5 ×Smartphone

Bürgerwehr mit Whatsapp, Selbstvertrauen dank Instagram und wie eine App Frauen schützt: Das revolutionärste Teil seit der Erfindung des Rades verändert gerade die Welt.

Niren Tolsi, Ece Temelkuran, Javier Sinay, Olga Beschlej und Linus Reichlin

Diese globale Betrachtung zu einem Thema wurde finanziert durch den Reportagen-Recherchefonds (reportagen.com/recherchefonds).

Südafrika

Niren Tolsi

Es war mitten unter der Woche, Abendbrotzeit, als eine Nachricht auf den Handybildschirmen überall im Johannesburger Vorort Brixton aufflackerte, ganz wie einst die Feuer, die signalisierten, dass ein Angriff auf einen kolonialen Aussenposten erfolgt war: Ein Mitglied von Brixtons Gemeindesicherheitsnetzwerk hatte fünf Personen beobachtet, die sich in einer schmalen Gasse nahe dem Wasserturm «versteckt hielten», und sie «zur Rede gestellt».

«Wollten abhauen, habe sie aufgefordert, stehen zu bleiben und sie mit Taschenlampe geblendet», teilte der Mann den anderen Forumsmitgliedern mit. «Mussten sich an der Wand aufstellen, fünf Kinder zwischen 14 und 15. Habe gesagt, sie sollen nicht im Dunkeln rumlungern, sie machen sich sonst verdächtig. Behaupteten, sie würden nur abhängen. Sie könnten aber auch Böses im Sinn haben. Passt auf, falls sie sich eurem Haus nähern.»

Die erste Reaktion liess nicht lange auf sich warten: «Sie haben schon dreimal versucht, meine LED-Lampen an der Strasse zu klauen – bisher ohne Erfolg.» Wenige Minuten später behauptete ein anderer Nutzer des Forums, er sei im letzten Jahr auf dem Heimweg von der Arbeit «durch eine Gruppe von ihnen überfallen worden». «Sie» hätten Schuluniformen getragen und der Verfasser sei froh, dass man «sie sich jetzt vorgeknöpft» habe.

Eine wahre Nachrichtenflut folgte, voller unbelegter Behauptungen, eine Gruppe, die als jung, schwarz und «sie» beschrieben wurde, sei angeblich für diverse Straftaten verantwortlich. Anwohner empfahlen dem Verfasser der Ursprungsnachricht, Bewegungsmelder und «zusätzlichen Stacheldraht» an seinem Grundstück anzubringen, um die vermeintlichen Verbrecher abzuschrecken. Erst gegen Mitternacht kam der Nachrichtenstrom langsam zum Erliegen.

Solche digitalen Unterhaltungen, die manchmal sogar Vergeltungsakte nach sich ziehen, sind in den von der weissen Mittelklasse bewohnten Vororten von Südafrikas ausgedehnten Städten Teil des Alltags. Die hohe Kriminalitätsrate des Landes hat eine ganze Reihe von Nachbarschaftsnetzwerken auf Internetplattformen und bei Messengerdiensten wie Facebook, Whatsapp, Telegram und Zello hervorgebracht. Eine Art Frühwarnsystem gegen vermeintliche Straf­täter, die Hauseinbrüche oder Carjackings planen. Die Anwohner verständigen bei Vorkommnissen jeweils die Polizei oder private Sicherheitsdienste, in Südafrika eine boomende Branche mit jährlichen Millionen-Umsätzen. Andere Plattformen sind direkt mit der lokalen Polizeiwache verbunden. Wird eine vermeintliche Straftat beobachtet, melden die Mitglieder des Netzwerks diese innerhalb des jeweiligen Forums, auf das Polizei und private Sicherheitsdienste in Echtzeit zugreifen können. Was dadurch gefördert wird, ist aber nicht die Aufklärungsrate von vermeintlichen Verbrechen – sondern ein alter Rassismus, der in Südafrika nie aufgearbeitet wurde und sich nun neu Bahn bricht.

 

Shannon Moffet war selbst eine Zeit lang Mitglied in einem solchen Forum. Sie lebt in der Ostküsten-­Stadt Durban und sagt: «Sobald schwarze Männer oder Frauen auf der Strasse gesehen werden, entsteht der Eindruck, sie gehören nicht hierher, und so behandelt man sie dann auch – sie werden angehalten, ausgefragt, was sie hier wollten, und oftmals von den Forumsmitgliedern schikaniert. Obdachlose Kinder, die auf dem Bürgersteig schlafen, werden mit Desinfektionsmittel übergossen.»

In einem Land, in dem Schwarze während der Apartheid einen Dompas vorzeigen mussten (ein von den Behörden und weissen Arbeitgebern ausgestelltes Dokument, das ihnen erlaubte, sich in weis­sen Gebieten zu bewegen), haben sich rassistische Sprachcodes und Kürzel entwickelt, um ihre Gegenwart auf den Vorortstrassen zu beschreiben. Selbst im multikulturellen Vorort Melville in Johannesburg tauchen diese Codes immer wieder auf, vor allem am Wochenende, wenn die Leute zu Hause bleiben.

An einem Samstag in diesem Jahr ging eine Warnung an das Melville-Gemeindenetzwerk raus, ein «BM», ein «Bravo Male», bewege sich auf der Strasse. Ein Aufschneider. Diese und ähnliche Bezeichnungen halten sich hartnäckig im Sprachjargon der selbsterklärten Sicherheitswächter: «Farbige» beziehungsweise Männer mit gemischter Herkunft werden als «CM» oder als «Charlie Male» bezeichnet. Radikalere Mitglieder des Netzwerkes nennen die Menschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, sich auf öffentlichen Vorortstrassen zu bewegen, manchmal auch «Babas» – kurz für «Barbaren». Der «BM» jedenfalls sehe «verdächtig» aus, teilte der Verfasser der Nachricht mit. Unterstellungen von Diebstählen und Hauseinbrüchen verfolgten ihn digital, bis er schliesslich von ein paar stämmigen weis­sen Anwohnern zur Rede gestellt wurde. Und siehe da: Der «BM» war bloss auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle in der Bar- und Cafémeile entlang der 
7. Strasse in Melville, wo er als Kellner in einem Restaurant arbeitet.

 

An einem sonnigen Oktobernachmittag des letzten Jahres bemerkte Megan Furniss im zunehmend gentrifizierten Viertel Woodstock in Kapstadt eine Menschenmenge, die sich in einem Park bei ihr um die Ecke versammelt hatte. Ausserdem hörte sie eine Ziege «schreien». Laut ihrer Aussage in den sozialen Netzwerken versetzte die Szene sie in «Hysterie» und «Angst». Also wandte sie sich an die Face­book-­Seite des Gemeindenetzwerkes in Wood­stock. «Hilfe! Im Queens Park ist eine Ziege auf dem Kin­der­spiel­platz angepflockt. Riesige Menschen­menge rundherum. Ziege schreit. Weiss nicht, was ich machen soll? Helft mir bitte.»

Auf Drängen anderer Mitglieder des Netzwerkes verständigte Furniss schliesslich die Polizei. Die fragte, «ob die Ziege denn ein Verbrechen begangen» habe. «Falls nicht, seien sie nicht zuständig», berichtete Furniss auf Facebook. Panik machte sich unter den – ausnahmslos weissen – Anwohnern im Netzwerk breit. Eine von ihnen, Jennifer Bradley, fragte: «Was wollen die denn mit einer Ziege? Haben die etwa Sex mit ihr??»

