Arktische Seidenstrasse

Neu eröffnete Seewege bringen lukrative Geschäfte und Streit in ein isländisches Dorf.

Marzio G. Mian

Die letzten Lichtschwerter durchdringen die rasenden Wolken, graue und karminrote Ballen, die vor der einbrechenden Dunkelheit flüchten. Ich fahre am Ufer eines reglosen, spiegelglatten Sees entlang, einer Onyxplatte, vom Kielwasser eines weissen Vogels zerkratzt, dessen Schnabel so spitz ist wie eine Scherbe. Rundherum ist schon alles schwarz, Strasse, Berge, Lavaebene, die mit Felsen verwobenen Flechten. Die Erde dampft; sie lebt und atmet. Der eisige Wind verteilt Nebel über einer Heidelandschaft aus nacheiszeitlichen Überbleibseln. Seit zwei Stunden bin ich zum nordöstlichen Zipfel Islands unterwegs, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen. Auf 100 000 Quadratkilometern leben hier 500 Menschen. Die Nasa brachte ihre Astronauten in den 1970er Jahren hierher, um sie mit der Mondlandschaft vertraut zu machen. Irgendwann endet die Strasse, und ich habe die Bucht des Finna­fjords erreicht. Der Polarhimmel über dem Meer ist wie ein perlmuttfarbenes Barett aufs Eis gedrückt. Von hier erstreckt sich die Halbinsel von Langanes, einer Landzunge von wilder Schönheit, auf der etwa dreissig Wasservogelarten brüten, die es nur hier gibt, und an der das 320-Seelen-Dorf Þórshöfn liegt. Þórshöfn bedeutet der Hafen von Thor, dem Wikingergott, dabei hatten die Wikinger hier nicht einmal angelegt, denn sie kamen von Osten und umschifften die Insel im Süden.

Am Finnafjord gab es noch nie einen Hafen, doch jetzt ist einer geplant. Riesig. Und das Dorf von Hirten und Fischern, die Kabeljau und seit dem Klimawandel auch Makrelen fangen, bereitet sich darauf vor, in den nächsten zehn Jahren zur Stadt, einem Hub der Globalisierung, zu werden. Bislang drehte sich im Dorf alles um die kleine Flotte, die jährlich ungefähr 22 000 Tonnen Fisch nach Hause bringt. Siggeir Stefánsson, vierzig Jahre alt, ist der Leiter der Fischverarbeitungsfabrik. Karohemd, grauer Bart, müdes Gesicht, sitzt er in einem Büro voller Landkarten an den Wänden. Er könnte ein Geografielehrer sein, der gerade aus dem Unterricht kommt. Doch Siggeir, der Island noch nie verlassen hat und auch Vorsteher des Gemeinderats ist, trägt im Kleinen dazu bei, dass sich die geografische Landschaft verändert. Er ist in Þórshöfn der Ansprechpartner für das internationale Konsortium, das den Hafen bauen will. Finanziert wird das Grossbauwerk der neuen Arktis von der deutschen Hafenmanagement-Gesellschaft Bremenports sowie einem Unternehmenspool aus Island, Kapitalgebern aus China, Singapur und amerikanischen Pensionsfonds wie Guggenheim Investments. Die Rede ist von 15 Milliarden Dollar. Die Bucht soll einmal das Tor zur Polarmeerroute vom und zum Nordatlantik werden, mit 6 Kilometer langer Hafenmole für 400 Meter lange und 60 Meter breite chinesische Containerschiffe. Dazu 2000 Hektar Lagerfläche für Erdöl und Gas, Verarbeitungsanlagen für Rohstoffe aus Kanada und Grönland, Servicecenter, Wohnquartiere, Hotels, Schulen, Banken, Flughafen. Die Bedingungen am Finnafjord sind einzigartig: ein inzwischen fast ganzjährig eisfreies Meer, sogar in Felsennähe 75 Meter Tiefgang, wenig Wind, flaches Hinterland und billiges Gelände. «Alle haben unterschrieben. Das ist die Gelegenheit, damit die Kinder bleiben und Leute kommen, die etwas wirklich Grosses vorhaben», sagt Siggeir und zeigt auf die Wand, wo neben einem Poster mit arktischen Fischarten und einem Foto vom letzten Fest der Fischereikooperative eine grafische Darstellung des Projekts zu sehen ist. «Alle sind dafür, nur die nicht. Weil sie gegen jeden Fortschritt sind und alles Neue ablehnen.» Siggeir deutet auf eine schwarz markierte Parzelle, genau dort, wo die Bucht mit einem grossen Komma aufschlägt.

Die schwarzen Schafe sind der Schafzüchter Reimar Sigurjónsson mit seiner Frau Dagrun und vier Söhnen. Das letzte Angebot, erzählt man sich im Dorf, habe bei einer Million Dollar gelegen. Als ich die Familie auf ihrem Hof besuche, der «Fell» – Hügel – heisst und in der Tat auf der einzigen Erhebung dieses Küstenabschnitts liegt, ist sie gerade vom Sonntagsgottesdienst in der kleinen evangelischen Kirche zurück und bietet mir Lammbraten mit Kohlrabi und neuen Kartoffeln an. Ein unaufgeräumtes Bücherregal neben dem Kamin; durchs Fenster der Ausblick auf die makellose, unbekümmert daliegende Bucht, die nichts von ihrem Schicksal weiss. «Wir wollen einfach, dass alles so bleibt, wie es ist», sagt Dagrun, schaut die anderen an und geniesst dabei sichtlich das Gefühl einer eingeschworenen Gemeinschaft. Sie spricht für alle: «Wir wollen uns nicht verändern, die Ruhe und Einsamkeit hier gefallen uns. Wir fahren mit dem Boot raus und fischen, so viel wir brauchen. Die meisten hier glauben, sie würden jetzt endlich reich, und fragen uns verwundert, wieso wir nicht verkaufen. ‹Dann wärt ihr doch reich.› Aber wir wollen gar nicht reich sein. Wir sind Hirten, uns geht es nicht ums Geld, uns geht es um die Natur, die Wurzeln. Wir tragen diesen Ort im Herzen.»

Dann kommt der Montag und mit ihm ein gewaltiger, eisbeschwerter Nordwind, fast mit den Händen zu greifen. Dagrun und die Söhne sind nach Akureyri zurückgefahren, in die kleine, lebhafte Universitäts- und Hauptstadt des Inselnordens, eines der Logistik- und Finanzzentren der neuen Arktis, drei Autostunden von Þórshöfn entfernt. Ich begreife, dass Reimar eigentlich allein auf dem Fell-Hof wohnt, 40 000 Hektar Land mit See. Nur er lebt noch an dieser riesigen Bucht, sein Verlangen nach dieser zauberhaften Welt, bei deren Anblick sich ihm jeden Tag aufs Neue ein Kloss im Hals festsetzt, kann er mit niemandem mehr teilen. «Schönheit ohne Liebe tut nicht gut», sagt er mit belegter Stimme, und unter die eisigen Tropfen, die ihm der Regen ins Gesicht peitscht, mischt sich vermutlich auch eine Träne. Mit 48 Jahren ist Reimar zweimal geschieden, denn auch wenn Dagrun sich ihm und dem Hof am Finnafjord noch immer verbunden fühlt, hat sie die immense Weite und Einsamkeit nicht mehr ausgehalten und ist dem Ruf der Stadt gefolgt. Reimar ist gross, trägt zwei Piercings im linken Ohrläppchen, Schnauz- und Kinnbart, so karottenrot wie die Haare, nur der Pony ist säurerot gefärbt. Im Haus wirkt er schüchtern und wortkarg, die Bewegungen sind unbeholfen, in der Küche geradezu linkisch, aber im Stall, inmitten von 370 Schafen, ist er ganz er selbst. Zügig und entschieden schreitet er mit grossen Stiefeln über die vom Schafmist rutschigen Holzbohlen und spricht so leidenschaftlich wie wütend über seine Welt, deren Zukunft so ungewiss ist und ihm zu entgleiten droht. Wie er mir erzählt, werden die Schafe im Mai ins bergige Landesinnere gebracht, leben dann wieder wild und bringen die Lämmer zur Welt. Im Oktober folgt der smölun, ein jahrtausendealtes Ritual, der nordländische Viehabtrieb. Die Küstenfamilien brechen gemeinsam auf, reiten durchs unwegsame Gelände und treiben die Herden wieder zusammen, die sich in der weiten, feindseligen Landschaft – «oberhalb der Lebenshöhe, wie wir sagen» – gemischt und zerstreut haben. Jeden Tag schlagen die Viehtreiber ihr Lager woanders auf, abends singen sie Lieder in einer alten Sprache, die nicht mehr die ihre ist, und essen gekochten Schafskopf mit Maulbeeren. Zigtausend Schafe müssen talabwärts, in die réttir zurückgeführt werden, in gigantische gemeinschaftliche Schafgehege. Dort werden die Herden anhand ihrer Kennzeichnung getrennt, die Lämmer geschlachtet, gewogen und an die Händler aus Reykjavik verkauft. «Heute züchten wir die Schafe nur noch aus Tradition, im Gedenken an unsere Vorfahren, eigentlich ist damit längst Schluss. Die Besten, die mit mehr als tausend Tieren, kriegen vielleicht ihre Kosten wieder raus. Das Heu ist nicht mehr so gut wie früher, es regnet zu viel, weil der kalte Grönlandwind auf ein wärmeres Meer trifft. Es fault leicht, und für die Lämmer bekommen wir immer weniger. Der Dünger wird jedes Jahr teurer, die staatliche Förderung ist lächerlich, und die Isländer essen lieber dreimal so teures Importfleisch. Kein Fleisch auf der ganzen Welt ist so gesund wie unseres, das Wasser hier ist etwas ganz Besonderes, und Antibiotika habe ich noch keinem Tier gegeben. Trotzdem scheint es ausgemacht, dass unsere Welt verschwinden muss, das System hat uns ausgemustert. Was macht man bloss mit uns, frage ich mich.»

