Bedroht oder bedrohlich?

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Botswanas Elefanten begeistern Touristen. Aber nicht alle Einheimischen.

Christina Karrer

Wenn ihr mich seht, ergreift euch eine Ehrfurcht, deren Ursprung ihr selbst nicht versteht. Es ist egal, wo, im Zoo, als Zeichnung in einem Kinderbuch oder in der Wildnis, ich löse etwas aus in euch. In mir schlummern Millionen Jahre, meine Gene stammen aus einer Zeit, als ihr noch nicht einmal eine Idee gewesen seid in der Geschichte der Evolution.

Tauche ich in der afrikanischen Wildnis unvermutet hinter einem Baum auf, dann stockt euch der Atem. Denn ihr habt mich nicht gehört, obwohl ich das grösste Tier auf dem Land bin. Meine riesigen Füsse haben so leise Sohlen, dass ich euch laute Menschen immer überraschen werde. Nähere ich mich euch, die ihr vermeintlich geschützt im Blech des offenen Safariwagens sitzt, bis ihr mich beinah berühren könnt, erstarrt ihr hinter euren gezückten Kameras und hofft, dass ich euch hinter der Linse nicht entdecken werde.

 

Erik Verreynne lebt mit seiner Frau, einem Löwen, einem Leoparden, einigen Hunden und ein paar Katzen auf einem grossen Gelände in der Nähe von Botswanas Hauptstadt Gaborone. Löwe und Leopard hat er als Waisen aufgenommen, sie wurden ohne ihre Eltern aufgefunden, und niemand wusste so recht, was mit ihnen machen. Er liess sie zuerst frei auf seinem Grundstück herumlaufen, doch nachdem sie gemeinsam all seine Hühner getötet hatten, leben sie nun in zwei riesigen Gehegen auf seinem Gelände.

Erik Verreynne hat sich als Tierarzt und Wildtierexperte auf Nashörner und Löwen spezialisiert. Er wanderte vor Jahren von seinem Heimatland Südafrika ins benachbarte Botswana aus. Der drahtige Mann ist 53 Jahre alt, hat einen für südafrikanische Männer seiner Generation typischen Schnurrbart und scheut sich vor keinem Problem.

Im Vergleich zu Südafrika ist Botswana ein schläfriges Land, dünn besiedelt, politisch stabil und mit einer niedrigen Kriminalitätsrate. Für einen Mann wie Verreynne ist das Land ein Traum, denn hier existieren zwischen den wilden Tieren und den Menschen im Unterschied zu Südafrika keine klaren Grenzen. Die Parks haben keine Eingangstore wie der Kruger-Nationalpark, sondern fügen sich organisch in die Landschaft ein.

Während seiner Arbeit im botswanischen Busch kam Erik Ver­reynne «auf den Elefanten». Er sah, dass sich ein Konflikt zwischen der Bevölkerung und den Elefanten entwickelte, der problematische Dimensionen annahm: «Elefanten gehören zu den charismatischsten Tieren überhaupt», sagt er, während er seinen selbst umgebauten Allradwagen über die Schotterpiste steuert, «doch ist es auch eine problematische Tierart. Wir haben es mit Emotionen, vor allem aus dem Westen, zu tun, und gleichzeitig mit Zahlen. In Botswana gibt es eindeutig zu viele Elefanten, die sich den Lebensraum mit der lokalen Bevölkerung teilen.» Erik Verreynne wurde zum Elefantenexperten, der mittlerweile in der ganzen Welt Vorträge hält und die botswanische Regierung berät.

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