Aus dem Notizbuch

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Nicht jede Notiz eines Reporters passt in eine Reportage.

Dmitrij Kapitelman

Mr. Chuh, ein massiver Mann mit weissem Käppchen auf der Glatze, sitzt summend am Steuer seines geliebten Jeeps. Wir brausen durch Jamaica. Meer, Sonne, Bob Marley aus dem Radio. Ich breite mich auf dem Rücksitz aus, kiffe und arbeite an einer Reisereportage. Reggae, kürzlich zum Unesco-Weltkulturerbe gekürt, dient dabei als aktueller Aufhänger.

Natürlich ist das ein sahniger Auftrag, und ich bin ein privilegiertes Ferkel. Doch solche Schreibsahne kann in der Praxis saurer schmecken, als man denkt. Reisetexte sollen Lust auf das Land machen, leicht sein. Die Realität ist es oft nicht. Bitte nicht falsch verstehen, Jamaica ist bezaubernd. Und auf wunderbare Weise musikhörig. Aber auch berüchtigt für Homophobie. Die Reggae-Batty-Man-Songs rufen explizit zu Gewalt gegen Schwule auf. Ich könnte das in meinem Reisetext problematisieren, aber nur ungebührend kurz. Eine Gesellschaftskritik hat mein Auftraggeber nicht bestellt. Und habe ich ehrlicherweise auch nicht angeboten. Gesellschaften im Vorbeifahren analysieren? Schwierig.

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