Reimar zeigt mir auf dem Handy den aktuellen Bebauungsplan, den ihm seine Schwester Fridbiorg geschickt hat, sie ist Assistentin an einem psychiatrischen Institut in Akureyri. Den Plan hat sie unter der Hand von einem befreundeten Ingenieur bei der Efla bekommen, einer internationalen Projekt- und Beratungsgesellschaft mit Sitz in Reykjavik und zwanzig Prozent Anteilen am Finnafjord-Projekt. Man kann erkennen, dass Fell nun aussen vor bleibt, der Hof ist kein schwarzes Schaf mehr, sondern grün geworden. «Ich habe eine Schlacht gewonnen, ich habe nirgendwo nachgegeben und nichts unterschrieben. Aber den Krieg werde ich irgendwann verlieren, das wissen die auch. Ich bin von Beton umzingelt, mein Land grenzt an das Industriegebiet und an die Raffinerie, ja, an die Raffinerie. Wie wir jetzt wissen, soll hier auch das Erdöl aus dem Dreki-Lager verarbeitet werden, angeblich eine der grössten Erdöllagerstätten im Nordpolarmeer, dort im Nordosten.» Reimar zeigt mit der Mistgabel auf einen Punkt mitten im Meer. «Das Erdöl liegt in der isländischen 200-Meilen-Zone. Ausserdem soll hier auch Flüssigwasserstoff produziert und verschifft werden, und angeblich will man seltene Erden und Uran aus Grönland hier verarbeiten. Ich werde zu den Versammlungen ja nicht mehr eingeladen, für Siggeir und die anderen bin ich wie tot. Sie wissen genau, dass sie früher oder später an mein Land kommen werden, irgendwann werde ich vielleicht vom Staat enteignet. Leute, mit denen ich ein Leben lang befreundet war und die im Gemeinderat sitzen, haben mich bei Facebook blockiert. Aber ich bin nicht mehr der Einzige, der ihre Pläne durchkreuzt; viele, für die der Hafen einmal das grosse Los war, schöpfen langsam Verdacht. Es sind seltsame Dinge passiert, es wurde einfach zu viel gelogen.»

 

Bei einem meiner Besuche in der gigantischen Fischverarbeitungsfabrik von Þórshöfn vergleicht Siggeir die Sigurjónssons vom Fell-Hof, und das hat er vielleicht von den Bremern, mit dem Studenten auf dem Tiananmenplatz, der sich dem Panzer entgegengestellt hat: «Sie haben keine Chance», sagt er und kratzt sich nervös am Bart. Er ist wütend, aber auch ein wenig stolz auf seine Landsleute, die selbstbewussten, unangepassten Hirten. Ich habe in der neuen Arktis mehrere Helden der Antimoderne getroffen, die sich ungerührt vor den Panzern des Profits aufbauten und ihr Recht verteidigten, sich nicht am allgemeinen Wettlauf zu beteiligen. Doch der Fortschritt macht keine Gefangenen. Man muss mitmachen oder gehen. Der Fortschritt versteht sich ausserdem blendend auf das Erzählen unwiderstehlicher Geschichten, die selbst Leute wie Siggeir faszinieren: einsame Fischer in einer Mondlandschaft, die ihr Leben lebten und sich eigentlich gar keine andere Welt als die ihrer Vorfahren vorstellen konnten, und plötzlich Teil eines atemberaubenden globalen Abenteuers werden. Sie erleben die Zukunft quasi live. «Es ist doch ganz einfach», sagt Siggeir, während er routiniert eine Arktiskarte auf dem Tisch ausbreitet: «Die Entfernung von dem umschlagstärksten europäischen Hafen Rotterdam und dem japanischen Yokohama beträgt via Suezkanal 11 250 Seemeilen, aber durch die Nordostpassage entlang der russischen Küste nur 7350 Meilen. Die Nordwestpassage dagegen, obwohl sie historisch gesehen die vielversprechendere Abkürzung nach Asien schien, ist für die Handelsschifffahrt weniger geeignet, weil das Meer zwischen den 36 000 kanadischen Inseln zu schmal und flach ist. Die Zukunft liegt hier», sagt er. «Das hier ist etwas ganz anderes.» Er klopft mit dem Zeigefinger auf die Mitte der Karte, mit seinem Blick scheint er das Abschmelzen des Nordpols beschleunigen zu wollen. «Der Hafen wird ein Terminal auf der Nordpolroute. Vom Nordpazifik aus durchquert man die Beringstrasse, kommt zum Nordpol, dann zur Framstrasse, und dann ist man genau hier, am Eingang zum Nordatlantik. Nach insgesamt nur 4500 Seemeilen. Und umgeht damit Panamakanal oder Suezkanal, das heisst Herde politischer Unruhen, Terrorismus und Piraten. Verglichen mit der Nordostpassage spart man auf der Polroute sogar noch mehr Zeit, weil sie noch kürzer ist und die Gewässer tiefer sind. Hinzu kommt, dass man Russland aussen vor lässt, also Zölle, Arroganz und Bürokratie. Der Hafen von Finnafjord wird das neue Rotterdam», sagt der Fischfabrik-Manager, der jetzt in Geopolitik vernarrt ist.

 

Reimar verfolgt am Finnafjord seine eigenen Projekte, wohl auch, um Siggeir, dem Dorf und vielleicht der ganzen Welt zu zeigen, dass er nicht einfach stillhält und wartet, bis das Monster, also die Zukunft, kommt. Vor einem Jahr hat er am Hang ein paar Chalets gebaut. Immer häufiger verirren sich in den Sommermonaten Touristen hierher, auf der Suche nach den letzten Winkeln, in die die Busse der Reisegesellschaften noch nicht vorgedrungen sind. Auch ich bin in einer der spartanischen Holzhütten untergebracht. Eines Abends, vom Polarmeer rückt ein Schneesturm heran, wage ich noch die Fahrt von Fell nach Þórshöfn, fünfzehn Kilometer bis auf die andere Seite der Langanes-Halbinsel. Ich will zur Tankstelle, weil man nur dort noch etwas zu essen bekommt, seit das «Bàran», das einzige Restaurant, geschlossen hat.

