Born in the USA

Er ist weiss, arbeitslos und hat neun Schwarze in der Kirche von Charleston erschossen. Sie ist schwarz, Journalistin und will wissen: Wer ist Dylann Roof?

Rachel Kaadzi Ghansah

21. August 2017

 

Er sass neben der Kirche, trank aus einer Flasche Smirnoff Ice und wusste, dass er reingehen und sie erschiessen musste.

Sie bildeten eine kleine Gebetsgruppe – ein politisch aktiver Prediger, ein ältlicher Pfarrer, acht Frauen, ein junger Mann und ein kleines Mädchen. Aber für ihn waren sie ein Problem. Er glaubte, als schwarze Amerikaner würden sie «unsere Frauen vergewaltigen und unser Land erobern». Also zog er seine Glock-Pistole, und als sie im Gebet die Augen schlossen, eröffnete er unbeirrbar das Feuer auf die zwölf Menschen, die sich im Souterrain der Mother Emanuel African Methodist Episcopal (AME) Church versammelt hatten, und tötete fast alle.

 

Die Feuerprobe

 

Beim Prozess im letzten Dezember sassen die zwei Überlebenden und die zahlreichen Angehörigen der Opfer im Gerichtssaal und sahen Dylann Roofs Hinterkopf und seinen schmalen Nacken. Mit dem grösser werdenden kahlen Fleck in der Mitte seiner Topffrisur erinnerte er an einen jungen, halbschlauen Mönch mit Tonsur. Er war gekleidet wie ein Mann, dem das Leben noch kaum Gelegenheiten gegeben hat, einen Anzug zu tragen: in einen alten Rundhalspullover und eine dicke Khakihose aus Kunstfaser, die ihm bis auf die billig aussehenden Abendschuhe aus braunem Leder reichte.

In zwei Prozessphasen entschied Dylann Roof, sich selbst zu vertreten. Als die Familienangehörigen der Opfer aussagten, stemmte er sich, ohne sie anzusehen, aus dem Sitz hoch und entliess sie mit seiner tiefen, gelangweilten und abgestumpften Stimme, die immer so klang, als hätte er Maissirup im Mund, aus dem Zeugenstand. Er erhob selten Einspruch, aber wenn, dann ärgerte er sich über die Länge der von den Familien abgegebenen Zeugenaussagen. Konnten sie sich bei ihren Geschichten über die Toten nicht kurzfassen? Wenn er aufstand und zu seinem Haftraum zurückgebracht wurde, verzog sich sein Mund auf eine Weise, die ich zunächst für ein Seufzen oder ein tiefes Ausatmen hielt – in Wahrheit war es ein unablässiges Zucken, ein Wangenkauen, bei dem ihm manchmal die Zunge aus dem Mund trat und er sich die Lippen leckte.

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Felicia Sanders, eine der wenigen Überlebenden, sagte vor Gericht schon früh, Roof gehöre in den tiefsten Höllenkreis. Monate später sagte sie, seinetwegen könne sie beim Beten nicht mehr die Augen schliessen. Sie könne das Geräusch von Feuerwerkskörpern nicht mehr ertragen, ja nicht einmal das Prasseln von Eicheln. Dylann Roofs wegen war Felicia Sanders gezwungen gewesen, sich im Blut ihres sterbenden Sohns tot zu stellen und ihrer wimmernden Enkeltochter den Mund zuzuhalten. Sie sagte, sie hätte so fest zugedrückt, dass sie Angst hatte, das Mädchen zu ersticken. Achtzehn Monate später zeigte Felicia Sanders im Gerichtssaal mit derselben Hand auf Dylann Roof und sagte ohne den geringsten Zweifel in der Stimme, es sei sonnenklar – der Mann dort sei «das reine Böse».

Ihr Zorn war gerechtfertigt und zugleich unerwartet, denn in der Berichterstattung über den Massenmord hatte er praktisch keine Rolle gespielt. Wenn ich während des Prozessverlaufs in Charleston mit Weissen sprach, lobten sie fast ausnahmslos, dass die Kirche mit so nachhallender Vergebung auf den jungen weissen Mann reagiert hatte, der ihre Gemeindemitglieder erschossen hatte. Die Vergebung war eine Absolution von allem. Niemand erwähnte, dass diese Vergebung individuell erfolgte, nicht kollektiv. Einige Opfer und ihre Familien vergaben dem Täter, andere nicht. Niemand erwähnte, dass sich Dylann Roof kein einziges Mal entschuldigt, nie Reue gezeigt oder um diese Vergebung gebeten hatte. Oder die Tatsache, dass er 573 Tage Zeit gehabt hatte, über sein Verbrechen nachzudenken, und dann vor die Geschworenen trat und mit seiner dicken, langsamen Stimme ohne jedes Zögern sagte: «Ich hatte das Gefühl, dass ich das tun musste, und dieses Gefühl habe ich immer noch.»

Am ersten Vormittag, an dem Felicia Sanders in den Zeugenstand trat, wurde ich direkt hinter Dylann Roofs Mutter platziert, und da sie eine spindeldürre Frau ist, war nicht zu übersehen, dass sie eine Art Anfall erlitt. Sie zitterte und bebte, bis ihre Knie nachgaben und sie langsam mit geöffnetem Mund auf die Bank sank und sich kaum bewegen konnte. Immer wieder sagte sie: «Es tut mir leid, es tut mir so leid.» Sie schien sich an ihren Partner zu wenden, aber vielleicht galten ihre Worte auch Felicia Sanders, die kurz danach aufgerufen wurde. Eine Verständigung dank der Verbundenheit zwischen Müttern, hervorgebracht von dem unendlichen Schamgefühl, das eine Mutter überfallen muss, deren Sohn bei dem Kind einer anderen Mutter verheerendes Unheil angerichtet hat. Was auch dahinterstecken mochte, es war grauenhaft.

Als Dylann Roofs Mutter im Gerichtssaal in Ohnmacht fiel, riefen ein Reporter von ABC und ich einen Arzt, und weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, nahm ich meine Tempos, befeuchtete sie und tupfte Roofs Mutter die Stirn ab – bis ich mich plötzlich fehl am Platz fühlte beziehungsweise merkte, dass ich als schwarze Frau zu sehr an meinem Platz war: in einer Geschichte des Umsorgens und Tröstens kränkelnder weisser Frauen nämlich, während die wahren Opfer auf der anderen Seite des Gangs sassen und noch weinten. Aber nicht einmal in diesem Chaos, in diesem Leid und Kummer, das den ganzen Gerichtssaal ausfüllte, schien Dylann Roof seine eigene Mutter auch nur eines Blickes zu würdigen.

Nachdem Roof schuldig gesprochen war, traten die Opfer und ihre Angehörigen der Reihe nach vor den Richterstand, um die Folgen seiner Tat für ihre eigenen Leben darzustellen. Sie standen vor der Geschworenenbank, schrien, weinten, beteten, fluchten. Manche verlangten, er solle sie zur Kenntnis nehmen. «Schau mich an, Junge!», wütete jemand. Er tat es nicht. Die Christen unter ihnen erklärten voller Nächstenliebe, ihn zu lieben. Er scherte sich nicht darum. Wieder andere sagten, sie würden ihm den Teufel austreiben. Fühl es, riefen sie. Er schien gar nichts zu fühlen.

Ich war mit der Absicht nach Charleston gekommen, über sie zu schreiben, über die neun Menschen, deren Leben ausgelöscht worden waren. Aber von einem Schlag des Richterhammers zum nächsten, während ich die Aussagen der Überlebenden und der Angehörigen hörte, konnte ich mich oft nur auf eines konzentrieren, was mich in der ganzen Zeit, die ich dort verbrachte, auch nachts wachhielt, und das war das Ausmass von Dylann Roofs Schweigen, seine Weigerung, auch nur hochzusehen, je zu erklären, warum er getan hatte, was er getan hatte. Wieder und wieder, ohne auch nur den Mund aufzumachen, erinnerte Roof uns daran, dass er niemandem Rechenschaft schuldig war. Er musste unsere Fragen nicht durch eine Reaktion anerkennen, musste den Menschen nichts erklären, deren Verwandte er verletzt und ermordet hatte. Roof wurde von seinem Wissen geschützt, dass dem weissen amerikanischen Terrorismus keine Antworten per Waterboar­ding abgepresst werden, dass er nie nach dem Sinn ausgewrungen wird, dass wir nie seine «Hintermänner» benennen und ihn zu gar nichts zwingen konnten. Er blieb unergründlich. Er behielt das Heft in der Hand, ganz wie er das gewollt hatte.

Nachdem ich wochenlang im Gerichtssaal gesessen hatte, entschied ich daher, kurz bevor Dylann Roof aufgefordert wurde, sich zu erheben und den Urteilsspruch zu vernehmen, dass ich seine Geschichte erzählen würde, wenn er es schon nicht tat. Deshalb verliess ich Charleston, den Schauplatz seines Verbrechens, und machte mich ins Inland nach Richland County auf, nach Columbia, South Carolina – ich machte mich auf die Suche nach den Menschen, die ihn gekannt hatten, ich wollte erfahren, wo er auf die Welt gekommen und aufgewachsen war. Ich wollte den Ort verstehen, an dem er 21 Jahre seines Lebens vergeudet hatte, bevor er ein so abscheuliches Verbrechen beging, dass er als erster Mensch in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wegen eines Hassverbrechens zum Tode verurteilt wurde.

 

Der Vater

 

Dylann hatte Charleston immer gemocht. Charleston hatte Geschichte. In der Stadt hatten einst die meisten versklavten Menschen im ganzen Land gelebt. Auf Schritt und Tritt gab es Stätten und Gebäude, die ihn an eine Zeit erinnerten, in der weisse Männer mächtig gewesen waren, ihre Ländereien beherrscht und triumphiert hatten. Anders als in seiner Heimatstadt. Anders als in Columbia.

Dylann Roofs Vater wohnt an einer Sackgasse am Rand von Columbia, neben einem Grundstück, das so riesig und leer ist wie das Ende der Welt. Hinter der Brachfläche steht ein kleiner Wohnblock, der von zu vielen Halogenscheinwerfern angestrahlt wird, wahrscheinlich um die Leute davon abzuhalten, dort herumzulungern und den Unfug anzustellen, den Leute machen, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Aber das ist alles. Sonst gibt es am Ende der Strasse nichts als das Häuschen der Roofs.

Das Haus selbst ist flach und gelb, ein handwerklich solider Bungalow. Er liegt in einer ganz anständigen Nachbarschaft, macht aber doch den Eindruck, als wohnten hier Leute, deren Träume verkümmert und vertrocknet sind. Am Briefkasten ist ein Wegweiser angebracht: End 1 Key West. Am Baum vor dem Haus hängt eine amerikanische Fahne. Die Warnvögel, das verrostete Windspiel und die stockfleckigen Gartenmöbel geben dem Haus einen Anflug von Margaritaville  (1).

