Bedroht oder bedrohlich?

Botswanas Elefanten begeistern Touristen. Aber nicht alle Einheimischen.

Christina Karrer

Wenn ihr mich seht, ergreift euch eine Ehrfurcht, deren Ursprung ihr selbst nicht versteht. Es ist egal, wo, im Zoo, als Zeichnung in einem Kinderbuch oder in der Wildnis, ich löse etwas aus in euch. In mir schlummern Millionen Jahre, meine Gene stammen aus einer Zeit, als ihr noch nicht einmal eine Idee gewesen seid in der Geschichte der Evolution.

Tauche ich in der afrikanischen Wildnis unvermutet hinter einem Baum auf, dann stockt euch der Atem. Denn ihr habt mich nicht gehört, obwohl ich das grösste Tier auf dem Land bin. Meine riesigen Füsse haben so leise Sohlen, dass ich euch laute Menschen immer überraschen werde. Nähere ich mich euch, die ihr vermeintlich geschützt im Blech des offenen Safariwagens sitzt, bis ihr mich beinah berühren könnt, erstarrt ihr hinter euren gezückten Kameras und hofft, dass ich euch hinter der Linse nicht entdecken werde.

 

Erik Verreynne lebt mit seiner Frau, einem Löwen, einem Leoparden, einigen Hunden und ein paar Katzen auf einem grossen Gelände in der Nähe von Botswanas Hauptstadt Gaborone. Löwe und Leopard hat er als Waisen aufgenommen, sie wurden ohne ihre Eltern aufgefunden, und niemand wusste so recht, was mit ihnen machen. Er liess sie zuerst frei auf seinem Grundstück herumlaufen, doch nachdem sie gemeinsam all seine Hühner getötet hatten, leben sie nun in zwei riesigen Gehegen auf seinem Gelände.

Erik Verreynne hat sich als Tierarzt und Wildtierexperte auf Nashörner und Löwen spezialisiert. Er wanderte vor Jahren von seinem Heimatland Südafrika ins benachbarte Botswana aus. Der drahtige Mann ist 53 Jahre alt, hat einen für südafrikanische Männer seiner Generation typischen Schnurrbart und scheut sich vor keinem Problem.

Im Vergleich zu Südafrika ist Botswana ein schläfriges Land, dünn besiedelt, politisch stabil und mit einer niedrigen Kriminalitätsrate. Für einen Mann wie Verreynne ist das Land ein Traum, denn hier existieren zwischen den wilden Tieren und den Menschen im Unterschied zu Südafrika keine klaren Grenzen. Die Parks haben keine Eingangstore wie der Kruger-Nationalpark, sondern fügen sich organisch in die Landschaft ein.

Während seiner Arbeit im botswanischen Busch kam Erik Ver­reynne «auf den Elefanten». Er sah, dass sich ein Konflikt zwischen der Bevölkerung und den Elefanten entwickelte, der problematische Dimensionen annahm: «Elefanten gehören zu den charismatischsten Tieren überhaupt», sagt er, während er seinen selbst umgebauten Allradwagen über die Schotterpiste steuert, «doch ist es auch eine problematische Tierart. Wir haben es mit Emotionen, vor allem aus dem Westen, zu tun, und gleichzeitig mit Zahlen. In Botswana gibt es eindeutig zu viele Elefanten, die sich den Lebensraum mit der lokalen Bevölkerung teilen.» Erik Verreynne wurde zum Elefantenexperten, der mittlerweile in der ganzen Welt Vorträge hält und die botswanische Regierung berät.

Er ist mit mir Richtung Okavangodelta unterwegs, eine Reise, die von Gaborone aus zwei Tage dauert. Nach rund vier Stunden Fahrt – die letzte Tankstelle liegt etwa 60 Kilometer zurück – zieht sich quer über die asphaltierte Strasse eine Reihe von Dungbällen. So gross, so rund, so typisch für Elefanten. Verreynne stoppt den Wagen und studiert den Dung. Er sieht frisch aus. Die Elefanten hätten hier eigentlich nichts zu suchen, sagt Verreynne. Die botswanischen Parkbehörden schätzen, dass mittlerweile etwa 25 000 Elefanten ausserhalb der Nationalparks leben.

Drei von ihnen tauchen hinter der nächsten Kurve auf. Entspannt überqueren sie die Strasse und sind im Nu wieder hinter Büschen verschwunden.

Die Elefanten gehören eigentlich in den Norden Botswanas, dorthin, wo es Wasser gibt und sich die grossen Nationalparks befinden. Zum Beispiel ins Okavangodelta, das von den Flüssen aus dem benachbarten angolanischen Hochland gespeist wird. Verreynnes Ziel ist NG 12, eine Landwirtschaftszone, die sich am Rande des Deltas befindet. NG oder CH – so werden je nach geografischer Lage in Botswana die verschiedenen Zonen des Landes bezeichnet, es gibt Bereiche, in denen sich nur wilde Tiere aufhalten, solche, in die auch Touristen fahren dürfen, andere, wo Tiere einst gejagt werden durften. 