Vor gerade einmal zehn Jahren war Woodstock ein überwiegend von «Farbigen» bewohntes Arbeiterviertel, in dem Menschen mit gemischter Herkunft, Malaien, Khoikhoi und San lebten. Heute findet man hier «The Test Kitchen», das vermutlich beste Restaurant des Landes, und an jeder Ecke moderne Cafés und schicke Wochenmärkte, die mit den weis­sen Kreativen und ihren jungen Familien in die einst russgeschwärzte Gegend gekommen sind. Mit dem Ende der Apartheid kam die Öffnung der zuvor nach Rassen getrennten Vorstädte, doch immer wieder gerieten die weissen Anwohner mit ihren neuen «schwarzen», «farbigen» und «indischen» Nachbarn aneinander.

«Weisse Vorstadtbewohner nehmen Schwarze ausschliesslich als Arbeitskräfte wahr», erklärt Nicky Falkof, Dozent im Bereich Medienwissenschaften und Autor des Buchs The End of Whiteness. «Früher hat man die Schwarzen in den weissen Vororten an ihrer Dienstmädchenuniform oder am Gärtneroverall erkannt. Sie wurden auf ganz gezielte Art als ‹anders› gekennzeichnet. Sehen sie heute zwei schwarze Männer in Alltagskleidung auf der Strasse, haben die Vorstädter Schwierigkeiten, mit dieser ‹Andersartigkeit› umzugehen, weil sie ihre kleingeistige, rassistische Wahrnehmung der Alltagsrealität noch nicht abgelegt haben», fügt Falkof hinzu.

Heute ist Südafrika ein über die Rassenthematik gespaltenes Land, in dem sich zunehmend die Erkenntnis ausbreitet, dass das «Regenbogen-Versöhnungs-Projekt» – welches fordert, in die Zukunft zu schauen und die Wunden der Vergangenheit weitestgehend zu ignorieren – so nicht funktioniert. Viele schwarze Südafrikaner möchten über die Apartheid reden und darüber, wie sie die weissen Südafrikaner nach wie vor privilegiert. Letztere weigern sich, die Vormachtstellung, die sie aufgrund der strukturellen Vermächtnisse der Apartheid noch immer geniessen, überhaupt anzuerkennen. Sie fühlen sich unwohl, wenn die Sprache auf die Vergangenheit kommt, und sagen dann gern, dass ihr eigener Platz in der Gesellschaft sie selbst verunsichere. Deshalb entstehen die Nachbarschaftsnetzwerke als geistige und digitale «Wagenburgen» – sie sind die modernen Varianten der Wagenkreise, welche die Buren bei ihrem kolonialen Vorstoss ins südafrikanische Hinterland um 1800 jeden Abend zum Schutz vor den «Eingeborenen» bildeten. Diese Wagenburgen sagen genauso viel über weisses Sicherheitsgefühl aus wie über mangelnde weisse Sensibilität. In Melville, wie in anderen ehemals weissen Vororten auch, erstreckt sich die Überwachung von der Strasse bis hinein in die Bars und Restaurants des Vorortes – und greift ins kulturelle Schaffen und in die freie Meinungsäusserung ein.

 

Immer mehr Anwohner von Woodstock beteiligten sich an der Ziegengeschichte in Kapstadt und drangen darauf, dass Furniss noch einmal zum Park gehen sollte, um «nach Blutspuren Ausschau zu halten» und Aufnahmen für den Tierschutzbund zu machen. Furniss versuchte, «rational» zu bleiben: «Ich glaube nicht, dass man in so kurzer Zeit ein Tier schlachten, häuten und zerlegen kann», antwortete sie. Kurz darauf berichtete ein anderer Nachbar, dass die Ziege verschwunden sei und es auf einmal nach gegrilltem Fleisch rieche. Nun brach endgültig Panik auf den Strassen aus – oder vielmehr in den Sesseln und Schlafzimmern der weissen Anwohner.

Schliesslich meldete sich ein anderer Bewohner von Woodstock, Siraj Waggie, auf Facebook zu Wort. Er teilte mit, dass die Menschen sich im Park versammelt hatten, um den siebten Geburtstag seines Sohnes zu feiern. Die Ziege war nur als Unterhaltung gedacht: «Mein Sohn ist ein grosser Tierfreund und will einmal Tierarzt werden.» Und an die Adresse all jener, die sich über eine angebliche öffentliche Schlachtung einer Babyziege aufregten: «Allen Tastaturkriegern, die uns der Sodomie bezichtigt haben, wünsche ich, dass sie ihren inneren Frieden finden mögen und ihre Energien zukünftig darauf verwenden, ein besseres Südafrika für uns alle zu schaffen.»

 


Kroatien

Ece Temelkuran

«NO! NO! NO!», sagte Ljiljana und unterstrich jede Silbe mit einer abwehrenden Handbewegung, als könne sie nicht ertragen, ein anderes englisches Wort zu hören. Sie wollte die Putzarbeit so schnell wie möglich hinter sich bringen und dann die Flucht ergreifen. Wir konnten uns nicht unterhalten, also wollte sie ganz offensichtlich nicht einmal, dass wir einander anschauten. Ich zeigte ihr, wo das Putzzeug stand. Immer wenn sie etwas holte, versuchte ich, Blickkontakt herzustellen, indem ich sie anlächelte und den Kopf so drehte, dass wir uns ansahen. Wir begannen, uns mit verschiedenen Arten von Lächeln zu verständigen. Erst das «Schade, dass wir nicht miteinander reden können»-­Lächeln, dann das «Was will man machen? Ist halt so!»-Lächeln, gefolgt vom «Ich fange dann besser mal an zu arbeiten»-Lächeln und dem «Das ist eine gute Idee»-Lächeln. Das letzte Lächeln kam von mir, es war das «Es tut mir wirklich leid, dass ich deine Sprache nicht sprechen kann»-Lächeln, gefolgt vom einem Lächeln, das sagte: «Möchtest du vielleicht einen Kaffee, bevor du anfängst?»

«Warum Zagreb?», steht auf einem Plakat am Flughafen der Stadt. Und die Antwort gleich darunter: Gutes Essen, toller Wein und freundliche Menschen. Genau das sage ich auch jedes Mal, wenn mir jemand diese Frage stellt, seit ich letztes Jahr von Istanbul hierher gezogen bin. Dort war ich zunehmend mit der Frage «Warum lebst du eigentlich immer noch in Istanbul?» konfrontiert worden. Also entschied ich mich für einen Umzug. Im Grunde bin ich nur von einer Frage zur nächsten gezogen.

Ich empfinde eine paradoxe Genugtuung in dieser Stadt, die Genugtuung, ihre Sprache nicht zu verstehen. Alle fremden Sprachen klingen im Ohr wie Musik, bis man beginnt, die Melodie in Bedeutungen zu zerlegen, indem man die Worte erlernt. Eine Sprache zu verstehen, zerstört ungemein viel. Das Verstehen bringt nicht nur die Musik zum Verstummen, sondern reisst uns auch aus unserer schützenden Unwissenheit. Ich höre nichts, was ich nicht hören will. Ich muss bewusst hinhören, wenn ich verstehen will. Und wenn ich selbst verstanden werden möchte, muss ich mein um Verständnis heischendes Touristenlächeln aufsetzen und die Leute fragen: «Sprechen Sie Englisch?»

Ansonsten rede ich mit meinem Lächeln. Wie mit Ljiljana, meiner Putzfrau.

Über die Jahre bin ich ziemlich gut darin geworden, ohne Worte zu kommunizieren. Als ich in Beirut lebte, putzte eine Somalierin mit einem erschöpften afrikanischen Lächeln, das strahlende Zähne zum Vorschein brachte, meine Wohnung, und in Tunis lehrte mich eine Putzfrau, dass man allein mit dem Gesichtsausdruck sogar Witze erzählen kann. Ein Jahr lang lachten wir uns einmal pro Woche kaputt. Ljiljana hingegen ist eine ernste Persönlichkeit mit strenger Arbeitsmoral. Bei jedem ihrer Besuche in meinem Zuhause fragt sie mich erneut, ob sie rauchen dürfe, obwohl sie längst weiss, dass ich selbst Kettenraucherin bin. Nach ein paar Wochen Schweigen kam ich zu dem Schluss, dass sie eigentlich eine sehr gesprächige Person sein muss. Ich merkte, wie ihr bei der Arbeit eine witzige Bemerkung oder ein Kommentar in den Sinn kam, wie sie sich umdrehte und jedes Mal frustriert war, ihre Gedanken nicht mit mir teilen zu können. Es folgte ein geknicktes «Echt schade»-Lächeln auf beiden Seiten.

