Boomers 1964

Die Historische Reportage der #18 über die Brückenbauer von New York.

Gay Talese

Sie fahren mit dicken Autos in die Stadt, schlafen in möblierten Zimmern. Sie bestellen Bier zum Whiskey, und sie stellen Frauen nach, die sie bald wieder vergessen haben. Sie bleiben immer nur kurze Zeit an einem Ort, gerade so lange, bis sie die Brücke gebaut haben, dann geht es weiter in die nächste Stadt, zur nächsten Brücke, wo sie wieder alles Mögliche zusammenfügen – ausser ihr eigenes Leben. Im Gegensatz zu ihren Brücken sind sie nicht fest im Boden verankert. Sie sind eine Mischung aus Zirkusartisten und Nomaden – leichtfüssig in der Höhe, doch am Boden ruhelos; beinahe so, als hätten sie auf der schier endlosen Strasse unter ihnen einfach nicht so viel Bodenhaftung und Gleichgewicht wie auf einem zwanzig Zentimeter breiten Stahlträger, der 300 Meter über dem Meer in der Luft zu schweben scheint.

Wenn es keine Brücken zu bauen gibt, arbeiten sie auf Wolkenkratzern, Highways und Staudämmen oder irgendetwas anderem, wo der ganze Mann gefordert ist und Überstundenzuschläge winken. Kein Ort, der nicht infrage käme für sie, und wenn sie dafür 1000 Meilen in vierundzwanzig Stunden fahren müssen – auch gut. Hauptsache, sie sind rechtzeitig da, wenn irgendwo ein neuer Bauboom ausbricht. Boom-Städte üben eine magische Anziehungskraft auf sie aus, deswegen nennt man sie auch Boomer.

Boomer sind meist gross, und immer kräftig. Ihre Gesichter und Hände sind gerötet von Sonne und Wind. Manche von ihnen, deren Aufgabe es ist, Nieten und Bolzen zu erhitzen, haben eine Haut, die aussieht wie angekokelt. Einige ihrer Kollegen, die die Bolzen in den Stahl treiben, sind schwerhörig, und diejenigen, die die glühenden Bolzen in kleinen Metalltrichtern auffangen, haben Blasen und Brandnarben am ganzen Körper als Erinnerung an die Male, wo sie daneben gegriffen haben. Manche von den Schweissern haben auch nachts im Schlaf noch leuchtende Blitze vor Augen. Die Schienbeine derjenigen, die die Stahlträger zusammenfügen, sind zerfurcht von tiefen Narben, die sie sich zugezogen haben, wenn sie an Pfeilern und Masten entlangrobben. Viele Boomer haben verstümmelte Hände oder haben Finger durch abgerutschte oder ausser Kontrolle geratene Stahlträger verloren. Die meisten sind schon einmal abgestürzt und haben sich ein oder zwei Gliedmassen gebrochen. Alle haben dem Tod schon mal ins Auge geblickt.Sie sind stolz auf das, was sie tun, und sie reden gerne darüber. Abends tönen sie in Bars herum und bauen ganze Brücken noch einmal, und manchmal, wenn sie sich auf den Nachhauseweg machen, ruft der Barmann ihnen hinterher: «He, Jungs, jetzt schleppt mal das ganze Stahlgerümpel raus!»

Sie üben eine gewisse Anziehungskraft auf Frauen mit lockeren Moralvorstellungen aus, die sich wiederum zu ihnen hingezogen fühlen, weil sie Geld haben und ihre Ehefrauen, wenn sie welche haben, weit weg sind. Von der Zuneigung jener Damen zeugte ein schwimmendes Bordell unter einer der Brücken in St. Louis oder die Tatsache, dass im Rotlichtbezirk von Paducah umgedrehte Bauhelme als Blumentöpfe dienten. An den Wochenenden fahren manche der Boomer hunderte von Kilometern zu ihren Familien, wo sie sich gesittet und tolerant benehmen und sämtliche Anspielungen auf ihr wildes Junggesellendasein auf der Baustelle weit von sich weisen, ausser wenn sie manchmal mit einer Mischung aus Stolz und Scham im Flüsterton davon sprechen, immer in der Angst, dass ihre Frauen etwas davon mitbekommen könnten und dadurch der Anschein eines geregelten Ehelebens vernichtet werden könnte. Wie die meisten Männer würde auch der Boomer gern auf allen Hochzeiten tanzen. Manchmal kommt es vor, dass seine Familie ihm nachreist und in kleinen Hotels oder Wohnwagensiedlungen unterkommt, aber eigentlich ist das kein Leben für Frauen und Kinder.

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Das Kind eines solchen Boomers wird aller Wahrscheinlichkeit nach in vierzig Bundesstaaten gelebt und ein Dutzend Highschools besucht haben, bevor es einen Abschluss macht, beziehungsweise falls es einen Abschluss macht, denn obwohl der Vater Stein und Bein schwört, dass er auf gar keinen Fall einen Boomer zum Sohn will, tritt gewöhnlich haargenau das ein. Es passiert – vermutlich weil er es im Grunde seines Herzens eben doch wollte, und das ist auch der Grund dafür, warum Boomer an den Wochenenden zu Hause so grosse Töne spucken und mit whiskeygeschwängerten Worten eine wunderbare Welt heraufbeschwören, der kein Sohn widerstehen kann, weil diese Welt erfüllt scheint von allem, was er sich wünscht: Abenteuer, dicke Autos, jede Menge Geld – manchmal 350 bis 450 Dollar pro Woche –, die Aussicht auf lange Pokerpartien an Regentagen, wenn die Brücke zu rutschig ist, die Aussicht darauf, unterwegs zu sein zusammen mit Indianern, die sich in grosser Höhe so behende bewegen wie Spinnen, mit Männern aus Neufundland, die so flink und unberechenbar sind wie die See, von deren Küste sie stammen, und mit rastlosen Rebellen aus dem Süden, die der Armut ihrer Dörfer zu entkommen versuchen, indem sie Bolzen und Nieten in die Brücken des Landes treiben.