Ich stand auf der anderen Strassenseite und wartete. Worauf wartete ich? Auf eine Antwort. Einen Grund. Ein Detail, das ich mitnehmen konnte, um unfassbare, grauenhafte Dinge zu verstehen. In der mondlosen Nacht klopfte ich an die Tür des gelben Hauses, und verwirrt von der Tatsache, dass kurz vor Mitternacht eine unbekannte schwarze Frau vor seiner Tür stand und mit ihm über seinen Sohn reden wollte, bat Bennett Roof mich ins Haus und reichte mir ein eiskaltes Bier, ein Labsal für meinen vor Nervosität ausgetrockneten Mund.

Ich setzte mich auf die Couch, auf der sein Sohn geschlafen hatte, ein paar Meter entfernt von dem Computer, auf dem sein Sohn seine Erklärung geschrieben hatte, warum er neun schwarze Menschen töten musste, ein paar Meter entfernt von dem Schrank, in dem sein Sohn manchmal seine Jacke mit den aufgenähten Fahnen afrikanischer Apartheid-Staaten aufbewahrt hatte. Bennett Roof war auf der Hut, aber verbindlich. Er liess mich nicht aus den Augen, als ich die anhängliche makrelenfarbene Tigerkatze streichelte, die sein Sohn so oft fotografiert, aber nicht mitgenommen hatte. Ich liess ihn nicht aus den Augen, als ich ihn bat, mir etwas zu erklären, was auch er nicht erklären konnte. Er konnte nur einen Satz immer wieder sagen: «Ich weiss nicht, was passiert ist. Ich weiss nur, dass der Junge nicht so erzogen worden ist.»

Auch als ich ihn bedrängte, wiederholte er nur diese Worte, dann schüttelte er den Kopf, sagte sie noch einmal, und dann bat er mich zu gehen, mit dem traurigen Blick eines Mannes, dem jedes andere Leben lieber gewesen wäre als das hier. Nach Dylanns Tat gab es keinen Rückweg nach Key West, keinen Weg in ein lockereres Früher. Es gab nur noch das Hier, fremde Eindringlinge, die Antworten forderten und das Gefühl hatten, das Verbrechen seines Sohnes rechtfertige ihre Forderung – und dann liess Bennett Roof seine zwei riesigen Rottweiler aus dem Haus, um mir zu folgen und sicherzustellen, dass ich auf die dunkle Strasse und in die schwarze Nacht zurückkehrte, aus der ich gekommen war.

Bennett Roof liess sich beim Prozess seines Sohns nie blicken. (Bei einer späteren Kontaktaufnahme lehnte er es ab, weiter zu dieser Reportage beizutragen, und bezeichnete sie als Fake News.) In Dylanns Abschiedsbrief an seinen Vater, einem aus einem Kalender herausgerissenen Blatt, das auf dem Rücksitz seines Autos gefunden wurde, gibt es kein Heimweh. Der Brief ist gefühllos bis auf den Satz, sein Vater sei ein guter Dad gewesen. Derselbe lapidare Ton findet sich auf der Karte, die Bennett Roof seinem Sohn vier Monate zuvor zum 21. Geburtstag geschrieben hatte. Bennett hatte seinem einzigen Sohn gesagt, er sei stolz auf ihn und hier sei ein Gutschein für 400 Dollar, so dass Dylann endlich eine Genehmigung beantragen und eine Waffe kaufen konnte.

 

Die Schulbildung des Dylann Roof

 

Es ist, als wäre er durch die Leben anderer Menschen geglitten, ohne Spuren zu hinterlassen, an die sie sich erinnert hätten. Eine Lehrerin, die ihn Tag für Tag im Klassenzimmer erlebte, sagt, sie habe normalerweise ein gutes Gedächtnis, aber es tue ihr leid, sie könne sich wirklich an nichts erinnern, was mit ihm zu tun habe. Er habe absolut nichts getan, was auch nur die geringste Aufmerksamkeit erregt hätte, abgesehen davon, dass er sich die Hände zwanghaft mit Desinfektionsmittel einrieb. Dylann Roof verbrauchte das Zeug flaschenweise. Als sähe er Dreck oder Flecken, die für andere unsichtbar waren.

Nach den Morden drängten sich viele ehemalige Klassenkameraden von Roof geradezu auf, Interviews zu geben. Das machte ihn wütend, und in seinem Tagebuch warnte er: «Von vielen Leuten, die jetzt behaupten, mich gekannt zu haben, habe ich im ganzen Leben noch nie gehört. Alles, was diese sogenannten Freunde über mich gesagt haben, ist als Lüge zu werten. Ich habe seit Jahren keine schwarzen Freunde mehr gehabt, und ich hatte nie einen engen schwarzen Freund.»

Als sich Caleb Brown in einem Restaurant in der Innenstadt von Columbia an meinen Tisch setzte, war nicht nur überraschend, wie viele Leute sich nach ihm umdrehten, als er hereinkam, sondern dass Dylann Roofs engster Kindheitsfreund gemischter Abstammung ist und schwarz aussieht.

Als ich Caleb fragte, ob Dylann Roof gewusst hätte, dass er schwarz sei, lachte er.

«Na, das ist ja wohl kaum zu übersehen.»

Die Mütter von Caleb und Dylann, die in ihrer Kindheit befreundet gewesen waren, stellten irgendwann fest, dass ihre Söhne in derselben Schulklasse sassen. Die Nähe ihrer Mütter brachte auch die Jungen zusammen. Ja, Dylann wusste, dass Caleb schwarz war, und das machte ihm nichts aus. Einmal fragte er sogar nach seiner braunen Haut, wie Kinder das halt machen. Die Jungen hatten dieselben Interessen: Skaten, Wrestling, Videospiele. Nach der Schule hingen sie also regelmässig zusammen herum, auch wenn Caleb Dylann schwer von Begriff fand.

«Ich weiss noch, dass er in der Schule auch bei den leichten Sachen Schwierigkeiten hatte. Und das galt nicht nur für den Schulstoff; er war einfach bei allem … unterbelichtet», sagte er. «Er hatte kein Köpfchen. Sagen wir, wir waren in einem Park und mussten weglaufen, dann hatte er immer eine lange Leitung, bis er checkte, was Sache war.» Als sie heranwuchsen und ihre Interessen sich auseinanderentwickelten, gehörte Dylann eher nicht zu den Typen, mit denen Caleb abhing, «der hatte einfach keine Ahnung».

Caleb, ein Musiker und Rapper, ist schlank und gross. Bei unseren beiden Gesprächen trug er eine Kluft aus rot-gold-grünen Adidas Shell Toes, Punk-T-Shirt, hautengen Jeans und übergrosser Fliegerjacke. Er hatte dicke Dreadlocks, die ihm bis auf die Schultern reichten. Er sieht also richtig cool aus, und es ist absolut nachvollziehbar, dass sie sich in der Pubertät auseinandergelebt und schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatten.

Als die Morde stattfanden, waren sie sich so fremd geworden, dass Caleb beim Lesen von Roofs Texten nicht nur von dessen Hass schockiert war, sondern auch davon, dass dieser früher so begriffsstutzige Typ überhaupt kohärente Gedanken aneinanderhängen konnte: «Ich hab lange gedacht, Dylann hätte das irgendwo abgekupfert oder wäre gecoacht worden, denn der Junge, den ich damals kannte, konnte nicht so schreiben oder auch nur so denken.»

Als ich einer Lehrerin von Roof erzählte, ich hätte Klassenkameraden von ihm gesprochen, freute sie sich, als ich Caleb erwähnte. Das galt für viele Menschen, auch für Dylanns Mutter. Sie war die Einzige ausser Caleb, die bestätigte, dass die beiden Jungen mal befreundet gewesen waren. (Ansonsten lehnte Amelia Roof es ab, zu dieser Reportage beizutragen.) Ihre Lehrerin sagte: «Vielleicht hätte sich Dylanns Mutter engeren Kontakt zwischen Dylann und Caleb gewünscht, aber so richtig sehe ich das nicht.»

Ted Wachter, der Grundschulrektor von Dylann und Caleb, leitete drei Jahrzehnte lang die Rosewood Elementary School. Er ist in Queens aufgewachsen, und auch nach dreissig Jahren in South Carolina hört man noch deutlich den New Yorker. In seinem Haus in Columbia sass er in einem hohen Lehnstuhl, was ihm etwas Gebieterisches verlieh, aber seine Gestik schwächte das ab zur blossen Blasiertheit eines Professors der Geisteswissenschaft. Wachter spricht schnell und ohne falsche Bescheidenheit, er erkundigte sich, ob ich seine Theorie zu Dylann Roofs Entwicklung hören wolle. Er ging bis zu den Anfängen zurück. Als er im Radio von der «Tragödie in Charleston» hörte und als dann der Name Dylann Roof fiel, dachte Wachter, Mann, den Namen kenn ich doch.

Dylann war an der Rosewood zu einem Zeitpunkt eingeschult worden, als die Sozialbeziehungen «klassenpolitisch» wurden und die Leute anfingen, sich selbst in Schubladen einzuordnen. Wachter, ein studierter Soziologe, verfolgte bestürzt, «wie die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiss zunehmend ausfransten. Sie zerfielen einfach, ohne dass das meiner Meinung nach irgendjemand gewollt hätte, aber der soziale Druck war einfach zu gross. Und an Dylann kann ich mich noch erinnern, weil er so still war», sagte Wachter. «Ich weiss noch, dass ich immer gedacht habe, ‹das ist doch mal ein netter, hübscher Junge›. Ich zeig Ihnen nachher mal sein Foto im Jahrbuch. Attraktiv, gefällig, wenn auch still, und er war nie wegen irgendwelcher Scherereien bei mir im Büro. Er war sehr still und gehörte nie zu den angesagten Gruppen; das waren eher … die Kinder aus den Akademikerfamilien. Zu denen gehörte er nicht. Er war bei den Kindern aus der Arbeiterklasse. Wenn man Dylann verstehen will, muss man The Hidden Injuries of Class lesen», fuhr Wachter fort und sagte, die Untersuchung von Richard Sennett und Jonathan Cobb zeige, «dass die Angehörigen der weissen Arbeiterklasse von Boston, South Boston, je eingehender man sie interviewte und zumal nach ein paar Bier, massive Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Leuten aus Harvard und Cambridge, also der Bildungsschicht und Intelligenzia, mitbrachten». Dylann war Wachters Meinung nach nicht dumm, aber er fühlte sich abgehängt. Ein typischer Fall von Klassenressentiment. «Und eins ist doch komisch: Wenn wir hier eine Abendgesellschaft nur mit weissen Akademikern hätten, wären abfällige Bemerkungen über Afroamerikaner, Lateinamerikaner oder Muslime absolut tabu, aber wenn ich arme Weisse als Rednecks bezeichne –»

«– oder als Cracker oder White Trash», warf ich die Worte ein, die er nicht in den Mund nehmen wollte.

Er verzog das Gesicht, nickte aber.

«– dann wären das noch fast gesellschaftsfähige Bezeichnungen. Und das zeigt doch gerade, wie fremd sie uns sind. Und die Männer aus der armen weissen Arbeiterklasse, die merken das doch. Meinen Sie nicht auch? Dylanns Familie ist vielleicht also ein gutes Beispiel für den sozialen Abstieg. Und Trump hat uns klargemacht, dass wir völlig unterschätzt haben, wie verletzlich und labil das Selbstwertgefühl der weissen Arbeiterschicht in unserer Gesellschaft ist. Sie sehen nicht nur die weissen Eliten, sondern als Nächstes sehen sie …»

«Sie sehen uns, schwarze Menschen, die sie überholen und in den Schatten stellen.»

