die eine puxação möchten, oder Kranke, denen die konventionelle Medizin nicht helfen konnte. Amazons Tochter Delmira zeigt auf ihrem Handy ein Video, das eine Freundin gedreht hat, als Amazon ihrer Nachbarin Eva Cristina bei deren fünfter Geburt half: Die Schwangere geht im Mondlicht in ihrem Garten auf und ab, eins mit sich selbst und friedvoll sieht sie aus. Tief konzentriert und mit nach innen gerichtetem Blick sitzt die Hebamme daneben, ihre Hände bewegen sich leicht, bereit, jederzeit zuzupacken, wenn es nötig ist. Im nächsten Bild salbt sie liebevoll Evas Bauch mit Andirobaöl. Aus einer Schüssel voll geriebenem Mangarataia bereitet sie einen Tee, um die Wehen anzuregen. Sie zeigt der 34-Jährigen, wie sie sich zur Geburt an der Hängematte und an ihrem Mann festhalten kann, und reibt ein wenig Guaranánuss in eine Kalebasse mit frischem Wasser für das sapó genannte Ritual. Der anregende Trank, der rituell unter Indigenen eingenommen wird, soll Eva stärken. Als die Wehen kurz darauf heftiger werden, kniet Amazon vor Evas Schoss, bedeutet ihrem Mann, wie er die Gebärende noch besser unterstützen kann, ist einfach da, mit ihrer Kraft und Ruhe, als der Kopf der kleinen Cecilia den Weg ins Licht findet und kurz darauf auch der Babykörper mit Schwung aus dem Bauch der Mutter in ihre Hände gleitet.

Minutenlang umarmen sich Eva Cristina und Amazon, als die Hebamme sie und ihre Kinder zwei Jahre später wieder einmal besucht, um in Evas Garten Kräuter zu sammeln – die vereinbarte Bezahlung für die Geburtshilfe. Die gemeinsam erlebte Intimität hat sie zusammengeschweisst, umso mehr, als Nachbarinnen und Verwandte vorher gewarnt hatten, Eva müsse wahnsinnig sein, um sich eine Geburt zu Hause zuzumuten. «Amazon verwandelt sich während der Geburt in einen anderen Menschen, beinahe wie in Trance», sagt Eva. «Ich habe mich in ihrer Gegenwart die ganze Zeit ruhig und sicher gefühlt.» Beide strahlen in der Erinnerung. Dann bekommt Amazon wieder den konzentrierten, leicht abwesenden Blick. Sie hat Heilpflanzen entdeckt, die sie mitnehmen möchte. Es ist, als kommuniziere sie auf eine ganz unmittelbare Weise mit den Pflanzen, als sprächen diese zu ihr. Zielstrebig durchschreitet sie den kleinen Garten und sammelt, was ihr gegeben erscheint. Tatsächlich wird sie noch am selben Abend eine der hier gepflückten Pflanzen brauchen, um einer Nachbarin zu helfen.

 


China

NAN YANG

 

Es war in der elften Klasse. In einem Wahlpflichtkurs, der von über zweihundert Studierenden belegt worden war, sah Zhang Hui einen Dokumentarfilm über eine Geburt und erfuhr zum ersten Mal, wie Kinder auf die Welt kommen. Wie die meisten der Schülerinnen im Hörsaal war sie zu Tode erschrocken.

Die Gebärende schrie und heulte vor Schmerz Rotz und Wasser, verlor unkontrolliert Urin und Kot und blutete furchtbar. Ihre Verwandten, anfänglich voller Vorfreude, wurden sichtlich ängstlicher und schliesslich ganz verzweifelt: Warum in aller Welt tun sich die Leute das an?, fragte sich Zhang Hui. Für sie stand nach diesem Film lange Zeit fest, dass sie niemals Kinder bekommen wollte.

Filme von gebärenden Frauen sind in China beliebt und werden gerne zum Lobpreis der Mutterschaft eingesetzt. Im Douban-Netz, einer chinesischen Filmdatenbank, drehen sich drei der zehn beliebtesten heimischen Produktionen um das Thema Geburt. Und die meisten davon zeigen extrem schwierige Geburten. In Chatforen werden die darstellerischen Fähigkeiten von Schauspielerinnen anhand von gelungenen Darbietungen schwieriger Geburten beurteilt. So wie viele andere chinesische Frauen hat auch Zhang Huis Mutter die Erfahrung ihrer eigenen Geburt nie mit ihrer Tochter geteilt, erst der Dokumentarfilm weihte Zhang Hui in die Vorgänge im Kreisssaal ein.

Dennoch entscheidet sich Zhang Hui einige Jahre später mit ihrem Mann dafür, ein Baby zu bekommen.

Sie geht zur Voruntersuchung in Pekings bekanntestes städtisches Krankenhaus. Ein öffentliches Krankenhaus in China bedeutet Gewährleistung medizinischer Grundversorgung (gegen geringe Gebühren), gute Ärzte, aber knappe Ressourcen. Es gibt nicht genügend Stühle, so dass die schwangeren Frauen reihenweise an die Wand gelehnt im Wartezimmer ausharren müssen. Eine Krankenpflegerin erledigt schnell und wenig zimperlich die Blutabnahme. Hier möchte Zhang Hui kein Kind bekommen. Also macht sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Privatklinik und entscheidet sich am Ende für die mit dem besten Ruf – eine internationale, 2004 gegründete Klinik, die 100 000 Yuan (14 000 Schweizerfranken) für die Geburt kostet, das Zwanzigfache der Kosten für ein öffentliches Krankenhaus. Zhang Hui muss die Kosten zu hundert Prozent selbst tragen.

Als sie den Vertrag mit der Klinik unterschreibt, hört sie zum ersten Mal den Begriff «schmerzfreie Geburt». Sie studiert inzwischen an einer der renommiertesten Universitäten Chinas, aber von fortschrittlichen medizinischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe man die Geburtsschmerzen lindert, die zu den schlimmsten Schmerzen gehören, die ein Mensch erleiden kann, ist ihr oder ihren Kommilitoninnen bis dahin nichts bekannt gewesen.