Und alle schaffen sie etwas Grosses, Dauerhaftes, etwas, das man Jahre später noch besichtigen kann, um dann zu sagen: «Siehst du die Brücke da drüben, mein Junge – in das gottverdammte Ding hab ich, als ich noch jünger war, zwölfhundert Nieten an einem Tag reingejagt.»

Sie erzählen ihren Söhnen nur von den schönen Seiten, über die schlechten gehen sie hinweg; selten nur sprechen sie davon, wie Männer in grosser Höhe manchmal vor Angst erstarren und sich mit geschlossenen Augen an Stahlträgern festklammern oder dass sie nach dem Abstieg drei Drinks brauchen, um das Nervenflattern zu vertreiben; nein, sie schwärmen von Glanz und Gloria, von den Überstunden und nicht von den Wochen der Arbeitslosigkeit; sie erinnern sich daran, wie sie mithalfen, die Golden Gate Bridge hochzuziehen oder das Empire State Building und wie ihre Väter 1902 auf der Williamsburg Bridge arbeiteten, als die Stahlträger noch von pferdebetriebenen Schwerlastkränen in die Höhe gezogen wurden.

Ihre Schilderungen klingen so, als würde in ihrer Welt der Wilde Westen weiterleben, was in gewisser Weise auch zutrifft, denn die Boomer sehen sich in der Tradition der Pioniere, sie betrachten sich als die letzten Exemplare amerikanischer Helden, die mit Sack und Pack durch die Lande ziehen, auch wenn es gerade mal noch etwa tausend von ihnen gibt, die so ungebunden sind, dass sie überall hingehen, wo etwas gebaut wird. Und wenn sie dann in der Stadt eintreffen, wo gerade der Bauboom ausgebrochen ist, feiern sie kurz ihr Wiedersehen in Bars und reden über alte Zeiten und alte Gesichter: über Cicero Mike beispielsweise, der für Capone Schnapsladungen gefahren hat und erst neulich von einer Brücke in der Nähe von Chicago in den Tod gestürzt ist; oder über Al Deal, den Indianer, der im Westen gleich drei Frauen hatte und jeden Morgen mit einem eleganten Seidenhemd auf der Baustelle erschien. Und über Riphorn Red, dessen Koffer mit Zwanzig-Dollar-Scheinen beklebt war und der eines Nachts auf einem Friedhof ausgerastet ist. Dann gab es noch Nutley Kid, der lange italienische Zigarren rauchte, Kautabak kaute, sich in der Klospülung die Hände wusch und zum Lunch Bier und Milch trank – ohne den Kautabak aus dem Mund zu nehmen. Und dann war da noch Eiswasser-Charley, der an kalten Wintertagen oben auf der Brücke die Lehrjungen ganz nach unten schickte, damit sie ihm heisses Wasser holten. Und wenn sie dann zurückkamen, war das Wasser natürlich kalt, und er spie es aus und schrie nur «Eiswasser, Eiswasser» und schickte sie wieder runter.

Und dann gab es da noch Whitey Howard, der nur ein Bein hatte und eines Tages auf einer Eisenbahnbrücke den Zug nicht kommen hörte, so dass er in letzter Sekunde von den Gleisen springen und sich am Rand festhalten musste, wobei sein Holzbein abfiel, was Whitey für den Rest seines Lebens nutzte, sich damit zu rühmen, wie er sein linkes Bein zwei Mal verloren hatte.

Manchmal reihen sich solche Erzählungen endlos aneinander, sie sitzen da und trinken und erinnern sich an undramatische Begebenheiten und Dinge, in denen Leute eine Rolle spielen, die ausser den Boomern niemand kennt – Leute, die der Rest der Menschheit allenfalls aus grosser Entfernung zu sehen bekommt. Und dann fangen sie ein Kartenspiel an, und es ist nur das erste von hunderten, die in dieser Boom-Stadt gespielt werden, während die Brücke gebaut wird. Eine Brücke, die die meisten Boomer niemals überqueren werden, denn noch bevor die Brücke fertiggestellt ist, etwa sechs Monate bevor sie für den Verkehr geöffnet wird, fängt es manche von ihnen schon wieder an zu jucken, und sie müssen weiterziehen. Die Herausforderung verschwindet. Und die Überstunden werden auch immer weniger. Und sie beginnen sich zu fragen: «Wohin als Nächstes?» Und genau diese Frage stellten sie sich zu Frühlingsbeginn 1957, doch einige Boomer hatten schon die Antwort: New York.
In New York waren mehrere Brücken geplant. Einige der Projekte lagen upstate, aber New York City allein plante, während der Jahre 1958 bis 1964 fast 600 000 000 Dollar für Baumassnahmen auszugeben, unter anderem für den zweigeschossigen Ausbau der George Washington Bridge, den Bau der Throgs Neck Bridge über den Long Island Sound und schliesslich, was für einen Boomer eine Herausforderung wie keine andere darstellte, für den Bau der grössten Hängebrücke der Welt, die Verrazano-Narrows Bridge.

Die geplante Spannweite des Mittelstücks der Verrazano-Narrows, die Brooklyn und Staten Island verbinden sollte (gegen die vergeblichen Proteste tausender Bewohner auf beiden Seiten), betrug 1298 Meter und damit dreissig Meter mehr als die der Golden Gate Bridge und 155 Meter mehr als die der Mackinac Bridge im Norden Michigans in der Nähe zur kanadischen Grenze.