Auf halber Strecke und nach einer kurzen Steigung gelingt es mir kaum noch, das Auto unter Kontrolle zu halten, und plötzlich sehe ich eine Schneewand vor mir. Durch den starken Wind wird alles aufgewirbelt, und von einem Moment auf den anderen hat sich eine Schneewehe gebildet, in die ich gerade hineinfahre. Ich komme nicht mehr vor und zurück, kann nicht einmal die Türen öffnen, das Handy hat keinen Empfang. Ungefähr eine Stunde später sehe ich aus dem Dunkeln einen Pick-up näherkommen, ein Mann steigt aus und macht sich an meinem Auto zu schaffen. Schon bald hat er es freigeschaufelt, nimmt mich ans Seil und zieht mich auf die Fahrbahn zurück. Der Mann heisst Ægir Halldórsson, ist Fischer und will seinen Vater besuchen, der ebenfalls Fischer ist, durch Rückenprobleme allerdings ausser Gefecht. «Das Gesetz des Meeres gilt bei uns auch auf der Strasse», sagt Ægir, was Ozean bedeutet. «Wenn jemand ein Problem hat, hilft man sich.» Als er erfährt, warum ich in Island bin und dass ich den Fell-Hof besucht habe, lädt er mich ein, mit ins Dorf zu seinem Vater zu kommen.

Ein gepflegtes Haus, ganz in Rosa und Weiss, drinnen lauter Nippsachen und ein Foto der kleinen Insel Grímsey, die zwei Tragflügelbootstunden entfernt vor der Küste liegt. Es ist die Heimatinsel von Ægirs Mutter, die Familie hat dort ein paar Jahre gelebt. «In wenigen Jahren wurden aus hundert Bewohnern ganze elf», sagt Ægir. «Die Fangquoten der Fischer von Grímsey haben sich die grossen Unternehmen gesichert. Auf der Insel studieren heute höchstens noch ein paar Wissenschaftler das Klima oder den gefährdeten Papageitaucher, der früher zu Millionen an der Ostküste genistet hat. Als ich ein Junge war, haben wir sie noch mit dem Netz gefangen. Es war das einzige Fleisch, das es auf der Insel gab. Die Wahrheit ist einfach: Die Vögel ernähren sich von Kapelanen, und der Kapelan verschwindet aus unserem Meer.» Im letzten Jahr, so erzählt Ægir, habe die Regierung keine Quoten mehr für den Kapelan ausgegeben, weil er so selten geworden sei, und das werde sich auch dieses Jahr nicht ändern. Dabei ist der Kapelan eigentlich ein typischer Islandfisch, der zwischen Februar und April von Grönland herunter bis vor die isländischen Küsten kommt, vor allem an die Nordküste, um hier zu laichen. In normalen Jahren fingen die Fischkutter von Þórshöfn pro Tag eintausend Tonnen Kapelan. «Jetzt ist das Meer zu warm geworden», sagt Ægir. «Die Fische wandern nicht mehr und bleiben einfach in Grönland. So auch der dortige Kabeljau, weil der Kapelan seine Lieblingsspeise ist. Der isländische Kabeljau hingegen ist grösser und hochwertiger. Aber wenn er sich nicht mit Makrelen und Heringen begnügen soll, muss auch er in Richtung Grönland abwandern.» Das wär’s dann, dann erschiess ich mich, mit der Harpune, ich ziele genau auf die Brust. Ich bin der Sohn und Enkel von Fischern, was anderes, als dort draussen zu fischen, habe ich nicht gelernt. In zwei Monaten bin ich nur zweimal rausgefahren, weil es ununterbrochen gewindet hat, mit riesigen Wellen. Das liegt angeblich daran, dass das Eis immer weniger wird und der Wind auf keinen Widerstand mehr trifft. In den letzten drei Jahren habe ich mehrmals mein Leben aufs Spiel gesetzt. Kabeljau heisst für mich 500 Kilo pro Seegang, damit ich meine drei Töchter ernähren kann, dann und wann auch mal essen gehen kann, dazu ein paar Biere. Meiner Meinung nach hat das ‹Bàran›, zugemacht, weil keiner mehr hingeht. Früher war es da um diese Zeit rappelvoll, das waren für uns Fischer die fetten Monate; was wir da verdient haben, reichte fürs ganze Jahr.»

Ægir blickt seinen Vater Halldór vielsagend an, in seinen Augen liegt Angst. Als Reaktion schnupft der Vater geräuschvoll zwei kräftige Prisen. Er gibt dazu aus einem kleinen Horn Tabakkrümel auf die seitliche Kuhle des Handgelenks und streckt dabei den von der Arthrose verformten Daumen. Halldór ist 64 Jahre alt, wirkt aber um einiges älter; er ist korpulent, der Bauch quillt über den Gürtel, der rötliche dichte Bart reicht bis auf die Brust, und das linke Auge kann er seit seinem siebzehnten Lebensjahr nicht mehr richtig öffnen. Ein Unfall auf hoher See. Mit seinen riesigen Händen streichelt er ein Papillon-Hündchen, mit einem niedlichen rosaroten Halsbändchen passend geschmückt. «Hat Ægir Ihnen gesagt, dass ich auch nichts mehr unterschreibe? Dass keiner mehr irgendetwas unterschreibt, weil sie uns verarschen und wir in ihren Augen nichts als nützliche Marionetten sind?» Wie ich erfahre, gehört das Land am Südende der Bucht, wo die Docks für die Containerschiffe entstehen sollen, Halldór und seinen Brüdern. «Alle ausser Reimar haben anfangs unterschrieben und so das erste Umweltgutachten ermöglicht. Die von Bremenports sind gekommen und haben uns erklärt, wie nett sie seien und dass alles sauber ablaufen würde. Dann kamen noch die Manager von der Efla, um uns zu erzählen, wir würden Millionen kriegen und wie sicher nun die Zukunft für die nächsten Generationen wäre. Aber als man uns dann im Rathaus vor ein paar Monaten die Unterlagen gezeigt hat, war nur noch von 99 Jahren Pacht die Rede. Von denen wir nicht zurücktreten können, aber sie sehr wohl. Meiner Meinung nach haben diese Schlitzohren auch Siggeir und den anderen aus der Gemeinde ein X für ein U vorgemacht: Die können einem leidtun; nur um das Geschäft des Jahrhunderts zu machen, haben sie den hohen Herren versprochen, das hier wäre der reinste Spaziergang, da wir ja unwissend, arm und naiv sind – was sogar stimmt. Wenn wir nicht unterschreiben, finden sie am Ende ein Gesetz, mit dem sie uns enteignen, und das war’s. Ich gebe zu, ich fand’s gut, dass sich die Dinge verändern sollten. Man hört ja, der hohe Norden würde jetzt der Mittelpunkt der Welt und unsere Kinder müssten nicht mehr woanders hingehen, die Zukunft wäre jetzt hier. Aber mittlerweile sehne ich mich nach früher, nach der Zeit, ehe diese Hafensache das Leben von uns allen hier vergiftet hat.»