Weil Fachpersonal fehlt und der medizinische Standard nicht dem amerikanischen und europäischen entspricht – wo schmerzlindernde Methoden bei 85 Prozent der Geburten eingesetzt werden –, profitieren nur zehn Prozent der Chinesinnen von solchen Methoden. Und meist auch nur dann, wenn die Frauen in einer Privatklinik gebären. 

Einige wohlhabende chinesische Frauen entscheiden sich dafür, ihr Kind gleich in den USA zur Welt zu bringen, wobei das vorrangige Motiv dafür der Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft ist. In China sind es allein luxuriöse Privatkliniken oder die wenigen internationalen Abteilungen staatlicher Krankenhäuser, in denen schwangeren Frauen eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Beratung und humane Bedingungen im Kreisssaal angeboten werden.

In der Privatklinik helfen Zhang Hui allein schon die hellblau statt in herkömmlichem Weiss getünchten Wände, um sich zu entspannen. In dieser Klinik, in der bereits die mondäne Architektur auf die gehobene Ausstattung hinweist, wirken die meisten hochschwangeren Frauen guten Mutes. Zhang Hui ist hier bis jetzt noch keiner Frau begegnet, die so verzweifelt schien wie in dem Dokumentarfilm aus ihrer Schulzeit. Die Ärzte sind geduldig, ganz anders als das gehetzte Personal der staatlichen Krankenhäuser. Der Anblick von spielenden Kindern auf den breiten Gängen zaubert Zhang Hui ein Lächeln auf das Gesicht. Glücklich streicht sie sich über den Bauch. Inzwischen hat sie an den zehn Sitzungen zur Schwangerschaftsvorbereitung teilgenommen, hat Erkenntnisse über ihren eigenen Körper gewonnen und die Angst vor den Risiken einer schmerzfreien Geburt verloren.

Für Zhang Hui ist der wichtigste Punkt bei der Entscheidung für die Privatklinik die Garantie grösstmöglicher Schmerzfreiheit. Sie will auf keinen Fall leiden müssen oder sich den Wunsch nach einem zweiten Kind durch die bei der ersten Geburt erlittenen Schmerzen verderben lassen.

Als kurz vor dem Geburtstermin die Wehen einsetzen und Zhang Hui bei der Einlieferung in die Klinik unmenschliche Schreie auszustossen beginnt, eilt ein Arzt herbei und verabreicht ihr ein extrem starkes Betäubungsmittel. Zahlreiche Gebärende empfinden allein die Verabreichung eines Betäubungsmittels als einen Schritt von der Hölle ins Paradies.

Doch was müssen diejenigen Chinesinnen durchmachen, die sich keine schmerzfreie Geburt leisten können? In Regionen, in denen es an medizinischer Versorgung mangelt, gilt der Kaiserschnitt als probates Mittel, um die unerträglichen Schmerzen bei der Geburt zu vermeiden.

Im September 2017 unterschrieb die kurz vor der Entbindung stehende Ma Rongrong aus der zentralchinesischen Provinz Shaanxi nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus eine Vollmacht, die ihrem Ehemann das unbeschränkte Entscheidungsrecht an ihrer Stelle übertrug. Obwohl Ma Rongrong sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte, befand ihr Mann, dass die Kosten für einen Kaiserschnitt zu hoch seien, und verweigerte den operativen Eingriff.

Eine Stunde später stürzte sich Ma Rongrong aus dem fünften Stock des Krankenhauses.

Zhang Hui bringt völlig ohne Komplikationen ihre Tochter auf die Welt. Danach hat sie ein Einzelzimmer für zwei Tage, die Klinik stellt Babysachen und Windeln zur Verfügung, nichts davon muss sie selbst mitbringen – ein weiterer Unterschied zu den staatlichen Krankenhäusern.

Drei Tage nach der Geburt wird Zhang Hui in eine Wochenbett-­Klinik verlegt, 150 000 Yuan (1300 Schweizerfranken) für einen Monat. Das Geld haben ihr die Eltern spendiert. Diese Klinik liegt ausserhalb Pekings, ein dreistöckiges Gebäude inmitten von viel Grün und an einem künstlichen kleinen See.

Sie hat für achtundzwanzig Tage ein Menü mittlerer Preisklasse gebucht. Täglich serviert ein persönlicher Zimmerservice ihr die Mahlzeiten. Weiteres Fachpersonal übernimmt die Wäsche, Ganzkörpermassagen, die Anleitung zur Förderung der Milchbildung, Nach­geburts-­Yoga und Beckenbodengymnastik.

Ihr Zimmer hat etwa dreissig Quadratmeter, und das eigene Bad ist ganzjährig beheizt. Die meiste Zeit über ruht sie sich aus, während eine besondere Pflegekraft sich um ihre Tochter kümmert. Wenn sie das Mädchen sehen will, kann sie einfach den Fernseher einschalten, auf dem ihr per Webcam jede Bewegung ihres Babys übertragen wird. Natürlich kann sie auch jederzeit läuten und sich von der Pflegerin das Kind im Kinderwagen an ihr Bett bringen lassen.

Das Baby wird in einem Zimmer mit konstanter Raumtemperatur versorgt und täglich von der Pflegerin hinaus in die Sonne gebracht. Wenn es Zeit zum Stillen ist, bringt sie es zu Zhang Hui. Die Fachärzte der Klinik begutachten täglich die Entwicklung des Kindes und sorgen im Fall von Zhang Huis Tochter zum Beispiel dafür, die ersten Anzeichen eines Lippengeschwürs zu bekämpfen.

In der Wochenbett-Klinik zu leben, bedeutet auch, sich ein kleines Stück Unabhängigkeit zu bewahren. Besonders bei einer jungen Frau, die ihr erstes Kind bekommen hat, überschlagen sich die Eltern und Schwiegereltern vor Fürsorglichkeit. Zu ihrem überschäumenden Enthusiasmus gehört dann auch, die Tochter oder Schwiegertochter im Wochenbett mit reichlich Fleisch und Fisch zu versorgen, damit sie wieder zu Kräften komme. «Dabei habe ich in meinen Schwangerschafts-Vorbereitungskursen gelernt, dass es gar nicht gut ist, nach der Geburt so viel Fleisch zu essen, das Fett belastet den Organismus», sagt Zhang Hui.