Wir verbringen eine Nacht auf einem Campingplatz. Ich schlafe im Zelt, Verreynne auf dem Dach seines Wagens, wo er unter dem Sternenhimmel E-Mails beantwortet. Am nächsten Morgen geht es weiter durch eine Landschaft in Gelb, bis unvermutet ein Fluss auftaucht. Eine Fähre, die aus zusammengeschweissten Schrottteilen zu bestehen scheint, bringt uns auf die andere Seite. Der Asphalt weicht Schotter, und statt Bäumen und Büschen breiten sich auf beiden Seiten der Strasse Baumstrünke aus. Ein seltsames Bild, das an Krieg erinnert, doch wer sich bekämpfte, das weiss ich nicht. Alle Strünke sind gleich hoch, als hätte ein fliegender Rasenmäher sie abrasiert. Und überall liegt Elefantendung – wie braune Bomben, die in diesem unerklärlichen Krieg abgeworfen wurden.

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Hier hätten einst hohe Bäume gestanden, sagt Verreynne, Mopane-­Bäume, besonders widerstandsfähig, doch seien sie alle von Elefanten zerstört und abgefressen worden. Laut Schätzungen der Parkbehörden leben allein hier 18 000 Elefanten, zusammen mit 16 000 Menschen. Dazu kommen Tausende Rinder, denn Vieh sei für die Botswaner eine Wertanlage. «Wir haben seit zwei Jahren eine Dürre, es gibt kaum Wasser, die Menschen leiden, die Tiere leiden. Die Wasserlöcher weiter im Norden sind versiegt, darum tauchen die Elefanten vermehrt hier im Süden auf. Ich weiss nicht, ob sich die Natur von diesem Schaden erholen wird.»

Über hundert Kilometer zieht sich die Schotterpiste durch dieses bizarre Bild der Verwüstung, das so gar nicht mit der romantischen Vorstellung des afrikanischen Busches übereinstimmt. Ab und zu überragt ein Baobab, der heilige und majestätische Baum, die Baumstrünke, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass auch er nicht vom Elefantenhunger verschont geblieben ist. Riesige Lappen, mit den Stosszähnen aus der Baumrinde gerissen, hängen am Stamm, und es ist gut möglich, dass auch er absterben wird, so wie die anderen in dieser Gegend. Nach einer Weile tauchen Lehmhütten mit sorgfältig verzierten Strohdächern auf. Die Hütten ducken sich hinter regelrechten Befestigungswällen, geflochten aus den dornigen Ästen der Akazie und mit Plastiksäcken bestückt. Das Rauschen der Säcke im heissen Wind soll die Elefanten verscheuchen. Eine Methode, die noch funktionierte, als der Plastiksack nicht nur für Menschen, sondern auch für Elefanten eine Novität war. Viele Hütten sind leer. Für die lokale Bevölkerung, so Verreynne, der regelmässig hierherkommt, werde es immer schwieriger und gefährlicher, in der Anwesenheit so vieler Elefanten ihre Felder zu bestellen. Darum hätten viele Menschen das Gebiet verlassen.

 

Wir wandern. Ihr seid sesshaft geworden. Wir kennen keine Grenzen, uns gehörte einst der ganze afrikanische Kontinent. Wir sind wie die nomadischen Buschmänner, die ihr beinah ausgerottet habt. Auch wir sind gestorben, in Zeiten anhaltender Dürre, in Kämpfen, manchmal haben wir eines unserer Jungen vor einem Raubtier nicht schützen können. Vor hundert Jahren soll es in Afrika drei Millionen von uns gegeben haben. Heute ist unser Volk auf 400000 geschrumpft. Im Herzen Afrikas habt ihr uns beinahe ausgerottet. Mit Feuer in den Händen habt ihr uns Angst eingejagt. Mit Macheten habt ihr uns bei lebendigem Leibe die Stosszähne abgehackt und uns in der Savanne sterben lassen.

Wir wissen, wo es für uns gefährlich ist. Wir meiden diese Orte. Hier, in Botswana, im südlichen Afrika, durften wir lange nicht gejagt werden. Also blieben wir hier. Wir wandern nicht mehr. Obwohl ihr unsere alten Wanderwege für uns geöffnet habt, indem ihr transnationale Parks geschaffen habt. Wir tun euch nicht den Gefallen, in den Norden zu wandern, wo uns Wilderer und Landminen bedrohen. Wo wir von Trophäenjägern erschossen werden dürfen. Wir blieben hier, wo wir uns ausbreiten konnten. Eine Tatsache, die euch Kopfzerbrechen bereitet und die ihr gerne verstehen würdet. Wir überfordern euch.

Sind wir bedroht oder bedrohlich?