Eine Putzfrau, die den Dreck einer anderen Frau beseitigen muss, ist an sich schon ein emotionales Minenfeld, ein unklares Dienstleistungsverhältnis mitten im privaten Bereich, eine komplexe Wechselbeziehung, die mir nie ganz rechtmässig vorkommt und deshalb eine kommunikative Gratwanderung erfordert. Ich fühle mich schon mies genug, am Computer zu sitzen, während sie sich den Rücken kaputt macht, wenn sie meinen Boden schrubbt. Die Sprachbarriere zwischen uns macht es nur noch schlimmer. Mit jeder Minute Schweigen wächst mein Unbehagen. Ich fühle mich schuldig.

Inmitten dieser lauten Stille kommt mir plötzlich eine Idee. Ich greife nach meinem Smartphone. Ein paar Minuten später, ein bisschen so, wie Archimedes «Heureka!» gerufen haben muss, platzen die Worte «Zelite li imati tursku kavu?!» aus mir heraus. (Möchten Sie einen türkischen Kaffee haben?)

Sie lässt den Staubsauger fallen, legt die Hände in einer fast übertrieben kindischen Geste aneinander, um zu zeigen, wie glücklich sie ist, und ruft «Da! Da! Da! Hvala! Hvala!» (Ja! Ja! Ja! Danke! Danke!)

Wir sind kurz davor, einander in die Arme zu fallen. Es ist ein berührender, emotionsgeladener Moment mitten in meinem Wohnzimmer. Ich zeige ihr den Google-Übersetzer. Ich gebe ihr meinen Laptop, damit sie auf Kroatisch tippen und ich es übersetzen lassen kann. Wir tauschen schnell die Komplimente aus, die wir schon längst loswerden wollten: «Ich finde dich total sympathisch – Ich dich auch – Danke, dass du hier sauber machst – Ich sage danke! – Bediene dich einfach im Kühlschrank, du musst nicht fragen – Oh, vielen Dank!». Das geht vielleicht eine Viertelstunde so, und auf einmal ist die Stille im Haus eine völlig andere, eine fröhliche nämlich.

Bevor Ljiljana geht, greift sie noch einmal zum Laptop, der jetzt uns beiden gehört, und schreibt einen langen Absatz.

«Ich komme aus Bosnien und bin nach dem Zerfall Jugoslawiens nach Kroatien gekommen. In Bosnien haben wir auch türkischen Kaffe getrunken, aber hier war das heute mein erster. Ich habe es jahrelang nicht über mich gebracht, weil es mich an zu Hause erinnert. Ich bin gerade etwas emotional. Aber ich wollte sagen, dass es mir viel bedeutet hat. Danke.» Wir sitzen mit feuchten Augen rechts und links von Google und umarmen uns.

Ich frage mich, ob viele Leute sich heutzutage anders umarmen, nur noch mit einem Arm, weil sie in der anderen Hand ihr Smartphone halten. So sieht wohl die neue Anatomie des Miteinander aus. Wir leben anscheinend in einer Post-Ganzkörperkontakt-Ära, die sich rund um unsere Smartphones entwickelt.

Seit diesem Tag begrüssen wir uns mit einem Kuss, wenn Ljiljana zu mir nach Hause kommt. Wahrscheinlich ist dies ein gefährlicher zwischenmenschlicher Akt, der den schmalen Grat zwischen Geschäftlichem und Persönlichem verzerrt, aber zwei Frauen mit einem Smartphone und Google-Übersetzer können eben nicht anders. 

Ljiljana schreibt mittlerweile kleine Essays auf unserem Laptop. Sie erzählt mir von ihrem Sohn, der Maniküre, zu der sie einmal in der Woche geht, und wie toll ihr die Artischocken geschmeckt haben, die ich letzte Woche gekocht habe. Das letzte Mal, als sie bei mir war, strahlte sie mich an, gab ihren Text in mein Smartphone ein und wartete ungeduldig darauf, dass ich ihr gratuliere. Sie hatte einen neuen Job bei Kaufland. Das bedeutete zwar hohe Abgaben, aber es war eine feste Anstellung. Ich sei die einzige Kundin, zu der sie noch komme, ich solle mir bloss keine Sorgen machen, sie würde weiterhin bei mir sauber machen. Ich tippte schnell in mein Smartphone und rief etwas verspätet: «Cestitam!»(Ich gratuliere!)

 

«Ich gratuliere!», sagte ich zu meinem Vater am Telefon. Er hatte mich angerufen, um zu fragen, ob ich denn gesehen hätte, dass er jetzt bei Twitter sei. Das hatte ich. «Ich grüsse euch alle!», hatte er geschrieben. Sein allererster Tweet. Ich war die Einzige, die mit «Willkommen!» geantwortet hatte. Er war so verdutzt, dass ich ihn über Twitter anschrieb, dass er anrief, um nachzufragen, ob es tatsächlich ich sei. Ich bejahte. Er verkündete, was ich längst wusste: «Ich bin jetzt bei Twitter.» Also sagte ich: «Ich gratuliere. Jetzt musst du bloss aufpassen, dass du nicht Smartphone-süchtig wirst.» Das war im Sommer 2013, als die Gezi-Park-Proteste sich immer mehr ausweiteten und kein einziger türkischer Nachrichtensender darüber berichtete. Also schauten Millionen Menschen, unter ihnen auch mein Vater, fortan auf zwei Bildschirme: den ihres Fernsehers und den ihres Smartphones. Ein Smartphone zu haben und Twitter zu nutzen, hiess, dass man die Wahrheit erfuhr, die Fakten, die Wirklichkeit.

Wenn er wie jeden Abend seit 50 Jahren den Fernseher anschaltet, um die Nachrichten zu schauen, ruft er nun zusätzlich auf seinem Smartphone Twitter auf. Das streitlustige, skrupellose Staatsoberhaupt beginnt im Fernsehen zu wettern, und sofort ergiesst sich eine vor Sarkasmus triefende Welle von Tweets in der Timeline meines Vaters. «Er kann’s einfach nicht lassen.» – «Und alle Nachrichtensender bringen es.» – «Oh, da ist aber heute jemand mächtig wütend.» Jeder weiss, von wem die Rede ist. Aus Angst, wegen Präsidentenbeleidigung im Gefängnis zu landen, spricht bloss niemand seinen Namen aus. Aber mein Vater, der das Bedürfnis verspürt, sich auf alten Kommunikationswegen rückzuversichern, ruft mich an und fragt: «Hast du gesehen, was die Leute über Erdoğan sagen? Du weisst, dass sie ihn meinen, oder?» Ich danke ihm für den Hinweis, und er legt auf, ohne sich zu verabschieden. Das macht er gerne, einen Telefonanruf mit einer Frage anfangen und plötzlich auflegen.

Mein Vater hat mich nur einmal in meinem Leben in den Arm genommen. Ich will es nicht dramatischer klingen lassen, als es ist, aber ich war 15 Jahre alt, und die plötzliche Zuneigung ereignete sich am Abend vor meiner Wirbelsäulenoperation, bei der meine Aussichten, diese ohne dauerhafte Lähmung zu überleben, bei 50 Prozent lagen. Ich überlebte, also hat er mich seither nicht mehr umarmt. Er meidet Körperkontakt mit anderen Menschen, auch mit meinem Bruder – mit unserem Vater haben wir in einer Post-Ganzkörperkontakt-Ära gelebt, so lange ich denken kann. So ist er eben. Man gewöhnt sich daran. Man schreibt ein rachsüchtiges Buch darüber, heult seinem Psychologen die Ohren voll und schwupp, ist man eh schon zu alt, um über seinen Vaterkomplex zu reden. Aber das Smartphone meines Vaters hat etwas verändert. Zwischen uns.