Wachter beugte sich in seinem Lehnstuhl vor und deutete auf mich, weil ich die richtige Antwort gegeben hatte, dann zuckte er mit langen ausgestreckten Armen die Schultern und stellte die Frage, auf die wir bekanntlich beide keine Antwort hatten:

«Und dann sagen sie‚ ‹Was haben die da oben da eigentlich zu suchen? Was ist aus mir geworden?›»

Bevor ich mich verabschiedete, folgte ich Wachter in sein Büro, wo seine Frau einen Karton mit Jahrbüchern oben aus dem Regal geholt hatte. Sie sahen ihn durch, bis sie das gesuchte gefunden hatten. Wir scharten uns um das Bild einer kleinen gemischten Klasse aus vielen lächelnden schwarzen Schülern und ein paar lächelnden weissen Schülern. Sie standen in Grüppchen, legten sich Ellenbogen auf die Schultern, umarmten sich fast und lachten in die Kamera. Und dann entdeckte ich ihn. Am Rand, mit künstlichem Lächeln und traurigen Augen und in einer flott wirkenden roten Jacke, schon damals mit Topffrisur, schon damals abgesondert.

 

Die Reinheit der Familie Roof

 

«Mein Blut stammt hauptsächlich von den Britischen Inseln, aber ich bin auch mit einem Gutteil deutschen Blutes sowie einem deutschen Nachnamen gesegnet», schrieb Roof. «Mein Blut ist repräsentativ für Amerika.» Roof war besessen von der Idee der eigenen Reinheit. Im Internet beschäftigte er sich oberflächlich mit dem Stammbaum seiner Familie. Ich war neugierig, was er da wohl herausgefunden hatte, recherchierte in den Archiven von Columbia und versuchte, so viel wie möglich über seine Vorfahren in Erfahrung zu bringen.

Im 19. Jahrhundert waren die Roofs alles andere als eine glorreiche Familie gewesen, aber sie schlugen sich in Columbia so wacker, dass sie als treue Kirchgänger und rechtschaffene Leute Eingang in die Lokalchroniken fanden. Dylanns Urururgrossvater spielte eine kleine Rolle im Bürgerkrieg: Jesse Marion Roof hatte Geistlicher werden wollen, aber dann kam der Bürgerkrieg und unterbrach sein Studium. 1859 hatte er eine Frau namens Tarsy geheiratet, und drei Jahre später verpflichtete er sich als Corporal in der Armee der Konföderierten. Er kam in den Fähreinsatz und brachte Wasser nach Morris Island, das als Ort der ersten und vernichtenden Niederlage schwarzer Truppen in der Nordstaatenarmee in die Geschichtsbücher einging. Aber es waren keine aussergewöhnlichen Existenzen. Wenn überhaupt, waren sie ganz und gar typisch. Sie waren so typisch, dass mir an Roofs ältestem Vorfahren in der Stadtbibliothek nur auffiel, dass der Haushalt von Jesse Marion und Tarsy Roof in der Volkszählung neben ihren Namen auch den einer kleinen «Mulattin» aufwies.

«Ich wünsche mir leidenschaftlich, dass N--- in der ganzen Geschichte von Weissen misshandelt wurden und dass jeder Weisse Vorfahren hat, die Sklaven hatten», schrieb Dylann auf seiner Website TheLastRhodesian.com. Obwohl alle weissen Amerikaner von den Jahrhunderten schwarzer Gratisarbeit profitiert haben, konnte die Mehrheit weisser Südstaatler nichts und niemanden besitzen. Auch Dylann Roofs Vorfahren hatten sehr wenig, aber sie besassen ein Kind, ein versklavtes Mädchen. Ein Vorname steht nicht in den Akten, aber ihr Nachname lautete Roof, und sie war acht Jahre alt.

In den Wochen im Gerichtssaal betrachtete ich ihn und dachte über sie nach. Wenn sie gekauft worden war, war sie als Kind gekauft worden, das so gut wie gar nicht arbeiten konnte. Und wenn es in dem Haushalt keine anderen versklavten Menschen gab, warum dann nur sie? Wer war ihre Mutter? Wer ihr Vater? Oder war sie die Frucht der Vergewaltigung einer versklavten Frau, wodurch sie Dylann Roofs Vorfahrin geworden sein konnte, ein uramerikanischer Teil seiner Reinblütigkeit? Die Tatsache, dass er das Gefühl hatte, so viel über Rassen zu wissen, von ihr aber nichts wusste, bringt in all seinen genealogischen Forschungen, Interpretationen und Tiraden gegen Rassenmischung die kognitive Dissonanz eines Mannes zum Vorschein, der etwas sucht, das es nie gegeben hat und schon gar nicht in diesem Land: Rassenreinheit.

Bennett Roof war Mitte zwanzig, als er Amelia kennenlernte. Sie nannte sich Amy und arbeitete in einer Bar namens Silver Fox. Sie war spindeldürr, jung, geschieden und erst 29, eine Tresenfee mit so langen blonden Haaren, dass manche Leute behaupteten, sie hätten ihr bis zu den Knöcheln gereicht. Das stimmte zwar nicht, aber sie muss ausgesehen haben wie eine bleiche Version der Country-Sängerin Crystal Gayle. Ob Bennett spürte, dass auch Amy aus einer Familie kam, der es vor dem Bürgerkrieg besser ergangen war? Oder spürten sie beide den sozialen Abstieg, in dem sie gefangen waren, und waren sie bereit, den Absturz Hand in Hand hinzunehmen? Amelia Roof stammte aus einer prominenten Yankee-Familie, die in den frühen 1800ern nach Süden in die Carolinas gezogen war, aber zur Zeit ihrer Geburt war nichts von all der Bildung, dem Wohlstand und der Klassenzugehörigkeit nach unten durchgesickert. Dylanns Grosseltern väterlicherseits waren noch vielversprechende Leute (er ist heute ein angesehener Immobilienanwalt in der soliden Mittelklasse von Columbia; sie arbeitet nicht), aber sie brachten mit, was ihrem Enkelsohn nicht weitergegeben wurde: Bildung und die Gewissheit, dass ihre Klassenzugehörigkeit und weisse Hautfarbe dafür sorgten, dass sie dazugehörten.

Es gab keine Geburtsanzeige, als Dylann auf die Welt kam. Auf seiner Geburtsurkunde wird ein Vater nicht einmal genannt. Amy nannte ihren Jungen Dylann Storm Roof, weil ihr der Name einer Figur in der Seifenoper General Hospital gefallen hatte.

In seinem «Manifest» schreibt Dylann, die Vorstellung sei absurd, als Scheidungskind habe er ein schweres Leben gehabt, denn viele Menschen seien Scheidungskinder. Aber genaugenommen war Dylann kein Scheidungskind, seine Eltern waren nur nicht zusammen gewesen, als er auf die Welt kam. Dylann war entweder ein Unfall gewesen oder ein uneheliches Kind. Und die Wiedervereinigung hielt nicht. Amy lebte in fünf Jahren unter ebenso vielen Adressen – fast mehr, als man für möglich hielte. Die vielen Umzüge erklären vielleicht, warum sich niemand so richtig an Dylann Roof als Kind erinnern kann. Im Klassenzimmer und in der Stadt war er ein flüchtiger Geist, bis er das dann nicht mehr war.

 

Eine Kirche

 

Dass Dylann Roof in eine Kirche ging und so viel Gewalt an diesen Zufluchtsort brachte, fanden die meisten weissen Menschen, mit denen ich in South Carolina sprach, am verstörendsten. Dass die Kirche vor allem von Schwarzen aufgesucht wurde, während er weiss war, war für sie Nebensache. Jemandem in einer Kirche Schaden zufügen: Das tut man einfach nicht. Die Kirche ist der Mittelpunkt der moralischen Erziehung eines Menschen und Grundlage seines Lebens, erklärte man mir. Daher ging ich eines Sonntagmorgens zum Gottesdienst in die Kirche von Dylanns Vater und Grosseltern in Columbia.

Für meinen schwarzen Körper gibt es keine Verborgenheit. Er sorgt dafür, dass ich auffällig bleibe. Ich kann nicht beobachten, ohne beobachtet zu werden. An der Tür von Dylann Roofs Kirche wurde ich von einer jungen weissen Frau und einem weissen Mann mittleren Alters herzlich willkommen geheissen, aber als ich das Gotteshaus betrat und mich hinten in eine Reihe setzte, zog ich viele Blicke auf mich und bekam das Gefühl, ich wäre ein Ladendieb, der ihren Gott bestehlen wollte. Lag das daran, dass ich ihre Choräle nicht kannte, dass ich nicht zum Abendmahl ging – oder dass ich schwarz war? Ich weiss es nicht.

Nach dem Gottesdienst erwähnte ich gegenüber Dylanns Pastor Tony Metze, wie unbehaglich ich mich in seiner Kirche gefühlt hätte. Obwohl er kaum Zeit hatte, nahm er sich ein paar Minuten für ein Gespräch. Solange Roof im Untersuchungsgefängnis Al Cannon festgehalten wurde, besuchte Metze ihn, und einige Tage nach unserem Gespräch in Columbia kam er auch zusammen mit Roofs Grosseltern zum Prozess. Nach den Morden hatten Anwälte Metze gebeten, Jugendliche aus Dylanns Umfeld zu fragen, inwiefern sie sich an ihn erinnern konnten, aber niemandem war viel eingefallen.

«Mein Eindruck ist: Das ist ein schlauer Bursche, aber extrem introvertiert. In dem spielen sich Sachen ab, an die man nicht rankommt.» Metze hielt Dylann für einen klugen Jungen, der nur mit der Schule nicht klargekommen war. «Und er hatte auch nicht viel Austausch mit anderen Jugendlichen», sagte er.

Von allen Menschen stand sein Grossvater Dylann am nächsten, sagte Metze. «Er hat Dylann einfach nie aufgegeben. Dylann kriegt den Mund nicht auf, also denk ich mir, sein Grossvater hat gemacht, was alle Grossväter machen: Hat Zeit mit ihm verbracht und gehofft und gebetet, dass er diesen Jungen aufbauen und stärken kann, etwas aus ihm herausholen kann.» Vor Gericht sagte C. Joseph Roof, Dylanns Grossvater, beim Bundesprozess später, seine Frau und er würden jeden Tag für die Familien der Opfer beten. Er sagte, es täte ihnen unendlich leid, aber er bat auch inständig, daran zu denken, «dass nichts durch und durch schlecht ist, und auch Dylann ist nicht durch und durch schlecht. Wir können unmöglich nachempfinden, wie sie sich fühlen und welchen Verlust sie erlitten haben, wie auch niemand verstehen kann, was wir durchgemacht haben.»