Zur Mackinac-Brücke, die an der Nahtstelle zwischen Lake Michigan und Lake Huron die Städte St. Ignace und Mackinaw City verbindet, hatte es zwischen 1954 und 1957 die Boomer gezogen. Und auch wenn sie sich nun in Scharen aufmachten, um sich dem grossen Zug nach Osten anzuschliessen, so gab es doch einige unter ihnen, denen der Abschied von Michigan schwerfiel, denn es hatte wohl kaum jemals einen Ort gegeben, wo man so exzessiv feiern konnte wie in dem ehemals verschlafenen Nest St. Ignace.

Bevor die Boomer einfielen, war St. Ignace eine beschauliche Kleinstadt gewesen, deren 2500 Einwohner dem Alkohol allenfalls in Massen zusprachen und ansonsten im Winter zur Jagd und im Sommer zum Angeln gingen. Sie verdienten ihr Geld mit kleinen Läden, in denen Touristen ihren Bedarf decken konnten, oder auf den Fähren nach Mackinaw City, das acht Kilometer entfernt am gegenüberliegenden Ufer der Wasserstrasse zwischen dem Lake Michigan und dem Lake Huron gelegen ist. Die örtliche Polizei jedenfalls hatte ein ruhiges Leben. Ursprünglich war die Gegend von friedlichen Indianern bevölkert gewesen, später waren französische Trapper dazugekommen und schliesslich Missionare und Pelzhändler. 1954 herrschte hier noch immer Sauberkeit und Sittsamkeit, es gab nur ein einziges Hotel, das Nicolet, benannt nach Jean Nicolet, dem nachgesagt wird, dass er als erster Weisser 1634 die Wasserstrasse von Mackinac mit einem Kanu durchfahren und den Lake Michigan entdeckt hat.

Folglich wurde das Hotel Nicolet und insbesondere dessen Bar zum Hauptquartier der Boomer auserkoren, und es dauerte nicht lange, bis es sich in einen rauchgeschwängerten Schauplatz von Raufereien und Partys verwandelte, wo auf dem Fussboden gewürfelt und ge­zockt wurde und wo sich Mädels aus Kanada und Detroit einfanden. Wäre St. Ignace nicht so eine freundliche, nette Stadt gewesen, wären die Boomer wohl alle im Knast gelandet, und die Brücke wäre nie fertiggestellt worden.

Aber die Bewohner von St. Ignace standen dem Brückenbau wohlwollend gegenüber. Sie konnten sehen, wie hart die Männer arbeiteten und gönnten ihnen ihren Spass am Feierabend. Besonders die Ladenbesitzer waren sehr erfreut darüber, dass nun sechs- oder siebenhundert Männer mehr die Gehsteige dieser Kleinstadt am Lake Michigan bevölkerten – zumal einige von ihnen zwischen 300 und 500 Dollar die Woche verdienten und manche es ebenso schnell wieder ausgaben.

Auch die örtliche Polizei wollte nicht in den Ruf mangelnder Gastfreundlichkeit kommen, und so liess sie die Poker- und Würfelpartien unbehelligt. Die einzige Razzia, die in Erinnerung geblieben ist, wurde von der Michigan State Police durchgeführt, die, als sie die Hotelbar stürmte, neben etlichen Boomern auch einen ihrer Kollegen beim illegalen Glücksspiel erwischte. Der Einzige, der an jenem Abend verhaftet wurde, war derjenige Brückenarbeiter, der am meisten gewonnen hatte. Da dessen Spielgewinn konfisziert worden war, konnte er die hundert Dollar Strafe nicht zahlen und wanderte ins Gefängnis, wo er im weiteren Verlauf der Nacht eine Pokerpartie in seiner Zelle startete, hundert Dollar gewann und damit seine Strafe abzahlte. Am nächsten Morgen war er pünktlich bei der Arbeit auf der Brücke.

Zu behaupten, dass bis auf die Angehörigen der Staatspolizei sämtliche Bewohner von St. Ignace die Boomer entweder hofierten oder zumindest stillschweigend tolerierten, ist allerdings eine leichte Übertreibung. Denn es gab einige Familien, die ihren Töchtern mit Erfolg verboten, sich mit Boomern einzulassen. Und es gab unter den jungen Männern der Stadt etliche, denen die Boomer ein Dorn im Auge waren, obwohl dies in erster Linie darauf zurückzuführen sein dürfte, dass sie diese um ihre dicken Autos und ihr Geld beneideten, und weniger darauf, dass es unter den Boomern vergleichsweise wenige Abstinenzler und Keuschheitsfanatiker gab. Wo­bei es allerdings falsch wäre zu behaupten, dass es unter ihnen nicht auch stille, bescheidene Charaktere gab – insgesamt mögen es vielleicht sechs oder sieben gewesen sein, zu denen unter anderem Ace Cowan gehörte (dessen Frau mit ihm nach Michigan gekommen war) oder Johnny Atkins, der eines Abends im Nicolet ein Dutzend doppelte Martinis trank und dann still und zufrieden in die Nacht entschwand, ohne Ärger zu machen oder auch nur angetrunken zu wirken.

Und dann gab es noch Jack Kelly, ein hochgewachsener, einhundert Kilogramm schwerer Mann, Sohn eines Segelmachers aus Philadelphia, der sich in all den Jahren harter Arbeit umgeben von Lärm auf irgendwelchen Brücken seine freundliche Art bewahrt hatte, obwohl ihn im Lauf der Zeit so viele Werkzeuge, Nieten und Schrauben am Kopf getroffen hatten, dass er fünfundfünfzig Stiche in der Kopfhaut hatte. 

