China auf der Zunge

Essen ist für die Chinesen auch Medizin, Kunstform und Geschichte. Doch mittlerweile ist es ihre grösste Angst.

Hannes Grassegger

Süsssauer. 
So schmeckt ein Apfel. 
So riecht ein Apfel. 
Nicht wahr? 

Als sie mir den Apfel hinhält, da riecht er genau so, wie ein richtiger Apfel eben riecht. Dennoch ist er ganz anders als diese glänzenden, rosa-, fast pfirsichfarbenen, zuckersüssen und dünnhäutigen Äpfel, die man sonst an Chinas Obstständen und in Supermärkten findet. Er ist von einer gelblichen Sorte, matt, mit dickerer Haut, ein paar kleinen roten Sprenkeln. Vor allem ist er nicht perfekt. Die Haut ist ein bisschen weich, so wie das eben passiert nach ein paar Tagen Apfelleben. Und es gibt diese holzartigen Pünktchen auf seiner Haut. Ich bin kein Apfelexperte. Wer ist das schon? Er erinnert mich an Äpfel aus meiner Kindheit. Sie sieht mich an, ihre Mandelaugen glitzern. «Good Apple», sagt sie. Ich drehe die Frucht in meinen Händen. Wut steigt in mir hoch. Ich lege den Apfel zurück in die Pappschachtel, verabschiede mich eilig. Schnell die mit weichem, goldbraunem Teppich belegten Stufen hinunter, raus aus dem verspiegelten schwarzen Appartementkomplex, ein Taxi von der zehnspurigen Stadtautobahn fischen. Richtung Huohai District.

Stau. Ich checke meine Smog-App. Smogwarnung erfolgt in der Schweiz ab 75 µg/m3. Die höchste Smogstufe ist 150 µg/m3. Offenes Feuer ist dann verboten. Der Verkehr wird strikt reguliert. Als ich vor ein paar Tagen in Peking ankam, glitt ich durch ein graues Nebelmeer, in dem die Spitzen der Wolkenkratzer versanken. Der Taxichauffeur sang mit rauer Stimme «Hey Jude» von den Beatles und schenkte mir eine hellblaue Atemmaske. 300 µg/m3.
Über eine Million Chinesen starben 2010 nach Angaben des Medizinjournals «Lancet» einen Smog-bedingten Tod. Doch Umweltzerstörung ist ein vergleichsweise abstraktes Risiko für die meisten Chinesen. In Umfragen steht es an vierter oder fünfter Stelle ihrer Sicherheitsbedenken. Smog ist schliesslich landesweit durchschnittlich nur an jedem zweiten Tag und vor allem in Städten. Auch der Vorschlag des britischen Historikers Niall Ferguson, die Einführung eines westlichen Gesundheitssystems sei «die Killer-App», um zum Westen aufzuschliessen, dürfte nicht so schnell umgesetzt werden. Das desolate Gesundheitssystem war 2012 nur die drittgrösste Sorge der Bevölkerung, direkt nach der öffentlichen Sicherheit, die lediglich knapp der Hälfte aller Chinesen Sorgen bereitet. Das Problem, das hingegen acht von zehn Personen in Chinas Städten für ihr grösstes Risiko halten, ist viel essenzieller. Und alltäglicher.  
Seit Jahren hört man ausserhalb Chinas immer wieder von seltsamen Lebensmittelskandalen. Rattenfleisch, das als Lamm verkauft wird. Eigelb, gefärbt mit Schwermetallen, vergiftete Babymilch. In China hört man so etwas beinahe täglich. Seit über zehn Jahren. Essen ist gefährlich geworden. Und das in einer Gesellschaft, in der Essen mehr als nur Verpflegung ist, sondern ebenfalls: Medizin, Kunstform, Geschichte und Gemeinschaft.
Die «CN Air Quality»-App zeigt grün. 83 µg/m3. Ich lasse mich in den Sitz zurückfallen. Sonntag, 15. September 2013, 17 Uhr 30. Noch zwölf Stunden bis zum Heimflug. Vor zwei Wochen war ich angereist, um in China zu kochen. Ich wollte herausfinden, wie die Menschen mit diesem Zweifel umgehen. Was es heisst, bei jedem Essen Angst zu verspüren. 