Letztens habe ich eine Auszeichnung für meinen Roman erhalten, und er rief mich an und sagte: «Ich gratuliere!». Ich glaube, es war das erste Mal, dass er mir überhaupt gratuliert hat, und ich habe eine ganze Reihe von Auszeichnungen bekommen. Es wird mit ihm und mir nie so innig werden wie mit Ljiljana und mir; dass wir uns zum Beispiel mit einem Kuss begrüssen, erscheint mir undenkbar. Aber das Smartphone ermöglicht eine neue Vater-Tochter-­Zärtlichkeit, die mich umhaut. Denn nachdem er mir gratuliert und das Gespräch in seiner typischen emotional unbeholfenen Art beendet hat, erhalte ich eine Whatsapp-Nachricht von ihm. Ein Bild einer pinken Rose! Gerade hatte ich mich an seine distanzierte Art gewöhnt, da schafft er sich plötzlich ein Smartphone an und schickt Bilder von virtuellen Rosen, die mir echte Tränen in die Augen treiben! Nach der gleichzeitigen Umarmung von Ljiljana und Google nun das: Mein Vater überwindet die Sprachbarriere zwischen uns und heilt mit seinem Smartphone die Wunden in unserer post-post-post-traumatischen Beziehung.

Mittlerweile verstehe ich, dass es vorher eine Sprachbarriere zwischen uns gab. Und dass wir heute eben ein Smartphone brauchen, an dem wir uns festhalten, während wir uns einarmig umarmen.

 


Argentinien

Javier Sinay

Es war drei Uhr in der Nacht, als ein beinahe unerträglicher Lärm Fernando Zerega aufweckte. Zerega war erst vor einigen Minuten eingeschlafen, nach einem langen Arbeitstag hatte er sich eine Dusche gegönnt, sein Samsung Galaxy J7 zum Aufladen an der Steckdose eingesteckt und sich ins Bett gelegt. In der nordargentinischen Kolonialstadt Salta ist es nachts eigentlich mucksmäuschenstill, aber jetzt machte der Alarm der App Angela te protege (Angela beschützt dich) einen fürchterlichen Krach. Eine Frau irgendwo in der Stadt hatte auf ihrem Handy den Alarmknopf der App betätigt, eine Frau, die in Schwierigkeiten steckte, vielleicht sogar in Lebensgefahr. Denn genau dafür war die App programmiert worden: um Frauen in Bedrängnis eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit zu geben, auf sich aufmerksam zu machen. Die Nutzerin muss nur die Panik-Taste der App bedienen – schon sendet das Handy ein SOS an eine Liste zuvor ausgewählter Kontakte, inklusive der Koordinaten der Hilferufenden. Zerega griff also in jener Nacht zu seinem Smartphone und sah, dass der Hilferuf von einer Freundin kam. Sie wohnte nur sieben Häuserblocks von seiner Wohnung entfernt.

Zerega sprang aus seinem Bett, zog sich notdürftig an und rannte los. Als er ankam, traf gleichzeitig der Bruder seiner Freundin ein, der den Hilferuf ebenfalls empfangen hatte. Die beiden Männer ahnten, weshalb sie gerufen worden waren: Sie wussten, dass die Ehe der Frau in einer schweren Krise steckte. Die Männer betraten die Wohnung durch eine Seitentüre, die nicht abgeschlossen war, und überraschten die schreienden Eheleute und ihre weinende Tochter. Der Mann war völlig ausser sich, doch er verstummte augenblicklich. Er verstand nicht, woher und warum diese beiden Verbündeten seiner Frau aufgetaucht waren. Er hatte keine Ahnung von der App auf ihrem Handy und wusste nicht, dass sie während des Streits mehrmals heimlich die Panik-Taste von Angela te protege gedrückt hatte.

«Allein dieser eine Einsatz ist die App schon wert», sagt Zerega. Gleich am anderen Morgen habe sich seine Bekannte dazu durchringen können, endlich die Scheidung einzureichen. Fünf Monate später, an einem Donnerstagnachmittag im Februar 2018, sitzt Zerega an der Theke seiner Bar Zeppelin in Salta, noch sind keine Gäste da. Hier, zwischen Schnaps- und Biergläsern, hat alles angefangen: Ein Gast erzählte Zerega nach einer London-Reise von einem Pub, das sich besonders um die Sicherheit von weiblichen Gästen kümmerte. Sobald sich eine Frau in dieser Bar von einem Mann bedrängt fühlte, konnte sie das Personal hinter der Theke diskret nach Angela fragen. Dank dieses Codewortes wussten die Kellner Bescheid – und konnten ruckzuck Hilfe leisten. Ein Taxi bestellen für den Nachhauseweg, den beschuldigten Grabscher aus dem Pub werfen. Zerega kopierte die Idee und montierte auf der Damentoilette im «Zeppelin» ein Schild mit folgendem Inhalt: «Hast du ein Date, das nicht funktioniert? Befindest du dich in einer Situation, die dir nicht behagt? Frag an der Bar nach Angela. Unser Personal weiss dann, dass du in Not bist, und kann dir helfen.»

Die Menschen in Salta sind herzlich und höflich, sie verbringen ihre Tage in einem langsamen Tempo, die Nachmittage verschluckt von einer ausgedehnten Siesta. Die Provinz ist eine der ärmsten, aber auch der schönsten Argentiniens, erstreckt sich von den Anden bis zu den Quebracho-Wäldern. Saltas Fleisch-, Kartoffel- und Eier-Empanadas sind im ganzen Land bekannt. Der Tren a las nubes (Zug in die Wolken) steigt zwischen trockenen Gebirgszügen auf 4200 Höhenmeter empor. Doch die schöne Fassade hat auch eine hässliche Seite:  Nirgendwo im Land werden mehr Frauen vergewaltigt als in Salta. 18,5 Fälle auf 100 000 Einwohner verzeichnet die Statistik für die Provinzhauptstadt – mehr als doppelt so viele wie der Durchschnitt Argentiniens. Allein im letzten Jahr registrierten die Behörden über 500 Fälle von Gewalt an Frauen im Haushalt, mehr als 1,5 pro Tag.

2011 formierte sich Entrüstung und Widerstand. Cassandre Bouvier und Houria Moumni, zwei junge französische Touristinnen, wurden während ihres Aufenthalts in Salta vergewaltigt und ermordet. Der Fall wurde von der Polizei rasch geschlossen, doch Bouviers Vater kehrte immer wieder nach Salta zurück, um die Untersuchungen neu anzustossen, und sorgte damit für die nötige öffentliche Aufmerksamkeit. Als im September 2014 eines Nachts gleich zwei junge Frauen misshandelt und tot aufgefunden wurden, rief der konservative Gouverneur Juan Manuel Urtubey den öffentlichen Notstand aus. Ob aus Mitleid mit den Frauen, aus Angst vor einem Imageschaden, der den Tourismus und damit letztlich die Volkswirtschaft des Landes treffen könnte, oder aus politischem Kalkül, darüber ist man sich in Salta nicht einig. Wenige Monate später jedenfalls, am 29. Nationalen Frauentag Argentiniens, marschierten über 20 000 Feministinnen durch Saltas Innenstadt. Die Frauen sangen Lieder gegen die Kirche und für das Recht auf Abtreibung, einige zeigten ihre nackten Brüste und provozierten die konservative, christliche Lokalbevölkerung, die ihrerseits lautstark betete. Es kam zu gegenseitigen Beleidigungen und Handgreiflichkeiten. Geändert hat sich seither wenig. Eine Abtreibungsdemonstration in Salta vom Februar 2018 wird anderntags in der Lokalzeitung von Lesern wie folgt kommentiert: «Hört auf zu nerven, geht die Siesta über schlafen und die Hunde füttern!», schreibt eine Leserin. «Mörderinnen! Passt gefälligst auf und werdet nicht schwanger! Niemand zwingt euch, die Beine breit zu machen!», eine andere. «Eine Kugel in den Kopf für jede, die abtreiben will!», fordert ein Mann.

