Anleitung für Fälscher

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Wenn Händler, Sammler und Kunstfälscher zusammenarbeiten, gelingt der Coup: Ein Kurs in sechs Lektionen.

Linus Reichlin

Vor zwei Jahren sah ich im Staatlichen Museum in Kassel Maerten van Heemskercks Bild «Pieter Jan Foppeszoon und seine Familie». Es stammte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, aber konnte das sein? Die Gesichter des Mannes, der Frau und der beiden älteren Kinder waren realistisch und in äusserster Lebendigkeit gemalt, vor allem das des Mannes wirkte ausgesprochen modern, wie von einem Zeitgenossen gemalt. Das Baby in den Armen der Frau wirkte demgegenüber wie aus einem sakralen Gemälde ausgeschnitten, es war viel schematischer dargestellt und besass kein individuelles Gesicht. Das Baby schien aus der Frührenaissance zu stammen, die anderen Figuren aus dem Barock, und der Himmel, der flächig als Hintergrund aufgetragen war, wollte überhaupt in keine Epoche passen, wenn schon, dann aber ins 19. Jahrhundert. Es schien, als hätten drei Maler unterschiedlicher Jahrhunderte an dem Bild gearbeitet. Nichts passte hier zusammen, und mir kam der verwegene Gedanke, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte. Damals wusste ich noch nichts über Fälschungen, welche Rolle sie in der Kunstgeschichte spielen und wie viele von ihnen im Umlauf sind. In Heemskercks Fall lag ich mit meiner Vermutung falsch: An der Echtheit des Bildes ist nicht zu zweifeln. Aber in der Folge begann ich mich für Fälscher und ihre Werke zu interessieren, und nach monatelangen Recherchen kam ich zum Schluss, dass es keineswegs abwegig ist, sich vor jedem Gemälde, das man in einem Museum sieht, zu fragen, ob es auch tatsächlich echt sei.

 

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