Aus dem Notizbuch

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Nicht jede Notiz eines Reporters passt in eine Reportage

Daniel Peterlunger

Vietnam, in der Küstenstadt Nha Trang, Frühling 1992. Im grossen Speisesaal des baufälligen Grand-Hotels sitzt ein Mann allein an einem der vielen leeren Tische. Graublondes Haar, Bürstenschnitt, zerfurchtes Gesicht, beigefarbenes Kurzarmhemd, darüber ein khakifarbenes Gilet mit auffallender Ausbuchtung der Brusttasche links, khakifarbene Shorts, kräftige Beine mit vielen Narben. Der Mann frühstückt: eine halbe Baguette mit Butter, dazu Kaffee.

«Bonjour, woher kommen Sie?», fragt er, als ich eintrete. Der Mann spricht französisch, eine scharfe Note Deutsch schwingt mit: Rolf Rodel aus Lyon.

Er stammt aus Deutschland, kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront und war nach Kriegsende Frankreichs Fremdenlegion beigetreten. Weshalb? Rodel weicht aus. Lieber spricht er über die Mission, in der er jetzt unterwegs ist und die eine Vor­­­ge­schichte hat: 1954 fand in Vietnam die Entscheidungsschlacht von Dien Bien Phu statt. Rodel war dabei. Frankreich wurde vernichtend geschlagen, die französische Kolonialherrschaft in Asien war zu Ende. Rodel geriet in Gefangenschaft. Trotz einer Kugel, die noch in seinem Körper steckte, überlebte er. Fünf Jahre verbrachte er im Lager. Drei Viertel der Gefangenen starben an Durchfall, Erschöpfung oder Malaria.

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