Der Sozialpsychologe Mario Verde von der Katholischen Universität Salta erklärt das frauenfeindliche Verhalten seiner Mitbürger so: «Die Gaucho-Kultur prägt den Stil von Salta. Der Gaucho war respektvoll, sanft und christlich. Doch wenn ihm seine Frau untreu wurde, hat er sie bestraft. Über die Untreue eines Gauchos konnte sich die Frau nur beschweren, schliesslich war er der Ernährer des Hauses. Dieser Zustand überdauerte das ganze 20. Jahrhundert. Doch durch die Wirtschaftskrisen der 1990er Jahre und 2001 mussten achtzig Prozent der Fabriken in Salta schliessen. Die Männer wurden arbeitslos, Autoritätsverlust und Wut führten zu Alkohol- und Drogensucht – und letztlich zu mehr häuslicher Gewalt. Jeder dritte Fall von Gewalt an Frauen endet mit dem Selbstmord des Mannes.»

Zerega erinnert sich an die Zeiten, als seine Schwestern noch Teenager waren. «Salta war ein ruhiges Nest. Aber seit zehn oder fünfzehn Jahren nehmen Verbrechen und Aggressionen zu», sagt er an der Theke im «Zeppelin». Der 40-Jährige gehört zum Typ Unternehmer, der immer mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen hat. Aus Langeweile abgebrochenes Medizinstudium, Studium der Neurolinguistik, unzählige Programmierkurse, dann Bier- und Mineralwasserverkäufer, Software-Entwickler, schliesslich Pizzeria- und Bar-Betreiber. Im Gespräch mit einer Kollegin aus der IT-Branche entstand die Idee, es nicht beim Schild auf der Damentoilette bewenden zu lassen. «Mir wurde klar, dass es niemanden in Salta gibt, der kein Handy hat», fährt Zerega fort. «In Argentinien gibt es knapp 44 Millionen Einwohner – und genauso viele Smartphones. Es lag also nahe, diese Geräte zu nutzen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen.»

Anfang 2017, als Zerega an der Entwicklung seiner App arbeitete, erschütterte ein weiterer Mord an einer jungen Frau das Land. Sie hiess Micaela Garcia, 21 Jahre alt. Eines Nachts, als sie aus einer Diskothek nach Hause ging, wurde sie von einem Mann entführt, vergewaltigt und erwürgt, und während der Mord passierte, war die ganze Zeit ihr Telefon angeschaltet. «Ich war erschüttert, als ich davon hörte», sagt Zerega, «weil mein Werkzeug, das ihr vielleicht hätte helfen können, noch nicht so weit war.» Zerega arbeitete von nun unter Hochdruck mit zwei Programmierern an den Tischen seiner Bar, wenn sie tagsüber geschlossen hatte. Das Hauptproblem bestand darin, die App so zu gestalten, dass die Paniktaste von der Nutzerin diskret aktiviert werden konnte. Doch Zerega und seine Kollegen konnten das Problem lösen, schon im ersten Betriebsjahr zählt Angela te protege 45 000 registrierte Nutzer und im Schnitt fünf Aktivierungen des Panikknopfes pro Wochenende. Zusätzlich installierte Zerega die Funktion «Back to Safe Home», die in Echtzeit über GPS den Kontakten der Besitzerin des Geräts anzeigt, wo diese sich gerade befindet.

Zerega steuert seinen Volkswagen Vento durch die ruhigen Strassen Saltas, im Hintergrund ist das bergige Umland zu sehen. An jeder Ampel checkt er sein Handy: Google Trends, News, Bitcoins. Zerega ist kein selbstloser Kämpfer für die Rechte der Frau, sondern ein Unternehmer mit einem Faible für Technik. Als wir vor der Schule seiner Tochter ankommen, parkt er den Wagen und zeigt seine neueste Kreation: Noch in diesem Jahr will Zerega, der Mann der Argentiniens Frauen mit einem digitalen Schutzengel ausstattete, seine eigene Version von Tinder auf den Markt bringen. Eine App, die Frauen und Männer einfacher zusammenbringt.

 


Russland

Olga Beschlej

Es war unser dritter Tag in Afonino. Und es regnete den dritten Tag in Folge in Afonino. Es war kalt, nass, schmutzig, und riesige Mücken saugten uns an Armen und Hälsen aus. Der tiefe, graue Himmel drückte alles zusammen, was unter ihm lag – einen Wald, einen anderen Wald, ein Feld, ein anderes Feld, noch ein Feld, hohes Gras mit Wiesenblumen und schwarze, wahrscheinlich feuchte Häuser.

Die Stadt Perm liegt 1442 Kilometer von Moskau entfernt. Mit dem Flugzeug nur zwei Stunden. Aus Perm sind es noch 300 Kilometer nach Afonino, also sechs Stunden mit dem Auto. Ein Teil der Strecke führte über schlammige, nicht asphaltierte Strassen, auf denen es uns so durchschüttelte, dass wir nicht miteinander sprechen konnten.

Unser Aufnahmeteam reiste im Juli vergangenen Jahres nach Afonino, um einen Beitrag über dieses beinahe ausgestorbene Dorf zu drehen, dessen Bewohner es sich zum Ziel gemacht hatten, jenen Obdach zu gewähren, die nirgendwo mehr hingehen können. Seit einigen Jahren kommen aus dem ganzen Bezirk Invalide, alte Leute, Obdachlose und ehemalige Häftlinge zu ihnen, schon vierzig Personen. Sie haben eine Art Kommune aufgebaut: Gemeinsam führen sie den Haushalt, ziehen Gemüse, halten Hühner und Kühe.

Am dritten Tag unseres Abenteuers in Afonino fühlte ich mich mies: Wir assen Kartoffeln, Brot, hausgemachten Quark, für den Tee kochten wir trübes Brunnenwasser auf. Waschen konnte man sich nur im öffentlichen Badehaus, zur Toilette musste man in den Stall gehen und sein Geschäft über einem stinkigen Loch verrichten.

Auf der Veranda des Nachbarhauses sprach mich ein älterer Mann mit Schnauzer an, einer der wenigen hier geborenen Bewohner. «Gehen Sie zum Haus am Rand des Dorfes», sagte er, «da wohnt eine Familie mit vielen Kindern. Das sind unsere echten Leute, keine Obdachlosen. Wer von hier wegkonnte, ist gegangen. Aber diese Familie ist geblieben. Sie haben sechs Kinder. Das älteste Mädchen heisst Venus. Besuchen Sie sie, besuchen Sie sie!»

Mich empfing Galina – eine gedrungene Frau mit Kopftuch. Unter dem Kopftuch schaute büschelweise gelocktes rotes Haar hervor. Als Galina lachte, sehr zart, ein bisschen gehemmt, blitzten zwei Goldzähne in ihrem Mund auf. Sie lud mich ein, ins Haus zu kommen.

«Wir sind eine grosse Familie», sagte sie. «Eine Tochter ist schon erwachsen, sie ist weggezogen, nach Perm. Jetzt leben noch fünf mit uns. Die jüngste, Vassilisja, ist noch kein Jahr alt. Die älteste, Venus, ist sechzehn, nächstes Jahr ist sie mit der Schule fertig. Dann sind da noch die drei Jungs. Ich bin Hausfrau, mein Mann ist Imker.»