Und schliesslich gab es auf der Mackinac noch einen weiteren Mann, der allgemein respektiert wurde – Art Drag-up Drilling, der Bauleiter. Er war ein regelrechter Veteran, der aus Arkansas stammte und in den dreissiger Jahren nach Westen gezogen war, um auf der Golden Gate und der Oakland Bridge zu arbeiten, und der seinen Spitznamen der Tatsache verdankte, dass er stets damit drohte, er würde lieber «seinen Kram einpacken und weiterziehen», als unter einem Bauleiter zu arbeiten, der weniger von Brücken verstand als er.

Also zog er von Stadt zu Stadt, von Brücke zu Brücke – nie zufrieden, bis er schliesslich der Mann war, der auf der Brücke das Kommando hatte. Dies war auf der Mackinac der Fall, und er hoffte, dass er 1962 auf der Verrazano-Narrows wieder Chef sein würde. Während der Zeit des Umherreisens war Drag-up Drilling Vater eines Sohnes namens John geworden, der von seinem Vater zwar dessen herzliche Art und seinen Südstaatencharme geerbt hatte, in dem allerdings auch ein wahrer Teufel schlummerte, schliesslich war er erst neunzehn, als er sich dem Trupp auf der Mackinac anschloss, und er hatte sich wie seine Kollegen vorgenommen, in St. Ignace einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

John Drilling war 1937 während der letzten Arbeitstage seines Vaters auf der Bay Bridge in Oakland geboren worden. In den nächsten neunzehn Jahren zog er mit seinem Vater von Baustelle zu Baustelle, lebte in einundvierzig Bundesstaaten, besuchte zwei Dutzend Schulen, flirtete mit Mädchen, von denen er eine schliesslich heiratete, mit der er vier Monate zusammenlebte. An seinem Benehmen war nichts Rohes oder Ungehobeltes, er legte grossen Wert auf ein gepflegtes Äusseres und modische Kleidung, doch wie viele Boomer-Nachkommen litt auch er unter dem Zugvogel-Fieber, wie es die Älteren unter den Brückenarbeitern nennen. Auf Frauen wirkte dies in einigen Fällen besonders interessant, während es für andere ein Quell der Frustration war – fasziniert waren davon jedoch die meisten. Schon in seiner ersten Woche in St. Ignace bemerkte er bei einem Stopp an einer Tankstelle ein Auto voller Mädchen, worauf er die leicht unbeholfene Masche des Jungen, der neu in der Gegend ist, herauskehrte und mit ausgesuchter Höflichkeit das Hübscheste von ihnen ansprach. Dieses Mädchen – eine wahre Schönheit schwedischer Abstammung, dessen Freund gerade zur Armee eingezogen worden war – zeigte sich nicht abgeneigt, und so entspann sich eine unvergessliche Romanze, die so lange anhielt, bis die nächste begann.

Als er sich von seinem Lohn auf der Mackinac Bridge einige tausend Dollar zusammengespart hatte, schrieb er sich für kurze Zeit an der Universität in Arkansas ein und kaufte einen Impala für 2700 Dollar, den er eines Nachts in der Ola, Arkansas, zu Schrott fuhr, was ihm ernsthafte Schwierigkeiten eingetragen hätte, wäre nicht das Mädchen, mit dem er in jener Nacht ausgegangen war, die Tochter des Richters gewesen. John Drilling hatte also allen Grund, mit seinem Dasein zufrieden zu sein. Von allen Arbeitern auf der Mackinac Bridge, die später zur Verrazano-Narrows weiterziehen sollten, war er derjenige, dem das Glück am meisten hold war – mit einer Ausnahme vielleicht: sein Freund Robert Anderson.

Anderson hatte in erster Linie deshalb mehr Glück gehabt, weil er älter war, mehr hinter sich hatte und schon häufiger überlebt hatte, ohne dabei sein sonniges Gemüt und seinen unbeirrbaren Optimismus zu verlieren. Er war vierunddreissig Jahre alt, als er auf der Mackinac anfing. Er hatte zwei Ehen hinter sich, die erste hatte zwölf Jahre, die zweite gerade mal zwei Wochen gehalten. Er war in Autounfälle verwickelt gewesen, von herunterfallendem Werkzeug getroffen worden, selber abgestürzt, einmal sogar fast fünfzehn Meter tief, doch die einzige sichtbare Verletzung, die er davongetragen hatte, war der Verlust von Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand, die er dennoch uneingeschränkt benutzen konnte.

Eines Tages stand Anderson auf dem Nordturm der Mackinac, als plötzlich die Laufplanke unter ihm aus ihrer Verankerung riss und mit ihm 600 Meter weit auf dem Hauptkabel in die Tiefe herunterrauschte. Anderson hielt sich krampfhaft fest wie auf einer Achterbahn, und als die Planke am Ankerblock angelangt war, wo die Neigung der Kabel immer flacher wird, stieg er seelenruhig ab und machte sich wieder an den Aufstieg nach oben. Sein Glück war, dass die Mackinac Bridge von David B. Steinmann entworfen worden war, der auf der Landseite lange, sanft ansteigende Kabelverankerungen bevorzugte. Wäre die Brücke von O. H. Ammann entworfen worden, der eher zu kurzen und massiven Verankerungen neigte, wie er sie auch für die Verrazano-Narrows Bridge plante, so wäre Andersons Ritt auf der Planke wesentlich steiler verlaufen und er am Ende wahrscheinlich in den Ankerblock gekracht und zu Tode gekommen. Aber Anderson hatte einfach Glück gehabt.

