Alabama 1936

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Sie besitzen weder das Haus, noch das Maultier, noch die Werkzeuge; das Jahr zuvor hatten sie mit 12 Dollar Verlust abgeschlossen.

James Agee

Stellen wir sie nebeneinander auf, auf ihren Veranden, die Körper archaisch in ihren Lumpen, wie es Bauernkörper sind; stellen wir sie vor das gemaserte Holz ihrer Behausungen und betrachten wir der Reihe nach, wer sie sind: die Tingles, die Fields, die Burroughs.

 

Die Tingles

Es gibt neun Tingles: Frank, Kate, Elizabeth, Flora Bee, Newton, William, Laura Minnie Lee, Sadie und Ida Ruth. Es gibt noch sechs weitere Kinder, aber die sind tot.

Frank Tingle ist vierundfünfzig. Eine Stirn wie Krepp, wuchernde Augenbrauenwülste, eine schmale, fast knochenlose Nase, zinnoberrotes Zahnfleisch. Ein Gesicht, so kunstvoll gezeichnet und zerfurcht wie eine japanische Maske, die Haut von der Farbe eines Leichnams. Er redet schnell und ohne Pause, wie man eine Treppe hinabrennt, um zu verhindern, dass man sie hinabstürzt; sagt die meisten Dinge dreimal und albert reichlich herum, wie es viele empfindsame und ängstliche Menschen in selbstverletzendem Selbstschutz tun. Sein Blick ist unruhig und manchmal irre und auf eine nie ganz überzeugende Weise listig: der Blick eines verängstigten Fuchses mit Jagdhundblut.

Kate, dreizehnfache Mutter, ist neunundvierzig; eine zarte Person, ihre Haut wie Rahm, wo sie nicht dem Wetter ausgesetzt war. Sie ist kleiner als mehrere ihrer Kinder. Ihre Beine und Füsse sind, wie die der meisten Frauen in diesem Landstrich, durch schuhloses Wandeln auf dem Erdboden wunderschön geformt. Ihr Blick, dessen Wachsamkeit nie ihr selbst, sondern einzig ihrer Familie gilt, ist der eines kleinen Tieres, das den nächsten Tritt wie etwas Selbstverständliches erwartet und zu betäubt ist, ihm auszuweichen oder auch nur grössere Beachtung zu schenken. Sie nennt ihre Kinder «meine Babys». Ihre Kinder nennen sie «Mama», behandeln sie ähnlich einem missgebildeten Kind auf eine beschützende Art und lieben sie fröhlich und unbekümmert. Ein altes Foto zeigt sie als junge Frau in standhaft aufrechter Haltung, und vielleicht ist es der Verlust dieser aussergewöhnlichen Energie unter den erdrückenden Lasten der letzten zwanzig Jahre, der sie so geistesabwesend hat werden lassen wie niemanden dieser Menschen sonst: Mehr als alle anderen lebt sie in ihrer eigenen, abgekapselten Welt. Sie ist nur halb bei Verstand.

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
James Agee unterwegs:
AutorIn
Region