 

Erik Verreynne übernachtet in der Landwirtschaftszone immer in der Jumbo-Junction, einer Buschlodge gleich neben einem Wasserloch, einem der wenigen der Gegend. Die Jumbo-Junction hat ihren Namen zu Recht, sie ist ein Knotenpunkt für die Jumbos, die Elefanten, auf ihren Wanderungen. Am späten Nachmittag machen sich Dutzende Elefantenfamilien auf zum Wasserloch. Sie lassen sich besonders gut vom Kanu aus beobachten und fotografieren. Verreynne ist von ihrem Anblick immer wieder hingerissen und vergisst in solchen Momenten das zerstörerische Potenzial dieser gigantischen Tiere, die sich keinen Meter entfernt von ihm im Sand wälzen oder im Wasser miteinander herumturnen. Ihre Freude ist spürbar, die Erleichterung, sich nach einer stundenlangen Wanderung bei über 40 Grad Hitze endlich abkühlen und trinken zu können. Der afrikanische Busch ist hier noch intakt, die Bäume unversehrt. Die Sonne geht unter, Grillen bringen mit ihrem Gezirpe die Luft zum Schwingen, Störche bilden eine weisse Schnur am orangefarbenen Horizont. Verreynne zeigt auf die Ebene neben dem Wasserloch. Dort ragen vereinzelte Elefanten aus einer gigantischen Rinderherde heraus. Über ihnen und dem Vieh eine Staubwolke, aufgewirbelt von Tausenden Hufen. «Sie haben miteinander kein Problem», meint er lakonisch, «sie lebten seit Menschengedenken zusammen.» Doch gibt es noch andere Tiere, kleine Tiere, unspektakuläre Wesen, die niemanden interessieren, doch die für ein funktionierendes Ökosystem genauso wichtig sind. Beispielsweise Antilopen, die sich in den Büschen verstecken. Diese haben in dem von Elefanten dominierten Szenario das Nachsehen.

Später, am Feuer in der Lodge, erzählt uns Managerin Sue Flexmann, wie schwierig es sei, den Touristen den hier zunehmenden Konflikt zwischen Mensch und Elefant zu erklären. Die meisten Besucher wollten nur das Afrika sehen, das sie aus Prospekten kennen. Und das bestehe aus wilden Tieren in einer unberührten Natur. «Dass auch Rinder unser Wasserloch besuchen, betrachten einige Reiseagenturen als ein Problem. Und von der Zerstörung, die die Elefanten anrichten, wollen sie schon gar nichts hören», seufzt Flexmann. Sie lebt seit fünfzehn Jahren im Delta, fünf davon in dieser Landwirtschaftszone.

Das Elefantenthema sei so komplex, sie wisse manchmal auch nicht, welche Haltung sie einnehmen solle. Nun habe die Regierung ja die Jagd auf Elefanten wieder erlaubt, und einerseits finde sie das furchtbar, doch dann – welche Alternativen gäbe es? Verreynne versucht ihr zu erklären, dass nur das Einkommen aus der Trophäenjagd die Einheimischen motivieren könne, mit den Dickhäutern im gleichen Gebiet zu leben und mit ihnen die Ressourcen zu teilen. Flexmann erwidert nichts, doch ihr Mitarbeiter nickt beipflichtend. «Es hat noch nie so viele Elefanten hier gegeben wie in den letzten Jahren, es geht so nicht weiter», sagt er und erzählt dann von den Zusammenstössen zwischen Mensch und Elefant, die in den letzten Monaten stattgefunden haben. An diesen Vorfällen ist Verreynne interessiert, er will sich am nächsten Morgen selbst ein Bild davon machen.

Um fünf Uhr in der Früh fahren wir los. Die ersten Vögel zwitschern, das Plantschen der Elefanten, die die ganze Nacht hindurch familienweise das Wasserloch aufgesucht haben, ist zu hören. Ver­reynne fährt im Schritttempo, er lässt seinen Blick über die Büsche streifen, die die Sandpiste säumen. Plötzlich stoppt er und stellt den Motor ab. Er kneift seine Augen zusammen, wir machen uns so unsichtbar wie möglich.

Einige Sekunden später, beinah lautlos, schlendert eine Elefantenkuh aus dem Gebüsch, langsam, entspannt. Dass sie das Auto bemerkt und darin die unsichtbaren Menschen, ist fraglos. Doch würdigt sie uns keines Blickes. Beinah in Zeitlupe hebt und senkt sie ihre Füsse, während sie die Sandpiste überquert. Sie ist nicht allein. Ihr Baby, nur einige Monate alt, trottet etwas tollpatschig hinter ihr, es folgen ein weiteres Baby, eine Elefantenkuh, dann ein rund dreijähriger Elefant. Alle hintereinander, Rüssel an Schwanz.