Das Problem an Projekten wie dem Finnafjord-Hafen oder den gigantischen Schürfvorhaben in Grönland, Alaska und den unwirtlichen Weiten der russischen Tundra ist, dass sich zwischen diesen und den bäuerlichen, gutgläubigen Dorfbewohnern des hohen Nordens eine himmelweite Kluft auftut. Es ist noch nicht lange her, da ging es im Leben dieser Menschen nur darum, ob sie in der feindlichen Umgebung überleben und genug Nahrung für ihre Kinder beschaffen konnten. Dass sie heute problemlos mit den sozialen Netzwerken oder den raffinierten digitalen Echoloten ihrer Fischerboote umgehen können, die Brent-Kurse an der Börse verfolgen oder sogar hochspezialisierte Techniker sind, ändert daran wenig. Wie man sehen konnte, als sich die grönländische Inuit-Regierung mit multinationalen, in Australien, China und Südafrika agierenden Bergbaukonzernen herumschlug, hilft es noch nicht einmal, studierter Minister zu sein und sich auf internationalem Parkett zu bewegen: Diese Menschen sind einfach nicht abgebrüht und zynisch genug, um mit den gierigen Kolonialisatoren der neuen Arktis auf Augenhöhe zu verhandeln. Wer Siggeir und die anderen Gemeinderäte kennt, ahnt, welch riesige Diskrepanz in puncto Erfahrung und Verhandlungsgeschick zwischen den Eskimovölkern auf der einen und den Managern und internationalen Anwaltskanzleien auf der anderen Seite des Tischs besteht. «Die Leute im Rathaus sagen uns nicht, wie es wirklich steht, weil sie es auch nicht wissen. Das Spiel ist eine Nummer zu gross für sie. Am Ende sind wir alle die Blöden. Und Reimar, der Spinner, hat das als Erster begriffen», sagt Halldór. «Es wird genauso ausgehen wie damals bei Gunnólfsvík.» Halldór ist, wie er erzählt, auf der Nordseite des Finnafjords geboren, als eines von 13 Kindern am Hof oberhalb von Gunnólfsvík, auf einer Ebene, die genauso platt ist wie der Tafelberg bei Kapstadt und zur Bucht hin steil abfällt. Eines Tages ist der Hof abgebrannt, für die Zeit des Wiederaufbaus zog die Familie mit ihren Schafen auf die andere Seite der Bucht und erwarb dort ein kleines Haus mit Land. Aber als sie wieder in die Heimat zurückkehren wollten, tauchte plötzlich ein Funktionär aus dem Verteidigungsministerium auf und sagte, Gunnólfsvík werde gebraucht, man werde entsprechend dafür zahlen. Die Amerikaner wollten dort eine Radarstation errichten, um die Sowjets abzuhören. Doch in Wahrheit wollte das Ministerium nur einen symbolischen Preis zahlen, und Halldórs Eltern verweigerten die Unterschrift. Bis sie enteignet wurden. «Erst die Amerikaner, jetzt die Deutschen. Der Finnafjord ist verflucht», sagt Halldór. Und als wolle er sein Gesicht verbergen, beugt er sich zu dem Hündchen hinab, um ihm einen Kuss zu geben.

 

In diesem Teil der Welt ist das Glas der globalen Erderwärmung halb voll. Und darauf stösst man an. Man verteidigt entschlossen sein sa­krosanktes Recht, die einmalige historische Chance zu nutzen, auch wenn andere im Rest der Welt das als Problem betrachten. Digitale Broschüren mit phantastischen Entwürfen, Business- und Investitionsplänen, Baustellen- und Bulldozer-Fotos künden von einer adrenalingesättigten Zukunft, die wie Science-Fiction aussehen – ein verheissungsvoller Ozean, mit 14 Millionen Quadratkilometern fast so gross wie das Mittelmeer. Und je mehr das Eismeer schmilzt, desto einfacher lässt sich die Welle reiten. Wie einst in der Neuen Welt beruft man sich auch hier beim Bau grosser Werke auf das, was die Menschheit schon ersonnen hat. Die Hafenmanagement-Gesellschaft Bremenports, die das isländische Projekt leitet, vergleicht ihren Entwicklungsplan mit dem prestigeträchtigen globalen Umschlagplatz Rotterdam und möchte in der Arktis den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Hanse wiederholen, des Mittelalterbunds aus hundert nordeuropäischen Hafenstädten.

Sage und schreibe 85 Prozent des globalen Handels werden heute über die Meere abgewickelt, und 80 Prozent davon sind in chinesischer Hand. Das Monopol bringt tagtäglich 1 Milliarde Dollar ein. Dank der Operation «Weisser Drache» sollen innerhalb der nächsten zehn Jahre 20 Prozent aller Waren über die Polarmeerrouten verschifft werden. Wir sprechen hier von einem Handelswert von 100 Milliarden Dollar im Jahr. 90 Prozent der globalen Handelsströme verlaufen zwischen Asien, Europa und Nordamerika, und das Nordpolarmeer ist der Zubringer, der alle verbindet. Peking stehe, so Frédéric Lasserre, Professor für Geopolitik an der Universität Laval in Quebec und einer der wachsten Analysten der arktischen Dynamik, vor dem «Malakka-Dilemma». Die chinesischen Schiffe fahren grossteils durch die Strasse von Malakka zwischen der Malaiischen Halbinsel und Sumatra und anschliessend durch die Meeresstrasse Bab al-Mandab zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Horn von Afrika. «Doch bei einem politischen Zwischenfall oder einem Konflikt mit den USA könnten diese, so fürchten die Chinesen, blockiert werden», sagt Lasserre. Hinzu käme die Instabilität im Nahen Osten, die die Sicherheit des Suezkanals bedrohen würde. «Diesem Risiko kann man am besten entgegenwirken, wenn man alternative Land- und Seerouten für den Import von Rohstoffen und den Export von Handelswaren entwickelt. Die Chinesen planen langfristig, über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Wie der Vatikan. Im Jahr 2030 wird China zudem 1,5 Milliarden Einwohner haben, und alle brauchen Eiweiss, sehr viel Fisch also. Die Chinesen haben ja schon gesagt, die Arktis sei ihr Kühlschrank.»

Der Kühlschrank der Fischverarbeitungsfabrik Ísfélag ist dagegen fast leer. Gross wie ein Flugzeughangar, steht er direkt am Hafen von Þórshöfn, dort wo die internationalen Containerschiffe vor allem aus Japan, Korea, China, aber auch aus Norwegen und Schottland anlegen sollen, um das Fischfutter für die Lachsindustrie zu transportieren – absurderweise fischt man für die Zucht des weltweit beliebtesten Fischs ja die Meere leer. Doch momentan wird das Kühllager nur für den tiefgefrorenen Kabeljau gebraucht, der per Lkw nach Reykjavik geht. Guðmundur Björnssons Worte dröhnen in der Leere: «Noch vor zwei Jahren stapelten sich hier die Paletten bis unter die Decke, allein 3000 Tonnen Kapelan. Heute kommen im Tagesdurchschnitt nur noch zehn Tonnen Kabeljau ins Zwischenlager. Einzig im August haben wir auch noch die Makrele. Ohne den Kapelan wird das hier alles zusammenbrechen, unsere Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, und meine Frau arbeitet auch hier, in der Buchhaltung. Glücklicherweise fährt mein Sohn einen unser Kabeljaukutter. Wir können nur auf den Tourismus hoffen oder auf den Hafen am Finnafjord, also darauf, dass der Kapelan eines Tages durch Container ersetzt wird. Mit dem Klimawandel ist es wie mit dem globalen Handel, wenn ein Markt untergeht, taucht ein anderer auf», so der Verkaufsleiter von Ìsfélag. Der Fisch mit den goldenen Eiern ist das Kapelan-Weibchen, ihr ockergelber Rogen gilt vor allem bei Japanern – beim traditionellen Hochzeitsessen –, aber auch bei Koreanern und Chinesen als Delikatesse. Doch 2019 wurde der Fischfang verboten, allein hier in Þórshöfn bedeutet das einen Verlust von 50 Millionen Euro.

In den Räumen der Gemeindeverwaltung, um Siggeirs Tisch, herrscht darum Nervosität, wahrnehmbar am geräuschvollen Schlürfen aus dampfenden Kaffeebechern. Am Bildschirm verfolgt man live mit, wie staatliche Sachverständige per Schiff die Kapelanbestände vor den isländischen Küsten inspizieren, um die diesjährigen Fangquoten festzulegen. Auch die Arbeiter bei Ísfélag warten mit angehaltener Luft auf den Urteilsspruch: Es wird leider kein Freispruch. Der Kapelan darf auch 2020 nicht gefangen werden.

