Arzt ohne Grenzen

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Seit Jahrzehnten zerreisst ein Krieg Afghanistan. Dr. Sayed Shah macht nicht mit.

Emran Feroz

Frühling 2019: Gemeinsam mit ihrem Kleinkind betritt eine Frau im chaderi, wie die Afghanen eine Burka nennen, die Praxis. Ihr ist übel. Sayed Shah Mehrzad begrüsst sie, klassisch afghanisch mit der rechten Hand am Herz, und führt sie in den Behandlungsraum, der mit einem Vorhang vom Rest der kleinen Praxis getrennt ist. Währenddessen sitzen einige Männer in der Warteecke. Hajii Niazi, ein greiser Paschtune mit Turban, wurde soeben untersucht. Jetzt hält er eine Tüte Medikamente in der Hand, wirft zum Abschied ein zahnloses Lächeln in die Runde der Wartenden, wünscht allen einen schönen Tag und verlässt die Praxis.

Doktor Sayed Shah, wie er von den meisten genannt wird, ist kein Arzt im Nirgendwo, sondern in der nordafghanischen Provinz Baghlan, die zu den unruhigsten Gebieten des Landes gehört. Sie grenzt an die Provinz Kunduz, in Deutschland bekannt aufgrund jener Luftangriffe, die 2009 vom damaligen Oberst Georg Klein befehligt wurden und über 150 Zivilisten das Leben kosteten. Nach den Angriffen hiess es noch, dass die Opfer Taliban-Kämpfer gewesen seien. Damals wie heute wurde ein Schwarz-Weiss-Bild des Krieges gemalt: auf der einen Seite die gute Nato und die Kabuler Regierung, auf der anderen die bösen Taliban. Mehrzad kann mit derartigen Konstrukten wenig anfangen. Er weiss, dass sie mit seiner Realität nur oberflächlich zu tun haben. Seit Jahren behandelt der Arzt regelmässig sowohl Taliban-­Kämpfer als auch Soldaten der afghanischen Armee. Es ist ein Krieg unter Brüdern, oftmals im Wortsinne – und Mehrzad steht zwischen den Fronten. «Es gab oft Situationen, in denen Talib und Soldat nebeneinanderlagen und verletzt aufeinander losgehen wollten», sagt Mehrzad, hält dabei sein Markenzeichen, ein englisches Arbeiterkäppchen, in der Hand und wischt sich den Schweiss von der Stirn.

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