Als die letzte Elefantenkuh verschwunden ist, flüstert Verreynne: «Ist das nicht grossartig? Genau darum liebe ich den Busch, darum bin ich so gerne hier. Es ist die ultimative Freiheit, es gibt nichts Schöneres!» Er startet den Motor und fährt langsam weiter. Eine halbe Stunde später, entlang der Hauptstrasse, hält er an und erklärt: «Hier wurde vor einigen Wochen eine Elefantenkuh von ihrem Baby getrennt, als sie die Strasse überqueren wollte. Sie griff jeden an, der in ihre Nähe kam. Beamte vom Tierschutz mussten sie schliesslich abschiessen. Ich will mir das anschauen.» Er steigt aus und zeigt auf zwei Skelette, die nicht weit vom Strassenrand liegen. Ein grosses Skelett und ein Miniskelett, an dem ein winziger vertrockneter Rüssel hängt. Verreynne kniet nieder und schweigt lange. Eine Art unterdrückte Verzweiflung schwingt in seiner Stimme, als er schliesslich redet. Man habe eben nicht nur die Mutter töten müssen, sondern auch das Kalb, da dieses zu klein gewesen sei, um allein zu überleben. Das sei das wirklich Tragische an der Situation in Botswana.

Wie real die Bedrohung für die Bevölkerung ist, zeigt sich unweit der beiden toten Elefanten. Vor dem Eingang einer Strohhütte liegt ebenfalls ein Elefantenkadaver. Drei Geier sitzen auf dem nahen Baum, denn dieser Elefant wurde erst vor wenigen Tagen erschossen. Das Tier, das die Hütte klein aussehen lässt, hat den Bewohner mitten in der Nacht überrascht. Er zögerte nicht lange und griff zum Gewehr. Zur Selbstverteidigung sei das Töten von Elefanten in Botswana erlaubt, sagt Verreynne. Wir steigen in sein Auto, als Nächstes will er einen alten Freund besuchen, einen Buschmann, der bis 2014 als Spurensucher für ausländische Jäger gearbeitet hat. Dann hat die Regierung die Jagd auf Elefanten für unbefristete Zeit verboten. Doch 2019 wurde dieses Gesetz aufgehoben, und eine gewisse Zahl von Elefanten darf seither wieder ungestraft abgeschossen werden. Die Fahrt führt nach Eretsha, der grössten Stadt in der Gegend, eher ein riesiges Dorf, seltsam ruhig, wenige Menschen sind zu sehen, die einzigen Farbtupfer sind Wäsche auf einer Leine, die wie vergessen wirkt. Chris Dimbindo, der Buschmann, sitzt vor seiner Hütte auf einem wackeligen Stuhl. Die Männer umarmen sich. Sie reden über die alten Zeiten, als Elefanten noch gejagt werden durften und Chris gut verdient hat. Das Spurenlesen sei in seinem Blut, das habe er von seinem Vater gelernt und dieser von dessen Vater. Eine Tradition des Urvolkes im südlichen Afrika, das anders in der Wüste nicht hätte überleben können. Andere Arbeit existiere nicht, meint Chris. Hier seien die meisten arbeitslos und überlebten knapp dank ihrer Felder, die sie in der Regenzeit bestellten. Doch der Regen sei seit zwei Jahren ausgeblieben, fügt er an und verstummt. Verreynne erwidert, dass die Jagd nun ja wieder erlaubt sei und es vielleicht auch für ihn wieder Arbeit gebe.

Als Nächstes besuchen wir einen Mann, der einen Gemüsegarten besitzt, inmitten der Einöde, er hat einen tiefen Brunnen gegraben und nutzt eine Motorpumpe. Quelle und Garten sind von dornigen Astwällen umgeben. Elefanten kreuzten hier regelmässig auf. Einmal habe eine ganze Herde von rund 50 Tieren den Wall rund um seine Quelle niedergetrampelt, um an das kostbare Nass zu gelangen, berichtet der Gärtner. Er versteht durchaus, dass auch sie Wasser brauchen, doch durch ihr Getrampel haben sie seine Quelle mit Sand gefüllt, und es bedurfte vieler Monate mühsamer Arbeit, bis er sie wieder zum Fliessen bekommen hat. Er greift zu einem riesigen Aluminiumzuber und schlägt mit der flachen Hand darauf. «Mit diesem Lärm vertreibe ich sie», ruft er, während er auf den Zuber einschlagend den Ästewall abschreitet – wie ein Krieger aus alten Zeiten. Ein neuer Ton für die Elefanten, der in der Lage ist, sie zu verschrecken – doch wie lange noch?

 

Wir haben alle unsere Mütter verloren, mit unseren Vätern hatten wir nie Kontakt, doch unsere Mütter, ohne sie können wir während unserer ersten sechs Lebensjahre nicht existieren. Wir brauchen ihre Milch, wir brauchen ihre Berührung, wir brauchen ihr beruhigendes Brummen, wenn wir gestresst sind, und ihre Rüssel, die uns rausziehen, wenn wir stecken bleiben. Es kann leicht geschehen, dass wir als Baby von der Mutter getrennt werden. Bricht ein Buschfeuer aus, rennen wir alle in verschiedene Richtungen, Panik regiert.

Wenn wir klein sind, habt ihr uns gern. Auch die Schulklassen, die uns regelmässig besuchen, lieben uns im Nu. Wenn die Kinder unsere gefurchte Haut streicheln und ins Schwarz unserer bewimperten Augen tauchen, dann vergessen sie ihre Angst und all die Geschichten von Tod und Zerstörung, die unseren grossen Verwandten in ihrem Dorf nachgesagt werden. Dann beginnen sie uns zu verstehen. Dass wir nicht die Bösen, die Zerstörerischen sind, wie so viele behaupten.