Þórarinn Sveinsson ist fünfzig Jahre alt und arbeitet seit drei Jahren für die Ísfélag. Der ehemalige Schafzüchter war hochverschuldet und musste seine fast 500 Schafe verkaufen, verliebte sich aber glücklicherweise in ein tatkräftiges Dorfmädchen, das er heiratete. Die beiden versuchten, eine Baumschule aufzuziehen, nach Meinung vieler eines der zukunftsträchtigsten Geschäftsfelder in Island. Der isländische Wald wurde schon von den Wikingern abgeholzt, bis heute wächst auf der Insel darum nur niedriges Gehölz. Daher hört man oft, wer sich in den isländischen Wäldern verirre, brauche nur aufzustehen, damit er gefunden wird. Wegen der in dieser Gegend sehr starken Winde – Tendenz: zunehmend – gleichen die Bäume eher Bonsais. Als einzige Lösung blieb also, es allen anderen nachzutun: bei der Ísfélag anzuheuern. Þórarinn war eine der letzten Neueinstellungen. Vor drei Jahren noch stand die Fabrik von Januar bis Mai nicht einen Moment still. Man arbeitete sieben Tage die Woche rund um die Uhr, und ein Bandarbeiter brachte 7000 Euro im Monat nach Hause. Heute ruhen mehr als die Hälfte der Fischverarbeitungsbänder, und die Fischfutter- und Fischölproduktion ist komplett eingestellt. Das Durchschnittsgehalt beträgt nur noch 2500 Euro. In einem Land mit den weltweit höchsten Lebenshaltungskosten kann man sich damit nicht nur keine Extras mehr leisten – etwa eine Brücke für die drei fehlenden Zähne, die Þórarinn am Lächeln hindern –, sondern seine Kinder auch nicht mehr zum Studieren nach Akureyri schicken, weil es in Þórshöfn nur die Regelschule bis 16 gibt. Doch wenn einem in diesen Breitengraden die globale Erderwärmung mit einer Hand etwas nimmt, hält sie in der anderen oft ein überraschendes Geschenk bereit und mischt sich gern kreativ ins Schicksal der Menschen ein.

Baumstämme scheinen Þórarinns Schicksal zu bestimmen: Seit einigen Jahren profitiert er von einem Gottesgeschenk, so wie auch andere Fischer, Arbeiter oder sogar Teilzeitschafzüchter, die an den Küsten der Laganes-Halbinsel leben. Die gewaltigen Wellen des Polarmeers schwemmen dort bis zu zehn Meter lange Baumstämme an, die Þórarinn und die anderen sammeln, zersägen und verkaufen. Meistens sind es Kiefern oder Sibirische Lärchen, von den Meeres-Holzfällern grob als Weissholz und Rotholz klassifiziert. Bergeweise werden von den Flüssen der borealen sibirischen Wälder Baumstämme ins Nordpolarmeer gespült und landen dann durch die Meeresströmungen, die vom polaren Fieber hervorgerufene Kurzschlussreaktionen vermutlich verändert haben, an 10 000 Kilometer weit entfernten Küsten. «Viele Bäume sind offenbar sehr alt», sagt August, 42, der in Saudanes 700 Schafe und 60 Pferde stehen hat. «Auch aus Grönland schwemmt es Stämme hierher. Sie waren jahrhundertelang im Eis eingeschlossen und sind hart wie Eisen, da kann man keinen Nagel reinschlagen.» August hat sich schon ein Sägewerk angeschafft und hofft, bald den Beruf zu wechseln. Aus Weissholz stellt er Pellets her, und das hochwertigere Rotholz exportiert er nach Schweden, Norwegen und vor allem an einen berühmten Berliner Innenarchitekten, dessen Namen er nicht preisgeben will. «Ich bekomme von ihm zweitausend Euro pro Kubikmeter und schicke ihm mehrere Container pro Monat», vertraut er mir an.

 

Die erste Mücke tauchte 2014 auf und war in allen isländischen Zeitungen der Aufmacher. Die Makrele, von der schon die Rede war, hatte man dagegen bereits 2010 in Þórshöfn und dem übrigen Norden der Insel gesichtet und nach dem Finanzcrash als wahren Segen gefeiert. Island, das als einziges Land nach der Bankenkrise bankrottgegangen war, klammerte sich daran wie an eine göttliche Fügung, die der Klimawandel geschickt hatte. Auf Islands Münzen und Noten, der Krone, sind keine Monarchen oder Musiker, sondern Kabeljau und Seehecht zu sehen. Schon seit der Entdeckung des Landes durch die Wikinger vor 1200 Jahren hängt seine Wirtschaft am Fischfang. Wohl weil das Land – Segen oder Fluch – zwischen Europa und Amerika liegt und aus beiden Welten nimmt, was ihm gefällt, und anderes verwirft, ist es das Versuchslabor des Westens. «Alle wollen besonders und ganz anders, aber gleichzeitig beim globalen Machtpoker dabei sein. Wir sind sehr besonders und gleichzeitig global», sagte mir die junge Umweltministerin Siv Friðleifsdóttir 2004 in ihrem Büro, hinter ihr ausgestopfte Rebhühner. «Die habe ich selbst geschossen», sagte sie. «Unter den Gletschern dieser Insel liegen schliesslich Vulkane. Das sollte man nie vergessen, denn das hat Folgen. In der Landschaft kann man nicht banal sein.» Damals feierte man gerade mit der für kleine Länder typischen Folklore sechzig Jahre Unabhängigkeit von Dänemark. Und indirekt auch 65 000 Dollar jährliches Pro-Kopf-Einkommen, das hiess den dritten Platz in der Weltrangliste der wettbewerbsfähigsten Länder. Island wurde überall der «skandinavische Tigerstaat» genannt. Nur zwanzig Jahre zuvor war das Land noch das Armenhaus Europas gewesen und höchstens als amerikanischer Aussenposten im Kalten Krieg bekannt. «Ich wurde im Jahr der Unabhängigkeit geboren, an der Westküste», erzählt Einarsson Bragi in seinem mit Erdwärme geheizten Gewächshaus auf der Hveragerði-Ebene mit ihren heissen Quellen. «In unserem Haus hatten wir gestampften Lehmboden, es gab keinen Strom. Wir ernährten uns von Heringen, Salat kannte ich nicht. Und jetzt stehe ich hier, züchte Bananen und Kiwis und besitze ein Haus auf den Bermudas.»

Alle sprechen Englisch, können aber auch die tausend Jahre alten isländischen Sagen lesen. Schon die Wikinger kamen mit einem Buch unterm Arm hier an. Anders als in allen anderen Ländern dieser Welt hat es in «Eisland» nie Analphabetismus gegeben. 400 der 320 000 Einwohner gehören dem Schriftstellerverband an, 40 isländische Autoren werden weltweit übersetzt. Kein anderes europäisches Land hat prozentual mehr Autoren. «Es macht Spass, Isländer zu sein, oder? Man kann als einsamer Held dabei zuschauen, wie die Welt gerade ihre Seele verliert», sagte der Schriftsteller Einar Már Guðmundsson. Auch das swinging Reykjavik jener Jahre rühre daher, dass die Jugend gerade das Andere suchte, so Ásmundur Jónsson, der als Musikproduzent Björk, Sigur Ròs und Múm entdeckt hat. «Die Jugend», meint Gísli Pálsson vom Institut für Anthropologie, «identifiziert sich gern mit der Vorstellung einer reinen, prähistorischen, abgelegenen und zugleich zukunftsträchtigen Welt.» Das Land ist stolz auf seine Abgelegenheit, aus der sich eine eigene familiäre und kulturelle Identität entwickelt hat. Familiengenealogien lassen sich dank der Sagen bis ins Jahr 1000 zurückverfolgen. Ein wertvolles Gut übrigens auch für Genom-Hexenmeister. Die Isländer haben die Rechte an ihrem genetischen Code quasi als Versuchskaninchen an einen multinationalen Pharmakonzern verkauft. Vielleicht haben sie damit zum ersten Mal Seele und Verstand verloren. Denn schon bald sollte der skandinavische Tiger zum gerupften Kater werden. Fünfzig Prozent Kaufkraftsteigerung in fünf Jahren, mehrere SUV pro Familie, die von der kultigen Björk genannte kiùtt kynslóðin (nette Generation), die sich höchstens um den Lärm von Privatjets, den Wohnungskauf oder das nächste Wochenende in Paris sorgte – quasi über Nacht war alles aus und vorbei. Wie sich zeigte, war alles auf faule Hypotheken gebaut, 160 000 Euro Miete pro Einwohner. Den schnellen Wandel vom Kabeljau zur Raubfinanz hatte man mit Auslandskrediten finanziert, die das BIP um ein Zehnfaches überstiegen. Ein ganzes Land geriet unter den Hammer, man musste beim Internationalen Währungsfonds zu Kreuze kriechen. Und wer war daran schuld? «Island wurde durch den Turbokapitalismus einer testosterongesteuerten Männerbande in den Abgrund gestürzt», so die trockene Antwort von Jóhanna Sigurðardóttir, der ersten bekennenden lesbischen Regierungschefin der Welt. Eine Freundin hatte mich vor der «eiskalten Frau» gewarnt, aber für die Isländer war sie damals die «heilige Jóhanna», einziger Rettungsanker im verlorenen Paradies.