Im Haus gab es nur ein Zimmer: Die kleine Küche war von diesem durch einen russischen Ofen abgetrennt. Wir gingen hinein: Die hölzernen Wände waren hellblau gestrichen, ihnen entlang standen vier Betten. In einem schlief ein Mann in weiten Arbeiterhosen, um ihn herum sassen drei Blondschöpfe und schauten leise Fussball. Mitten im Zimmer stand eine alte hölzerne Wiege für das Baby.

Venus sass am Fenster, ein Bein untergeschlagen. Sie sprang vom Bett hoch – fein, leicht, schnell, als ob sie gleich verschwinden würde – und begann sofort zu sprechen. Sie zeigte mir die Diplome, die man ihr in der Schule verliehen hatte, erzählte von ihren Medaillen aus Sportwettkämpfen, sagte, ihr Traum sei es, in die Stadt zu ziehen und sich in irgendeiner Abteilung des Katastrophenschutzministeriums zur Rettungshelferin ausbilden zu lassen. Sie habe auch schon über eine militärische Ausbildungsstätte nachgedacht, aber dorthin schafften es nur Personen, die mindestens 1,60 Meter gross sind. Venus misst lediglich 1,53 Meter. «In einem Jahr werde ich sicher nicht so viel wachsen», meinte sie.

Ich wollte gerne mit meinem Handy ein kurzes Video von ihr machen und bat sie um Erlaubnis. Sie war sofort einverstanden und setzte sich wieder aufs Bett, das eine Bein untergeschlagen. Ich schaltete die Kamera ein und fragte sie über die Schule aus. «Wir gehen täglich zu Fuss zur Schule, fünf Kilometer durch den Matsch und dann wieder zurück», sagte sie und lachte so zart wie ihre Mutter. «Wenn es sehr kalt ist, gegen minus 30 Grad, dann bleiben wir zu Hause.»

Nach dem Video machte ich noch einige Fotos. Venus erzählte, dass sie auch gerne Fotos mache und dass sie einen Account auf Instagram habe. Ich speicherte ihn mir in meiner Favoritenliste ab. Galina begleitete mich nach draussen. «Sie haben eine sehr hübsche Tochter», sagte ich zu ihr, «und sie posiert gut vor der Kamera.»

«Ja, wir sind zwar einfache Leute, aber wir mögen Kunst.» Galina zögerte ein wenig, dann fuhr sie fort. «Ich singe gerne in der alten Sprache von hier, dem Komi-Permischen. Soll ich Ihnen etwas vorsingen?»

Und Galina begann zu singen – laut und kräftig, im halbdunklen Vorzimmer, zwischen Mehl- und Zuckerpaketen − und legte sich die Hand über die Küchenschürze auf die Brust. Ich konnte nur vereinzelt Worte erkennen – «Nebel», «Hahn», «Harmonika». Es war ein Liebeslied.

 

Zurück in Moskau stöbere ich im Instagram-­Account von Venus. Fotografien aus dem Birkenhain. Venus steht zwischen hellgrünen Blättern, in der Hand hält sie einen riesigen Strauss mit Flieder und Wiesenblumen, deren Namen ich nicht kenne. Ich war in diesem Hain – letzte Nacht hatten wir mit den Bewohnern des Obdachlosenheims hier ein Feuer gemacht, um Kartoffeln zu braten. Der Himmel auf dem Foto ist hellblau, rosa, klar oder mit gesprenkelten Wolken verhangen. Nicht dieser graue, drückende, erstickende Himmel, wie unser Filmteam ihn drei Regentage lang erlebt hatte.

Da steht Venus in ihrem schwarz karierten Hemd, ein kurzes Shirt, schwarze Jeans mit sorgfältigen Einschnitten an den spitzen Knien, mit einer Mütze, deren Schirm nach hinten gedreht ist. Hinter ihr ein abgestorbener Baum. Auf einem anderen Bild sitzt sie, mit einem roten Pullover bekleidet, mitten im wilden grünen Gras, hinter ihrem Kopf der nackte Wald. Hätte sie nicht so ein kindliches Gesicht, es hätte das Titelbild einer Zeitschrift sein können.

Dann ein Traktor – eine sowjetische Karre mit blauem Führerhäuschen und einer grossen 13 auf der schmutzigen Tür. Venus steht vor dieser Tür und trägt einen weissen Pulli. Die roten Haare hat sie auf dem Hinterkopf zu einem Zopf geflochten. Sie trägt eine grosse Brille mit dunkler Fassung.

Und dann noch das Foto im Bett – mit einer Tasse Kaffee in der Hand und Keksen auf dem Teller. Unter das Foto hat Venus geschrieben: «Ein schöner Morgen. Ich liebe diese gemütlichen Kleinigkeiten: die kleinen Kissen auf dem Sofa, Familienfotos, eine weiche Decke auf dem Bett, ein schön geschmückter Tisch und der Geruch von Gebäck aus dem Ofen.»

Dabei hat sie doch gar kein Sofa. Ich erinnere mich genau. Und das Gebäck ist in Wirklichkeit ein Bauernbrot. Das hat man mir angeboten, während an den Wänden Kakerlaken auf und ab kletterten.

 

In Afonino hat es bereits Ende Oktober das erste Mal geschneit. Die Büsche und das hohe Gras auf den Wiesen sind gelb geworden. Der Birkenhain scheint abgemagert und angeschwärzt. Ich sehe das aus den Bildern von Venus, die inzwischen regelmässig auf meinem Instagram-Profil landen. Zum Beispiel: Venus zwischen rotgefärbten Grashalmen im Schnee – in leichten Turnschuhen und mit einer rosa Bluse. Sie schaut zum Horizont und hält sich die Hand an die Stirn.

Mit jedem Bild gibt es mehr Schnee, dafür trägt Venus weniger Kleider. Am Tag vor ihrem Geburtstag fotografiert sie sich draus­sen in Hotpants und mit einer hellblauen Jacke, dazu trägt sie rosa Sportschuhe und Socken mit grünen Kakteen. Schwierig zu sagen, was weisser ist – der Schnee oder ihre nackten Beine. Die grünen Kakteen strecken ihre Köpfe mutig aus dem verschneiten Wald im Hintergrund.

Ich telefoniere mit Venus. Sie hat kein Skype, die Verbindung ist nicht besonders gut. Wahrscheinlich ist sie nach draussen gegangen, um mit mir zu sprechen, denn ich höre keine Küchengeräusche, keinen Fernseher, keine Stimmen. «Wer hat die Fotos gemacht?»

«Meine Brüder knipsen sie», antwortet sie. «Andrej ist 13, Denis 10. Wir machen sehr viele Aufnahmen. Im Sommer fotografieren wir manchmal Stunde um Stunde, so lange, bis es gut wird. Im Winter ist es zu kalt, da zittern den Jungs die Finger. Eigentlich machen sie nicht sehr gute Aufnahmen. Manchmal halten sie den Finger vor die Linse oder wählen nicht den richtigen Fokus.»

«Was für ein Telefon hast du?»

«Alcatel. Ich habe es mir vor drei Jahren selbst gekauft. Im Sommer fahre ich in die Stadt und verkaufe dort Himbeeren und Erdbeeren. So habe ich es mir zusammengespart. Ich versuche, dass die Bilder so aussehen wie von einem iPhone.»

«Und woher hast du zum Beispiel die Jeans mit den Rissen? Bei euch im Dorf gibt es ja keine Geschäfte.»

«Ich habe die Löcher selbst gemacht. Die Hosen sind uralt, ich trage sie nur noch zu Hause. Einiges bestelle ich über AliExpress, die billigsten Sachen, die irgendwie teuer aussehen.» Ihre Stimme klingt noch so kindlich. Auf einem Foto sieht man Venus von hinten, vor ihr liegt ein weites, weisses Feld, und durch den Schnee ragen vereinzelte schwarze Grashalme. Ihre Haare sind schwer und dunkel, der Wind weht sie auseinander, und vor dem dunkelblauen Himmel erhebt sich ein Vogelschwarm. Diese Frisur ist einfach zu schön für so ein dumpfes Dorf.