Abseits der Brücke erfreute sich auch Anderson wie so viele Boomer grosser Beliebtheit bei den Frauen. Die ständigen Umzüge während seiner Kindheit als Sohn eines Boomers, die dauernden Wechsel von Ort zu Ort und die Flexibilität, die mit einem solchen Leben zwangsläufig einhergeht, verliehen ihm eine lässige Aura der Ungebundenheit und die Fähigkeit, sich überall zu Hause zu fühlen. Einmal, es war in Mexiko, wohnte er in einem Bordell. Die Prostituierten mochten ihn so sehr, dass sie sich um ihn stritten, weil er so gute Manieren hatte und sie behandelte wie Damen. Schliesslich bot die Chefin des Etablissements ihm an, als ständiger Gast in ihrem Haus Quartier zu beziehen, und so ass Anderson jede Nacht mit den Damen zu Abend und stand morgens mit ihnen auf dem Flur in der Schlange vor der Dusche. Trotz seiner Grösse von einem Meter achtzig, seinen breiten Schultern und seiner aufrechten Haltung ist Bob Anderson kein sonderlich gut aussehender Mann, doch mit seinen leuchtenden wachen Augen, seinem freundlichen runden Gesicht und seinem einnehmenden Lächeln ist er in gewisser Weise ein Tom Jones der Brückenbranche: geschmeidig und geschickt, galant und stets auf der Suche nach dem Vergnügen und heissblütigen Frauen, dabei jedoch nie verschlagen oder schmierig.

Auch am Spieltisch hat er das Glück auf seiner Seite – wobei dies vermutlich auf die Lektionen seines Onkels Manuel aus Oklahoma zurückzuführen ist, eines Gitarre spielenden Glücksritters und Gauners, der einmal beim Poker einen ganzen Rummel gewonnen hatte. Im All- ge­meinen hat Anderson für Würfeln nichts übrig, doch als eines Abends im Nicolet auf dem Boden der Herrentoilette ein Spiel im Gang war und er aufgefordert wurde mitzumachen, sagte er nicht Nein.

«O Mann, war ich besoffen an dem Abend», erzählte er einige Tage später in seinem behäbigen Südwest-Singsang einem Freund. «Ich war so besoffen, dass ich kaum noch was erkennen konnte. Aber ich hab einfach die Würfel rollen lassen, und es kamen immer nur Siebener und Elfer, Siebener und Elfer. Heiiiland-Sakra, so ging das die ganze Nacht. Ich hab in einer Tour gewonnen und gesoffen und noch mehr gewonnen. Irgendwann kamen immer mehr Leute rein, weil sie von draussen den Krach im Klo gehört haben – Touristen, sogar Frauen, alle haben sie sich ins Herrenklo gequetscht und zugeschaut, wie ich andauernd Siebener und Elfer gewürfelt habe.

Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, hatte ich einen wahnsinnigen Kater, aber auf meinem Schreibtisch lag ein ganzer Haufen Geld. Und als ich in meine Taschen griff, waren die völlig ausgestopft mit Geldscheinen – zusammengeknüllt wie trockene Blätter. Ich hab sie alle gezählt, und es waren insgesamt über 1000 Dollar. Und auf der Brücke ging’s noch weiter – andauernd kam irgendwer an und meinte: ‹Hey, Bob, da hast den Fünfziger wieder, den du mir gestern gepumpt hast› oder ‹Hier hast du deinen Hunderter wieder›, und ich hatte keinen blassen Schimmer, dass ich überhaupt jemand was gepumpt hatte. Heilandsakra, was war das für ein Abend!»

Als Bob Anderson schliesslich dem Job auf der Mackinac Bridge und St. Ignace den Rücken kehrte, hatte er 5000 Dollar gespart, für die er sich, weil ihm nichts Besseres einfiel, ein Rundreise-Ticket nach Tanger, Paris und die Schweiz kaufte, wo er alles Geld, wie er selbst sagte, «für Suff und Puff» verjubelte, bevor er ohne einen Penny in der Tasche den Rückflug antrat, nach St. Ignace fuhr und eine zauberhafte, schlanke Brünette heiratete, die ihm die ganze Zeit über einfach nicht aus dem Kopf gegangen war.

Nicht lange danach packte er all sein Hab und Gut sowie seine frischgebackene Ehefrau ins Auto und machte sich ebenso wie John und Drag-up Drilling, Ace Cowan, Jack Kelly und die anderen Veteranen der Mackinac Bridge auf die lange Fahrt nach Osten, um in New York sein Glück zu versuchen.

Punks und Pushers

Eine Brücke zu bauen, ist wie Krieg; es herrscht ein Kasernenhofton, und das Personal ist nach einer militärischen Hierarchie organisiert. Ganz unten, vergleichbar mit dem einfachen Rekruten, stehen die Lehrlinge – Punks genannt. Sie klettern mit Eimern voller Bolzen und Nieten die Trittleitern hinauf, lernen durch Zuschauen und Handlangerdienste und werden gelegentlich zum Kaffee- oder Wasserholen nach unten geschickt, wofür sie allerdings nur selten ein Dankeschön ernten. Innerhalb von zwei oder drei Jahren werden die Punks zu regulären Brückenarbeitern, die in der Lage sind, Nieten zu erhitzen, aufzufangen und einzulochen, Stahlträger in die Höhe zu hieven, zu schweissen oder zu montieren, wobei es vor allem Letzteres ist, was bei den Lehrlingen am höchsten im Kurs steht. Die Stahlmonteure stehen ganz oben auf der Brücke, so weit, dass es Minuten dauert, bevor ihre Schweisstropfen den Boden erreichen, und wenn die Kräne neuen Stahl hinaufhieven, ist es die Aufgabe der Monteure, die Bauteile von Hand zu packen, in die richtige Position zu manövrieren, sie mit Bolzen und Hämmern provisorisch zu befestigen, damit die Nietensetzer-Trupps den Rest erledigen.
Die Stahlmonteure sind so etwas wie Trapezkünstler, nur mit dem Unterschied, dass sie sich ihre Bühne für jede Vorführung in schwindelerregender Höhe neu zusammenbauen, und genau das ist es, was ihre Arbeit so gefährlich macht. Dies und die Tatsache, dass sie manchmal zur Effekthascherei neigen, um den Alten mal zu zeigen, wie man so was richtig macht – und so kommt es vor, dass sie zu sehr auf den Kabeln herumschaukeln, auf unbefestigten Trägern balancieren oder an windigen Tagen zu schnell über die Träger laufen, anstatt mit gegrätschten Beinen vorwärtszurutschen; doch manchmal riskieren sie zu viel, und sie bezahlen dafür mit dem Leben.