Als ich die Gelegenheit dazu bekam, schilderte ich Metze, wie es mir in seiner Kirche ergangen war, und fragte ihn, ob er die Seitenblicke seiner Gemeinde für das Symptom einer umfassenderen Unfähigkeit halte, mit Rasse und Rassismus umzugehen. Er deutete durchs Fenster auf eine koreanische Kirche und sagte, er wisse nicht, warum manche Menschen beim Gottesdienst lieber unter ihresgleichen blieben. Dann sagte er, es gebe ein schwarzes Gemeindemitglied, das einen früheren Gottesdienst besuche. Als er ausgeredet hatte, sackte er zusammen, als müsse er eine schreckliche Schlappe verkraften, und sagte, vielleicht irre er sich ja, aber er habe das Gefühl, die Zeiten hätten sich seit seiner Kindheit in South Carolina geändert. «Ich weiss nicht, was mit Dylann los ist, aber ich weiss, dass etwas Schlechtes oder Böses in der Welt ist. Dazwischen muss nicht unbedingt ein Zusammenhang bestehen. Es gibt Dinge, die ich einfach nicht verstehe und die sich irgendwo abspielen, wo absolut nichts mehr einen Sinn hat. Wie soll man aus etwas Sinn stiften, das keinen Sinn hat?»

Ich fragte ihn, ob seine Kirche auf die Opfer zugegangen sei.

Er sagte, sie seien unsicher, ob es nicht noch zu früh sei, die Mother-Emanuel-Kirche zu besuchen. Er sagte, sie hätten Karten und Bücher über Trauerarbeit geschickt. Ich sagte ihm nicht, dass ich das an ihrer Stelle als Beleidigung empfunden hätte. Für mich war das eine schwache Ausrede. Und vielleicht hätte ich ihn nicht zwingen sollen, sich an diesem Punkt zu rechtfertigen. Aber in diesem Zimmer waren wir Stellvertreter der Abwesenden geworden.

«Hat sich Dylann seit dem Verbrechen geändert?», wollte ich von Metze wissen. «Sehen Sie irgendeinen Unterschied?» Ich suchte ein Fitzelchen Menschlichkeit, und ich glaube, Metze merkte das, denn er wirkte enttäuscht, weil er mir nur eine Antwort geben konnte:

«Ganz ehrlich?»

«Ja.»

«Nein.»

Metze erhob sich langsam. Er hatte noch Verpflichtungen, und ich sagte, ich fände allein hinaus. Ich ging zurück, wie ich gekommen war, aber der Ausgang war schon abgeschlossen, und das Licht war ausgeschaltet. Auf einem Fenstersims schimmerte ein Aktenordner mit in Plastik eingeschweissten Blättern und der Aufschrift «St.-Paul’s-Sicherheitsplan». Ich schlug ihn auf. Es handelte sich um Instruktionen für die Gemeindemitglieder, die mich am Eingang begrüsst hatten. Ohne zu wissen, was ich eigentlich suchte, fing ich an zu lesen: «Schockierende Meldungen in den Medien können bei Gemeindemitgliedern Überreaktionen auslösen, wenn es um Sicherheitsfragen geht. Notfallplanungen sind aber langfristige Prozesse … Seien Sie bei fragwürdigen unbekannten Besuchern höflich, ziehen Sie sie ins Gespräch, und lotsen Sie sie auf Plätze in den hinteren Reihen, wo ein Platzanweiser sie im Auge behalten kann … Bedrohungen können vielerlei Gestalt annehmen … Sie sind die Augen und die Ohren des Sicherheitsplans in der St. Paul’s.» Ich blätterte den ganzen Ordner durch, aber der Sicherheitsplan hatte keine Anweisungen für den Fall, dass der Mordschütze zur eigenen Gemeinde gehörte.

 

Der Trailer, die Jugendlichen und die Fremdartigkeit

 

In den Jahren 2014 und 2015 jobbte Roof zwei Monate lang bei der Schädlingsbekämpfungsfirma Clark’s Termite & Pest Control in Irmo. Seinem dortigen Boss und seinen Kollegen fiel auf, dass Roof «bei der Arbeit oft weggetreten oder geistesabwesend» war. «Er setzte sich dann abseits hin, obwohl alle anderen zusammensassen, und sobald er sich nicht mehr bewegte, schlief er praktisch ein.»

Ein Kollege erzählte Roofs Anwälten, Roof sei eines Morgens einfach gegangen und habe «angefangen, drei Häuser weiter die Strasse runter zu arbeiten, statt an dem Haus, wo wir im Einsatz waren». Es war so schwer, Roofs Aufmerksamkeit zu bekommen, «dass ich mich direkt vor ihn stellen musste, um ihn auf das richtige Grundstück zurückzuholen». Ein anderer Kollege sagte, er hätte sich mal nach Roofs Hobbys erkundigt und Dylann hätte gesagt, «ich mach gar nichts; ich geh einfach nach Hause und sitz in meinem Zimmer». Als der Kollege nachhakte, ob er sich dann mit Videospielen beschäftige, sagte Roof: «Nein, ich schau einfach die Wand an.» Er hatte die Schule nach der neunten Klasse abgebrochen und online sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt; seine Faulheit war legendär.

Vier Monate vor den Morden tauchte auf dem Internetportal Craigslist im Februar 2015 eine Kleinanzeige mit dem Foto eines jungen Mannes auf. Roof suchte anonym nach Begleitern für Rundgänge durch das historische Charleston und schrieb, jeder sei ihm willkommen bis auf «Juden, Schwuchteln und N---». Die widerliche Borniertheit der Anzeige fiel Dr. Thomas Hiers ins Auge, einem pensionierten Psychologen. Er nahm Kontakt zu Roof auf, um ihm zu helfen, aber auch in ihrem Austausch blieb Roof bei seinem diskriminierenden Hassjargon. Hiers bot Roof an, ihn dafür zu bezahlen, sich online die TED Talks anzuschauen, weil er das Gefühl hatte, Roof müsse seinen Horizont erweitern, er brauche «einen anderen Blick auf die Welt», wie er es später Roofs Anwälten gegenüber formulierte. Roof bedankte sich bei Hiers für das Angebot und sagte, er meine es offenbar gut mit ihm, aber die Hilfe lehnte er ab: «Ich liege im Bett und bin so deprimiert, dass ich nicht aufstehen kann. Mein Leben ist verschwendet. Ich habe keine Freunde, obwohl ich cool bin. Ich schlaf jetzt weiter.»

Am Tag nach den Morden beschrieb Roof FBI-Ermittlern gegenüber ein Leben, das sich vernebelt anhörte, und dasselbe Nichtstun klang darin an, das auch seine Kollegen erwähnt hatten. Wie verliefen seine Tage? Sie waren verschwommen. Am einen Tag war er im Kino, am nächsten kam es zu dem «Vorfall» – aber er konnte nicht mehr sagen, an welchem Tag er was gemacht hatte. Roof erklärte, er habe kein Handy und seine wenigen «Freunde» seien Jugendliche, zu denen er in den Monaten vor dem Anschlag den Kontakt wieder aufgenommen hatte, als er auf dem Computer einer örtlichen Bibliothek ein Facebook-Profil eingerichtet hatte. Er hatte 88 «Freunde» hinzugefügt, und die meisten davon waren ehemalige schwarze Mitschüler an seiner Highschool. Achtundachtzig, weil H der achte Buchstabe des Alphabets ist und die beiden H eine Neonazi-Abkürzung für «Heil Hitler» sind.

Zu den Freunden, die er seinem Profil im Sommer 2015 hinzufügte, gehörte auch Joseph «Joey» Meek, der Dylann in der Mittel­stufe gekannt hatte. Meek, ein junger Weisser mit den Hängebacken eines Streifenhörnchens, war marihuanasüchtig und hatte eine tolerante Mutter, die von Amy schon Jahre zuvor gebeten worden war, die Freundschaft der Jungen zu unterstützen. Als Roof ihn wiederfand, lebte Joey zusammen mit seiner Mutter, seiner Freundin Lindsay Fry und seinen beiden jüngeren Brüdern Justin und Jacob in einem gemieteten Trailer in der gemeindefreien Zone ausserhalb von Columbia. Im Lauf des Sommers schlief Dylann ab und zu bei ihnen. Nach dem Attentat gab Joey reihenweise Interviews, in denen er seine Freundschaft mit Roof beschrieb und erklärte, warum es überhaupt nicht sonderbar war, einen Freund, von dem er seit Jahren nichts mehr gehört hatte, in einem eh schon überfüllten Trailer schlafen zu lassen. Er sei einfach ein Mensch, der gestrandeten Existenzen behilflich sei.

Der Miettrailer der Meeks liegt versteckt in einem Kreis von Wohnmobilen, die überhaupt nicht mehr mobil sind. Sie sehen sehr verlebt aus, Forts gegen die rauen Zeiten und Schicksalsschläge, die ihre Besitzer dorthin verschlagen haben. Es nieselte, als ich in die Anlage Hideaway Park einbog, und aus den Schatten trat ein Mann, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte. Er trug ein Kapuzenshirt im Oversize-Format und hatte einen Pitbullwelpen auf dem Arm. Er ging Richtung Strasse, ohne ein Wort zu sagen, obwohl ich ihn gefragt hatte, ob er mir sagen könne, wie ich zu den Meeks komme. Vor dem Trailer sah ich eine Spielküche mit Brackwasser in der Spüle und einen weissen Wagen, dessen Vorderseite nach einem Auffahrunfall eingedellt war.

Wenn er bei ihnen war, fuhr Roof Meek und seine Freunde oft zu Badeteichen, verschwand dann aber und klagte, die Hitze von South Carolina werde seinem Körper zu viel. Sogar im Trailer mied Roof die anderen. Meeks Mutter fiel auf, dass er manchmal aufgewühlt in seinem Auto verschwand und dann dröhnend laut klassische Musik und Opern spielte, um seine Nerven zu beruhigen. Was ihn so aufwühlte, bekam sie aber nie heraus.

In den meisten Beschreibungen von Roofs Freunden ist eines unbestritten: Sie alle tranken und kifften in jenem Sommer sehr viel. Roof war schon im Vorjahr festgenommen worden, weil er Rauschgift besessen hatte. Er belästigte Angestellte der Columbiana Centre Mall und stellte ihnen «ungewöhnliche Fragen». Als die Polizei auf einen Anruf reagierte, durchsuchten sie ihn und fanden «ein weisses Fläschchen ohne Etikett, das zahlreiche orangefarbene Schmelztabletten enthielt». Buprenorphin findet üblicherweise im Opioidentzug Verwendung, kann Nichtsüchtige aber in euphorische Zustände versetzen, die mit starkem Brechreiz einhergehen.

In seinem Gefängnistagebuch schrieb Dylann: «Ich mag es nicht, wenn die Leute etwas in die Dinge hinein- oder aus ihnen herauslesen oder etwas Bedeutung geben, das keine hat. Ich mag es nicht, wenn die Leute irgendwelchen Bemerkungen von mir so viel Gewicht geben. Jetzt mehr noch als vor dem Vorfall habe ich manchmal das Gefühl, dass sich die Leute, mit denen ich rede, an meine Worte klammern, als wären die hochwichtig oder würden Einsicht in mein Wesen verschaffen. Das ist aber nicht der Fall; bei niemandem. Ich habe zum Beispiel schon ein paarmal gesagt, dass ich nie Drogen genommen habe, um ‹den Schmerz zu betäuben› oder ‹mich selbst zu behandeln›. Ich habe Drogen genommen, weil man davon high wird. Einen tieferen Sinn hat das nicht. Mein Verhalten hat nie einen tieferen Sinn.»