Doch auch in der Wochenbett-Klinik stellen die Grosseltern eine Menge Regeln auf. Keine Klimaanlage, bloss nicht herumlaufen und auf gar keinen Fall waschen! In den Tagen gleich nach der Geburt kümmert sich Zhang Huis Mutter um sie und wacht streng darüber, dass sie sich bloss nicht wäscht. «Ich kam mir vor wie eine stinkende Made, es war unerträglich.» Zu Hause hätte sie mit ihrer Mutter deswegen um einen zähen Kompromiss ringen müssen, in der Wochenbett-Klinik gibt es zum Glück einen Service zur «trockenen» Wäsche mit chinesischer Medizin. 

In den zwei Wochen bevor sie in die Wochenbett-Klinik gekommen ist, hat Zhang Hui alle Mühe gehabt, in ihre Mutterrolle zu finden, zu lernen, wie man die Milchpumpe benutzt, wie man stillt, wie man das Kind wickelt. Jetzt geniesst sie es, ihr Baby jeden Tag in neue, schöne Kleider zu stecken und das Mädchen mit dem Smartphone zu fotografieren.

«Die Geburt meines Kindes.»

 


Schweiz

ANDRES EBERHARD

 

Wir spazieren ums Haus, zum nahen Spielplatz, ein Waschgang bei 30 Grad dauert 59 Minuten, so lange hat mein Sohn Zeit für Schaukel, Rutschbahn und um die Quartierkatze zu streicheln.

Bald geht es los, hat sie gesagt, bald ruft sie die Hebamme an, bald fahren wir ins Spital, aber die Wehen sind noch nicht regelmässig, sie will sich sicher sein, bevor wir losfahren. Sie zählt nun die Abstände, die Minuten zwischen den Wehen, geh du nur raus mit dem Kleinen, und mach die Wäsche, sagt meine Frau. Der Kleine spielt mit dem Besen, ich nehme die Kleider aus der Trommel, hänge sie an die Wäscheleine, so wie jeden Dienstag, zumindest seit meine Frau hochschwanger ist und ich den Wasch- mit meinem Papatag kombiniere. Bald geht es los, hat sie gesagt, das Kind im Bauch, unser zweites, will es so. Eine Tochter, so viel wissen wir.

Zwei Jahre vorher, Geburt unseres ersten Kindes, ein Sohn, so viel wussten wir. Es ist sechs Uhr morgens, meine Frau liegt seit Stunden in der Badewanne im Spital, die Hebamme und ich sitzen auf Stühlen zu beiden Längsseiten der Wanne, die Köpfe auf unsere Handrücken gelegt, die gefalteten Arme auf den Rand der Wanne gestützt. Alle paar Minuten, immer, wenn die nächste Wehe kommt, hebe ich den Kopf, atme mit, so wie es die Hebamme auch tut. Ob es meiner Frau wohl hilft, die Schmerzen zu ertragen?

Wir Männer gehören während der Geburt an die Seite unserer Frauen, heisst es.

Meine Frau steigt aus der Wanne und aufs Spitalbett, das Baby rutscht nicht nach unten ins Becken, obwohl die Schmerzen immer stärker werden, eine Stunde, mehrere Stunden, irgendwann sagt die Hebamme, es sei nun Zeit für eine schmerzstillende Periduralanästhesie (PDA), lässt einen Anästhesisten kommen. Ich atme auf, endlich, doch als der Arzt kommt – ich rieche die Morgenzigarette noch in seinen Kleidern, sein Namensschild hängt verkehrt herum an seinem Kittel –, ahne ich Schlimmes. Für die PDA muss sich meine Frau ruhig auf einem Hocker nach vorne beugen, wie bitte soll das gehen bei diesen Schmerzen? Doch schlimmer noch, sie leidet auch danach weiter, vier Stunden, fünf Stunden, und weiss nun nicht einmal mehr, warum. Kurz vor Mittag die Gewissheit: Der Anästhesist hat das Ziel verfehlt. Noch einmal auf den Stuhl, eine Anästhesistin mit richtig montiertem Namensschild wagt den zweiten Versuch. Eine Qual, meine Frau leidet, ich leide mit, doch endlich wirkt die Spritze: Meine Frau entspannt sich, nun geht es vorwärts. Weil sie aber mit ihren Kräften am Ende ist und das Baby offenbar auch, drückt die Ärztin mit ihren Handflächen auf den Bauch, es hilft. Um 13 Uhr, nach 15 Stunden, ist unser Sohn auf der Welt. Die Ärztin hält mir auf dem Chromstahltablett eine Schere hin. Ich schneide.

Am Abend, als wir das Wunder der Geburt, die warmen Gefühle und die Erleichterung ausgekostet haben, fallen wir in einen tiefen Schlaf. Unser Sohn liegt zwischen uns auf dem Spitalbett. Und schreit. Einer von uns müsste jetzt aufstehen und sich kümmern. Ich kann nicht. Sie erst recht nicht, zu erschöpft. Ich drücke den Knopf, eine Pflegerin kommt, wickelt und wiegt, ich versuche wieder einzuschlafen, aber ich kann nicht, Schuldgefühle plagen mich, das wäre doch mein Job gewesen. Ich stehe auf und schaue der Schwester zu, stehe daneben wie gelähmt. Ich bin hier, bin Teil der Wickelszene – und tue nichts. Das sollte ich doch noch hinkriegen, sage ich zu mir, aber nach einer Nacht ohne Schlaf, mitgefühlten Schmerzen und taub vor Überforderung, schaffe ich es nicht.

Wir Männer gehören während der Geburt an die Seite unserer Frauen. Warum eigentlich?

Eine Studie aus Kanada zeigt: Geburten gehen schneller voran, wenn der werdende Vater nicht dabei ist. Weil sich viele Frauen in Anwesenheit des überforderten Mannes nicht entspannen können. Oder anders gesagt: Ein Mann kann an der Seite seiner Frau wenig richtig, aber vieles falsch machen. Und das, was heute wissenschaftlich erwiesen ist, war früher gesunder Menschenverstand: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war für Väter ein Platz im Nebenzimmer vorgesehen. Man durfte rauchen. Man durfte trinken. Man musste nur eines: warten. Die Spitäler verboten es den Männern, ihre Frauen in den Gebärsaal zu begleiten.