Sobald die Stahlträger montiert sind, ist es die Aufgabe des Nietensetzer-Trupps, sie dauerhaft zu verbinden. Die schnellen, vier Mann starken Trupps bieten einen faszinierenden Anblick. Die Eleganz, mit der sie die Nieten durch die Gegend schleudern, ähnelt der von Baseballspielern, allerdings liegt ihr Pensum bei über 1000 Stück pro Tag. Jeder kennt die Bewegungen des anderen, manche sind bereits seit Jahren gemeinsam unterwegs und bilden ein festes Team. Der erste Mann in der Reihe ist der Heizer, der den ganzen Tag lang schwitzend auf der Brücke steht, vor sich ein mit glühendem Kohlen gefülltes Gerät, das aussieht wie ein Würstchengrill, auf dem er die Nieten erhitzt, bis sie rot glühend sind, allerdings wiederum nicht so rot, dass sie sich vor Hitze verbiegen oder Blasen schlagen. Der Heizer muss ein guter Koch sein, ein Meister seines Fachs, der sich vorstellen muss, er würde Würstchen grillen und nicht Nieten, denn die anderen drei in seiner Mannschaft sind sehr eigenwillige Kunden.
Sobald eine Niet rot ist – aber nicht zu rot –, schnappt der Heizer sie mit einer Zange und schleudert sie über eine Entfernung von fünfundzwanzig bis fünfunddreissig Metern punktgenau zum nächsten Mann in der Kette, dem Fänger, der sie mit einem metallenen Handschuh aus der Luft fischt. Der Fänger reicht die Niet weiter an den Stecher, der mit einem langen zylindrischen Werkzeug, das nach dem anatomischen Stolz eines Hengstes benannt ist, die Niet in das vorgeschriebene Loch schiebt und sie dort festhält, bis der vierte Mann, der Nietensetzer, das noch weiche vordere Ende von der anderen Seite aus mit seinem Presslufthammer platt geklopft hat. Nach dem Abkühlen der Niet ist die Verbindung dann so dauerhaft wie die Brücke selbst.

Jede Mannschaft – egal ob Nietentrupp, Monteurtrupp oder Windentrupp – steht unter Aufsicht eines Vormannes, genannt Pusher. (Eines Abends wurde in einer Bar in Brooklyn ein Indianer namens Mike Tarbell, der als Pusher arbeitete, von zwei Polizisten in Zivil verhaftet, die seine Berufsbezeichnung mitgehört hatten, und Tarbell verbrachte drei Tage in Untersuchungshaft, was ihn 175 Dollar Lohn kostete, bis er den Richter davon überzeugen konnte, dass sein Geschäft nicht der Vertrieb von Drogen, sondern das Antreiben von Brückenarbeitern war.)

Der Pusher treibt, ähnlich wie ein Armeekorporal, der sich seine Beförderung zum Sergeant verdienen will, seine Mannschaft zu Höchstleistungen an, denn er weiss, dass seine Kollegen überall auf der Brücke genauso verfahren. Jeder will, dass sein Team das schnellste und beste ist, weil sie alle wissen, dass die Baufirma täglich Buch führt über die Arbeitsleistungen jeder einzelnen Truppe. Die Sachbearbeiter in den Büros wissen ganz genau, welches Team die höchste Tonnage an den Winden hatte, welche Mannschaft am meisten Kabel gesponnen und welche die meisten Nieten versenkt hat – und wenn der Pusher ehrgeizig ist und darauf hofft, eines Tages befördert zu werden, muss er seinen Leuten einiges abverlangen. 

Doch er darf auch nicht zu viel verlangen, denn wenn es zu Unfällen kommt – möglicherweise sogar mit tödlichem Ausgang –, ist der Pusher derjenige, dem die Baugesellschaft die Hölle heiss macht. Denn einerseits fördert diese den Wettbewerb unter den Mannschaften, da es in ihrem Interesse ist, dass die Brücke möglichst schnell fertig wird und sich der Verkehr darauf staut, denn dies bedeutet klingende Münzen in den Kassenhäuschen, andererseits ist sie bemüht zu vermeiden, dass Unglücks- oder Todesfälle den Terminplan durcheinander bringen, die Firma in die Schlagzeilen gerät oder die Versicherungsprämien in die Höhe schiessen. Der Pusher flitzt also zwischen zwei Stühlen, und wenn er Pech hat und es zu einem Todesfall in seiner Gruppe kommt, kann es sein, dass man ihm die Schuld gibt und ihn degradiert, während ein anderer Arbeiter zum Pusher befördert wird.

