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Warum Sibylle Bergs GRM Brainfuck in jedes Bücherregal gehört.

Claude Fankhauser

Wäre es nicht schön, eine Kristallkugel zu haben, mit der man ein paar Wochen, Monate oder Jahre in die Zukunft schauen kann? Wäre es nicht grossartig, wenn man heute schon wissen könnte, welche Konsequenzen unsere heutigen Entscheidungen haben? Nun, diese Kristallkugel existiert. Sie heisst GRM Brainfuck, ist ein 633 Seiten starkes Buch und wurde von der in Weimar geborenen Schweizerin und Reportagen-Autorin Sibylle Berg geschrieben.

Der Roman GRM Brainfuck spielt in einem Grossbritannien, das soeben den ungeordneten Brexit vollzogen hat. Die Geschichte beginnt im Städtchen Rochdale nahe Manchester, das während der Industrialisierung eine Boomtown der Spinnereiindustrie war und heute sinnbildlich für weite Teile Grossbritanniens stehen kann: heruntergekommene, verwahrloste Unorte, die von einer unfähigen und/oder unmenschlichen Politikkaste, von Thatcher bis und mit Johnson, zu Tode gewirtschaftet wurden.

Hier leben die Jugendlichen Don, Hannah, Karen und Peter: Aussenseiter, desillusioniert, perspektivlos und den Demütigungen eines durchliberalisierten Systems ausgeliefert. Sie finden zusammen, gründen eine Lagerhallen-WG und werden einander Ersatzfamilie, zusammengeschweisst durch ihre Defizite, durch Drogen und Grime. Grime? Das ist der seit Anfang des Jahrtausends auf Londoner Piratenradios gesendete Musikmix aus Hip-Hop, Elektro und hartem, den toxischen Dreck der Strasse aushustendem Rap. Dieser Grime, auf den sich auch der kryptische Bestandteil des Romantitels GRM Brainfuck bezieht, ist für die Charaktere nicht nur ein Musikstil, nicht nur Hintergrundmusik, sondern der erzwungene Rhythmus, in dem sich ihr Leben von bad über worse zu catastrophic entwickelt.

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