Ein Mensch, der Roof im Trailerpark erlebt hatte, war bereit, mit mir zu sprechen, wenn ich ihm Anonymität zusicherte. Als ich wissen wollte, was an Roof am einprägsamsten gewesen sei, kam die Antwort sehr schnell: «Er war still, unangenehm still, seltsam still. Also schon echt schräg still.» Aber in diesem Ödland, bei diesem Häufchen teilnahmsloser Freunde konnte Roof darüber reden, in einer Schule um sich zu ballern, er konnte mit seiner Pistole herumfuchteln, rassistische Bemerkungen machen – nichts davon kam irgendwem befremdlich vor. Das alles ging zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, war nur dämliches Sprücheklopfen im Suff. Bis heute sind Roofs Freunde erschreckend unfähig, zu verarbeiten, was er da eigentlich getan hat, und haben Dinge geäussert wie: «Er hat gesagt, er werde Leute umbringen, aber keiner von uns hat ihn ernst genommen.»

Teilweise ist diese Gleichgültigkeit vielleicht dem Alter zuzuschreiben, aber unentschuldbar bleibt die Tatsache, dass Meek seinen Freundeskreis in den Tagen nach den Morden allen Ernstes aufforderte, die Ermittler vom FBI zu belügen. Für diesen Straftatbestand wurde Meek angeklagt, vor Gericht gestellt und wegen Unterschlagung von Beweismaterial zu einer Gefängnisstrafe von 27 Monaten verurteilt. Und einen Monat, nachdem ihr Mitbewohner ein so grauen­haftes Hassverbrechen begangen hatte, dass eine ganze Nation in Schockzustand geriet, postete Meeks Freundin ein Selfie, auf dem sie stolz die Zunge herausstreckt und ihr Piercing mit der Konföderiertenfahne zeigt.

Auf einem Parkplatz an einer Eisenbahnstrecke erklärte die anonyme Person aus Dylanns Freundeskreis mir nervös und zitternd, keiner von ihnen sei ein Rassist, sie hätten von Dylann nie etwas Fanatisches gehört, das hätten die Medien alles erfunden. Es war eine Laune, ein wilder Sommer, sie waren jung und dumm, und jetzt läge das alles hinter ihnen, bekomme ich von dem Menschen aus Meeks Freundeskreis zu hören. Meeks Brüder und seine Mom wohnen nicht mehr mit ihm zusammen; sie alle sind aus dem Trailer im Hideaway Park ausgezogen.

Kurz nachdem Roof als der Mörder identifiziert worden war, ging eine Geschichte durch die Presse, Dylann sei bestürzt gewesen, weil eine weisse Freundin ihn wegen eines Schwarzen verlassen hat. Roof selbst dementierte das vor Gericht. Es gab keine Freundin. De facto kann sich niemand, kein einziger Mensch irgendwo, erinnern, dass Dylann Roof je mit einer Frau ausgegangen wäre. Manchmal besuchte er Stripclubs; in einem Interview mit dem Charlotte Observer erinnerte sich Meeks Freundin, er hätte eine Vorliebe für schwarze Stripperinnen gehabt.

Aus einer Schnapsidee heraus schickte ich Meeks Brüdern Justin und Jacob eines Abends mehrere SMS. Ich stellte ihnen jede Menge Fragen nach Roof, die sie ignorierten. Als ich Jacob aber fragte, ob Dylann Roof noch Jungfrau gewesen sei, sah ich die Pünktchen, die bedeuteten, dass er eine Antwort tippte. Schliesslich kam sie an: Ja. Dann sah ich, dass er weitertippte, und dann kam eine Antwort mit all der Unreife und Ambivalenz, die auch diese Wochen im Trailer kennzeichneten:

Keine Ahnung

 

Die Waffe

 

Am 11. April, acht Tage nachdem Dylann Roof 21 geworden war, in South Carolina das Mindestalter für den Waffenerwerb, fuhr er mit dem Geld, das sein Vater ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, zu einem Waffenladen namens Shooter’s Choice in West Columbia und entschied sich für eine Glock-Pistole Kaliber .45.

Seit er im Vorjahr wegen Drogenbesitz festgenommen worden war, durfte Roof von Rechts wegen keine Waffe mehr besitzen. Als er seinen Antrag auf das verdeckte Tragen einer Waffe stellte, log er aber, und hinter die Frage «Sind Sie gesetzwidriger Konsument von oder süchtig nach Marihuana, Sedativa, Aufputsch- oder Betäubungsmitteln oder anderen Rauschgiften?» schrieb er «Nein».

Als vorbestrafter Antragsteller hätte Roof bei der Strafregisterprüfung durch das National Instant Criminal Background Check System des FBI (NICS) auffallen und aufgehalten werden müssen. Das NICS hat dafür zu sorgen, dass «Waffen nicht in die falschen Hände geraten» – beispielsweise in die von Rauschgiftkonsumenten. Das FBI hat drei Tage Zeit, um einen Antrag abzulehnen. Tut es das nicht, erläuterte Ronnie Thrailkill, der Manager von Shooter’s Choice, im Zeugenstand, «erlaubt das Gesetz dem Händler, dem potenziellen Käufer die Waffe auszuhändigen. Das ist das Standardverfahren.» Ohne Reaktion vom FBI verliess Dylann Roof am 16. April Shooter’s Choice mit seiner Waffe und fünf vollen Magazinen.

Zweieinhalb Monate nach dem Kauf und zwölf Tage nach dem Anschlag auf die Mother Emanuel erhielt Ronnie Thrailkill, ein beeindruckender, zottelbärtiger Mann, einen Anruf vom NICS des FBI, der ihn darüber informierte, dass dem NICS ein Fehler unterlaufen sei. Der Verkauf einer Waffe an Dylann Storm Roof hätte abgelehnt werden müssen.

 

Die Studien eines Mörders

 

Roof unternahm weite Fahrten, um sich auf das Verbrechen vorzubereiten. Er fuhr mit seinem schwarzen Wagen so oft kreuz und quer durch den ganzen Bundesstaat, dass sein GPS bei der Auswertung durch das FBI wie ein Zickzack-Muster des abgrundtief Bösen aussah.

Der Hass belebte ihn. Die Punkte, die den Gesamtzusammenhang herstellten, waren historische Stätten, die Verbindungen zur Sklaverei und zur Geschichte der Konföderierten hatten. Er unternahm Übungsfahrten zur Mother Emanuel. Fuhr zur vierhundert Jahre alten Engelseiche auf Johns Island, zum Museum und zur Bibliothek der Konföderiertengeschichte in Greenville, zu einem Friedhof von Soldaten der Konföderiertenarmee in seiner Heimatstadt und zu Plantagen wie Boone Hall in Mount Pleasant. Und einen Abend verbrachte er am Strand von Sullivan’s Island, wo sich eine Zeitlang der grösste Ausschiffungshafen der Vereinigten Staaten für Sklavenhändler aus Afrika befunden hatte.

Als er seine Zickzacktouren absolviert hatte, muss er sich in amerikanischer Geschichte so versiert vorgekommen sein, wie sich ein naiver Schulabbrecher nur fühlen kann. Er hatte sich Bücher über den Ku-Klux-Klan auf die Festplatte geladen, Listen weiterer Kirchen der afrikanischen Methodisten in der Nähe erstellt, die Vor- und Nachteile von Anschlägen auf Kirchen im Vergleich zu schwarzen Kulturfestivals abgewogen, und er hatte sich den Namen einer weissen Kirche notiert und dazugeschrieben, diese wolle er «nur besuchen». Er hatte Hakenkreuze und Klansrunen in sein Tagebuch gezeichnet. Er hatte sich auch bei den wenigen Stätten in South Carolina eingeschleust, die die Geschichte von Afroamerikanern vor dem Bürgerkrieg anerkannt und der Geschichte des Bundesstaats integriert hatten. Er hatte auch Selfies gemacht, Selbstporträts, die seine Reisen protokollierten und kraft des Mediums auch sein Alleinsein, seine extreme Einsamkeit dokumentierten.

Dass ein sozial akzeptierter Rassismus bei Roof zu einem weit robusteren und gewalttätigeren Verbrechen metastasiert war, stigmatisierte ihn für die meisten Südstaatler als Aussenseiter. Er habe gemordet, weil er Trash war, sagten sie. Das Gerücht, das sein angeblich wahres Motiv benannte, war zur Zeit des Gerichtsverfahrens aber schon wie eine fiese, kalte Sturmböe durch Columbia gefegt. Und manche Bekannte der Familie Roof erklärten sich auf diese Weise das Verbrechen.

Sie sagten, jemand, der Dylann Roof nahestand, sei von einer Gruppe schwarzer Männer vergewaltigt worden, und obwohl das geheim gehalten worden war, könnte Roof es herausgefunden und sich mit grösstmöglicher Feigheit geschworen haben, Rache zu üben. Deswegen habe er immer wieder gesagt «Ich musste es tun» und deswegen habe er den neun Opfern, mehrheitlich Frauen, gesagt, «sie vergewaltigen unsere Frauen».

Immer wieder bekam ich von den verschiedensten Leuten zu hören, sie müssten es mir einfach sagen, weil sie Dylann den Mantel des Schweigens abreissen wollten. Sie hätten das Gefühl, die Familien in Charleston müssten die Wahrheit erfahren. Selbst wenn die Geschichte wahr war – dass jemand in Roofs Leben sexuell missbraucht worden war und dass er, Roof, deswegen in eine Kirche gegangen war und neun unschuldige Menschen ermordet hatte –, war sie eine uralte, vorgeschobene Gründungserzählung. Es ist ein verlogener Mythos, der seit langer Zeit durch diese Nation geistert und weissen Männern für die Verbrechen, die sie Unschuldigen jahrhundertelang angetan haben, Absolution erteilen soll.

Für diese Leute wurde Roof erst mit seiner verlogenen «Rache» in die passende Vorgeschichte eingeordnet. Er reihte sich in die weit zurückreichende Geschichte weisser Männer ein, die sich weismachten, das Vergiessen beliebigen schwarzen Bluts, das Aufsuchen und Zerstören schwarzer Leben könne die Ehre einer weissen Frau irgendwie retten oder wiederherstellen und gleichzeitig die Position des weissen Mannes festigen. Diese Männer waren wie Roof keine Opfer, sondern Ritter in einem ehrenhaften Krieg, sie waren Mörder und Söldner, die ihr persönliches Tara ( 2) suchten und jemanden, dem sie die Schuld an ihrem Niedergang und allen Kümmernissen ihres Lebens in die Schuhe schieben konnten.