Wenn er allerdings Glück hat und sein Trupp Schnell und sauber arbeitet, kann er es sogar zum stell­vertretenden Bauleiter bringen, und er wird ein Walkin’ Boss. Der Walkin’ Boss, von denen es auf einer grossen Brücke, an der vier- bis fünfhundert Männer arbeiten, meistens vier gibt, hat das Kommando über einen Bauabschnitt. Der erste ist zuständig für den Abschnitt von der Kabelverankerung bis zum Turm, der nächste besichtigt das Teilstück vom Turm bis zur Mitte der Brücke, der dritte den Abschnitt von der Mitte bis zum zweiten Turm, und der vierte führt das Kommando über die Sektion vom zweiten Turm bis zum anderen Ankerblock. Der Walkin’ Boss geht den ganzen Tag die Brücke auf und ab, hoch und runter, stolziert, stets ein misstrauisches Funkeln in den Augen, über die Laufplanken wie ein Kampfhahn und passt auf, dass die Pusher ihren Leuten Dampf machen, die Punks tun, was man ihnen sagt, und die Stahlmonteure sich auf den Kabeln nicht aufführen wie Trapezartisten.

Das Hauptanliegen des Walkin’ Boss ist es, den Boss zu beeindrucken, sprich den Bauleiter oder Superintendenten, der vergleichbar ist mit einem Feldwebel. Der Superintendent ist gemeinhin der zäheste, härteste und darüber hinaus auch der beste Brückenbauer auf der ganzen Baustelle, und weil er ausserdem die grösste Klappe von allen hat, lässt er an dieser Erkenntnis auch jeden teilhaben. Er verbringt den Tag in erster Linie damit, in einer Bretterbude am Ufer, die als Baubüro dient, mit Ingenieuren, Architekten und anderen Vertretern der Brückengesellschaft zu diskutieren. Die Walkin’ Bosse auf der Brücke repräsentieren ihn und halten ihn auf dem Laufenden, doch zwei- oder dreimal am Tag verlässt der Superintendent seine Hütte, um die Baustelle in Augenschein zu nehmen, und wenn er die Brücke entlangschreitet, scheint mit einem Mal alles zu erstarren. Die Männer wirken ganz vertieft in ihre Arbeit, und die Punks scheinen ganz versteinert.

Der Superintendent, den man ausgesucht hatte, um die Arbeit an den Kabeln der Verrazano-Narrows Bridge zu beaufsichtigen, war ein eins achtzig grosser Mann von neunundfünfzig Jahren namens John Murphy, den man hinter seinem Rücken wegen seines aufbrausenden Temperaments auch Hard Nose, also etwa Harter Hund oder Kampfstier, nannte. 

Er war ein breitschultriger, stämmiger Mann mit einer schmalen, markanten Nase und einem energischen Kinn, blauen Augen und weissem Haar, das sich bereits lichtete, doch das hervorstechendste äussere Merkmal an ihm war sein rotes Gesicht – es war so rot, dass man gar nicht bemerkt hätte, wenn er je errötete, was er selten tat. Sein raues, rotes Gesicht – das Resultat von vierzig Jahren Arbeit in windiger Höhe und brennender Sonne auf über hundert Brücken und Wolkenkratzern in ganz Amerika – verlieh Murphy das Aussehen eines Mannes, der stets kochte vor Wut, und das war auch meist der Fall.

Er war, wie so viele Boomer, in einem kleinen Kaff zur Welt gekommen, wo sich hinter dem Ortsrand nur endlose Weite ausdehnt – in seinem Fall hiess es Rexton, hatte 300 Einwohner und lag in New Brunswick in Kanada. Im Frühling 1919 wurde der Ort von einer Grippeepidemie heimgesucht, die beide Eltern sowie einen Onkel und zwei Cousins des damals sechzehnjährigen Murphy hinwegraffte und ihn mit der Verantwortung für fünf jüngere Geschwister zurückliess. Also arbeitete er als Flösser in Maine, und als es mit dieser Branche bergab ging, zog er weiter nach Pennsylvania und wechselte zum Brückenbau, wo er sich wegen seiner jugendlichen Furchtlosigkeit erste Meriten als Monteur verdiente, bis er schliesslich in den Jahren 1930 und 1931 als bester Stahlmonteur der George Washington Bridge galt. Seitdem hatte er einen Job nach dem anderen bekommen, war bis nach Alaska vorgestossen, wo eine Brücke über den Tanana River gebaut wurde, und hatte sich von dort aus auf Brücken- und Hochhausbaustellen wieder in östliche Richtung zurückgearbeitet.

Im Jahr 1959 arbeitete er als Superintendent beim Bau des Pan Am Building, eines neunundfünfzig Stockwerke hohen Wolkenkratzers in Manhattan, und danach bot ihm die American Bridge Company den Posten als Boss auf der Verrazano an, jene Firma, die im Auftrag der United States Steel für die Brückenaufhängung und die Kabel verantwortlich war. Als Hard Nose Murphy zu Beginn des Frühjahrs 1962 auf der Baustelle eintraf, war der zwar undramatische und langwierige, aber essenzielle Teil der Arbeit, die Errichtung der Fundamente, bereits erledigt, und die beiden Türme wuchsen allmählich auf ihre endgültige Höhe von 230 Metern.

Der Bau der Fundamente, der von der J. Rich Steers Inc. und der Frederick Snare Corporation durchgeführt worden war, mochte für jemanden, der auf hohen Stahlgerüsten herumturnte, nur einen geringen ästhetischen Reiz ausüben, es war aber eine überaus schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, da die beiden Caissons, die in den Narrows versenkt wurden, zu den grössten gehörten, die je gebaut wurden. Sie bestanden aus Beton und waren sechsundsiebzig Meter lang und dreiundvierzig Meter breit. Auf der Oberseite hatten beide je Sechsundsechzig runde Aushublöcher mit einem Durchmesser von fünfeinhalb Metern, so dass sie aus der Ferne aussahen wie zwei riesige Stücke Schweizerkäse.

