Arktische Seidenstrasse

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Neu eröffnete Seewege bringen lukrative Geschäfte und Streit in ein isländisches Dorf.

Marzio G. Mian

Die letzten Lichtschwerter durchdringen die rasenden Wolken, graue und karminrote Ballen, die vor der einbrechenden Dunkelheit flüchten. Ich fahre am Ufer eines reglosen, spiegelglatten Sees entlang, einer Onyxplatte, vom Kielwasser eines weissen Vogels zerkratzt, dessen Schnabel so spitz ist wie eine Scherbe. Rundherum ist schon alles schwarz, Strasse, Berge, Lavaebene, die mit Felsen verwobenen Flechten. Die Erde dampft; sie lebt und atmet. Der eisige Wind verteilt Nebel über einer Heidelandschaft aus nacheiszeitlichen Überbleibseln. Seit zwei Stunden bin ich zum nordöstlichen Zipfel Islands unterwegs, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen. Auf 100 000 Quadratkilometern leben hier 500 Menschen. Die Nasa brachte ihre Astronauten in den 1970er Jahren hierher, um sie mit der Mondlandschaft vertraut zu machen. Irgendwann endet die Strasse, und ich habe die Bucht des Finna­fjords erreicht. Der Polarhimmel über dem Meer ist wie ein perlmuttfarbenes Barett aufs Eis gedrückt. Von hier erstreckt sich die Halbinsel von Langanes, einer Landzunge von wilder Schönheit, auf der etwa dreissig Wasservogelarten brüten, die es nur hier gibt, und an der das 320-Seelen-Dorf Þórshöfn liegt. Þórshöfn bedeutet der Hafen von Thor, dem Wikingergott, dabei hatten die Wikinger hier nicht einmal angelegt, denn sie kamen von Osten und umschifften die Insel im Süden.

Am Finnafjord gab es noch nie einen Hafen, doch jetzt ist einer geplant. Riesig. Und das Dorf von Hirten und Fischern, die Kabeljau und seit dem Klimawandel auch Makrelen fangen, bereitet sich darauf vor, in den nächsten zehn Jahren zur Stadt, einem Hub der Globalisierung, zu werden. Bislang drehte sich im Dorf alles um die kleine Flotte, die jährlich ungefähr 22 000 Tonnen Fisch nach Hause bringt. Siggeir Stefánsson, vierzig Jahre alt, ist der Leiter der Fischverarbeitungsfabrik. Karohemd, grauer Bart, müdes Gesicht, sitzt er in einem Büro voller Landkarten an den Wänden. Er könnte ein Geografielehrer sein, der gerade aus dem Unterricht kommt. Doch Siggeir, der Island noch nie verlassen hat und auch Vorsteher des Gemeinderats ist, trägt im Kleinen dazu bei, dass sich die geografische Landschaft verändert. Er ist in Þórshöfn der Ansprechpartner für das internationale Konsortium, das den Hafen bauen will. Finanziert wird das Grossbauwerk der neuen Arktis von der deutschen Hafenmanagement-Gesellschaft Bremenports sowie einem Unternehmenspool aus Island, Kapitalgebern aus China, Singapur und amerikanischen Pensionsfonds wie Guggenheim Investments. Die Rede ist von 15 Milliarden Dollar. Die Bucht soll einmal das Tor zur Polarmeerroute vom und zum Nordatlantik werden, mit 6 Kilometer langer Hafenmole für 400 Meter lange und 60 Meter breite chinesische Containerschiffe. Dazu 2000 Hektar Lagerfläche für Erdöl und Gas, Verarbeitungsanlagen für Rohstoffe aus Kanada und Grönland, Servicecenter, Wohnquartiere, Hotels, Schulen, Banken, Flughafen. Die Bedingungen am Finnafjord sind einzigartig: ein inzwischen fast ganzjährig eisfreies Meer, sogar in Felsennähe 75 Meter Tiefgang, wenig Wind, flaches Hinterland und billiges Gelände. «Alle haben unterschrieben. Das ist die Gelegenheit, damit die Kinder bleiben und Leute kommen, die etwas wirklich Grosses vorhaben», sagt Siggeir und zeigt auf die Wand, wo neben einem Poster mit arktischen Fischarten und einem Foto vom letzten Fest der Fischereikooperative eine grafische Darstellung des Projekts zu sehen ist. «Alle sind dafür, nur die nicht. Weil sie gegen jeden Fortschritt sind und alles Neue ablehnen.» Siggeir deutet auf eine schwarz markierte Parzelle, genau dort, wo die Bucht mit einem grossen Komma aufschlägt.

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