 

Die drei Elefantenwaisen Molelo, Thuli und Panda leben auf einem abgeschirmten Gelände, das an den Chobefluss grenzt. Der Chobe ist neben dem Okavangodelta die zweite grosse Touristenattraktion in Botswana. Hier, weiter nördlich, angrenzend an Sambia und Simbabwe, breitet sich der Chobe-Nationalpark aus. Die Elefanten lassen sich am besten vom Boot aus beobachten. Drei Stunden vor Sonnenuntergang ist der Fluss voller Gefährte verschiedener Grösse, vom einfachen Modell bis zur Luxusausstattung mit eigenem Butler, der die Drinks auf einem Silbertablett serviert. Die Touristen strömen aus der ganzen Welt hierher, um die Elefanten zu sehen. Sie fotografieren, wie die Riesen zwischen den Booten schwimmen, um zum fetten Gras auf den Schwemmebenen zu kommen, oder wie sie dort den Boden abschnüffeln, die Rüssel beinah in Greifnähe. Kasane, einst ein verschlafenes Städtchen am Chobe, hat dank der Elefanten in den letzten Jahren einen wahren Wachstumsschub erlebt, die meisten Bewohner leben vom Tourismus. Von den Elefanten, oder soll man sagen, für die Elefanten, lebt auch die Nichtregierungsorganisation Elefanten ohne Grenzen. Die NGO wurde 2001 von Mike Chase, einem Weissen, der in Botswana geboren wurde, gegründet. Die Organisation versteht sich als Sprachrohr der Elefanten, die eben keine Grenzen kennen. Sie setzt sich für die Öffnung der alten Wanderwege ein, die durch Ländergrenzen unterbrochen wurden, und dafür, diese riesigen Säugetiere besser zu verstehen. Mike Chase und der ehemalige Präsident von Botswana, Ian Khama, waren enge Freunde, und als Khama 2014 die Elefantenjagd verbot, jubelte die NGO. Unter Khamas Regierungsjahren wurde Elefanten ohne Grenzen international berühmt. Sie führte eine der grössten kontinentalen Zählungen von Elefanten durch und konnte Prinz Harry als prominenten Gönner gewinnen.

Ian Khamas Nachfolger, Mokgweetsi Masisi, läutete für die Organisation jedoch schwierige Zeiten ein. Er setzte 2019 eine Kommission ein, die untersuchen sollte, ob die Jagd auf Elefanten nicht wieder erlaubt werden müsste. Und in der Tat kam sie nach diversen Versammlungen mit verschiedenen traditionellen Stammesführern zum Schluss, dass dies angesichts des sich verschärfenden Konflikts eine der möglichen Lösungen sei.

Bevor ich von Elefanten ohne Grenzen die Bewilligung für Interviews erhalte, erklärt man mir, dass Fragen zur Trophäenjagd als Mittel der Problemlösung besser nicht gestellt werden sollen. Denn sie würden nicht beantwortet. Am Rande von Kasane, Richtung Sambia, an einem der alten Elefantenwanderwege, öffnet sich ein Schiebetor für uns. Dahinter einige Bungalows zwischen ausladenden Bäumen. Zwei Frauen in kurzen Hosen und khakifarbenen Hemden tauchen auf. Die ältere mit etwas angespannten Gesichtszügen ist Kelly Landen, die mit Mike Chase die NGO gegründet hat, die jüngere heisst Tempe Adams, eine zierliche Australierin mit einem kaum sichtbaren Diamanten in der Stupsnase. Adams machte bei der Organisation ihren PHD und ist für die Koexistenz von Elefanten und Menschen zuständig. Die NGO setzt sich für schonende Mittel der Elefanten-Abwehr ein: zur Umzäunung der Maisfelder dünne Drähte, die unter Strom gesetzt sind, oder Duftstoffe, die für die Elefanten abstossend riechen – und die sie aufgrund ihres ausserordentlichen Geruchssinnes Abstand halten lassen. Dass es mehr Elefanten als früher oder gar zu viele in Botswana geben soll, streiten beide Frauen ab. Ihre Zählungen bewiesen das Gegenteil. Die Population sei stabil, wenn nicht gar abnehmend. Dass Elefanten vermehrt in Siedlungsgebieten auftauchten, stimme auch nur bedingt. «Ich lebe seit über zehn Jahren hier in Kasane», sagt Landen. «Die Elefanten wanderten schon damals täglich vom Chobe-Park zum Fluss, so, wie sie das eben immer taten. In Kasane sind immer wieder mal Elefanten aufgetaucht. Nicht die Elefanten haben sich ausgebreitet, sondern die Menschen.» Kasane lässt keinen Widerspruch zu. «Es ist eine Schande, wie die Menschen mit den Elefanten umgehen und wie sie ihnen alles Mögliche unterschieben!» Gewisse politische Parteien würden Angst vor den Tieren, ja Hass auf sie schüren.