Zum Bau des Caissons, der den Sockel des Turmes auf der Staten-Island-Seite tragen sollte, waren 36 000 Kubikmeter Beton benötigt worden, und bevor der Senkkasten schliesslich in fünfunddreissig Meter Tiefe auf festem Untergrund ruhte, mussten über 60 000 Kubikmeter Schlamm, Schlick und Sand mit Baggerschaufeln, die an Kränen hingen, durch die Öffnungen abtransportiert worden. Auf der Brooklyn-Seite lag der Caisson für den Brückenturm sechsundfünfzig Meter unter dem Wasserspiegel, hier waren fast 64 000 Kubikmeter Beton verbaut worden, und man musste 110 000 Kubikmeter Schlick und Sand vom Meeresboden abtragen.

Die landseitigen Fundamente, auf denen die Brücke ruhte, bestanden aus zwei dreieckigen Betonblöcken, die jeweils so hoch waren wie ein zehnstöckiges Haus und in deren Inneren die Enden der Kabelstränge verankert waren. Diese beiden Ankerblöcke, gebaut von der Arthur A. Johnson Corporation und der Peter Kiewit Sons’ Company, halten dem 120 000 Tonnen starken Zug der Brückenkabel stand.

Es hatte etwas mehr als zwei Jahre gedauert, die vier Fundamente zu errichten, obwohl rund um die Uhr gearbeitet wurde, was bei der Strassenreinigung wenig Anklang fand und auch bei der Bevölkerung zu Protesten führte. So fand am 29. März 1961 ein Protestmarsch von 200 Anwohnern auf Staten Island statt, die dem Bezirks-Staatsanwalt von Richmond County, John M. Braisted Jr., eine Erklärung vorlegten, wonach die Bauarbeiten zwischen sechs Uhr abends und sechs Uhr morgens über tausend Menschen im Umkreis von einer Meile den Schlaf raubten. In Bay Ridge auf der Brooklyn-Seite wimmelte es wegen der Arbeiten an der Zufahrtsstrasse zur Brücke ebenfalls von Baukränen, Baggern, Planierraupen und Lastwagen, und die Beliebtheit von Robert Moses wurde nicht unbedingt gesteigert, als bekannt wurde, dass er einen Bauauftrag über zwanzig Millionen Dollar ohne Ausschreibung an eine Firma vergeben hatte, in der sein Schwiegersohn arbeitete. Sämtliche an der Transaktion Beteiligten stritten unverzüglich ab, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen war.

Doch als Hard Nose Murphy auf der Baustelle antrat, wendeten sich die Dinge allmählich zum Besseren. Die Brücke erhob sich endlich aus dem Wasser, und die Leute hatte nun etwas zu sehen – eine sichtbare Rechtfertigung für den ganzen nächtlichen Lärm –, und an den Nachmittagen säumten einige ältere Männer aus Brooklyn das Ufer, um mit anzusehen, wie die roten Türme immer weiter in die Höhe wuchsen.

Die Türme waren segmentweise in Stahlwerken gefertigt worden, und diese Teilstücke wurden nun auf Lastkähnen zur Baustelle geschafft. Die Harris Structural Company hatte den Staten-Island-Turm angefertigt, während der Brooklyn-Turm von der Firma Bethlehem gebaut worden war – beide nach Plänen von O. H. Ammann. Nachdem die Turmsegmente an ihrem Standort eingetroffen waren, wurden sie von Schwimmkränen, die am Fuss der Türme ankerten, in die Höhe gehievt. Als die ersten drei Etagen von jedem Turmsockel vollendet waren, ersetzte man die Schwimmkräne durch sogenannte Creepers, Kletterkräne mit einer Tragkraft von etwa hundert Tonnen, die sich auf seitlich an den Pfeilern angebrachten Schienen in die Höhe schoben. Beim Abschluss der Arbeiten an den Türmen befanden sich die Kräne 231 Meter über der Wasseroberfläche.

Auch wenn die Errichtung von Türmen ein gewisses Risiko enthält, so unterscheidet sich der Vorgang nicht wesentlich vom Bau eines Hochhauses oder eines Leuchtturms. Nach dem dritten oder vierten Abschnitt ist die Prozedur weitgehend die gleiche, bis das obere Ende erreicht ist. Die wahre Kunst und Dramatik des Brückenbaus beginnt erst, wenn die Türme stehen, denn dann müssen die Männer die Kluft zwischen den Türmen überwinden, die Kabel spinnen und das Tragwerk über dem Wasser verbinden.

Dies sollte nun Murphys Problem sein, und als er an einem Morgen im Mai 1962 in einem der Boote der Harris Company sass und in aller Ruhe mit ansah, wie am Staten-Island-Turm gerade der zehnte Abschnitt errichtet wurde, sagte er zu einem der Ingenieure an Bord: «Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich eine Brücke in diesem Stadium sehe, muss ich unwillkürlich daran denken, was alles an Problemen auf uns zukommt: all die Fehler, Flüche, Schweiss und Tod. Und das alles hört nicht auf, bis das Ding fertig ist …» Der Ingenieur nickte mit dem Kopf, und dann schauten beide wieder zu, wie die Kräne ihre Muskeln spielen liessen, um riesige Metallteile in die Höhe zu hieven.

Aus dem Amerikanischen von Christoph Hahn und Sky Nonhoff.

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