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Shanghai

20. Stock, Xikang Road, Schanghai. 23 Uhr. Es ist der 11. September 2013. Ich bin bei Zhang Jun und bringe etwas Brot von ihrer Mutter. Jun hat einen kleinen Indoor-Dschungel aus Topfpflanzen vor ihrer Fensterfront. Dahinter lassen die Lichter der Stadt den feuchten Nachthimmel gelblich leuchten. Neonreklamen, Nieselregen, «Blade Runner». Zwei Stunden vorher stand ich bei ihren Eltern, die sie mir vermittelt hatte, in der Küche, weil ich mit jemandem ganz Normalem kochen wollte. «Wir sind eine Essenskultur», erklärt Jun, während sie mir eine Tasse Grüntee reicht, «ganz offiziell. Das reicht bis in unsere Sprache. Wusstest du, dass wir zur Begrüssung nicht fragen ‹Wie geht es Dir?›, sondern ‹Hast Du schon gegessen?›» 
Wer Social-Media-Profile junger Chinesen besucht, wird vor allem eins finden: Food-Fotos. So werden hier Einstellungen vermittelt. Du bist, was Du isst. «Unsere Gerichte haben Namen, die wie Wünsche funktionieren», fährt Jun fort. «Ein Gericht aus Mais und Pinienkernen heisst ‹Gold und Silber für das Haus›. Es wird quasi an jeder Hochzeit gereicht. Die Farben des Gerichts sind entscheidend. Mais und Pinienkerne sind weiss und gelb. Reichtum und Gesundheit.» Geschäfte werden in China am Esstisch geschlossen. Gastgeber übertrumpfen sich. Die Gelage der hohen Parteikader und der Neureichen wurden so opulent, dass sie letztes Jahr verboten wurden. Was dazu führt, dass sie nun in versteckten Restaurants abgehalten werden. 

Jun ist ein Kind des Chinabooms. Geboren zur Zeit der wirtschaftlichen Öffnung Ende der siebziger Jahre, wuchs sie im explosionsartig wachsenden Schanghai auf. Sie studierte Finanzwirtschaft, und als zu Beginn des 21. Jahrhunderts sich China zur Innovationswirtschaft bekannte, studierte Jun in den USA Kunst und verkaufte ganz ansehnlich.
«Insgesamt gibt es fünf Farben, Schwarz, Weiss, Gelb, Blau und Rot. Jede Farbe steht für eines der fünf Elemente, Erde, Wasser, Feuer, Holz, Metall. Die Farben stehen auch für die inneren Organe, Leber, Niere, Herz, Lunge, Blase. Und für fünf Geschmacksrichtungen. Sauer, süss, bitter, salzig, scharf. Und es gibt die Idee von Yin und Yang. Speisen, die kühlende oder wärmende Effekte haben. Traditionelle Gerichte tragen zudem ihre Geschichte mit sich. Darüber reden wir bei Tisch.» 
Zum Beispiel «Gegenleistungs-Schweinebauch», Dongpo. Zitiert nach Chinas Food-Papst Du Fuxiang: «Das Gericht stammt aus der Zeit, als Su Shi, ein bekannter Dichter der Song-Dynastie, die Menschen in Xuzhou im Kampf gegen eine Flut anführte. Während der Regierungsperiode Shenzongs in der Song-Dynastie war Su Shi zu einem örtlichen Beamten in Xuzhou ernannt worden. Schon nach wenigen Dienstmonaten begann der Yellow River Xuzhou zu überfluten. Su Shi führte seine Soldaten und auch die Bürger zu einem mehr als einmonatigen Kampf gegen die Fluten an. Schliesslich zog sich das Wasser zurück. Als Ausdruck ihrer Dankbarkeit schlachteten die Bürger Schweine und Schafe und brachten Wein und Fleisch zum Regierungssitz, um sie Su Shi zu überreichen. Es wäre undankbar, die Freundlichkeit der Menschen nicht zu akzeptieren. Su Shi wies also seine Köche an, Gerichte aus dem Fleisch zuzubereiten, die er dann den Bürgern zukommen liess, die geholfen hatten, gegen die Fluten anzukämpfen. Daher der Name des Gerichts.» Dongpo ist ein rundherum knusprig gebratener und anschliessend 2½ Stunden niedrig gegarter Schweinebauch. Gereicht wird Dongpo in einer leicht süsslichen, halbdurchsichtigen Bratensauce, die zusammen mit dem Fleisch auf der Zunge zergeht. 
Mittlerweile hat sich Jun neu orientiert, «Kochen ist meine Kunst geworden», sagt sie. «Warum?» – «Wegen des Essensproblems.» Wegen des «Gutter Oil», das aus Abflüssen abgeschöpft und als Speiseöl verkauft wird; wegen des Sojaöls aus Haarabfällen von Krankenhäusern; wegen Cadmium im Reis und Schwermetallen im Ingwer. Oder wegen der vergifteten Babymilch. «Damit ging alles los», sagt Jun.
2007 auf 2008 erkrankten in China 300 000 Babys. Offiziell starben sechs der Kinder. Sanlu, damals Chinas führender Babynahrungshersteller, hatte Melamin eingesetzt, um die Proteinwerte der verwendeten Milch zu erhöhen. Dass Melamin töten konnte, nahm Sanlu in Kauf. Hunderte Babys wurden wegen Nierenproblemen eingeliefert. Sanlu ist in China ein Name wie Hipp oder Nestlé im deutschsprachigen Raum. Das Unternehmen galt als so zuverlässig, dass es von Kontrollen quasi befreit war. Eine andere Lesart: Man hatte die Behörden im Griff. Als Ende 2007 die ersten Vorwürfe das Unternehmen erreichten, stoppte man keineswegs den Verkauf. Ab Mitte Juli ist der Staat im Bilde. Und schweigt. Im August 2008 forderte Sanlu hinter den Kulissen die Behörden auf, sich um gute Presse für das Unternehmen zu kümmern. Zudem bot man den Betreibern der chinesischen Suchmaschine Baidu Geld, um negative Resultate zu löschen. Im August 2008 brachte sich der Leiter der staatlichen Lebensmittelkontrolle AQSIQ um. Als am 11. September 2008 ein Reporter die kranken Babys öffentlich mit Sanlu in Verbindung brachte, platzte die Bombe. Das Volk kochte vor Wut. Die EU stoppte den Import chinesischer Babynahrung. Der Fall Sanlu beweise, urteilte das «Time Magazine», dass es keine unabhängige Kontrolle in einem Land gebe, in dem Industrie und Staat so eng verflochten seien. Dann reagierte die Regierung. Staatschef Wen Jiabao tätschelte Babyhände in Krankenhäusern, es gab Schauprozesse. Drei Sanlu-Manager wurden zum Tode verurteilt, zwei hingerichtet. Schon im Jahr zuvor war der Leiter der SFDA, einer grossen staatlichen Behörde zur Überwachung der Lebensmittelsicherheit, wegen Korruption exekutiert worden. 2010 fand man wieder melaminverseuchte Babynahrung «Made in China». Und 2012 wurde Jiang Weisuo, der Mann der die Behörden über das Sanlu-Problem informiert hatte, unter ungeklärten Umständen erstochen.
Für Chinesen war gar nichts neu am Sanlu-Vorfall. Schon seit der Jahrtausendwende hatte die Zahl der Meldungen über vergiftete, verseuchte, gefälschte, abgelaufene Lebensmittel in China zugenommen. Stets hatte der Staat versprochen, das Problem zu lösen; ein paar Firmen geschlossen; ein paar Gesetze verschärft; ein paar Personen ins Gefängnis geworfen. Der Fall Sanlu aber wurde in Details publik. Er wurde zu einem Gradmesser dafür, ob sich an der Ausgangssituation etwas geändert hat. Und die lautet: Ein Unternehmen killt Babys für Cash. Und der Staat hilft dabei. Der Fall zeigt: Korruption, fehlende Gewaltenteilung, Zensur, totale Marktwirtschaft, Umweltverschmutzung – am Schluss landet alles auf dem Teller. 
Man muss das Wort Lebensmittelsicherheit richtig verstehen. Für Europäer mag es banal klingen. Aber es dreht sich darum, wie sicher die «Mittel zum Leben» sind. 
Ich verlasse Jun nach Mitternacht. Unten eine Prostituierte, der die Taxifahrer schüchtern hinterherpfeifen. An einer roten Ampel wartet ein Polizist mit seinem Motoroller. Zwei Jugendliche auf Elektro-Scootern rauschen lachend an ihm vorbei. 92 µg/m3.