Das Internet hat das alte Wesen des Rassismus verwandelt. Das von der Verteidigung vor Gericht präsentierte Argument lautete, die Gründe von Roofs Zorn seien in seiner individuellen Psychopathologie zu suchen. Roof wurde ein hoher IQ attestiert, der «von einer substanziellen Diskrepanz zwischen seiner Auffassungsgabe, seiner Kapazität der Informationsverarbeitung und seinem Arbeitsgedächtnis» aber kompromittiert werde. Derselbe zwangsneurotische Mechanismus, der ihn wegen der symbolischen Anspielung auf Hitler 88 Patronen in die Kirche mitnehmen und die Liste seiner Freunde nie über 88 steigen liess, hatte auch zur Folge, dass er von dem Gedanken rassischer Gewalttätigkeit besessen war. Dr. James C. Bellenger, der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter, kam zu dem Befund, Dylanns offenkundiger Mangel an Sozialbeziehungen und die Rasanz seiner Radikalisierung gepaart mit seiner Unfähigkeit, selbst in den von ihm frequentierten rechtsextremen Chatrooms Kontakte zu knüpfen, lasse die Diagnose glaubwürdig erscheinen, es hier mit «einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, einer Vorgeschichte des Drogenmissbrauchs und der Depression sowie einer potenziellen Autismus-Spektrum-Störung» zu tun zu haben. Ein Gutteil des Beweismaterials, das den Geschworenen vorgelegt wurde, belegte, dass sich Roof im autistischen Spektrum bewegt, aber viele Menschen weisen diese Symptome auf, ohne gewalttätig zu werden oder anderen Menschen etwas anzutun. Und diese Diagnose ändert auch nichts daran, dass Dylann Roof nicht geisteskrank ist – er wurde nicht nur einmal, sondern zweimal für verhandlungsfähig erklärt –, und deshalb durfte Roof sein Anwaltsteam dispensieren und sich in seinem Mordprozess teilweise selbst vertreten. Vielleicht litt Roof unter nicht diagnostizierten psychischen Funktionsstörungen. Aber definitiv war er in einer Brutstätte des Rassismus aufgewachsen. Und vielleicht hatte das Gerücht einer Vergewaltigung ihn in Gang gesetzt. Aber unbestreitbar ist, dass er die Antwort auf seine Probleme im Netz fand.

Dass Dylann Roof ganz allein in die «Kaninchenlöcher» des Internets hinabgestiegen sein, «sich von den Unwahrheiten der einen Hassgruppe über Afroamerikaner zur nächsten durchgeklickt und falsche Statistiken über schwarze Kriminalität gegen Weisse und andere Rassenangelegenheiten absorbiert» haben sollte, wie es in The State hiess, einer Tageszeitung von Columbia, erstaunte Heidi Beirich, die Leiterin der Aufklärungsabteilung am Southern Poverty Law Centre, die Hassgruppen überwacht. Beirich erklärte der Zeitung: «Bei den meisten weissen Attentätern der rechtsextremen Szene dauert die Indoktrinierung sehr lange. Sie schmoren darin. Sie schliessen sich Gruppen an. Sie reden mit Leuten. Sie gehen zu Aufmärschen. All das fehlt bei Roof.» Dem Charleston City Paper erklärte Beirich später: «Wenn es überhaupt eine Vergleichsmöglichkeit gibt, dann ähnelt Roof am ehesten den IS-Milizionären. Junge Menschen verfolgen, was der IS twittert, werden von dessen Ideologie angezogen und schliessen sich den Kämpfern in Syrien an oder verüben terroristische Anschläge im Inland. Roof weist kaum Ähnlichkeiten mit dem typischen weissen rassistischen Attentäter auf. Es ist sehr untypisch, dass er sich in diesen vielleicht zweieinhalb Jahren in seinem Zimmer ausschliesslich online radikalisiert hat.» Vor zwei Jahren mag das noch untypisch gewesen sein, heute ist es das nicht mehr. Wenn man sich vorstellt, Roof hätte Hintermänner gebraucht, unterschätzt man die Rolle, die das Internet bei der Fanatisierung und Indoktrinierung einer jungen Gemeinschaft weisser Rassisten spielt.

Die weissen Rassisten von heute, die sich bei Twitter anfixen lassen, um direkt danach auch noch ein Instagram-Profil zu erstellen, sagen der Gegenseite auf unheimliche Weise Lebewohl: Gute Nacht, ihr Linken! Und es gibt tausende von ihnen. Wie Roof und im Gegensatz zum typischen IS-Rekruten haben sie keine Hintermänner oder zentralisierte Methoden des Anfixens. Sie finden in den Schoss ihrer Ideologie, weil sie etwas entdeckt haben, das ihnen ihr schleppendes soziales Vorankommen erklärt und ihre beschränkte Weltsicht als Tatsache dastehen lässt.

Sie sind jung, sie sind weiss, und sie prahlen oft mit ihren Waffenarsenalen, denn diese Waffen werden sie in den kommenden Rassenkriegen schützen. Sie sind bewaffnet bis an die Zähne, und fast immer sind sie schmerzhaft ungebildet oder halbgebildet, aber sozial unbeholfen. Jedenfalls bis ihnen das Licht aufgeht, dass sie in der Welt der weissen Herrenmenschenideologie Freunde finden können. Diese neuen Rassisten bezeichnen diese Umkehr als «zur Waffe gewandelten Autismus». Was sie einst isolierte, hilft ihnen jetzt beim Beziehungsaufbau; Leute wie Dylann Roof vereint der Wunsch, einen Rassenkrieg vom Zaun zu brechen.

Subtexte lassen diese neue Generation aufblühen – kleine Anhaltspunkte, Bilder eines Froschs namens Pepe ( 3), umgestellte Hakenkreuze, die unentdeckt bleiben. Und im Selbstverständnis trollen sie ihre Feinde, wenn sie diese Zeichen weitergeben. Wie Zettel, die man hinter dem Rücken des Lehrers in der Klasse weiterreicht. Roof trug sogar im Bundesgericht Schuhe mit Neonazi-Codes und Klansrunen. Er sah sich als Teil eines geheimen Kampfs für eine Zukunft, in der er von einem verständnisvollen Präsidenten begnadigt würde, wie er schrieb.

Die erste öffentliche Stimme, die Roof explizit mit der Trump-Ära in Verbindung brachte, gehörte Nikki Haley, der damaligen republikanischen Gouverneurin von South Carolina, die sagte, dass «polarisierende Reden» – wie die Trumps, wie sie hinzufügte – «Dylann Roof angestachelt hatten, neun schwarze Gemeindemitglieder der historischen Mother Emanuel AME Church zu erschiessen».

Der Journalist J. M. Berger vom amerikanischen Politikmagazin Politico bemerkte während des Präsidentschaftswahlkampfs, dass Trump oft «Meldungen mit (manchmal mehr, manchmal weniger) rassistischen Reizwörtern weiterverbreitete, die er später dementierte oder leugnete, aber die weissen Nationalisten spitzten brav die Ohren und verstanden seine Botschaften als Ruf zu den Waffen». Trump stritt jedes Verschulden ab, aber Monate später retweetete er zweimal, wie Jeb Bush von einem Profil namens @WhiteGenocideTM beleidigt wurde. Ein kurzer Blick auf die Quelle des Tweets offenbarte Berger eine Seite «voller antisemitischer Inhalte, die zu einer revisionistischen Biografie Adolf Hitlers verlinkte». Und in Stormfront, dem Internetforum, das auch Roof oft besuchte, schrieb ein User, der den Retweet gesehen hatte: «Trump hat den Namen freiwillig weitergetweetet. Der Name ist bewusst gewählt, um über unsere Misere aufzuklären. Er hat zu seiner Weiterverbreitung beigetragen. Wir sollten dankbar sein.»

Dylann Roof war also ein Kind sowohl des rassistischen Zeitgeists im Internet als auch des Milieus, in dem er sozialisiert worden war. Er wuchs in einem Bundesstaat auf, der einen Grossteil seiner Wirtschaft auf die alten Plantagen zurückführt, auf denen heute Hochzeitsfeste veranstaltet werden. Als ich Boone Hall Plantation besuchen wollte, um mir die Exponate und die Sklavenattrappen anzuschauen, neben denen Roof auf einigen seiner Bilder posierte, bekam ich zu hören, ohne Medienanfrage sei ich dort unerwünscht, denn ohne eine solche könnte ich eine negative Sicht auf die Plantage zum Tragen bringen.

Ich bin eine schwarze Frau, eine Nachfahrin versklavter Menschen, also besuchte ich die Plantage trotzdem, machte denselben Rundgang wie Roof und sah die Unterkünfte, die an der fröhlich als solcher beschilderten «Sklavenstrasse» lagen. Ich stand neben den Attrappen, die schwarze Menschen in ihrer tiefsten Entwürdigung repräsentieren sollen, und merkte, dass es keine Attrappen gab, die den Herrn und die Herrin der Plantage repräsentierten. In der Eichenallee, einem Baumkorridor in der Nähe der Sklavenstrasse, war eine Gruppe junger weisser Frauen unterwegs, und ich hörte, wie eine von ihnen klagte: «Das war so schön, dass Abbilder dem einfach nicht gerecht werden.»

South Carolina ist ein Bundesstaat, in dem es noch 2018 möglich war, dass ich eines Abends in einem Restaurant in Columbia, kaum dass ich mich gesetzt hatte, von sechs betrunkenen weissen Frauen aus der oberen Mittelschicht belästigt wurde, die mit ihren erwachsenen Töchtern unterwegs waren. Eine von ihnen zeigte in meine Richtung, kam herübergeschwankt, sackte an meinem Tisch auf einen Stuhl, fragte mit schwerer Zunge und roten Augen, ob ich ihre Uber-Chauffeurin wäre, und verlangte, ich, «Mädchen», solle sie irgendwo hinfahren.

Dylann Roof ging in einem Bundesstaat zur Schule, dessen Lehrpläne noch 2011 zu einem Gutteil «aus der Perspektive von Sklavenhaltern» formuliert wurden und die «ökonomische Notwendigkeit der Sklavenarbeit» betonten, wie die Bildungskritikerin Casey Quinlan 2015 in einem Artikel schrieb. Einem Bundesstaat, über dessen Parlamentsgebäude die Konföderiertenfahne flatterte, bis eine schwarze Frau namens Bree Newsome den Fahnenmast hochkletterte und sie herabholte. Und vor diesem Parlamentsgebäude in Columbia steht heute noch eine Bronzestatue von Benjamin Tillman, 1890 bis 1894 Gouverneur des Staats, der es billigte, «die Neger bei der erstbesten Gelegenheit zu terrorisieren, indem man sie erst Unruhe stiften lässt, woraufhin die Weissen dann ihre Überlegenheit demonstrieren, indem sie so viele von ihnen wie irgend vertretbar umbringen … um South Carolina vor der Herrschaft der fremden, verräterischen und halbbarbarischen Neger zu erretten.»

Etwas wie Roof passiert, wenn wir der seriösen Aufklärung über Rassenkonflikte in der Vergangenheit flächendeckende Geschichtsfälschungen vorziehen. Der Aufstieg von Gruppierungen wie der Republikanischen Partei unter Trump mit ihren Avancen in Richtung der Alt-Right hat Männer wie Dylann Roof Mut gemacht, aus ihrem Schlummer zu erwachen und sich laut und gewalttätig zu outen. Nur waren solche Männer in South Carolina nie verschwunden, sondern in Wartestellung immer präsent. Möglicherweise ist Dylann Roof gar kein Sonderfall – sondern ein Vorgeschmack des nahenden Sturms.

