Atheisten in Gefahr

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Wer in Indien Hindu-Götter und Jesus-Wunder hinterfragt, wird zum Ziel tödlicher Angriffe.

Julia Lauter

1 Die Entzauberung

Die Finsternis kommt nicht auf einen Schlag. Sie sickert unbemerkt in unsere Mitte, Tropfen für Tropfen speist sie das Zwielicht, bis es mit einem Mal dunkle Nacht ist.

In Indien begann der Einbruch der Finsternis mit einem weinenden Kreuz.

Am 10. März 2012 drängen sich Hunderte Pilger in einer kleinen Gasse in Vile Parle, einer verschlafenen Nachbarschaft im Nordwesten der 20-Millionen-Metropole Mumbais, kauern dicht an dicht auf dem Boden, es ist stickig, eng und staubig. In ihrer Mitte prangt ein zwei Meter hohes Holzkreuz, an das eine Messias-Figur geschlagen ist. Im Sekundentakt rinnen Wassertropfen vom Fuss des Gottessohns, die von Priestern aufgefangen und an die Gläubigen weitergereicht werden. Die Pilger benetzen sich Stirn und Lippen, trinken die Tränen des Kreuzes, die Glück und Gesundheit bringen, so versprechen es die Priester. Die Menschen knien im Staub und beten zum weinenden Kreuz.

Sanal Edamaruku bahnt sich seinen Weg durch die aufgebrachte Menge, er ist wie immer akkurat gekleidet, sein Kinnbart sorgsam getrimmt. Der 57-Jährige trägt ein blütenweisses Hemd und läuft mit der selbstbewussten Eleganz des ausgebildeten klassischen indischen Tänzers auf das Kreuz zu. Edamaruku ist Präsident der Indischen Vereinigung der Rationalisten, ein bekannter Guru-Buster, berüchtigt dafür, die Wunder der Gurus und Magier zu entzaubern. In einer Talkshow hat er vor kurzem bestritten, dass es auf dieser Erde wirkliche Wunder gibt, worauf Vertreter der katholischen Kirche ihn zum weinenden Kreuz einluden. Er ist eigens aus Delhi angereist, tausend Kilometer entfernt, um den Pilgern ihr Wunder zu verderben.

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