 

Als ich das Land zwei Jahre später, 2011, besuche, erwarte ich Menschen, die in Barackensiedlungen hausen. Doch da hat Island die Rezession längst hinter sich gelassen, das BIP zeigt nach oben, der Zinssatz ist von 18,5 auf 4,5 Prozent, die Inflation von 15 auf 3 Prozent und die Arbeitslosigkeit von 10 auf 8 Prozent gesunken. Auch wenn 60 Prozent der Kredite noch nicht zurückgezahlt und viele Fachkräfte ausgewandert sind, man vergebens nach Baukränen Ausschau hält und der Wohlstand durch Einsparmassnahmen abgewürgt wird, das Adrenalin, der Wahnsinn sind wieder da. Das Motto des Landes lautet «Þetta reddast!», das regelt sich. «Wir sind ein riesiges Testgelände, der perfekte Ort für Experimente. Denk dran, wir sind die Insel mit den Vulkanen unter den Gletschern», sagt die Industrieministerin Katrín Júlíusdóttir. Island holt in Riesenschritten auf. Schon seit Erfindung des Warmwassers werden 99 Prozent der Häuser mit Erdwärme geheizt. Die Nation, in denen die Tauben von den Blinden geführt wurden, entdeckt ausserdem die Politikverdrossenheit: Der Komiker und DJ Jón Gnarr, so schlaksig wie Mr. Bean und ein Mundwerk wie Beppe Grillo, wird Bürgermeister von Reykjavik, im Stadtrat sitzen Strassenmusiker und Punks. In einem ehemaligen Lagerhaus am Hafen eröffnet man das «Haus der Ideen»: «Lebensgefahr. Gesellschaftszersetzende Demokratie» steht am Eingang. Hier verbarrikadierten sich übrigens Julian Assange und sein Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg und arbeiteten zwei Jahre lang an ihrer Wikileaks-Seite. Und hier wurde auch der Gesetzesvorschlag formuliert, der Island in ein Mekka des investigativen Journalismus verwandeln sollte, in eine Offshore-Daten-Adresse, die Quellen schützt, auch solche, gegen die Strafanträge gestellt wurden. Das Ideen-Ministerium hat seinen Sitz dagegen im Café Solon, auf dem Laugavegur, wo ansonsten Live-Musik-Läden ansässig sind: Guðjón Már Guðjónsson, ein Ex-Informatiker, hat den Think-Tank gegründet. «General Electrics hat 327 000 Mitarbeiter, Island 320 000 Einwohner. Da habe ich mich gefragt, wieso hat GE eine Vision und wir nicht?», sagt er. Also lässt er 1500 Isländerinnen und Isländer drei Tage lang im Stadion zusammenkommen und hat am Ende ein Dokument, das die Identität des modernen Isländers schwarz auf weiss beschreibt: was er über Geld, Recht, Energie, Leben und Tod denkt. Wahres Manna also für Firmen und Politik. Als die heilige Jóhanna begreift, dass das der neue Bodenschatz ist, wählt man fünfundzwanzig Leute aus, Lkw-Fahrer, Studenten und Schäfer, bezahlt sie wie Parlamentarier und beauftragt sie damit, eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Während man im Café Solon noch versucht, dem antiken griechischen Denker nachzueifern, findet im Norden der Insel eine wahre Revolution statt: Die Makrele hat sich in den Norden des zunehmend wärmeren Atlantiks bis vor Island geflüchtet. Wie auch die ausgebliebene Wanderung der Kapelane aus Grönland zeigt, besitzen Fische die schlechte Angewohnheit, sich nicht um Grenzen und Fischereirechte zu scheren, sondern dorthin zu wandern, wo es bessere Nahrung und Laichgründe gibt. Von jeher sind die Fischer den Fischen gefolgt und nicht umgekehrt. Jedenfalls hat es die Makrele geschafft, die Beziehungen zwischen Ländern zu vergiften, die eigentlich historische Freundschaften verbanden: Island, Norwegen, Schottland und Irland. Plötzlich stürzten in Norwegen und Schottland Orte ins Elend, die seit Jahrhunderten auf die Makrele gesetzt hatten, während Island, die Färöer und Grönland ihre Netze und Bankkonten auf einmal prächtig füllen konnten. Die Färöer schlossen mit der Europäischen Union ein Abkommen, doch Norwegen, Island und Grönland bestanden darauf, dass sie in ihren 200 Seemeilen Hoheitsgewässern mit der Makrele machen konnten, was sie wollten. Dank des gerngesehenen Gasts wurde man nach dem Staatsbankrott wieder der eigene Herr im Haus, der Fisch war wie in früheren Zeiten beim BIP wieder die Nummer eins. Und mittlerweile verfangen sich in den Fischernetzen immer mehr Arten, die man in isländischen Gewässern noch nie gesehen hat, wie Scholle, Butt, Seeteufel und sogar Thunfisch. Viele Küstenökonomien am Nordatlantik und Nordpolarmeer geraten dadurch ins Strudeln. Der Hummer etwa flieht aus den warmen Gewässern in Maine in Richtung Kanada und Labrador-Halbinsel. Während sich die dortigen Bewohner schon die Hände reiben, könnte der Region Neuengland ihr Aushängeschild abhandenkommen, das Totem, um das sich Image und Fischereikultur drehen, ein Krustentier so heilig wie die indische Kuh. Nur dass es im Kochtopf landet. Der Hummer ist die wichtigste Ressource der eine Million Einwohner zählenden Region. Doch das Geschäft droht ans Ausland verloren zu gehen. Derweil erobert der Atlantische Kabeljau, ein mächtiger Raubfisch, die Gebiete des Arktischen Kabeljaus und lässt den wesentlich hochwertigeren heimischen Fisch, der am Anfang der regionalen Nahrungskette steht, Hungers sterben. Was gerade in den arktischen Gewässern passiert, ist allerdings nicht blosse Meeresbiologie. Wenn 60 Prozent aller in den USA verzehrten Fische aus der Beringsee und genauso viele in Europa aus der Barentssee stammen und die Welt an eiweisshungrigen Bewohnern wächst, dann werden der Kabeljau und andere Meerestiere zum Politikum. Neue Raubfische und auch gespenstische Bakterien tauchen auf. Hering und Tintenfisch werden durch Krankheiten dezimiert, die sich in den einst kälteren Gewässern nicht ausbreiten konnten. In einem neuen Meer, dessen Ökosystem sich gerade erst entwickelt, muss sich zwischen invasiven und heimischen Arten erst noch ein neues Gleichgewicht einstellen.

