Beat soll ein Mörder sein

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Sitzt der Schweizer unschuldig im Gefängnis in Italien?

Erwin Koch

Signor Schweizer?

Jemand ruft seinen Namen, er dreht sich und denkt, ich habe, als ich ins Bett ging, das Licht nicht gelöscht, drei Männer stehen im Raum, Uniformen am Leib, einer fragt: Sind Sie Beat Schweizer?

Es ist drei Uhr nachts am 10. Mai 2005, einem Dienstag.

Was ist los?

Sind Sie Beat Schweizer?

Wo bin ich?

Im Hotel Universal in Antignano, Stadt Livorno. Sind Sie Beat Schweizer?

Einer legt ihm die Hand aufs Bein.

Stehen Sie auf und kommen Sie mit.

Was ist los?

Sie müssen mit uns kommen.

Warum?

Stehen Sie auf, sagt einer.

Warum?

Wir müssen Sie mitnehmen.

Wohin?

Auf den Posten.

Warum?

Das wissen wir nicht. Stehen Sie auf.

Schweizer drückt sich aus dem Bett und zieht sich an, stösst seine Sachen in die rote Tasche.

Nach Ihnen, sagt einer.

Vor dem Haus am Meer steht ein Wagen, Schweizer setzt sich auf die Rückbank und schweigt, dann fahren sie los, halten im Hafen von Livorno, es ist halb vier.

Jetzt warten wir auf den Chef, sagt einer.

Ich muss zu meiner Frau ins Tessin, sagt Schweizer, meiner Frau geht es schlecht.

Erzählen Sie das dem Chef.

Wann kommt der?

Keine Ahnung, sagt einer.

Wenn er ausgeschlafen hat.

Falls Sie sich ausruhen wollen, legen Sie sich hier auf die Bank.

Schweizer legt sich auf die hölzerne Bank und schläft weg – Beat, warst du betrunken?

Keineswegs. Am Vorabend war ich nach Livorno gekommen, um meine Tochter zu sehen, die elf Jahre alt war, und ihre Mutter, von der ich mich getrennt hatte. Sie holten mich am Bahnhof ab, Livorno Centrale. Während der Reise, fünf Stunden ab Lugano, hatte ich vielleicht drei Bier getrunken, aber die Flasche Wodka, die ich in der Tasche hatte, nicht angerührt. Wir gingen essen, dann brachten sie mich zum Hotel. Dort trank ich mit dem Manager, der mich kannte, noch zwei, drei Whiskys, mehr nicht.

Er erwacht, als es hell ist, Schweizer sieht seine Sachen ausgebreitet auf einem Tisch, das Sackmesser, die Unterhosen, Socken, Hemden, Zigaretten, die Flasche Wodka.

Ich brauche meine Medikamente, sagt er.

Später, sagt einer.

Wann kommt der Chef?

Wenn er ausgeschlafen hat.

Darf man hier rauchen?

So viel Sie wollen, sagt einer. Möchten Sie Kaffee?

Jemand bringt Kaffee und Wasser, stellt beides auf die Bank.

Ich muss zu meiner Frau.

Erzählen Sie das dem Chef.

Schweizer legt sich hin, dämmert weg – am Tag zuvor, nachts um elf, als ich bereits im Hotel war, hatte mich ihr Hausarzt angerufen, Marie-Louise liege in Locarno in der Klinik La Carità, nicht ansprechbar, es gehe ihr sehr schlecht, Herr Schweizer, es wäre gut, Sie nähmen morgen früh den ersten Zug zurück in die Schweiz.

Wofür schämst du dich in deinem Leben?

Für nichts.

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