«Das war an meinem Geburtstag», erklärt Venus. «Im Nachbardorf wohnt ein Mädchen, das Friseuse ist. Ich rannte am morgen zu ihr und dann weiter in die Schule. Danach haben wir Fotos gemacht. Die Vögel, die waren überhaupt nicht da. Ich habe sie im Nachhinein über Picsart eingefügt. Da wählst du eine doppelte Aufstellung, legst das Bild fest, und dann kannst du die Übergänge mit einem Radiergummi noch verbessern, damit es möglichst real aussieht.»

In Gedanken kehre ich zu den Häusern zurück, die wir damals für die Aufnahmen besucht haben. Ich erinnere mich an die Kranken, die herumlagen, das Plumpsklo, den Invaliden ohne Beine, der den Brotteig knetete. Ich stelle mir vor, wie Venus an einem dunklen Morgen über die mit Schnee bedeckte Landstrasse zur Post ins Nachbardorf läuft und die neuste Sendung von AliExpress entgegennimmt.

Zum Schluss fragt sie mich, wie man in Moskau Neujahr feiere. Ich erzähle ihr, dass es im Zentrum Theateraufführungen und Konzerte gibt, dass auf dem Roten Platz ein Eisfeld errichtet wird und dass rundherum alles mit Lichtern geschmückt ist. Dann erinnere ich mich daran, wie es in Afonino abends dunkel wird, weil im ganzen Dorf nur eine einzige Strassenlaterne steht.

«Verstehst du eigentlich, dass du dir für Instagram eine andere Venus, ein anderes Afonino, ein anderes Leben ausgedacht hast?», frage ich sie.

«Natürlich», antwortet sie. Und fügt dann plötzlich an: «Aber machen das denn nicht alle so?»

 


Deutschland

Linus Reichlin

Kurz bevor sie elf wurde, behauptete Ida, die Tochter meiner Freundin, mit elf müsse man ein Handy haben. Ihre beste Freundin Lena hatte nämlich schon eins, und zwar aus demselben Grund: weil man mit elf eins haben muss. Ausserdem ging es um Gerechtigkeit. David, ein Junge aus ihrer Klasse, den Ida hasste, hatte nämlich, da er elf war, ein Handy geschenkt bekommen, und es konnte doch nicht sein, dass ein so mega­doofer Typ wie er nun Zugang zu Whatsapp und musical.ly hatte, aber Ida nicht! Meine Freundin sagte Nein. Handy erst mit zwölf. Aber Ida fielen noch andere Gründe ein, aus denen es verantwortungslos war, ihr ein Handy zu verweigern: Was, wenn es in der Schule brennt? Lena und David könnten dann ihre Eltern anrufen, die sie abholen kämen – nur sie, Ida, würde nicht abgeholt und müsste draussen vor der brennenden Schule stundenlang auf ihre Mutter warten. Das war wirklich keine sehr schöne Vorstellung. Vielleicht war es doch besser, wenn Ida ein Handy kriegte. Also kaufte meine Freundin ihr eins. «Man muss auch mal inkonsequent sein können», sagte sie.

Und nun geschahen merkwürdige Dinge. Zum Beispiel wollte Ida meine Handynummer nicht speichern. Sie speicherte nur die ihrer Mutter, ihres Bruders und ihres Vaters. «Aber die deiner besten Freundin Lena willst du doch bestimmt speichern?», sagte ich, und Ida sagte: «Warum denn?» «Na, weil du ihr doch bestimmt SMS schicken willst.» «Wieso sollte ich Lena denn eine SMS schicken?», fragte Ida. Ein paar Tage später holte ich sie von der Schule ab, die nicht brannte, aber eine Unterrichtsstunde war ausgefallen, so dass Ida eine Stunde auf mich gewartet hatte. «Wenn du meine Handynummer hättest», sagte ich, «hättest du mir eine SMS schicken können!» «Ich hab das Handy sowieso nicht dabei gehabt», sagte Ida. Sie hatte es auch nicht dabei, als sie sich den Fuss verstauchte, meine Freundin erfuhr davon durch einen Anruf der Schulverwaltung. Ida nutzte ihr Handy nicht für Notfälle, sondern für Videos der Youtube-Stars Bibi und Julian. Oder sie spielte Gratis-Games. Aber sie kommunizierte nach wie vor wie in der Steinzeit via Direktkontakt. Bevor sie morgens zur Schule ging, versteckte sie das Handy wegen der vielen Einbrüche unter einem Kleiderstapel in ihrem Schrank. Als die Klasse auf Schulreise ging, sagte meine Freundin: «Ida, ich möchte wirklich, dass du dein Handy mitnimmst!» «Aber dann muss ich doch bloss immer aufpassen, dass ichʼs nicht verliere!», sagte Ida. Sie liess sich von ihrer Tante eine Handy-­Schutzhülle mit einem Pferd drauf schenken, und da es dadurch noch kostbarer wurde, nahm sie es erst recht nicht in die Schule mit.

Meiner Freundin und mir fiel auf, dass Ida nicht nur nie eine SMS an eine ihrer Freundinnen schickte, sondern auch nie eine erhielt. Musste man sich Sorgen machen? War Ida vielleicht in der Klasse isoliert, und wir hatten es nur nicht gemerkt? Bei der Feier zu ihrem elften Geburtstag tauchten dann allerdings zahlreiche Freundinnen auf, und als meine Freundin beiläufig in die Runde fragte, ob sie einander eigentlich häufig SMS schrieben, schüttelten alle die Köpfe. Lena sagte, ihre Mutter schreibe ihr immer welche, und sie wisse oft nicht, was sie antworten solle. Sie schreibe dann meistens «Okay, Mama» oder «Alles klar, Mama». Dania, eine andere Freundin von Ida, sagte, man könne doch miteinander reden, man brauche doch nicht zu schreiben: «Beim Reden muss man nicht tippen, das ist doch viel einfacher!» Einige waren zwar in Whatsapp-Gruppen, aber wenn man genauer hinschaute, sah man, dass dort vor allem die Mütter aktiv waren und sich darüber austauschten, wer zur Weihnachtsfeier der Schule welchen Kuchen mitbrachte. Die elfjährigen Mädchen rangen sich bei diesen Gruppen-SMS höchstens mal ein «Hallo wie gehtʼs» ab oder schickten ein Herzchen und sechs Smileys.

Es blieb also dabei: Ida hatte ein Handy, weil man mit elf eins haben muss, aber sie begriff es nicht als ein Mittel der Kommunikation, sondern als einen portablen Fernseher, und es wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, das Handy zu benutzen, um im Internet nachzuschauen, wie lange Pferde leben. Wenn sie so etwas wissen wollte, fragte sie ihre Mama, obwohl das Handy neben ihr lag. Und Mama sagte dann: «Das weiss ich nicht, google es doch mal.»

 

Aber man hat ja auch noch andere Kinder, eigene, zum Beispiel einen 19-jährigen Sohn, Max, dessen Handy-Display einen Sprung hat, worauf er stolz ist wie auf eine Narbe aus einem Kampf mit einem Neonazi. Max hat erst mit 16 ein Handy bekommen, er wollte bis dahin gar keins – als ich ihm von Idas frühem Handy-Wunsch erzählte, sagte er: «Das ist eine andere Generation.» Das gilt allerdings erst recht für ihn und mich. Max steht mit seinen drei oder vier besten Freunden in fast permanentem Kontakt, der sich für mich in seinen Daumen visualisiert, die während eines Gesprächs mit mir beiläufig und in atemberaubendem Tempo über die virtuelle Tastatur des Handys rasen. Als ich kürzlich mit ihm in Italien war, kommunizierte er auf zwei Ebenen: einer realen, auf der wir in Liegestühlen am Strand über die Folgen des Klimawandels sprachen – und einer multiplen virtuellen, auf der er ein Mädchen namens Kirstin für sich zu gewinnen versuchte und gleichzeitig seinem besten Freund beistand, der an Liebeskummer litt. Von dem Mädchen und dem Liebeskummer erfuhr ich aber erst später. In den ganzen vierzehn Tagen lief bei Max ein soziales Hintergrundprogramm von höchster Dramatik ab, das mir verborgen blieb. Ich dachte, er und ich seien zu zweit hier, aber er war faktisch zu viert hier und nur ich zu zweit.

