Aus dem Notizbuch

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Nicht jede Notiz eines Reporters passt in eine Reportage.

Dmitrij Kapitelman

«Wissen Sie, warum wir Taxifahrer so gern zur alten Residenz des Präsidenten fahren?» Weil die 30 Kilometer von Kiew bis zum Vorort Nowi Petriwzi eine einträgliche Strecke sind, denkt man mit den Augen auf dem quickfidelen Taxameter. «Weil die Strassen, die dorthin führen, die besten des Landes sind», löst Igor grinsend auf. Bevor er an der Pforte von Meschyhirja hält. So heisst die Luxusresidenz von Wiktor Janukowitsch. Als 2014 die Revolution am Maidan durchschlug, floh der damalige Präsident der Ukraine im persönlichen Hubschrauber von genau hier. Und liess sein trautes Heim zurück: Villa, Golfplatz, Schiff an eigener Strandpromenade, Jagdrevier, Weinkeller so gross wie ein Châteaux in Bordeaux, Kloster, Kino, Fuhrpark mit Hunderten Edelautos, Rinderfarm, Zoo. Um nur ein paar Vorzüge seiner bescheidenen Herberge zu nennen. Die ohnehin schon korruptionsgeknechteten Ukrainer konnten das Ausmass dieser Dekadenz, die rasend menschenverachtende Egomanie, kaum fassen. Tribunal und Tod wünschte das Volk diesem Dieb an den unersättlichen Hals. Und fünf Jahre später, im Sommer 2020? Ist die Luxusresidenz ein Nationalpark. Und die Ukrainer sind Janukowitsch dankbar. Ja, so steht es absurderweise in meinem Notizblock: dankbar. «Meschyhirja Nationalpark» prangt also in gutmütigem Grün über dem Tickethäuschen. Eine Schlange hat sich davor gebildet. Rundherum werden Fahrräder, Segways, Rollerskates, alle möglichen Fortbewegungsmittel verliehen, um sich in den 140 Hektaren Grundstück zu tummeln. 36 Sehenswürdigkeiten. Soll man einen Guide engagieren? Eher nicht, wenn der doch selbst davor warnt, dass er das Geld nicht wert wäre: «Schauen Sie, wie schön es hier ist, gehen Sie einfach spazieren.»

Aber krampft einem nicht der Spazierfuss bei so viel Betrug?

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