Trophäenjägerin Debbie Peake hasst die Elefanten nicht, ganz im Gegenteil. Aber sie macht aus ihnen und anderen wilden Tieren gerne Wandschmuck oder Sitzgelegenheiten, die sie dann in ihrem circa 600 Kilometer von der NGO entfernten Geschäft verkauft. Peake redet mit mir, weil Verreynne den Kontakt hergestellt hat. Sie ist eine in Kenya geborene Weisse, aussergewöhnlich gross, eine Art weisse Massai, die mit ihrem Mann, einem mittlerweile verstorbenen professionellen Jäger, vor etlichen Jahren nach Botswana gezogen ist und dort geschossene Tiere in Trophäen verwandelt. Peake ist in Botswana bekannt. Jäger lieben sie, weil sie ihr Handwerk zur Kunst erhoben hat. Tierschützer hassen sie, seit sie am letzten regionalen Elefantengipfel im Frühjahr 2019 jedem der anwesenden Präsidenten einen kunstvoll präparierten Elefantenfuss überreichte. Einen Fuss, um sich darauf zu setzen. Diesen Auftrag hatte sie von der Regierung Botswanas erhalten. Sie versteht die Aufregung nicht. «Ja, sicher, ich wollte provozieren, doch gleichzeitig wollte ich damit auch demonstrieren, dass wir wirklich sehr viele Elefanten haben und dass wir sie nutzen und keinen Teil von ihnen verschwenden sollten. Ist das geschmacklos? Für Europäer wahrscheinlich schon, aber für uns Afrikaner, und ich betrachte mich als Afrikanerin, nicht. Wir haben genug von euch Europäern, die uns sagen, wie wir mit wilden Tieren leben sollen. Dass wir sie schützen müssen, während sie unsere Felder zerstören und die Dörfer terrorisieren. In Botswana sind die Elefanten nicht gefährdet. Es gibt mehr als genug.»

Peakes Geschäft liegt am Ende einer sandigen Strasse in Maun, einem Städtchen am Rande des Okavangodeltas. Zwei tätowierte weisse Männer tauchen auf. Einer von ihnen hat einen ausgestopften Antilopenkopf geschultert. Er müsse ausgebessert werden, meint er munter und stapft Richtung Werkstatt, die im Innenhof liegt. Dort starren tote Wildschwein- und Gazellen-Köpfe die Besucher aus Glasaugen so durchdringend an, als wollten sie von dem Moment erzählen, als sie ihr Leben aushauchten. Der Kampf zwischen Jäger und Tier sei viel gerechter, als es in den Medien dargestellt werde, sagt Peake. Die meisten ausländischen Jäger seien nicht blutrünstig, viele seien mehr an der Pirsch zum Tier als am eigentlichen Töten interessiert. Die Trophäenjagd verdanke ihren schlechten Ruf den abstossenden Fotos von feisten Männern, die breit lachend in Siegerpose auf einem soeben erlegten Elefanten thronen. Angewidert verzieht sie ihre gebräunten Gesichtszüge.

Entlang der Aussenwand einer riesigen, mehrheitlich leeren Halle liegen die Überreste etlicher der bis 2014 getöteten Trophäenelefanten. «Hier wird nichts weggeworfen», betont Peake. Zwei Mitarbeiter fischen aus dem Berg von getrockneten Elefantenteilen etwas Dünnes heraus, einen Rüssel, dann etwas Flaches, leicht Verbogenes, eine Bauchhaut, und immer wieder platt getrocknete Füsse mit den Zehen, die später für einen Hocker lackiert werden. Er hätte auch gerne so einen Hocker, meint einer der Männer. So ein Hocker sei einfach total bequem, es sitze sich darauf sehr angenehm. Ja, auf einem Elefantenfuss fühle man sich wirklich frei.

Eines ist Peake sehr wichtig: «Die Jagd auf Elefanten war nicht nur für Weisse ein Geschäft, wie die Gegner immer behaupten. Wer in einer Jagdkonzession lebte, hat von jedem toten Elefanten profitiert. Die Jagd schaffte Arbeitsstellen, die lokale Bevölkerung hat das Fleisch erhalten und einen gewissen Prozentsatz vom Gewinn, der in einen kommunalen Fonds geflossen ist.» Zudem, so Peake, sei nicht überall gejagt worden. Die Jagdgebiete seien abgelegen gewesen und hätten sich nicht für den Fototourismus geeignet.