 

Blut und Boden

 

Roof fand Trost in dem Glauben, auch er gehöre zu den Enteigneten. Zu den verbitterten weissen Männern, die das Gefühl haben, sie hätten im 21. Jahrhundert keine echte Zukunft. Roof kannte diese Angst so gut, dass er sogar in seinem im Gefängnis beendeten Manifest auf sie zu sprechen kam: «Wie kann man jungen weissen Menschen ihren mangelnden Ehrgeiz vorwerfen, wenn man ihnen nichts gegeben hat und sie nichts erwarten können? Wenn auch der letzte hirntote Weisse sieht, dass er nichts zu erwarten hat? Wenn auch der letzte hirntote Weisse sieht, dass sich nichts Gutes am Horizont abzeichnet?»

Roof brauchte sieben Monate, um ein Anhänger dieser falschen Geschichte zu werden – all die Fahrten, all die Planungen. Seine erste Fahrt zur Mother Emanuel fand am 22. Dezember 2014 statt. Zwei Monate später bestellte er die Fahnenaufnäher von Südafrika und Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) und rief vom Haus seiner Mutter aus die Kirche an.

Wer weiss, wie weit Roofs Rassismus schon gediehen war, als er auf die Website des Council of Conservative Citizens (CCC) stiess, einer Organisation weisser Nationalisten, die in den 1980ern gegründet worden war, um die Segregation zu fördern und «alle Bemühungen um Rassenmischung» in den Würgegriff zu nehmen? Im letzten Wahlkampf war die Organisation äusserst aktiv, und ihr Wortführer, der Yale-Absolvent Jared Taylor, organisierte automatisierte Werbeanrufe für Trump. In einem Interview mit This Alt-Right Life prognostizierte Taylor: «Wenn Trump tatsächlich Präsident wird, dann wird er auf allen Ebenen seiner Regierung unsere Gesinnungsgenossen anziehen, Menschen, die genau wie wir denken … werden zu Unzähligen die Regierung unterwandern und sich seinem Wahlkampf und seinen Beratern anschliessen, was Trump und uns nur extrem nützen kann.»

Viele Jahre lang wurden die Website des CCC und dessen Zeitung von Kyle Rogers geleitet, einem Computertechniker mit einem Bachelor-Abschluss von der Ohio State University. Im Southern Poverty Law Center findet sich Rogers unter den Top 30 der Beobachtungsliste «Neue Aktivisten in leitenden Positionen der radikalen Rechten». Der Anhänger der Herrenmenschenideologie ist ein produktiver Autor zum Thema schwarze Kriminalität gegen Weisse. Er gehörte zu den ersten Organisatoren der Tea Party und ist der Meinung, versklavte Menschen, die in die Vereinigten Staaten gebracht wurden, hätten «in der Sklavenlotterie das grosse Los gezogen».

Um Mitstreiter zu finden, frequentiert Rogers, Besitzer eines Fahnenunternehmens namens Patriotic Flags, die Kommentarbereiche sozialer Medien angepisster weisser Männer, wartet den richtigen Augenblick ab und postet dann Links zu seinem Unternehmen und seinem Basar von Fahnen der Konföderierten, weisser Nationalisten, des Dritten Reichs und der Apartheidstaaten, wie sie sich auch Dylann Roof auf die Jacke nähte. Rogers hat verlauten lassen, er sei «am Boden zerstört» gewesen, als er erfuhr, dass Roof mit seinen Schriften vertraut war, er bestreitet, Roof je begegnet zu sein, und findet es sogar verleumderisch, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden. Er veröffentlichte diese Dementi, weil viele Leute davon ausgingen, da Rogers ebenfalls in South Carolina wohnt, gäbe es eine Verbindung zwischen Roof und ihm. Er lebt tatsächlich nur 32 Kilometer ausserhalb von Charleston in einem beigen Farmhaus, von dem aus er eine der militantesten Abteilungen des CCC führen soll. Nachdem Kyle Rogers ein Telefongespräch mit mir verweigert hatte, fuhr ich eines Tages hinaus und klopfte bei ihm an die Tür.

Die Jalousie bewegte sich, und ich nahm an, dass Kyle Rogers da war, dass er aber nicht aufmachen würde, also schrieb ich ihm nur einen Zettel mit meinem Namen und meiner Handynummer. Auf dem Weg zum Wagen zurück sah ich mich noch einmal um, falls er doch reagierte, aber er liess sich nicht blicken, und auch sonst gab es kein Lebenszeichen, mal abgesehen von einem Aufkleber an seinem goldbraunen Truck, einem Bild von Trump, der ein Bier hochhielt und begeistert sagte: «Wir haben’s geschafft.»

 

Flugbahn

 

Der 17. Juni in Columbia war heiss und feucht. Die Luft muss sich angefühlt haben wie ein warmes Handtuch auf dem Gesicht. Erstickend. Nach mehreren schlaflosen Nächten heftigen Feierns, nach denen er manchmal in seinem Wagen geblieben und manchmal in Joey Meeks Trailer gepennt hatte, schrieb Dylann Roof einen letzten hastigen Post auf seine Website: «Bin gerade total in Eile.»

Um 19.48 Uhr kam Dylann Roof in Charleston an. In den Wochen zuvor hatte er bei Wal-Mart 88 Patronen erworben. Es waren Hohlspitzgeschosse, die sich beim Einschlag aufpilzen und ihre Querschnittsfläche vergrössern, wodurch sie im Körpergewebe katastrophale Schäden anrichten. Gegen 20.15 Uhr erreichte Roof den bewachten Parkplatz der Mother Emanuel und ging in den Keller, wo sich die zwölf Mitglieder der Bibelgruppe im Gemeindesaal versammelt hatten.

Es heisst, Roof habe Reverend Clementa Pinckney getötet, aber in Wahrheit verübte er ein Attentat. Pinckney war Senator des Bundesstaats und ein herausragender Geistlicher, in dessen Predigten die schwarze Befreiungstheologie und eine ausserordentliche Intellektualität zusammenfanden. Er wurde mit drei Kugeln als Erster erschossen, und er hatte dem Mann, der ihn ermorden sollte, noch einen Stuhl herangezogen. Daniel Simmons, der älteste Mann im Raum, war ein Veteran, der immer seine Pistole bei sich hatte, aber an diesem Tag hatte er sie im Auto liegen lassen. Obwohl unbewaffnet, versuchte er den Schützen zu überwältigen. Roof gab vier Schüsse auf ihn ab, und als er den Raum verliess, schritt er über Simmons’ Leiche hinweg.

Susie Jackson, die älteste Frau im Raum, wäre heute neunzig. Sie wurde mit elf Kugeln am häufigsten getroffen. Tywanza Sanders, der jüngste Mann im Raum, versuchte Roof zu besänftigen, und als das misslang, stellte er sich vor Roofs Pistolenmündung, damit seine Mutter Felicia Sanders, seine Tante Susie und seine Nichte nicht getroffen würden. Sanders war Lyriker, Friseur und Familienmensch. Er liebte die Frauen seiner Familie abgöttisch, besonders seine Tante Susie, nach der er im Sterben den Arm ausstreckte.

Der Fremde gab tödliche Schüsse auf Sharonda Coleman-Singleton und DePayne Middleton-Doctor ab. Frauen, die Seelsorgerinnen, Erzieherinnen und Mütter kleiner Kinder waren. Sharonda Coleman-Singleton hatte drei Kinder, die ihr alle drei wie aus dem Gesicht geschnitten waren. DePayne Middleton-Doctor hatte vier Töchter, die sie überallhin begleiteten und sich oft der Grösse nach aufstellten. Die Doctor-Mädchen hatten zur Gebetsgruppe mitkommen wollen, aber im letzten Augenblick hatte ihre Mutter sie zu Hause gelassen.

Myra Thompson hatte am selben Nachmittag ihren Predigerabschluss gemacht, und nach wochenlangem Lernen hatte sie die Gruppe erstmals anleiten sollen. Myra Thompson hatte es im Leben nicht leicht gehabt, aber ihr Glaube, ihre Hartnäckigkeit, ihr Fleiss, ihre glückliche zweite Ehe mit Reverend Anthony Thompson und ihr Stilgefühl sorgten dafür, dass sich die Dinge doch noch zum Guten gewendet hatten.

Cynthia Hurd war an dem Abend schon auf dem Nachhauseweg gewesen, aber Felicia Sanders hatte sie gebeten, zur Gebetsgruppe zu bleiben. Cynthia Hurd war Bibliothekarin. Es heisst, kein Kind verliess ihre Bibliothek je ohne Bibliotheksausweis. Wenn du mich lieb hast, bleibst du, hatte Felicia Sanders sie aufgezogen. Obwohl sich an diesem Abend so viel Hass in dem Raum austobte, wirkte dort doch auch vorbehaltlose und unvergessliche Liebe. Das wissen wir, weil Cynthia Hurd geblieben war.

Um den Abzug einer Glock zu betätigen, muss man einen Druck von sechs Pfund ausüben. Roof zog den Abzug siebenmal durch, als er Ethel Lance ermordete. Anders als Roof wurde Ethel Lance in dieser Welt gebraucht. Ihr tauber Sohn Gary brauchte sie, ihre Töchter brauchten sie, und die Kirche, die sie mit ihrer «individuellen Note» – echtem Holzwachs und frischen Blumen – reinigte und instand hielt, brauchte sie. Nun ist sie fort.

Ausserdem war Polly Sheppard an dem Abend da, eine pensionierte Krankenschwester. Sie ist eine Frau mit ernsten Augen. Bei ihrem Blick bekommt man das Gefühl, dass etwas Grosses und Unerschütterliches einen im Griff hat und einfach nicht loslässt. Ihr Gesicht, die hohen Wangenknochen, die Tiefe und der Glanz ihrer braunen Haut erinnern an die Frauen auf den Bronzetafeln aus Benin – stolz, majestätisch und weise. Sie kauerte unter einem Tisch und sah, wie seine dreckigen Stiefel herumgingen und stehen blieben, damit er ihre Freundinnen erschiessen konnte, «ein dünner weisser Kerl», der durch Blut und Scherben schritt. Sie betete weiter und mit lauter Stimme. Als er zu ihr kam, sagte er, sie solle den Mund halten. Polly Sheppard ist 72 Jahre alt. Er fragte, ob sie angeschossen sei. Sie verneinte. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, als wäre es seine Entscheidung und nicht der Befehl aus einer anderen Welt, fragte sie, ob er sie jetzt auch erschiessen würde. «Nein, werde ich nicht», sagte er. «Dich lass ich übrig, damit du die Geschichte erzählen kannst.»

 

Mother Emanuel

 

Die Emanuel AME Church türmt sich über ihrer Strasse in der City von Charleston auf, ein schmuckloses und strahlendes weisses Gebäude, dessen Anblick einen innehalten lässt. Die Pfarrei war 1816 gegründet worden, aber ihre ersten Kirchen wurden niedergebrannt, um die Kirchgänger zu bestrafen, die es gewagt hatten, das Gesetz des Landes ernst zu nehmen und zu glauben, auch sie besässen ein Anrecht auf Gläubigkeit und dürften die Heilige Schrift so auslegen, wie sie als unterdrücktes Volk sie verstanden. 1822 wurde einer der Gründer der Gemeinde, Denmark Vesey, ein freier Afroamerikaner, der mit einer versklavten Frau verheiratet war, angeklagt, der Rädelsführer eines gewaltigen Sklavenaufstands zu sein. Vesey und seine Armee der Versklavten hatten angeblich einen Plan ersonnen, sämtliche Sklavenhalter von Charleston abzuschlachten, alle Versklavten zu befreien und mit ihnen in die neue schwarze Republik Haiti zu fliehen. Stattdessen wurde er verleumdet und gelyncht. Bis heute gilt er in Charleston als unredlicher Mann und einheimischer Terrorist.

