Alzheimer on the Road

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Draussen zieht das Land vorbei, drinnen im Auto ein ganzes Leben – mit Vati unterwegs ins Pflegeheim.

Juliane Schiemenz

Ach, Vati, warum musstest du auch in den Flur pissen? Danach ging es nicht mehr, das war uns klar. Du bist so still aus dem Wohnzimmer geschlichen, zu still, ich hätte es wissen müssen. Aber ich wollte dir nicht ständig hinterherrennen. Ich war müde. Rundumbetreuung macht schlapp. Als ich mich aufgerafft habe, nach dir zu sehen, hast du in der Ecke im Flur gestanden. Wie Männer nachts in Strassenecken stehen, wenn das Bier raus muss. Dein Strahl ging gegen die Raufasertapete, eine wachsende Pfütze um deine Füsse. Das gute Laminat.

Heute ziehst du um. Mutti und ich fahren nach Arnsdorf, eine kleine Stadt in der sächsischen Pampa. Dort steht die Nervenklinik, in der du seit einigen Wochen wohnst. Wir wollen mit dir nach München, denn dort steht das Pflegeheim, in das du nun endgültig sollst. Das Pflegeheim ist nagelneu und hochmodern, gerade erst eröffnet. Es nennt sich «Kompetenzzentrum». Mutti hat es unter K im Handy abgespeichert, wir vermeiden das P-Wort.

Das Reisen mit einem Alzheimerkranken funktioniert im Grunde wie das Reisen mit einem Kind. Mutti packt Windeln in den Kofferraum eures alten, silbernen Honda Jazz, ich lege Holzspielzeug und Märchenbücher auf die Rückbank. Du musst beschäftigt werden während der langen Fahrt. Mutti schmiert Käsebrote und stellt ein paar Flaschen Apfelschorle in die Kühlbox, wir sprechen kaum an diesem Sommermorgen.

Von eurer Wohnung, in der Mutti jetzt allein wohnt, bis zu dir in die Klinik brauchen wir eine Stunde. Mutti fährt, ich drehe am Radioknopf. Ich hatte ganz vergessen, wie schlecht die sächsischen Radiosender sind, seit ich in Berlin wohne. Ich schalte das Radio aus. Schweigen. Wir starren auf die Strasse, eine langweilige Allee zwischen Rapsfeldern. Wir haben beide Angst. Wirst du uns erkennen? Wirst du verstehen, was passiert? Wirst du dich wehren? So muss sich eine Beamtin fühlen, die gleich jemanden abschiebt.

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