Warum, zeigt das Beispiel von Ricky, Star aus I love Lucy, der beliebtesten amerikanischen TV-Show der fünfziger Jahre und damit Vorbild für viele Männer seiner Zeit. Der Plot: Ricky ist Entertainer in einem Nachtclub, Lucy ist Hausfrau, wäre aber lieber ebenfalls Künstlerin. Dann wird Lucy schwanger. In der Folge Lucy Goes to the Hospital ist es so weit. Zuerst probt Ricky mit einem befreundeten Paar den Moment, wenn Lucy aus dem Schlafzimmer kommt und das Zeichen zum Aufbruch gibt. «Das Wichtigste ist, dass wir ruhig bleiben, damit Lucy sich nicht aufregt», sagt Fred, Rickys Freund. Guter Vorsatz, doch natürlich bleibt niemand ruhig, als es losgeht. In wilder Panik schreit Ricky erst seine Freunde, danach Lucy an, schlägt ihr im allgemeinen Durcheinander die Türe ins Gesicht. In der nächsten Szene wird er, wegen eines Schwächeanfalls im Taxi, im Rollstuhl ins Spital geschoben. O Ricky!

Warum ist das lustig? Weil es bei einer Geburt immer anders kommt, als man denkt. Und weil Ricky genau die Gefühle verkörpert, die Väter bei einer Geburt verspüren, auch heute noch: Überforderung und Ohnmacht.

Die Wäschetrommel dreht sich, 30 Grad, Hand an Hand mit unserem Sohn bin ich die drei Stockwerke zurück in die Wohnung gestiegen. «Die Wehen werden stärker», sagt sie, sie rufe nun die Hebamme an, daraufhin verständige ich ihre Mutter, die auf den Zweijährigen aufpassen soll. Die Hebamme sagt: «Es ist Zeit, treffen wir uns im Spital.» Die Schwiegermutter: «Komme sofort!» Ich schaue auf die Uhr, etwas Zeit bleibt uns noch, und vermutlich werden wir länger weg sein, im Spital, also werfe ich eine Ikea-Einkaufstasche über die Schulter und eile hinunter in den Keller. Während ich dort die Wäsche aufhänge, schafft es meine Frau, so erzählt sie es mir später, gerade noch ins Badezimmer, geht in den Vierfüsslerstand – und unser Sohn stösst von aussen die Türe zu. «Papa, Papa!», ruft er.

Ricky hatte es einfach. Seinen Stolz, sein Selbstverständnis, sein Mannsein schöpfte er aus seiner Rolle als Ernährer. Wenn er von Frauenthemen wie der Geburt keine Ahnung hatte, lachte man nicht über ihn als einzelnen Mann – sondern über alle anderen auch. Hach, diese Männer!

Doch die Zeiten haben sich geändert. Von uns Männern wird erwartet, dass wir dabei sind, immer dabei sind, auch schon während der Schwangerschaft. Dass wir wissen, wie schwer der Fötus im Bauch in Woche soundso ist, dass wir in der Elternberatung fragen, warum das Baby schreit, dass wir in Büchern Rat suchen, wenn es nicht schlafen will. Und bei der Geburt wird uns die Schere hingehalten wie einem Regierungschef bei der Eröffnung eines Strassentunnels. Doch wozu? Man sollte es laut herausschreien: Männer, ihr könnt bei einer Geburt wirklich gar nichts tun!

Mir hätte dieses Wissen vielleicht die Schuldgefühle erspart, die mich später heimsuchten. Ich spürte sie tagsüber, als ich das Chaos zurücklassen, bei der Arbeit auch mal eine Kaffeepause machen konnte. Und ich spürte sie in der Nacht, als ich nicht wach sein musste, um zu stillen. Ich kochte, putzte, wusch und wickelte, was das Zeug hielt, ganz moderner Mann. Ich fing sogar an zu backen, wünschte mir zu Weihnachten ein Muffinblech. Doch fühlte ich mich ähnlich ohnmächtig wie während der Geburt: Genauso wie damals die Schmerzen konnte ich meiner Frau auch das Stillen und die riesige Verantwortung für das Neugeborene nicht abnehmen. Es dauerte, bis ich begriff: Statt mit Haushaltarbeit mein schlechtes Gewissen zu kompensieren, hätte ich besser meine Rolle während der Geburt und in der Folgezeit akzeptiert: jene des Gehilfen.

«Ruf die Hebamme!», schreit meine Frau, als ich, zurück in der Wohnung, die Tür zum Badezimmer aufziehe. Ich hole ihr Handy, sogar die Nummer der Hebamme muss sie selbst suchen (zumindest das hätte ich ihr abnehmen können, rügt mich meine Frau heute), und als diese über den Lautsprecher mit uns verbunden ist und sich abzeichnet, dass wir bis zur Geburt hier im Badezimmer bleiben werden, frage ich in die Leitung: «Was soll ich tun?» «Das Baby auffangen!», antwortet die Hebamme.

Doch meine Frau ist schneller, hat ihre Hände da, wo sie sein müssen, befreit das Baby von der Nabelschnur um den Hals, als hätte sie den Handgriff zuvor Hunderte Male trainiert, als wäre es das Natürlichste auf der Welt – was es ja irgendwie auch ist. Und doch finde ich es unglaublich, sie so zu sehen. Wie sie das Baby im Arm hält, vertraut, innig, liebevoll, sicher, bis die Hebamme kommt. Unsere Tochter sei gesund, sagt die Hebamme, später bestätigt das auch ein Arzt. Erst da kommen uns die Tränen, vor Freude, vor Erleichterung, vor Glück, wie bei unserem ersten Kind, nur ist keine Schar von Ärzten, Hebammen und Anästhesisten um uns versammelt. Wir haben den Moment für uns allein.

Ob ich wieder dabei sein würde? O ja. Auch wenn ich nur der Zuschauer eines solchen Wunders sein kann, würde ich immer einen Platz in der ersten Reihe wählen. Und meine Frau sagt, sie sei froh gewesen, dass ich da war. Einfach nur da.

