Born in the USA

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Er ist weiss, arbeitslos und hat neun Schwarze in der Kirche von Charleston erschossen. Sie ist schwarz, Journalistin und will wissen: Wer ist Dylann Roof?

Rachel Kaadzi Ghansah

21. August 2017

 

Er sass neben der Kirche, trank aus einer Flasche Smirnoff Ice und wusste, dass er reingehen und sie erschiessen musste.

Sie bildeten eine kleine Gebetsgruppe – ein politisch aktiver Prediger, ein ältlicher Pfarrer, acht Frauen, ein junger Mann und ein kleines Mädchen. Aber für ihn waren sie ein Problem. Er glaubte, als schwarze Amerikaner würden sie «unsere Frauen vergewaltigen und unser Land erobern». Also zog er seine Glock-Pistole, und als sie im Gebet die Augen schlossen, eröffnete er unbeirrbar das Feuer auf die zwölf Menschen, die sich im Souterrain der Mother Emanuel African Methodist Episcopal (AME) Church versammelt hatten, und tötete fast alle.

 

Die Feuerprobe

 

Beim Prozess im letzten Dezember sassen die zwei Überlebenden und die zahlreichen Angehörigen der Opfer im Gerichtssaal und sahen Dylann Roofs Hinterkopf und seinen schmalen Nacken. Mit dem grösser werdenden kahlen Fleck in der Mitte seiner Topffrisur erinnerte er an einen jungen, halbschlauen Mönch mit Tonsur. Er war gekleidet wie ein Mann, dem das Leben noch kaum Gelegenheiten gegeben hat, einen Anzug zu tragen: in einen alten Rundhalspullover und eine dicke Khakihose aus Kunstfaser, die ihm bis auf die billig aussehenden Abendschuhe aus braunem Leder reichte.

In zwei Prozessphasen entschied Dylann Roof, sich selbst zu vertreten. Als die Familienangehörigen der Opfer aussagten, stemmte er sich, ohne sie anzusehen, aus dem Sitz hoch und entliess sie mit seiner tiefen, gelangweilten und abgestumpften Stimme, die immer so klang, als hätte er Maissirup im Mund, aus dem Zeugenstand. Er erhob selten Einspruch, aber wenn, dann ärgerte er sich über die Länge der von den Familien abgegebenen Zeugenaussagen. Konnten sie sich bei ihren Geschichten über die Toten nicht kurzfassen? Wenn er aufstand und zu seinem Haftraum zurückgebracht wurde, verzog sich sein Mund auf eine Weise, die ich zunächst für ein Seufzen oder ein tiefes Ausatmen hielt – in Wahrheit war es ein unablässiges Zucken, ein Wangenkauen, bei dem ihm manchmal die Zunge aus dem Mund trat und er sich die Lippen leckte.

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