Das vulkanreiche, unruhige Island richtet seine Fühler also neu aus und wittert im Klimawandel die Chance des Jahrhunderts. Innerhalb von nur fünf Jahren hat das Land dem Atlantik den Rücken zugekehrt und ist zu einer Arktisnation geworden, sechzig Kilometer unterhalb des Polarkreises. Nicht nur Makrelen, auch Millionen von Touristen landen in ihrem Netz. «Schau dich um», sagt der Geografiedozent Edward Hujbens von der nordisländischen Universität Akureyri. «Hier ist kein Isländer mehr unterwegs.» Wir sitzen am Ende des Sommers 2016 auf einem Hügel mitten in Reykjavik, genauer gesagt auf dem Platz vor der modernen protestantischen Kirche Hallgrímskirkja an der Bucht, neben dem berühmten Konzerthaus Harpa, das man sich im Hypothekenrausch 200 Millionen kosten liess, das einzige markante Gebäude der Stadt. Auf dem Platz laufen ungefähr 300 Leute herum, alle fotografieren den schrecklichen Kirchturm. In den letzten 5 Jahren hat der Tourismus um durchschnittlich 30 Prozent zugenommen, von 2016 bis 2017 sogar um 50 Prozent. Jährlich kommen 2,3 Millionen Touristen, das Siebenfache der Inselbewohner. Ein Tsunami. Der aber auch jährlich 6 Milliarden Dollar Umsatz in die Kassen spült, was ungefähr den Schulden entspricht, die sich beim Internationalen Währungsfonds und bei den skandinavischen Ländern angehäuft haben. Mit 3 Prozent hat die Arbeitslosigkeit einen neuen Tiefststand erreicht. Es scheint, als sei der Film wieder auf Anfang gespult: um 50 Prozent gestiegene Wohnungspreise, weil jeder jetzt an Touristen vermieten will, ist die Skyline von Reykjavik ein Wald aus Kränen und Lebenshaltungskosten, die nur noch von der Schweiz, dem teuersten Land der Welt, überboten werden. Wer in dem angesagten Restaurant Dill mit «arktischer» Küche und frisch errungenem Michelin-Stern speisen möchte, muss zwei Monate im Voraus reservieren. Und nach einem Bentley auf den Strassen muss man nicht lange suchen.

In nur zehn Jahren hat sich die Welt komplett verändert, das heisst, was vom mythischen Norden mit seinen Elfen, Sagen und Walküren noch geblieben war. Zugang zur Walhalla gibt es nur mit ausländischen Devisen. Der Tiger des Nordens brüllt wieder, weil er von den Folgen des globalen Klimawandels profitiert: ob mit dem geplanten Finnafjord-­Hafen oder dem last-chance tourism, wie Edward es nennt, der ultimativen Chance für Touristen, den letzten abgelegenen Flecken der Erde zu besichtigen und sich in eine ursprüngliche Landschaft zu versenken, die noch nicht ganz von der Globalisierung vereinnahmt und ins Erdzeitalter des Anthropozäns eingetreten ist. «Das ist die neue Exotik», erläutert Edward. «Sehnte man sich früher nach den Fidschi-Inseln, Bali, Patagonien oder dem Orient mit seinen Palmen und Gewürzen, will man heute in den hohen Norden. Die Leute bezahlen dafür, einmal Amundsen zu spielen, die Reisegruppe wird zum Expeditionsteam, man sucht die Einsamkeit, aber in der Gruppe. Man erlebt die Wildnis oder begeistert sich für das Eis, als stünde man vor einem Gorillakäfig im Zoo. Und dann ist da auch noch der Ruf unserer Urahnen, der in unserer DNA gärt, die Sehnsucht nach einem seit Jahrtausenden unterdrückten Instinkt.» Der Klimatourist geniesst den Kitzel der unberührten Welt, in die er gerade einfällt. Ein Grund dafür ist auch der Terrorismus, weil viele klassische Tourismusziele unattraktiv geworden sind – aus Sicht der isländischen Kassen durchaus ein Segen –, oder Game of Thrones. Wie viele andere auf der Insel gedrehte Filme steht er für eine leicht konsumierbare Mystik des fernen Nordens – nur einen Billigflug entfernt. Die Reisegruppen drängen sich überwiegend im Südwesten der Insel, im sogenannten Goldenen Kreis: im Geothermalgebiet mit dem berühmten Geysir, den Thermalschwimmbädern der Blauen Lagune – wo selbst im Winter Gedränge herrscht –, dem Nationalpark Þingvellir, auf dem Kraterfeld um den Kerið oder am Gullfoss, dem goldenen Wasserfall. Am Gletscher Sólheimajökull in der Nähe von Reykjavik kann man kein Selfie machen, ohne andere Selfie-Knipser mit aufs Bild zu bekommen. Jeden Tag müssen die Reiseleiter neue Pfade suchen, weil sich das Eis verformt und wie Knete bröckelt. In fünfzehn Jahren hat Island zehn Quadratkilometer Eis und zwanzig Höhenmeter verloren.

«Diese Abenteuerreisen sind gefährlich und unverantwortlich», sagt Edward. «Der Massentourismus bleibt nicht ohne Folgen. Wir sind darauf gar nicht eingestellt, es gibt nicht einmal genug Toiletten. Die Touristen hocken sich einfach zwischen Flechten und Vulkangestein.» Früher konnte man im Goldenen Kreis stundenlang die Einsamkeit geniessen, ein vorbeikommendes Auto war ein Ereignis, man grüsste sich. Wenn heute Schafe oder eine Pferdeherde die Strasse queren, bildet sich sofort ein langer Stau aus Bussen und Geländewagen. «Der spirituelle Reichtum Islands, die Einsamkeit, die so viel Literatur und Musik hervorgebracht hat, verkommt zur Ware. Das finde ich besonders erschreckend.» Island, Insel der Genies und Verwegenen. Die Arktis ist zur Marke geworden. Die fragile, angeschlagene, immer weniger weisse Welt, wurde statt zur Mahnung zum neuesten Schrei der Exotik, zur Wildnis vor der Haustür, den Bilderwelten und Kräften des Marktes anheimgegeben. «Ironischerweise», so Vilborg Einars, Produzent zahlreicher grosser Markenspots mit isländischen und grönländischen Gletschern, «wurde ausgerechnet das symbolkräftigste Opfer der menschlichen Umweltverschmutzung zu einer Marke, die für Reinheit, Frische und unberührte Natur steht. Die Unternehmen wollen damit ihr ethisches Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringen. Arctic ist im kommunikativen Metatext heute cooler als going green.» Früher verwies in Reykjavik nichts auf die Arktis, heute nennt sich alles, was irgendwie modern sein will, arctic, ob Kunstgalerie, Hotelkette, Kneipe, Schnaps oder Design. Sogar die Geländewagen des skandinavischen Militärs heissen Arctic Trucks.

Dabei gibt es im Isländischen noch nicht einmal ein Wort für Arktis. Das Nordpolarmeer heisst Norður-Íshafið, was Eismeer im Norden bedeutet. «Wir haben nie nach Norden geschaut, unsere Kultur hat sich immer in Richtung Atlantik orientiert. Es gab europäische und amerikanische Strömungen. Und obwohl Grönland nur 700 Meilen entfernt ist, schien es uns immer genauso rätselhaft wie Sibirien oder die argentinische Pampa und noch weiter weg als Manhattan. Heute haben wir dem Atlantik den Rücken gekehrt und sind auf einmal ein arktisches Land», sagt Halldór Jóhannsson, Gründer von Arctic Portal, einer Finanzplattform für Beratung und Investitionen in Akureyri. Der einst triste Fischerort, in dem es nur ein paar Fabriken für Kabeljautran oder Aluminium gab, ist mittlerweile ein kosmopolitischer Hub für Studierende und Finanzfachleute.

 

Die hundert Uni-Lehrveranstaltungen im Bereich Polarwissenschaften – hauptsächlich Internationales Recht und Seerecht – werden von Studierenden aus sechzig Ländern besucht. Die Masterabschlüsse von Akureyri haben einen fast so guten Ruf wie die anderer arktischer Universitäten, Tromsø in Norwegen oder Archangelsk in Sibirien. Hinter jedem Schreibtisch, aber auch in vielen Pubs und Hotels des ­18 000-Einwohner-Städtchens hängen, eher als ökonomisches denn als identitätsstiftendes Symbol, Sternkarten mit einer stark herangezoomten Erdkugel: Der Nordpol und was sich unmittelbar um ihn dreht, erscheint als Nabel der Welt; der Rest ist unerheblich. Es gibt Arktiskarten aller Art und für jeden Zweck, mit Handelsrouten, Mineral- und Erdöllagerstätten, den besten Restaurants, den Agenturen für Polar-­Hundeschlitten-Safaris oder Lachsfischerei.