 


Kenya

PATRICK MAYOYO

 

Das Erste, was ich beim Betreten der Reproductive Health Clinic im Kenyatta National Hospital vernahm, war der schmerzerfüllte Schrei einer Frau. Sie war als medizinischer Notfall auf der Fistelstation eingeliefert worden und wimmerte vor Schmerzen. Ein grossgewachsener, schlanker Mann, vermutlich ihr Gatte, versuchte verzweifelt, sie zu beruhigen, er schwitzte vor Anspannung. Die beiden warteten darauf, dass der diensthabende Arzt sie endlich aufrufen würde.

Ich war mit dem Treiben in der immer montags geöffneten Klinik gut vertraut, schliesslich war es bereits mein fünfter Besuch in drei Wochen; ich wollte Interviews mit Fistelpatientinnen und dem medizinischen Personal führen. Rund 3000 Frauen erkranken in Kenya jährlich an einer sogenannten obstetrischen Fistel, was mit einer extremen Stigmatisierung verbunden ist. Nach etwas mehr als einer Stunde Wartezeit rief mich die Krankenschwester in das Sprechzimmer des leitenden Stationsarztes, Doktor Weston Khisa.

Man stellte mir Sabina vor, 26 Jahre alt, eine kleine, gut gebaute und herzliche Frau, die in Begleitung ihres Mannes David gekommen war. Die ersten Komplikationen durch die Fistelerkrankung habe sie im April dieses Jahres gespürt – nachdem sie im Anschluss an vier Fehlgeburten erstmals erfolgreich entbunden hatte, so erzählte sie mir. «Trotz der Fehlgeburten war ich voller Vorfreude, als die Geburt schliesslich bevorstand. Aber das Schicksal wollte, dass ich auch dieses Baby verlor, nach der Entbindung», sagte sie leise. Dabei hatte sie diesmal alle notwendigen Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen, einschliesslich der erforderlichen Klinikbesuche, und war zur Geburt ins Krankenhaus gegangen, was nicht für alle gebärenden Frauen in Kenya der Standard ist. Nach dem Tod des Kindes habe sie dann starke Unterleibsschmerzen bekommen, bevor schliesslich Blutungen und Inkontinenz dazukamen.

Erst nach der Einlieferung ins Kenyatta National Hospital zur gezielteren Behandlung wurde bei ihr eine Fistelerkrankung diagnostiziert. Es handelt sich dabei um eine Verletzung im Genitalbereich, die abnormale Verbindungen zwischen der Blase und der Vagina oder zwischen dem Darm und der Vagina zur Folge hat und zu Harn- beziehungsweise Stuhlinkontinenz führt. Das normalerweise trennende Gewebe hält dem Druck nicht mehr stand; Urin und Fäkalien gelangen in der Folge in die Scheide und verlassen den Körper dann auf diesem Weg. Ausgelöst werden kann eine solche Fistel durch eine überlange Geburt oder durch Geburtsstillstand. Zum Zeitpunkt unseres Treffens wurde Sabina gerade erst klar, was es bedeutet, an dieser Erkrankung zu leiden. Sie sagte, die Ärzte hätten ihr eine Operation zur Wiederherstellung empfohlen, doch woher sollte sie das Geld für die Kosten nehmen? «Sie haben mir gesagt, dass die Operation 20 000 Kenya-Shilling koste, rund 176 Euro. Aber im Moment weiss ich nicht, wie ich so viel Geld auftreiben soll. Meine Karte für die staatliche Krankenversicherung ist abgelaufen», sagte sie. Und Geld, um sie zu verlängern, hatte sie auch nicht. 

Ich erinnerte mich, dass die Regierung eine kostenlose medizinische Versorgung für schwangere Frauen eingeführt hatte, und fragte mich während des Gesprächs mit Sabina, warum es keine vergleichbare Initiative für Frauen gibt, die an Fisteln leiden. Tausenden von ihnen geht es so wie Sabina. Es sind diese Umstände, die dazu führen, dass die Mehrheit der Kenyaner, die sich keine Krankenversicherung leisten können, hinter Präsident Uhuru Kenyattas «Big Four Agenda» steht. Sie verspricht unter anderem eine allgemeine Krankenversicherung.

Ganz anders als Sabina ist es Brenda ergangen, die bereits vor zwei Jahren an einer obstetrischen Fistel erkrankte. Die 30-jährige Mutter von zwei Kindern hat eine schwer erträgliche Leidensgeschichte hinter sich: Nachdem sie ihr zweites Kind in Masii-Dorf – einem Ort mit rund 20 000 Einwohnern in Machakos County – ohne die Hilfe einer Hebamme zur Welt gebracht hatte, bildete sich bei ihr eine Fistelerkrankung aus, damit einhergehend ein permanenter Ausfluss und ein unangenehmer Geruch. Anfangs hatte Brenda sich zusammengeknüllte Baumwollwatte in ihre Unterhose gestopft, um den Ausfluss zu unterbinden; vergeblich. Was sie auch tat, er war nicht zu stoppen, genauso wie der Geruch. Was letztlich dazu führte, dass Brendas Ehemann sie verstiess. «Ich will keine stinkende Frau bei mir haben!», sagte er zu ihr. Auch die Frauen, mit denen sie vor ihrer Erkrankung zum Wasserholen gegangen war, gemeinsam Brennholz gesammelt und den Markt in ihrer Stadt besucht hatte, wandten sich von ihr ab – so wie letztlich die ganze Ortsgemeinschaft. Alle mieden Brenda. Nicht nur, weil sie fanden, sie stinke. Sondern auch, weil sie hinter ihrem Rücken tuschelten, Brenda könne verhext worden sein.

Die Menschen in Masii-Dorf leben in einfachen Häusern, die Wände gebaut aus Schlamm, ein Wellblech als Dach, Elektrizität und fliessendes Wasser gibt es nicht. Dafür gibt es den weitverbreiteten Glauben an Hexerei. «Ich wusste vorher nicht, dass Krankheiten dazu führen können, dass die Leute einen hassen, aber jetzt weiss ich es besser», erzählte mir Brenda.

Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Sie ertrug das Getuschel nicht mehr, die bekannten Gesichter, die die Strassenseite wechselten, wenn sie Brenda sahen, die Zurückweisung von solchen, die sie früher «meine Freundin» genannt hatten. Vor lauter Not zog sie mit den zwei Kindern zurück zu ihren Eltern. Ein eigenes Einkommen hat sie nicht; dort, wo Brenda lebt, arbeitet der Mann, die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder. Geld für sie oder die Kinder bekommt sie nicht von ihm. Und genauso wie Brenda geht es vielen anderen Frauen in Kenya – viel zu oft müssen sich die Erkrankten von mürrischen Ehemännern, Freunden und sogar Verwandten, die kein Verständnis für ihre Lage aufbringen, Sätze wie «Ich will keine stinkende Frau bei mir haben» anhören.

Fast zwei Jahre litt Brenda in aller Stille, bevor sie auf der Fistelstation des Kenyatta National Hospital (KNH) endlich Hilfe erhielt. Je intensiver ich mich mit ihrer Krankheitsgeschichte und der von Sabina auseinandersetzte, desto klarer wurde mir: Egal welche Worte man wählt, um die Fisteln zu umschreiben, immer ist die Krankheit für die Opfer mit Scham verbunden und führt dazu, dass manche von ihnen geächtet oder sogar von ihren Gemeinschaften verstossen werden. Ohne eigenes Verschulden werden sie zu sozialen Aussenseitern. Und ohne Geld haben sie kaum eine Chance, sich aus dieser Lage zu befreien. In der Folge müssen Tausende von Frauen in Kenya und dem restlichen Afrika isoliert und sozial abgeschottet leben – obwohl die Fisteln vermeid- und behandelbar sind. 

Weston Khisa, der leitende Stationsarzt im Kenyatta National Hospital und Chirurg mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung in der Fistelbehandlung, spricht von einer grossen Wissenslücke, die sich durch die Bevölkerung ziehe: Die allermeisten haben noch nie von Fisteln gehört. Gerade deshalb wird die Erkrankung in einigen Gemeinschaften mit Zauberei und Hexenwerk in Verbindung gebracht. «Es fehlt schlicht das Wissen über die Risiken von Schwangerschaft und Geburt», sagte er mir im Gespräch. Khisa berichtete, dass die kenyanische Regierung über das Gesundheitsministerium und gemeinsam mit Organisationen wie Amref Health Africa (Amref) oder der Danish International Development Agency (Danida) an verschiedenen Stellen im Land verstärkt über das Thema aufklärt und Behandlungsmöglichkeiten geschaffen hat. «Einmal im Jahr schlagen wir in verschiedenen Teilen des Landes Lager auf, in denen Fisteln durch Wiederherstellungsoperationen behandelt und Krankenschwestern und Ärzte geschult werden.» Drei von tausend Frauen im gebärfähigen Alter leiden in Kenya an Fisteln. «Wir haben festgestellt, dass diese Krankheit in Gebieten, wo starke kulturelle und traditionelle Vorbehalte gegenüber westlicher Medizin bestehen, verbreiteter ist als in anderen Landesteilen», sagte Khisa. Zudem sind Frauen, die in extremer Armut leben und keine Möglichkeit haben, im Krankenhaus zu entbinden, häufiger betroffen. Weltweit leiden drei Millionen Frauen an Fisteln – neunzig Prozent davon in Afrika südlich der Sahara und in Südostasien.

Sabinas Operation wurde schliesslich für Juni 2019 angesetzt, nachdem sie es doch noch geschafft hatte, ihre Versichertenkarte zu verlängern. So blieben ihr die soziale Ausgrenzung und die Scham, die Brenda durchleiden musste, erspart. Ich erkundigte mich nach ihrem Mann David und wie er mit ihrer Erkrankung umgehe. «Er hat mich seit der Fisteldiagnose toll unterstützt, und ich bin unglaublich stolz auf ihn», erzählte sie mir. Sabina glaubt, dass die Beratung im Kenyatta National Hospital dazu beigetragen hat, dass ihr Mann zu ihr steht. Er war dabei, als sie eingeliefert wurde und Sabina ihre Diagnose erhielt. «Die Schwestern haben ihm erklärt, dass meine Krankheit behandelbar ist und es sich keineswegs um etwas Unerklärliches handelt», sagte sie.

Zuletzt sprach ich im Dezember 2019 mit ihr. Die Operation zur Wiederherstellung hat sie mittlerweile hinter sich. Ihr gehe es gut, sagte Sabina. Ihr Mann, so erzählte sie mir, habe sie in der ganzen schwierigen Zeit unterstützt.


Mexiko

ALEJANDRA SÁNCHEZ INZUNZA

 

An einem Donnerstag im Januar 2019 brach Iris García im Sprechzimmer ihres Arztes verzweifelt in Tränen aus. Voller Angst fasste sie sich an ihren runden Bauch – in der 38. Schwangerschaftswoche –, während sie den Arzt die möglichen Risiken eines Kaiserschnitts aufzählen hörte: nachgeburtliche Blutung, Infektionen, Blutgerinnsel, Krankheiten des Kindes … Aber das kam gar nicht bei ihr an. Sie hatte zwar eine beneidenswerte Schwangerschaft gehabt, das Baby lag gut, und Mutter und Kind waren völlig gesund – dennoch hatte sie längst ihre Entscheidung getroffen, und kein Argument konnte sie umstimmen. Noch zwei Wochen bis zum Geburtstermin, aber sie konnte nicht länger warten: Iris García wollte einen Kaiserschnitt.