 

Wir Elefantenkühe werden von den Trophäenjägern unter euch in Ruhe gelassen, es ist ein unausgesprochenes Tabu, eine von uns zu jagen. Probleme haben wir nur, wenn wir unsere Kinder verteidigen und euch dabei in die Quere kommen. Wir ziehen in Gruppen mit ihnen durch Afrika, die Elefantenbullen haben ihre eigenen Gruppen. Um die Mittagszeit, wenn es so heiss ist, dass sogar die Vögel keine Kraft mehr haben, um zu singen, scharen wir uns unter einem Baum mit ausladenden Ästen, ganz nah nebeneinander, um jedes bisschen Schatten zu nutzen, und regen uns nicht. Wenn ihr genau zuhört, werdet ihr das Flappen unserer Ohren hören. Ihr habt Klimaanlagen und Ventilatoren, wir haben unsere Ohren. Unsere Kälber nutzen den Schatten unter unseren Bäuchen, wir verteilen ab und zu Sand über sie, um sie abzukühlen. So stehen wir, wenn nötig stundenlang. Erwachsene Bullen haben bei uns nichts zu suchen, wir treffen uns nur alle vier Jahre, um ein Kind zu zeugen. Die Bullen sind grösser, ihre Stosszähne gewaltiger, und genau das weckt eure Begehrlichkeit. Ihr wollt, wenn ihr denn schon über den Ozean geflogen seid aus Spanien, Italien oder den USA, nicht irgendeinen Elefanten jagen, sondern jenen mit den grössten Stosszähnen. Also tötet ihr die ältesten, kräftigsten, jene, die unseren Genpool stärken.

In einem ehemaligen Jagdgebiet, rund hundert Kilometer von Maun entfernt, kann man sich ein Bild davon machen, wie die lokale Bevölkerung während all der Jahre vor 2014 von der Trophäenjagd profitiert hat. Die Dörfer unterscheiden sich wenig von jenen in der Landwirtschaftszone NG 12. Sie sind etwas belebter, die Hütten etwas grösser, doch elektrifiziert sind nur vereinzelte Häuser, die für Staatsbeamte gebaut worden sind. In einem Dorf spiegelt sich die Mittagssonne in einer langen Reihe von Solarzellen. Sie seien mit dem Geld aus dem kommunalen Fonds bezahlt worden, sagt Rama Samakata, der Fondsverwalter, der in einem düsteren Büro mit altem Mobiliar anzutreffen ist. Doch habe das Geld nicht gereicht, um sie an die Beamtenhäuser anzuschliessen. Auf meine Frage, wie denn die Einheimischen früher von der Jagd profitiert hätten, erwidert er: «Wir haben das Geld in den Ausbau der Infrastruktur gesteckt und die Ältesten und Ärmsten finanziell unterstützt. 40 Haushalte konnten wir ans Wassernetz anschliessen. Und wir machen weiter.» Doch seit 2014 fliesse viel weniger Geld in den Fonds. Seither verdienten sie hier dank des Fototourismus, dieser sei in puncto Arbeitsstellen interessanter, werfe aber weniger Geld ab als die Jagd.

In ihrem Gebiet durften zwanzig Elefanten pro Jahr geschossen werden. Die Jagdanbieter verlangten pro Elefant rund 40 000 Dollar. Die Bewohner erhielten mit 4500 Dollar etwas mehr als zehn Prozent. «Rückblickend ist das wenig. Das grosse Geschäft haben die weissen Jagdanbieter gemacht. Doch das wussten wir damals nicht. Wir hatten weder Zugang zum Internet noch Handys.»

Rama Samakata begrüsst, dass die Jagd auf Elefanten wieder erlaubt ist. Doch er macht klar, dass diesmal die lokale Bevölkerung mitreden und nicht mit Elefantenfleisch abgespeist werden will. Am besten wäre es, sie könnten selbst Trophäenjagden anbieten, meint er, denn sie wüssten mittlerweile, wie das ginge, und idealerweise würden sie rund um das Dorf jagen können, so würden die Elefanten am wirksamsten vertrieben.

Wie genau die Elefanten in Botswana gejagt werden dürfen, ist zum Zeitpunkt meiner Recherche Ende 2019 noch unklar. Als ersten Schritt hat die Regierung eine nationale Elefantenlotterie eingeführt: Die Einwohner können den Abschuss auf ein Tier per Los gewinnen. Welches das ist und wo es sich befindet, das hängt vom Los ab. Darauf angesprochen, schüttelt der bedächtige Rama Samakata den Kopf. «Was mache ich mit einem Elefanten, den ich 400 Kilometer entfernt töten darf? Wie gelange ich dorthin? Wie transportiere ich das tote Tier? Wem verkaufe ich die Stosszähne? Das ist eine Schnapsidee!»

Wahrscheinlich werden in Botswana wieder wie vor dem Jagdverbot nicht mehr als 400 Elefanten jährlich kommerziell gejagt werden dürfen. Dann werden rund um den Kaza-Park (Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area) und andere regionale Nationalparks Jagdgebiete unsichtbare Grenzen bilden. Elefantenexperten wie Erik Verreynne nennen solche Gebiete «Landschaften der Angst». Es sind Gegenden, vor denen sich die Elefanten fürchten und die sie meiden, weil sie wissen, dass die dort gejagt werden.

