Aus dem Notizbuch

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Nicht jedes Erlebnis auf einer Recherche landet in der Reportage: Was in «Idyll in der Ukraine» nicht stand.

Dmitrij Gawrisch

Was wäre gewesen, wenn die Wachhunde nicht gekläfft hätten? Lida Iwanowna, wir dürfen sie Babuschka Lida nennen, lag längst vor dem Fernseher und liess sich von ukrainischem Popglitzer berieseln. Wenn die beiden vor der Tür angeketteten Mischlinge nur dieses eine Mal tief genug geschlafen hätten, statt vor Bellen fast aus dem Fell zu fahren, hätte sie das Hämmern am Eisentor bestimmt nicht gehört, hätte ihren wuchtigen Körper nicht ächzend von ihrem Lager gerollt und wäre nicht, Flüche spuckend, zum Tor gehumpelt. In meinem Zimmer auf dem Bett sitzend, Computer im Schoss, mochte ich kurz aufgeblickt und mich gewundert haben, wer in Kuchurgan, dem letzten ukrainischen Dorf am südwestlichen Rand der Ukraine, zu so später Stunde noch auf den Beinen war, dachte mir aber nichts dabei und schrieb weiter an meiner Reportage über die letzten Aussätzigen Europas.

Auf dem Weg zum Plumpsklo stiess ich dann fast mit einem fünfundzwanzig bis dreissig Jahre alten, einen halben Kopf mehr messenden, Jeans und dunkle Lederjacke tragenden Mann zusammen, der kurz ähnlich erschrocken schien wie ich, im Haus noch jemanden vorzufinden. Dann lächelte er zweideutig und stellte sich als Sascha vor. Eine schmale junge Frau mit schwarzem Haar und Blümchenbluse über dem rosafarbenen Rock stand hinter ihm, sah zu Boden, und als ich auch ihr die Hand reichen wollte, wich sie einen Schritt zurück. Dabei wäre sie beinah über einen sechs- oder siebenjährigen Jungen gestolpert, der mich durch eine Zahnlücke angrinste. Babuschka Lida erklärte, dass die Familie am morgigen Sonntag auf dem Wochenmarkt von Kuchurgan handeln wolle und bei ihr übernachten würde, sie hätte ihnen ihr Bett überlassen und würde selber auf dem Küchenboden schlafen. Ich zog verwundert eine Augenbraue hoch. «Ich weiss auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat», murmelte sie zur Antwort und zog kopfschüttelnd davon. «Die können nicht mal bezahlen.»

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