Apotheker ohne Pillen

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Unzählige Rentner sind abhängig von Medikamenten. Pallenbach will das ändern.

Benjamin von Brackel

Als Pallenbach den Glas-Beton-Bau an der Friedrichstrasse 108 erreicht, beschleunigt sich sein Herzschlag. In den Scheiben des Gesundheitsministeriums spiegelt er sich. Auf seiner Stirn ziehen sich feine Furchen, über denen das kurze, nach oben getrimmte Haar lichter wird und an der Seite grau. Unter den tiefblauen Augen, in denen sich Treuherzigkeit und Vorsicht mischen, graben sich Ringe ein. All die Kämpfe haben Spuren hinterlassen in dem kantigen Gesicht. Er hat schlecht geschlafen, er weiss, was heute auf dem Spiel steht.

Der Apotheker aus dem Schwarzwald betritt das Ministerium. Er ist hier, weil das Gesundheitssystem versagt hat. Er ist hier wegen Hunderttausender Rentner, die wie Junkies nicht mehr von ihren Beruhigungsmitteln loskommen. Der 55-Jährige ist überzeugt, dass sich das Problem in den Griff kriegen lässt und dass er, Pallenbach, das schon bewiesen hat. Wie, das stellt er an diesem wolkigen Novembertag den Fachleuten vor, die aus ganz Deutschland angereist sind.

Was ihn beunruhigt: Auch er ist da, Christoph von Ascheraden, der eloquente Ärztefunktionär mit der Bassstimme und dem Vollbart, sein mächtiger Widersacher, der ihn, so sieht es Pallenbach, zum persönlichen Feindbild auserkoren hat. Und der seit Jahren alles daransetzt, seinen Plan aufzuhalten.

Der Apotheker hält die Riemen seines Rucksacks, steigt in den Lift und drückt den Knopf nach ganz oben. Er wird mich heute runterputzen, denkt sich Pallenbach. Die Lifttür schliesst sich.

Alles fing mit einem Unbehagen an. Damals, als Klinikapotheker in Villingen, einem Städtchen mit drei Stadttoren am Ostrand des Schwarzwalds, hat er unter anderem die Aufgabe, die Ausgabe der Medikamente zu kontrollieren. Stutzig macht ihn vor allem eine Arzneigruppe, die Ärzte wieder und wieder bestellen: Benzodiazepine. An den ersten Tagen wirken die Schlaf- und Beruhigungsmittel wie Wunder und können einen Menschen selbst nach einem Schicksalsschlag wieder aufrichten. Nach zwei Wochen gewöhnt sich der Körper an die von aussen verordnete Entspannung. Und rebelliert, wenn die Zufuhr ausbleibt. Nach wenigen Wochen lässt die Wirkung nach, und die Schlaflosigkeit kehrt zurück. Oft fühlen sich ältere Leute nun erst recht abgeschlagen, schwindlig und sind vergesslich. Manche stürzen nach dem Aufstehen und brechen sich den Oberschenkelhals, weil ihren Muskeln wegen der Beruhigungsmittel noch die Grundspannung fehlt. Die Tage im Spital, die Operationen und Rehabilitationen sind teuer, aber auch die Entwöhnungen in den Kliniken: Auf bis zu 14 Milliarden Euro pro Jahr schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die Folgekosten durch Medikamentenabhängigkeit, das ist immerhin ein Zwanzigstel aller Gesundheitskosten in Deutschland.

Wäre nicht dieser Anruf gekommen, Pallenbach würde es heute vielleicht ebenso handhaben wie all die anderen Apotheker damals, die zwar wussten, dass die Beruhigungs- und Schlafmittel abhängig machen, sie dann aber doch aushändigten, vielleicht mit etwas schlechtem Gewissen. Was sollten sie auch tun? Am System rütteln? Das hätte geheissen, nicht nur die Glaubwürdigkeit der Apotheker in Frage zu stellen, die an den Benzodiazepinen gut verdienten. Sondern auch die der Ärzte, die aus Zeitmangel ihren Patienten oft nicht mehr mit auf den Weg geben konnten als eine Schachtel Tavor oder Adumbran. Und wie sollte man den Patienten beibringen, dass sie süchtig waren? Senioren, die abends und morgens brav ihre «Medizin» schluckten, die ihr Arzt ihnen ja verordnet hattte, über Monate, Jahre, Jahrzehnte.

Als das Telefon in der Spitalapotheke klingelt, damals vor zehn Jahren, bittet ein Stationsarzt Pallenbach, sich eine Patientin anzusehen, die Medikamente wie Smarties schluckt. Er geht rüber zur Hautklinik, wo die über 70 Jahre alte Patientin liegt. Als die ihre Handtasche umdreht, purzeln an die 20 Schachteln heraus. Pallenbach erkennt auch Benzodiazepine. Ihm kommt ein Gedanke: Er hatte da etwas gelernt, eine Gesprächsführung mit sanften Nachfragen, eigentlich für Raucher. «Nehmen sie das schon länger ein?», fragt er die Frau.

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