Doch Botswanas Elefantenbevölkerung wird laut Verreynne angesichts der hohen Geburtenrate auch durch die Trophäenjagd nicht schrumpfen. Was werden die vielen Elefanten tun? Sich trotz der Landminen und anderer Bedrohungen in den Norden wagen? Werden sie eingekesselt von den «Landschaften der Angst» hin und her wandern und langsam ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören – so, wie sie es in der NG 12 getan haben? Wie kann man die Elefantenpopulation begrenzen? In Südafrika wird in kleinen Parks die sogenannte Elefantenantibabypille eingesetzt. Aber diese Methode ist teuer und aufwendig: Die ausgewählten Elefantenkühe werden vom Helikopter aus per Pfeil für ein Jahr unfruchtbar gemacht. Da die Elefantenbabys in einer Herde eine wichtige Rolle im sozialen Zusammenhalt spielen, wird die Antibabypille alle drei Jahre abgesetzt.

Dann gibt es nur noch eine Alternative – und die ist ein Tabu. Es handelt sich um das sogenannte Culling, die Massenvernichtung von Elefanten. Bis 1994 wurde diese Methode regelmässig im Kruger-Nationalpark in Südafrika angewandt, Hunderte Elefanten wurden erschossen. Culling ist seit Jahrzehnten in Südafrika verboten, und Botswanas Regierung hat beim letzten Elefantengipfel entschieden, die Massenvernichtung nur im Notfall ins Auge zu fassen. Man wolle sich stattdessen vermehrt auf die regionale Zusammenarbeit konzentrieren. Ziel ist es, die Elefanten dazu zu bewegen, ihre alten Wanderwege wieder in alle Richtungen zu nutzen.

 

Wir Elefanten passen uns an, so gut wir können. Manche unter uns kommen mittlerweile sogar ohne Stosszähne auf die Welt, weil sie dadurch grössere Überlebenschancen haben. In langen Dürreperioden gebären wir weniger. Wir wollen nicht zerstören. Ihr zwingt uns dazu. Wir würden gerne wandern wie früher, doch ihr habt unsere alten Wege durch Landminen wie in Angola oder Wilderer wie in Simbabwe unsicher gemacht. Wir mögen die grössten Tiere auf dem Land sein, die mächtigsten sind wir nicht. Ihr seid die Mächtigsten. Und doch schafft ihr es nicht, eine Lösung zu finden. 

 


 

Elefantenjagd damals und heute

Jagdsafaris sind seit der Kolonialzeit vor allem bei reichen weissen Männern beliebt – und meist auch ihnen vorbehalten. Zu den bekanntesten Grosswildjägern zählten König Georg VI., der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt und Ernest Hemingway. Auch heute jagen sie noch, die Millionäre, Milliardäre und Adeligen. 2012 gab es einen Skandal um Spaniens König Juan Carlos, der sich gemeinsam mit Corinna zu Sayn-Wittgenstein und dem arabischen Multimillionär Eyad Kayali auf Elefantenjagd begab. Ein anderer prominenter Jäger ist Milliardär Benjamin de Rothschild. Er steht mit seinem Jagdsafari-Unternehmen in Kamerun in der Kritik. Dort kann man für 45 000 Dollar einen Elefanten schiessen. Von 2006 bis 2016 starben laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion IUCN in Subsahara-Afrika über 111 000 Elefanten durch Wilderer und Elefantenjagden.

 

Elefanten ohne Stosszähne

In Afrika kommen immer mehr Elefanten ohne Stosszähne auf die Welt. Die Tiere scheinen sich durch diese «Blitz-Evolution» der letzten Jahrzehnte vor Wilderern zu schützen. Bei Trophäenjägern sind natürlich Elefanten mit grossen Stosszähnen begehrt. Sie werden gejagt und getötet – und können sich entsprechend nicht mehr fortpflanzen. Wer diese Selektion überlebt, sind jene Elefanten mit kleinen Stosszähnen. Sie vererben das Merkmal an ihre Nachkommen. Eindrückliche Zahlen hierzu gibt es aus Moçambique, wo 15 Jahre ein blutiger Bürgerkrieg tobte. Diesem Krieg fielen etwa 90 Prozent der Elefanten zum Opfer. Mit dem Geld für Elfenbein wurden Waffen gekauft. Inzwischen kommt ein Drittel der weiblichen Elefanten dort ohne Stosszähne zur Welt.

 

Autorin

Cristina Karrer lebt als freie Korrespondentin, Filmemacherin und Autorin seit zwanzig Jahren in Südafrika. Gegenüber Afrika empfindet sie eine Hassliebe. «Es ist ein Kontinent, dessen Menschen ich nie ganz verstehen werde, aber das macht ihn so interessant.» Karrer hat viele Elefanten gefilmt. «Nie werde ich vergessen, wie einer mal seinen Rüssel bis zu meiner Linse vorstreckte. Ich war wie gelähmt, und gleichzeitig war es ein erhabenes Gefühl. Auch ich liebe es, auf Safari zu gehen und die wilden Tiere zu beobachten. Gleichzeitig weiss ich, dass Afrika eben nicht das Paradies ist, als das es verkauft wird.» Karrer möchte mit ihren Arbeiten sowohl die Vorstellungen der Europäer hinterfragen als auch «die Opferrolle, in die sich die Afrikaner und Afrikanerinnen selbst manövrieren».  

 

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