Centropolis 2889

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Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahr 2889.

Jules Verne

Die Menschen des XXIX. Jahrhunderts leben un­ausgesetzt mitten in einem Märchenland, ohne sich den Anschein zu geben, dass sie sich darüber im Klaren sind. Wundern gegenüber sind sie bla­siert, besonders angesichts jener, die ihnen der tägliche Fortschritt bringt. Alles scheint ihnen natür­lich. «Wenn sie ihre Zivilisation mit der Vergan­genheit vergleichen würden, wüssten sie die unsrige besser zu schätzen und würden sich klar darüber, welch ein enormer Weg seither zurückgelegt wurde: Unsre Städte mit hundert Meter breiten Fahrstrassen, mit dreihun­dert Meter hohen Häusern mit ihrer stets gleich­bleibenden Temperatur, mit einem von Tausenden von Lufttaxis und Luftbussen durchfurchten Him­mel! Neben diesen unsern modernen Städten, de­ren Bevölkerung oft bis zu zehn Millionen Ein­wohner zählt, waren jene früheren Städte – die vor tausend Jahren Paris, London, Berlin und New York hiessen − bloss Dörfer und Weiler, Dreckstädtchen, die schlecht gelüftet und kotig sein mussten, in denen rumpelnde Kastenwagen, von Pferden − jawohl, von Pferden! − gezogen wur­den; es scheint kaum glaublich! Wenn sich unsere Zeitgenossen den mangelhaften Betrieb vorstellen würden, der damals durch Dampfschiffe und Eisen­bahnen versehen wurde, mit häufigen Kollisionen und unerträglicher Langsamkeit − wie würden dann unsere Reisenden die modernen Aerotrains und vor allem die pneumatische Untergrundbeför­derung hochschätzen, die die transozeanische Ver­bindung herstellt und die Reisenden mit einer Ge­schwindigkeit von fünfzehnhundert Kilometern in der Stunde zu befördern vermag! Und würden sie nicht das Fernsehtelefon bedeutend mehr schät­zen, wenn sie daran dächten, wie unsere Vorfahren sich mit dem vorsintflutlichen Apparat, Telegraf genannt, zufriedengeben mussten.

Lebte der Gründer des New York Herald, Gor­don Benett, plötzlich wieder unter uns, was würde er wohl sagen, wenn er das Hotel Earth Herald, einen Palast aus Marmor und Gold erblickte, der seinem gefeierten Enkel, Francis Benett, gehört? Dreissig Generationen sind aufeinander gefolgt, doch der New York Herald blieb in der Familie der Benetts. Als vor zweihun­dert Jahren die Regierung der Union von Washington nach Centropolis verlegt wurde, folgte die Zeitung der Regierung – falls es nicht etwa gar umgekehrt war: dass die Regierung der Zeitung folgte – und gab sich den Namen Earth Herald.

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