Aus dem Notizbuch

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Nicht jede Notiz eines Reporters passt in eine Reportage.

Daniel Peterlunger

Ich bereitete mich auf eine Reportage-Reise in die Mongolei vor, als auf einer Website mit Landesinformationen eine überraschende Nachricht aufschien: In der Qualifikationsrunde zur Fussball-WM 2002 hatte die Mongolei das Spiel gegen China verloren – und zwar 19:0. Ein faszinierendes Resultat. Wie fühlt sich ein Torhüter, der im Schnitt alle fünf Minuten den Ball aus dem Netz fischen muss? Ich wollte ihn treffen. Nur: Wo war er? Mein Kontakt im Steppenland antwortete per E-Mail: unauffindbar. Dafür verschaffte er mir ein Interview mit Buyannemekh Ganbold, dem Präsidenten des mongolischen Fussballverbandes.

Dessen Büro im Zentrum der Hauptstadt Ulaanbaatar befand sich in einem Gebäude, das den langen sowjetischen Einfluss auf das Land architektonisch widerspiegelte: bröckelnde Scheusslichkeit. Nach der wortreichen Begrüssung war es dann so weit: Ich konnte zu meiner ersten Frage an den Verbandspräsidenten ansetzen, ohne formelle Anrede, so wie es dort üblich ist: «Ganbold, die Mongolei ist ein grosses Land mit einer ruhmreichen Vergangenheit. Die Welt hat sich vor

den Mongolen gefürchtet. Unter Dschingis Khan entstand das grösste Imperium der Geschichte. Die Chinesen bauten die Grosse Mauer als Schutzwall. Es hat ihnen nichts genützt, die Mongolei hat China unterworfen.»

Ganbold lächelte selig. Mit dieser Gesprächseröffnung war den landesüblichen Regeln der Höflichkeit Genüge getan: Huldigung und Respektbezeugung. «Aber kürzlich erfuhr ich», fuhr ich fort, «dass die Mongolei in einem Fussballspiel gegen China 19:0 verloren hat. Ganbold, was ist schiefgelaufen?»

Ganbold strahlte: «Es freut mich sehr, dass ein Journalist aus Europa die Wahrheit ergründen will.»

Ich nickte aufmunternd.

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