García, eine 31-Jährige, die als Trainerin für Therapiehunde arbeitet, sah ihre alten Hosen in Grösse S, betrachtete sich und vor allem ihre Hüften im Spiegel und war sich sicher, dass durch ihr enges Becken kein Baby würde herauskommen können. Sie hatte Panik vor den Wehen, dem Blut, dem Unerwarteten, abnormale Angst vor der Geburt, auch bekannt als Tokophobie. Monatelang versuchte sie, das zu ändern, sie belegte einen Geburtsvorbereitungskurs, um zu verstehen, was in ihrem Körper vor sich gehen würde, und suchte sich einen Arzt, der für natürliche Geburten war – kein Leichtes in Mexiko-Stadt, wo fast jede zweite Geburt per Kaiserschnitt erfolgt. Doch jedes Mal, wenn García an die Geburt dachte, erinnerte sie sich an ihren Vater, einen Allgemeinarzt, der immer gesagt hatte: «Das Beste für dich und dein Baby ist ein Kaiserschnitt.» Diese Überzeugung war auch unter ihren anderen Familienangehörigen und Freunden weit verbreitet. García hatte tragische Geschichten darüber gehört, wie unvorhersehbar und kompliziert eine Geburt sei, und der Kaiserschnitt stand für die einfache, schnelle und schmerzfreie Lösung. Viele Ärzte in Mexiko denken wie der Vater von Iris García. Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, dass nur in 10 bis 15 Prozent der Fälle ein Kaiserschnitt aus medizinischer Sicht wirklich gerechtfertigt ist. Mexiko steht auf der Liste der Länder mit den meisten Kaiserschnitten an fünfter Stelle. Der Grund ist auch: Geld. Das Geschäft mit Kaiserschnitten entwickelte sich in Mexiko Ende der 1980er Jahre mit der steigenden Zahl von Privatkliniken. Diese entstanden aufgrund der Unzulänglichkeiten im öffentlichen System, der Überlastung, der schlechten Ausstattung und schlechten Behandlung der Patienten. Wenngleich der Kaiserschnitt die Geburtshilfe revolutioniert und Millionen von Müttern und Babys das Leben gerettet hat, wurde der übermässige Einsatz doch zu einer regelrechten Plage. In Privatkliniken liegt die Kaiserschnitt-Rate bei fast 70 Prozent, teilweise sogar bei 90 Prozent. Manche Privatkliniken bieten Paketpreise mit zwei Nächten Krankenhausaufenthalt ab 1500 Euro an – das ist fast doppelt so teuer wie eine natürliche Geburt –, dabei sind Arzthonorare, etwaige Komplikationen oder Brutkasten noch nicht eingerechnet.

Die WHO gab 1985 ihre erste Empfehlung gegen unnötige Kaiserschnitte heraus, zugleich begannen die Eingriffe in der ganzen Welt häufiger zu werden. Bis heute wird die Hälfte aller Kaiserschnitte in Mexiko angesetzt, weil die Mutter davon überzeugt ist oder der Arzt darauf beharrt, sei es, um mehr für jede zusätzliche Nacht im Krankenhaus zu kassieren oder weil die Mutter keine Schmerzen haben möchte – oder sich ein bestimmtes Sternzeichen für ihr Baby wünscht.

Als Medizinstudent glaubte Doktor Christian Mera noch, eine Geburt habe routinemässig abzulaufen – in Rückenlage, mit hochgelagerten Beinen, mit PDA und Dammschnitt –, wie es in Mexiko seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts praktiziert wird, als die Hebammen aus den Krankenhäusern verdrängt wurden. Der Kaiserschnitt wurde immer üblicher. «Die Gynäkologen strebten aus Bequemlichkeit keine Vaginalgeburt mehr an, sie wollten mehr Freizeit und weniger Arbeit haben und mehr Kontrolle darüber, wann wo geboren wird. Damals hielten wir das für normal», erzählt Mera.

Im Jahr 2006, als er miterlebte, wie eine Doula, eine spezielle Geburtshelferin, eine Mutter begleitete, erkannte er, dass die Geburt eine fröhliche und angenehme Erfahrung sein kann, dass die Frau herumlaufen und essen kann, bis das Baby zur Welt kommt, und der Schmerz nicht passiv erduldet werden muss, sondern in eine positive Energie gewandelt werden kann. Er veränderte seine Praxis hin zur «respektvollen Geburt». Nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt – bei Querlage des Kindes, Plazentaablösung, Nabelschnurvorfall oder Herzproblemen des Babys –, macht er einen Kaiserschnitt. Und wenn es in den OP-Saal geht, gibt Mera sein Bestes, damit es keine traumatische Erfahrung wird. Es läuft Musik, der Vater ist mit dabei, der Arzt wartet ein paar Minuten, bevor er die Nabelschnur durchtrennt, und das Baby wird sofort der Mutter gegeben, damit es Hautkontakt hat und an die Brust gelegt werden kann. Das ist ein «humanisierter» Kaiserschnitt.

Unter seinen Kollegen ist Christian Mera aufgrund solcher Praktiken umstritten. In Mexiko-Stadt, wo jährlich 130 000 Babys zur Welt kommen, gibt es nur etwa 40 Ärzte, die eine humanisierte Geburt praktizieren. Die medizinische Routine, sagt Mera, entspreche nicht mehr dem Stand der Wissenschaft, doch es sei schwer, andere Menschen zu Veränderungen zu bewegen. Politiker begannen erst 2014, sich gegen Gewalt in der Geburtshilfe zu positionieren. Wenn Mera sagt: «Eine Geburt soll liebevoll sein», dann ist das tatsächlich auch so etwas wie eine politische Haltung. Seine radikale Wandlung hat ihn zu einer Vorgehensweise geführt, die er «respektvollen Kaiserschnitt mit aktiver Beteiligung der Mutter» nennt: Sobald der Arzt den Schnitt gemacht hat, holt die Mutter das Kind selbst aus ihrem Bauch. «Das ist schön, aber auch ganz schön heftig. Viele betrachten das als Show, aber für mich ist es eine Mini-Selbstermächtigung für die Frau, die keine natürliche Geburt haben konnte», erklärt Mera. Unter den 150 Geburten, die er pro Jahr normalerweise betreut (ein Kaiserschnittspezialist macht doppelt so viele), sind nur etwa 3 dieser Art. Ein noch radikalerer Schritt, den er selbst nicht praktiziert, weil er ihn für zu riskant und wenig natürlich hält, ist, das Baby aus eigener Kraft durch die Kaiserschnittwunde herauskommen zu lassen.