Und natürlich den Kreuzfahrtrouten. Dieser über die Region hereinbrechende Last-chance-Tourismus ist vielleicht das absurdeste Symptom für die Vermarktung der neuen Arktis, ein warnender Hinweis auf den geistigen Zustand unserer Zeit. Im Jahr 2019 gingen in Akureyri 340 Kreuzfahrtschiffe vor Anker und schleusten 200 000 Touristen durch die Stadt. «Die Schiffe sind für das Mittelmeer und die Karibik, höchstens noch für die norwegischen Fjorde im Sommer gebaut. Wenn hier was passiert, überlebt man selbst im August oder September höchstens zwei Stunden im Wasser», mahnt Halldór, ein Verwegener mit sicherem Blick für Abenteurer, vor allem die auf der Schiffsbrücke. «Schiffe mit Tausenden von Menschen und tonnenweise Benzin an Bord fahren so nah an die grönländischen Eisberge heran, dass sie sie fast berühren. Im Fall der Fälle ist dann hoffentlich ein Fischkutter in der Nähe. Denn die normale Seenotrettung ist erst in drei Stunden da, sofern die Kommunikation funktioniert.» Im Jahr 2020 werden nach Schätzungen der Universität Akureyri drei Millionen Touristen das Nordpolarmeer befahren, die beliebtesten Ziele sind Island, Alaska, Kanada und die russischen Arktisinseln.

Als ich im grönländischen Qaqortoq, einem Robbenfängerdorf, war, legte in dem kleinen Hafen gerade ein deutsches Schiff, die «Aida», an, und 800 Touristen stiegen die Landungsbrücke im Gänsemarsch herunter. Die Inuit flüchteten sich in ihre Häuser, aber die neugierigen Touristen klopften sogar an die Türen. Um Spitzbergen tummelten sich im August 2019 an einem einzigen Tag 190 Kreuzfahrtschiffe. Und vom russischen Murmansk aus stechen zweimal wöchentlich staatliche Atomeisbrecher in See, um ein Dutzend Reiche zum Nordpol zu bringen. Als die «Serenity» der Crystal-Linie, ein Megaschiff der Extra-Luxusklasse, im August 2016 erstmals die Nordwestpassage befuhr – in 36 Tagen von Seward in Alaska nach New York, der kanadischen Küste entlang und mit Halt und Ausflug in Grönland –, beschwor der Guardian das Gespenst der «Titanic» herauf. Das kalifornische Kreuzfahrtunternehmen beschrieb die «Expedition» so: «Geniessen Sie den Komfort eines angenehm temperierten Schwimmbads auf einem unserer vierzehn Decks, und entdecken Sie, mit einem Glas Chardonnay in der Hand, das abgelegenste Ökosystem unserer Erde.» 1000 Passagiere, 720 Besatzungsmitglieder, Kosten pro «Expeditionsteilnehmer» zwischen 20 000 und 120 000 Dollar. «Bin ich eigentlich der Einzige, den dieser Dauerbeschuss der guten Laune allmählich in die Verzweiflung treibt?», schrieb David Foster Wallace in seiner berühmten Reportage über eine Kreuzfahrt in der Karibik mit dem Titel Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Vermutlich wäre er auf der «Serenity» noch scharfzüngiger und verzweifelter gewesen.

Wenn Island, die selbsternannte Arktisnation, als Pars pro Toto für die Gefahren, Möglichkeiten, den Opportunismus und die Gier der neuen Neuen Welt steht, wurde diese abgelegene, einsame und archaische Region im Nordosten Islands nun vom äussersten Rand der Menschheitsgeschichte, wo sie tausend Jahre verblieben war, auf die grosse Bühne des globalen Zeitgeschehens katapultiert. Abseits vom Rampenlicht betreten heute filmreife Charaktere die Szene, wie der britische Chemiemagnat Sir Jim Ratcliffe, der nahe Þórshöfn schon so viel Land erworben hat, dass er mehr als ein Prozent der gesamten Inselfläche besitzt. Sehr viel Land also, vor allem solches mit Flüssen, in denen die letzten Wildlachse unserer Erde laichen. Wie er sagt, wolle er die Lachse retten, aber die wenigen Bauern, die sein Millionenangebot ausgeschlagen haben, nennen das Landraub unter dem Naturschutz-Deckmäntelchen. Die einen betrachten «den Engländer» als Segen, als Retter im letzten Moment, ehe sie die Moderne zermalmen wird, für die anderen ist er der öffentliche Feind Nummer eins. Doch in diesem Punkt sind sich Siggeir und Reimar einig, der Gemeindevorsteher, der vom transpolaren, die Geografie revolutionierenden Hafen träumt, und der einsame Hirte vor dem Panzer des Fortschritts. Ihrer Meinung nach will «der Engländer» einfach nur in das weltweit wertvollste Stück Erde investieren, weil es dort das sauberste Wasser, das Erdöl der Zukunft und einen Hafen gibt, der es mit Rotterdam aufnehmen kann, in eine Region, die dank des Klimawandels immer bewohnbarer und folglich dichter bewohnt sein wird. An meinem letzten Abend in Fell trinken Reimar und ich noch einen Flechtenschnaps, und ich frage ihn, was er denkt, wie dieser Flecken Erde wohl in zehn Jahren aussehen werde. «Dann sind wir das Palästina des Nordens», antwortet er. «Und ich genauso wie Siggeir im eigenen Haus ein ungebetener Gast.»

 

 

Aus dem Italienischen von Christine Ammann.

 


 

Abkürzung Nordpol

Die Arktis wird durch das abschmelzende Meereis immer leichter befahrbar. Und weil die Idee einer alternativen Kurzroute, die den globalen Handel beschleunigen könnte, nun einmal in der Welt ist, wird man sie nicht mehr aufgeben, zumal es heute jedem durch neue Technologien leichter gemacht wird, auf die «neue Arktis» zu setzen. Auf russischen, chinesischen, finnischen und koreanischen Werften gehen mittlerweile Schiffe vom Stapel, die in den Sommermonaten ohne kostspielige Eisbrecherbegleitung auskommen. In Südkorea werden Tanker gebaut, die Flüssiggas auch im Winter transportieren können. So wie die 300 Meter lange «Christophe de Margerie», die im August 2017 mit nur 19 Tagen von Norwegen nach Südkorea einen neuen Rekord aufstellte. Auf der Südroute via Suezkanal hätte sie 35 Tage gebraucht.

 

Geopolitik Seidenstrasse

Russland und China haben einen Kooperationsvertrag über die «blaue Seidenstrasse» unterzeichnet. Westliche Akteure sind bis jetzt nicht daran beteiligt. «Das ist doch ganz klar», sagte der russische Botschafter zu unserem Autor in Reykjavik. «Von Asien können wir Technologien und Investitionen erwarten, vom Westen nur Anschuldigungen und Sanktionen.» Allerdings haben die Russen Angst, die Kontrolle über die 6000 Kilometer lange Route von nationalem Interesse zu verlieren. Von Peking und Tokio wurde schon vorgeschlagen, die Nordostpassage als frei befahrbare internationale Schifffahrtsroute anzuerkennen, heisst vor allem: Sie wird gebührenfrei. Für die Polrouten-Variante vom Nordpazifik direkt ins isländische «New Rotterdam» – zunehmende Befahrbarkeit vorausgesetzt – gilt das sowieso.

 

Autor

Marzio G. Mian, 58, lebt in Mailand und bereist die Arktis seit zehn Jahren systematisch. Er ist Mitbegründer der Non-Profit-Organisation The Arctic Times Project (USA) und arbeitet regelmässig unter anderem für RAI, Il Giornale, La Repubblica und L’Espresso. Das Island-Kapitel aus seinem Buch Die neue Arktis (Folio-Verlag, 2019) war Ausgangspunkt für die vorliegende Reportage. Seine aktuelle Einschätzung zu den geopolitischen Ränkespielen und der Londoner Aufsichtsbehörde der Arktis lautet: «Es geht bei der Eroberung der neuen Arktis zu wie im globalen Wilden Westen; es wimmelt von Gesetzeslosen, aber der interna­tionale Sheriff sitzt an der Themse, im Warmen. Alles also wunderbar exotisch und aufregend.»

 

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