9/11 Illinois

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Ort: Bloomington
Daten: 11.-13. September 2001
Thema: Naheliegend.

David Foster Wallace

SYNEKDOCHE

Nach alter Sitte des Mittleren Westens sind die Einwohner von Bloomington nicht unfreundlich, neigen aber zur Zurückhaltung. Von fremden Leuten wird man herzlich angelächelt, aber in Wartezimmern oder an Kassen kommt es in der Regel zu keinem Pläuschchen. Jetzt gibt es durch das Grauen allerdings ein Gesprächsthema, das alle Hemmungen wegfegt, als stünden wir alle beisammen und hätten gerade denselben Verkehrsunfall miterlebt. Ein Beispiel, gehört in der Schlange vor der Kasse von Burwell Oil (eine Art Neiman Marcus der Tankstellen-Eckladen-Plaza – zentral gelegen an beiden Haupteinkaufsstrassen, mit den besten Tabakpreisen der ganzen Stadt, ein kommunales Juwel) und gesagt von einer Dame im Verkäuferinnenkittel von Osco zu einem Mann in Jeansjacke mit an den Schultern abgeschnittenen Ärmeln, einer Art selbstgenähter Weste: «Also, meine Jungen, die haben gedacht, das wäre alles bloss ein Film wie dieser Independence Day, bis sie dann gemerkt haben, dass alle Sender denselben Film brachten.» (Die Dame sagte nicht, wie alt ihre Jungen waren.)

 

MITTWOCH

Alle Welt hat Fahnen rausgehängt. Wohnhäuser, Geschäfte. Seltsam: Nie sieht man, wie jemand eine Fahne aufhängt, aber am Mittwochmorgen sind sie alle da. Grosse Fahnen, kleine, regelkonform fahnengrosse Fahnen.

Viele Hausbesitzer haben die speziellen rechtwinkligen Fahnenhalter über dem Eingang, für deren Stützapparat man vier Kreuzschlitzschrauben braucht. Ausserdem Tausende von diesen kleinen Wimpeln, die man normalerweise bei Paraden sieht – in manchen Vorgärten stecken Dutzende davon im Boden, als wären sie alle irgendwie über Nacht gesprossen. Die Anwohner von Landstrassen stecken kleine Fahnen an ihre Briefkästen unten an der Strasse. Bei vielen Autos sind sie hinter den Kühlergrill geklemmt oder an der Antenne befestigt worden. Besserverdienende haben manchmal richtige Fahnenstangen, ihre Fahnen hängen auf Halbmast. Etliche Mehrfamilienhäuser am Franklin Park und am Ostrand der Stadt haben riesige Fahnen, die an den Fassaden wie Banner über mehrere Stockwerke herabhängen. Es ist mir absolut rätselhaft, wo man so grosse Fahnen kaufen kann und wie man sie da hochbekommen hat und wann.

Mein unmittelbarer Nachbar, ein pensionierter Buchhalter und Veteran der US Air Force, dessen Haus- und Rasenpflegekünste schlichtweg phänomenal sind, hat einen vorschriftsmässigen eloxierten Fahnenmast in einem 45 Zentimeter dicken Stahlbetonklotz verankert, den die anderen Nachbarn nicht besonders mögen, aus Angst, er könnte Blitze anziehen. Er sagt, es gäbe ein eigenes Zeremoniell, um eine Fahne auf Halbmast zu bringen: Man muss sie erst bis zur Spitze hochziehen und darf sie dann erst auf Halbmast setzen. Alles andere ist eine Entweihung. Seine Fahne streckt sich und knattert lebhaft im Wind. Es ist die mit Abstand grösste Fahne in unserer Strasse. Den Wind hört man auch in den Getreidefeldern südlich von uns; das Geräusch erinnert an das leichter Brandung, wenn man zwei Dünen vom Ufer entfernt ist. Mr. N.s Fahnenleine hat Metallelemente, die bei Wind gegen die Fahnenstange klackern, und auch dafür sind die Nachbarn nicht so zu haben.

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