 

Während ihrer Schwangerschaft kam Iris García ins «Luperca», ein Müttergesundheitszentrum in der Nähe ihres Wohnorts Colonia Condesa, eines Viertels der gehobenen Mittelschicht in Mexiko-­Stadt. Inmitten von Fürsprecherinnen der humanisierten Geburt, von Stillen und respektvoller Kindererziehung, erfuhr sie, dass die hartnäckige Angst, die ihre Nerven zum Zerspannen reizte, einen Namen hat und sie nicht die einzige Frau war, der es so ging. Sie dachte daran, Geburtshypnose zu machen, um ihre Wehen wie eine Welle im Meer zu visualisieren, oder eine Doula zu ihrer Unterstützung zu engagieren, doch je weiter ihre Schwangerschaft fortschritt, desto grösser wurde die Angst. Sie wollte keine Schmerzen haben.

Ein Kaiserschnitt kann den Tod von Fötus und Mutter bedeuten, Schwierigkeiten mit dem Darm, einen Gebärmutterriss und auch gesundheitliche Probleme für das Baby. Aber in Mexiko ist der Glaube weit verbreitet, dass es ein harmloser Eingriff sei. «Warum gehst du zum Geburtsvorbereitungskurs, wenn du einen Kaiserschnitt möchtest?», fragte Iris Garcías Mann sie. Aber García wollte es so. In einem Land, in dem zwei von drei Kaiserschnitten unnötig sind, ist eine natürliche Geburt ein Akt des Widerstands.

Als Iris García den Geburtsvorbereitungskurs abgeschlossen hatte, wusste sie alles, was man über die Entbindung wissen muss, doch nichts von dem Gelernten nahm ihr die Ängste. Nichts auf der Welt schien schwieriger als Gebären. Sie dachte an den möglichen Dammriss, an mögliche Inkontinenz, an das Blut, den Schmerz. Sie dachte nicht nur an all die vielen Dinge, die schiefgehen könnten, sondern auch an die Konsequenzen, die es selbst dann, wenn alles gut liefe, für ihren Körper haben würde. Auch der geburtenfreundliche Arzt schaffte es nicht, Iris García davon zu überzeugen, ihr Baby ohne Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. «Ärzte sind dafür da, Operationen durchzuführen», sagte sie zu sich selbst. Aber es gelang ihm zumindest, dass sie bis zur 40. Woche wartete, und so planten sie den Kaiserschnitt für den 16. Januar, auf das Ende ihrer Schwangerschaft. Die letzten Wochen davor waren eine Tortur. Sie malte sich schreckliche Szenarien aus, in denen das Baby sie verletzte und sie die Beine spreizte, um es rauszulassen. Bei jedem Schritt hatte sie das Gefühl, die Wehen könnten gleich losgehen. «Ich wollte das nicht erleben. Ich hatte Panik», sagt García.

Eine Nacht vor dem geplanten Kaiserschnitt platzte die Fruchtblase. Sie rief ihren Arzt an und raste ins ABC-Krankenhaus in Santa Fe, eines der teuersten der Stadt. García war verzweifelt, weil nicht alles nach Plan lief und das Baby der Operation um ein paar Stunden zuvorkam. Sie begann, Wehen zu spüren. Ihre Ängste wurden Wirklichkeit. Der geburtenfreundliche Arzt untersuchte sie und sah, dass das Baby nicht hindurchpasste, also musste er nachgeben. Der Kaiserschnitt war berechtigt. Eine halbe Stunde später, ohne Schreie und ohne Schmerzen, hielt Iris García ihr Baby im Arm. «Es ist alles gut gegangen, weder mein Sohn noch ich sind traumatisiert. Ich habe es sehr genossen», sagt García heute. 

 

 


 

Für diese Rubrik arbeiten wir nach Möglichkeit mit Journalisten vor Ort zusammen: globaler Lokaljournalismus.

 

Christine Wollowski

Die Reporterin brachte vor acht Jahren in Brasilien ihre Tochter per ungewollten und nicht medizinisch indizierten Kaiserschnitt zur Welt. Umso berührter war sie von der Begegnung mit der Hebamme Amazonildes. Dafür war Wollowski mehr als zwei Tage unterwegs, 16 Stunden davon im Boot, in einer Hängematte schaukelnd.

 

Nan Yang

Während sie an der Geschichte über Luxusgeburten in China arbeitete, verlor die 26-jährige Autorin aus Schanghai die Angst vor dem Gebären: «Meine Interviewpartnerinnen zeigten mir Möglichkeiten, wie man sich bei einer Geburt wohlfühlen kann. Allerdings braucht man dafür in China eine riesige Menge Geld. Ich habe nun keine Angst mehr vor einer Geburt, bin aber deprimiert wegen meines Kontostandes.»

 

Andres Eberhard

Eigentlich dachte der 36-jährige Schweizer, dass er von den Geburten seiner beiden Kinder nie etwas vergessen werde. Als er seine Eltern fragte, wie es gewesen sei, als er zur Welt kam, erhielt er vage Antworten. Die Mutter erinnert sich an die Schmerzen und Glücksgefühle. Manchmal bringt sie Details ihrer drei Geburten durcheinander. Auch Andres’ Vater plagen Erinnerungslücken. Sicher ist: Er war bei allen Geburten dabei – und bereut es nicht.

 

Patrick Mayoyo

Der Autor lebt in Nairobi, bei der Arbeit an der Geschichte über Geburtsfisteln entdeckte er, dass das eigentliche Problem nicht die Krankheit selbst ist: «Ich war bestürzt von der Stigmatisierung, die manche Frauen aufgrund des fehlenden Bewusstseins für diese Krankheit in einigen Gemeinden durchmachen.»

 

Alejandra Sánchez Inzunza

Die Autorin aus Mexiko hat 2019 ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Während ihrer Schwangerschaft entwickelte sie eine irrationale Kaiserschnittangst. «Ich fing an, meinem Gynäkologen zu misstrauen. Ich hatte Angst, dass er meinen Bauch ohne Grund aufschneiden würde. Aber ich lernte, mich dem Geschehen hinzugeben. Babys kommen, wie auch immer sie kommen müssen.»

 

Übersetzerinnen: Karin Betz (Chinesisch), Nadine Alexander (Englisch), Silke Kleemann (Spanisch)