Man kennt das mittlerweile: Die Leute reden mit dir, und gleichzeitig kommunizieren sie auf dem stummen SMS-Kanal mit anderen. Sie schauen dir in die Augen und sagen etwas Verbindliches, und gleich darauf schweift ihr Blick aufs Display ab, auf dem eine Nachricht aufgetaucht ist, die möglicherweise ebenfalls eine verbindliche Reaktion erfordert. Man sagt einem guten Freund, der zu einer Party einlädt, die Teilnahme zu, aber auf dem Weg zur Party wird man von einem anderen guten Freund eingeladen. Max kennt das Problem und versucht, auf der richtigen Seite zu stehen, auf der der Eingeladenen, die per SMS zu- und absagen können, wie es sich gerade ergibt. Man betrachte den unsteten Flug eines Schwarms von Staren, die ständigen Richtungs­wechsel – dann weiss man, wie es am Wochenende bei Jugendlichen wie Max zugeht, die von unablässig aufpoppenden SMS-Nachrichten bald in Richtung dieser Party, bald in die entgegengesetzte Richtung zu jenem Date gezogen werden.

Ich erzählte Max, dass wir früher, als es nur Telefone gab und die Kommunikation zäh und langsam verlief und wie bei Ida noch stark auf Direktkontakt beruhte, ein Treffen Tage im Vorhinein fest vereinbarten. Und in der Regel konnte man sich darauf verlassen, dass der andere kam. Die Menschen trafen aber nicht aus charakterlichen Gründen verbindlichere Zusagen, sondern weil sie weniger Möglichkeiten für spontane Absagen hatten. Häufig konnte man eine Absage nicht mehr rechtzeitig übermitteln. Folglich ging man sehr oft zu einer Einladung, obwohl man nicht mehr wollte. Max sagte, heute gehe man häufig zu zwei Einladungen an einem Abend, «aber weil die Leute dauernd SMS von Freunden kriegen, die woanders sind und fragen, ob man auch komme, ist es meistens ein ständiges Kommen und Gehen wie auf dem Hauptbahnhof». Max teilt seine Freunde diesbezüglich in drei Gruppen ein: solche, die zusagen und nicht kommen, solche, die zusagen und kommen und bleiben, und solche, die zusagen, kommen und gleich wieder gehen. «Und du?», fragte ich, und er sagte: «Dritte Gruppe.» Inzwischen habe ich jedenfalls gelernt, wie man Verabredungen mit Max handhaben muss. Es genügt nicht, den Tag, den Ort und die Zeit eines Treffens festzulegen, denn Max lebt in einer zusätzlichen Dimension, die den Gesetzen der Quantenmechanik gehorcht: Hier ist alles bis zuletzt pure Möglichkeit. Es ist möglich, dass Max am Dienstag, 12.00 Uhr, ins Restaurant Chopstick kommt, aber man muss diesen Prozess der Verwirklichung einer Möglichkeit in Gang halten, indem man ihm am Tag vorher eine SMS schreibt: «Treffen morgen immer noch okay?» Schreibt er zurück «O. k.», bedeutet das nur, dass er jetzt vorhat, morgen zu kommen. Es kann aber jederzeit etwas dazwischenkommen. Also muss man ihm am nächsten Tag um 10.00 Uhr schreiben: «Sehe dich in zwei Stunden, freue mich!» Schreibt er «O. k.», weiss man: Er wird kommen. Schreibt er nichts, weiss man: Um 11.00 wird er schreiben, dass er a) erst um 13.00 kommen kann oder b) gar nicht.

Max ist kein vielbeschäftigter Unternehmer, er ist Student, und er hat auch nicht übertrieben viele Freunde, aber er besitzt ein Handy. Handys sind ihrem Wesen nach expansiv. Sie vergrössern alles, vor allem die Menge dessen, was man zu sagen hat. Auf der Empfängerseite vergrössern sie die Menge der Botschaften, die man von jenen erhält, die immer mehr zu sagen haben. Max ist vielbeschäftigt, weil er in einer riesigen expandierenden SMS lebt, in der diejenigen einen evolutionären Vorteil haben, die viel senden und viel empfangen. Man würde Max jedoch Unrecht tun, beklagte man, der Junge sei aus Expansionsgründen unzuverlässig, dass Verbindlichkeit für ihn nicht mehr zähle. Er definiert sie bloss anders – denn virtuell ist er für seine Kumpels immer da.

«Auf dich», sagte ich zu Ida, «wartet eine unglaublich grosse SMS! In ein paar Jahren wirst du drin sein, wie Max. Du solltest jede Minute davor geniessen.» «Häh???», sagte Ida, und ich sagte: «War nur so ein Schlusssatz.»

 


Unter dieser neuen Rubrik werden wir künftig jeweils fünf Autoren rund um den Globus zu einem bestimmten Thema recherchieren lassen – und die entstandenen Geschichten zu einem Ganzen zusammenfügen. Zu diesem Zweck arbeiten wir nach Möglichkeit mit Lokaljournalisten vor Ort zusammen. Fünf Momentaufnahmen dieser Erde, die immer auch etwas mit uns zu tun haben.

Niren Tolsi

Der südafrikanische Journalist Tolsi arbeitet für die investigative Wochenzeitung Mail&Guardian in Johannesburg. Die Auswirkungen der Apartheid spürte er als Kind am eigenen Leib. Seither setzt er sich gegen Unterdrückung und Ungleichheit ein. «Journalismus schien mir dafür besser geeignet, als eine Dark-Dub-Punk-Band zu gründen.»

Ece Temelkuran

Die oppositionelle türkische Schriftstellerin kreierte ihre ersten Reime als Achtjährige, zuerst mündlich, später schriftlich. Sie versteht nicht, warum nicht jede Person schreibt. In ihrem aktuellen Roman Stumme Schwäne befasst sich Temelkuran mit der Geschichte ihres Heimatlandes. Derzeit schreibt sie am «ersten amüsanten Buch über Rechtspopulismus».

Javier Sinay

«Der Journalismus ermöglicht es mir, verbotene Orte zu betreten», sagt der Autor aus Buenos Aires. Sein Talent fürs Schreiben wurde ihm in die Wiege gelegt: Er stammt aus einer Journalistenfamilie. Sinay arbeitet für La Nación und das argentinische Rolling Stone. 2015 erhielt er den Premio Gabriel García Márquez de Periodismo.

Olga Beschlej

Die 30-jährige Russin hat in Moskau Journalismus studiert. Ihre Non-Fiction-­Texte hat die auch als Jungliteratin gefeierte Beschlej als Buch veröffentlicht. Sie sucht für ihre Geschichten einzigartige Protagonisten, die eine Transformation durchmachen: «Venus lebt in sehr schwierigen Umständen und fand dank neuen Technologien so etwas wie Glück.»

Linus Reichlin

Der in Berlin lebende Schweizer Kolumnist, Schriftsteller (Manitoba) und Reportagen-Autor äussert sich kritisch über den Handykonsum seiner Kinder, findet aber auch Gutes an Smartphones: «Die Omnipräsenz der Geräte in der Öffentlichkeit hat einen disziplinierenden Effekt, denn jede Aktion kann jederzeit gefilmt werden.»

Diese globale Betrachtung zu einem Thema wurde finanziert durch den Reportagen-Recherchefonds (reportagen.com/recherchefonds).