Am Ganges 1895

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Mark Twain besucht 1895 die mystische Stadt Benares - heute bekannt als Varanasi.

Mark Twain

Die Stadt Benares ist eine einzige grosse Kirche, eine Art religiöser Bienenstock, in dem jede Zelle als Tempel, Altar oder Moschee dient. In diesem grossen theologischen Vorratshaus kann man sich alle nur erdenklichen irdischen oder himmlischen Güter verschaffen. Das Gangesbad am Morgen erregt des Pilgers Esslust; sie vergeht ihm, wenn er die Kuhschwänze küsst. Nun sehnt er sich nach weltlichen Gütern; er eilt hin und giesst Wasser auf Schiwas Symbol. Das sichert ihm sein irdisches Glück, bringt ihm aber auch einen Regenschauer, von dem er das Fieber bekommt. Zur Heilung trinkt er das Schmutzwasser am Kedar Ghat, das Fieber verlässt ihn, aber er bekommt die Blattern. Um zu wissen, welche Wendung es mit ihm nehmen wird, geht er zum Dandpan-Tempel und sieht in den Brunnen hinab. Die Sonne umwölkt sich, sie zeigt ihm, dass er dem Tode nahe ist. Was kann er da Besseres tun, als sich seine Seligkeit im Jenseits zu sichern? Das geschieht mithilfe des grossen Schicksalsgottes. Nun ist ihm der Himmel gewiss, er wird daher vermutlich Sorge tragen, noch so lange wie möglich auf Erden zu bleiben. In dieser Absicht geht er zum Briddhkal-Tempel und gewinnt Jugend und langes Leben durch ein Bad in der scheusslichen Pfütze, die selbst eine Mikrobe umbringen würde. Die Sündenlust erwacht mit der Jugend von neuem; er sucht den Tempel der «Erfüllung der Wünsche» auf, um sein Verlangen zu stillen. Im Brunnen des Ohrrings reinigt er sich dann von Zeit zu Zeit von Sünden und stärkt sich zu ferneren verbotenen Genüssen. Da er aber ein Mensch ist, kann er sich der Zukunftsgedanken nicht entschlagen. Deshalb macht er die grosse Wallfahrt rund um die Stadt, sichert sich seine Erlösung, lässt sie eintragen und verschafft sich noch die persönliche Gewissheit seines künftigen Heils durch einen Gang zum Brunnen zur «Kenntnis der Seligkeit». – Nun ist er aller Sorgen ledig, er kann tun und lassen, was er will, und geniesst einen Vorzug, den er einzig und allein seiner Religion verdankt: Sollte er hinfort auch noch Millionen Sünden begehen, so schadet es nichts, und niemand kann ihm etwas dafür anhaben.

So ist das ganze System klar und übersichtlich zusammengestellt und lässt an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig; ich möchte es allen empfehlen, denen die andern Religionen zu anspruchsvoll in ihren Forderungen erscheinen und zu beschwerlich für die kurze Spanne unseres mühevollen Erdenlebens.

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