Die jetzige Kirche stammt aus dem Jahr 1892 und wurde von Menschen gebaut, die ausser sich waren vor Freude, endlich als freie Menschen in aller Öffentlichkeit ihren Glauben leben zu dürfen, aber nur wenige Menschen kennen die Geschichte des Bauwerks. Oder dass es im Vestibül der Kirche, in einer Nische hinter einem Tor versteckt, ein Messingdiorama zu Ehren von Vesey und den anderen Gemeindegründern gibt.

Das letzte Mal besuchte ich die Mother Emanuel eine Woche vor Weihnachten. Die Kirche lag noch im Licht der Abendsonne. Ein Mann, den ich am Eingang erst nicht gesehen hatte, sprach mich an: «Warum stehen Sie denn im Regen und schauen so? Kommen Sie doch rein», sagte er. In jedem anderen Augenblick hätte ich dankend abgelehnt, aber sowohl mein Heimweh als auch das Gefühl einer nahenden Erkältung stimmten mich um. Und als der Mann auf die Tür deutete, die Tür, durch die der Mörder die Kirche betreten hatte, aber auch die Tür, die der Welt weit offenstand, ging ich hinein. Drinnen tätschelte mir eine alte Frau die Hand und sagte: «Heute Abend sind Sie Rahel, aber auch unser ganz besonderer Elia. Die Fremde, die immer willkommen ist.»

Als Roof die Kirche betrat, hatte er kein Verständnis für die Grösse afroamerikanischen Überlebens und die Art und Weise unserer Widerstandskraft. Eines hatten ihm seine verkorksten Studien schwarzer Geschichte nicht verklickern können: Das lange Leben einer Bevölkerungsgruppe kann ihre Ortlosigkeit, ihren Gram und ihre Geschichte zum Guten wenden. Das ist keine Zauberei, so ist es einfach gewesen, und so wird es immer sein. So halten wir unsere Türen offen.

In Charleston habe ich gelernt, was passiert, wenn Weisssein sich überschlägt und seine Geschichtlichkeit ausgeblendet wird. Es sorgt für Tragödien, in denen schwarze Enkelkinder, die alles richtig gemacht haben, vor Gericht den guten Leumund ihrer mit 87 Jahren abgeschlachteten Grossmutter bezeugen müssen, weil ein enthemmter Mann ihr das Leben genommen hat. Ich habe in diesen Familien aber auch gesehen, dass die Fähigkeit, offenes Denken zu bewahren, Anstand zu zeigen und angesichts des Grauens nicht wie jene zu werden, ewig ungebrochen bleiben wird. Diese Fähigkeit erinnert uns daran, dass wir den Weg aus der Knechtschaft und in die Freiheit schon kennen.

Ich dachte, ich würde Geschichten der Vergeltung und der Selbstjustiz brauchen, aber ich habe mich geirrt. Ich brauchte sie nicht, weil sie mir etwas über Roof sagten. Ich brauchte sie, weil sie etwas über uns aussagen. Dass wir in unserer Absage an solchen Hass offenbaren, wie wir unser eigenes Vergessenwerden bekämpfen. Wie wir widerstehen. Wie wir auferstehen.

An meinem letzten Tag in Charleston fuhr ich nach Sullivan’s Island, wo Roof im getüpfelten Licht des Sonnenuntergangs an einem von den Gezeiten freigespülten Strand «1488» (4) und andere Symbole der Neonazis in den Sand geschrieben hatte. Er hatte sich trotzig unter das Schild gehockt, das die gestohlenen Toten und die vielen Versklavten ehrte, die sich über diese Sandflächen ins Unbekannte geschleppt und einer Zukunft entgegengesehen hatten, die jahrhundertelang nur Leid enthalten sollte. Die Inschrift des Schilds lautet:

Dies ist Sullivan’s Island. Ein Ort, an dem Afrikaner unter extremen Bedingungen menschlicher Knechtschaft und Erniedrigung in dieses Land gebracht wurden. Zehntausende von Gefangenen wurden zwischen 1770 und 1775 von den westafrikanischen Küsten nach Sullivan’s Island verschleppt. Die Menschen, die in Charleston blieben, und jene, für die diese Stätte eine Zwischenstation war, sind die Vorfahren eines Grossteils der Afroamerikaner, die heute in diesen Vereinigten Staaten leben. Nur durch Gottes Segen, das brennende Verlangen nach Gerechtigkeit und den hartnäckigen Willen, sich gegen gewaltige Ungleichheiten durchzusetzen, haben sich Afroamerikaner einen eigenen Ort im amerikanischen Mosaik erschaffen… Dieses Mahnmal hält die Erinnerung an eine trostlose Zeit in der amerikanischen Geschichte am Leben, es dient aber auch als Erinnerung an ein Volk, das sich aller Ungerechtigkeit und Intoleranz in Vergangenheit und Gegenwart zum Trotz die einzigartigen Werte, Stärken und Potenziale der westafrikanischen Kultur bewahrt hat, die wir auf der Middle Passage (5) in dieses Land gebracht haben.

 

Ich bin sicher, dass Nachfahren dieser Versklavten im Gerichtssaal sassen. Ich weiss, dass die Nachfahren mancher dieser Menschen wie Saatgut verfrachtet und über das ganze Land verstreut wurden, und alle Unterlagen darüber, wer sie waren und woher sie stammten, sind für alle Zeit verloren. Millionen starben, wurden ermordet oder fanden auf dem Weg hierher ein nasses Grab, aber Millionen haben das Unfassbare überlebt und allen Versuchen, sie zu zerstören, widerstanden.

In seinem Schlussplädoyer sagte Roof den Geschworenen: «Leute … die mich für hasserfüllt halten, haben keine Ahnung, was wahrer Hass ist. Sie wissen nichts über mich. Sie wissen nicht, wie wahrer Hass aussieht.»

Weil ich genau weiss, wer Dylann Roof ist, weiss ich, dass er aus Hass besteht, und weil ich weiss, dass er aus Hass besteht, verstehe ich, warum er glaubte, das Unmögliche tun und das Unvergängliche, das Ewige übertrumpfen zu können. Aber das konnte er nicht, und niemand wird es je können.

Und deshalb grub ich an dem Strand, an dem er Hass in den Sand schrieb, ihre neun Namen ein: Clementa Pinckney, Tywanza Sanders, Cynthia Hurd, Sharonda Coleman-Singleton, Myra Thompson, Ethel Lance, Daniel Simmons, DePayne Middleton-Doctor, Susie Jackson.

 

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach.

 

(1) Jimmy Buffett besingt in seinem Song «Margaritaville» (1977) einen Mann, der auf der Veranda vor seinem Haus sitzt und einer verlorenen Liebe nachtrauert.

(2) Name der Baumwollplantage, auf der Scarlett O’Hara in Margaret Mitchells Roman Gone with the Wind / Vom Winde verweht (1936) aufwächst.

(3) Anthropomorphe Froschfigur des Comiczeichners Matt Furie, die im Präsidentschaftswahlkampf 2016 bei Twitter, Facebook und anderen sozialen Medien von Unterstützern von Donald Trump und der Alt-Right genutzt wurde. Im September 2016 erklärten das Wahlkampfteam von Hillary Clinton und die Anti-Defamation League den Frosch in dieser Verwendung zu einem rassistischen Hasssymbol.

(4) 1488: Die 14 steht für Fourteen Words, eine verschleiernde Umschreibung für einen verbreiteten Glaubenssatz der Neonazis: «We must secure the existence of our people and a future for White children.» / «Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weissen Kinder sichern.» Als Erfinder der Fourteen Words gilt der US-amerikanische Rechtsextremist David Eden Lane.

(5) Bezeichnung der US-amerikanischen Geschichtsschreibung für den Sklaven-Handelsweg, über den seit dem 16. Jahrhundert Bewohner des westlichen, zentralen und südlichen Afrikas nach Amerika transportiert wurden. Die Anzahl der auf den amerikanischen Doppelkontinent verschifften Menschen wird auf etwa 12 Millionen geschätzt.


 

Wenn Hass als Motor dient

Dylann Roof wurde als erster Mensch in den USA für ein sogenanntes hate crime zum Tode verurteilt. Das FBI definiert ein solches als ein Verbrechen, bei dem der oder die Täter aufgrund ihrer Abneigung gegen die Rasse, Farbe, Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Ethnizität oder Nationalität des Opfers gehandelt haben. Brandstiftung oder Vandalismus kann ebenfalls ein Hassverbrechen darstellen. Laut einer Studie des Center for the Study of Hate and Extremism der California State University vom Mai dieses Jahres ist die Anzahl der hate crimes in den zehn grössten Städten der USA im Jahr 2017 um zwölf Prozent gestiegen – und hat das höchste Niveau der vergangenen zehn Jahre erreicht. Dabei sinkt die allgemeine Kriminalitätsrate in den USA seit den Neunzigern. Laut Experten bleibt der Grossteil der hate crimes unerkannt.

 

Wenn Vorurteile zur Tat führen

In Dylann Roofs Fall spornten ihn seine hassgetränkten Vorurteile gegenüber Schwarzen zu seiner Tat an. Wie aber entwickelt sich eine bestimmte Einstellung eines Menschen – und wie wird aus dieser letztlich eine aktive Handlung? Laut der oben genannten Studie basiert eine Einstellung auf drei Komponenten: einer emotionalen, einem Set an kognitiven Überzeugungen, die mit dem emotionalen Element interagieren, und einer äusseren Bestätigung dieser beiden Komponenten. Faktoren wie mentale Instabilität, Angst, Anonymität oder die Legitimation durch eine Peer-Gruppe oder eine Person, die als Autorität angesehen wird, können eine Rolle dabei spielen, wenn ein starkes Vorurteil letztlich in eine Gewalttat mündet.

 

Autorin und Übersetzer

Rachel Kaadzi Ghansah, geboren 1982, wurde für diesen Text mit dem Pulitzer-Preis 2018 in der Kategorie Feature Writing ausgezeichnet. Ihr Stück erschien im Original im Magazin GQ. Sie wuchs in Philadelphia auf, die Familie ihres Vaters stammt aus Ghana. Ghansah schreibt hauptsächlich Essays, neben GQ etwa für The Atlantic oder The New York Times. Ulrich Blumenbach, geboren 1964, hat Ghansahs Text für Reportagen ins Deutsche übertragen. Er ist ebenfalls preisgekrönt: Für seine Über­setzung des Romangiganten Infinite Jest von David Foster Wallace wurde er mehrfach ausgezeichnet. Für diese Ausgabe hat er auch die historische Reportage auf Seite 101 übersetzt.

 

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