Kochen 

Am Nachmittag hatte ich die Mutter von Jun getroffen. Eine pensionierte Englischlehrerin, die mit ihrem Mann in der Schanghaier Innenstadt lebt. Wir hatten uns zum Kochen verabredet. Für Frau Zhang eine Chance, ihr Englisch aufzufrischen. Sie ist so aufgeregt, dass sie viermal anruft auf meinem zehnminütigen Weg von der Metro zu ihr. Vorbei an einer Mall, davor ein halbes Dutzend Handkarren, auf denen chinesische Würstchen brutzeln. 
Die zierliche Endsechzigerin mit den halblangen, noch fast vollständig schwarzen Haaren trägt ein blaues Kleid mit Blumenmuster. In der Hand hält sie eine grüne Stofftüte und ihr kleines Nokia-Imitat. Mobiles Internet und Mikroblogs voller Foodskandale sind wahrscheinlich nicht Bestandteil ihres Lebens. Donner grollt. Der Himmel ist braun. Tag und Nacht ähneln sich in Schanghai.
Ich sage ihr, dass ich lernen wolle, wie man Hausmannskost zubereite. Und wie man gesunde Nahrung erkenne. «Das hat meine Tochter erzählt! Kommen sie mit.» Sie trippelt durch das Wohngebiet. «Fast alle Gemüse sind gesund. Seit zwei Jahren kaufe ich Gemüse immer frisch von diesem Kooperativenvertreter, der hier jeden zweiten Morgen seinen Stand aufbaut. Aber um diese Zeit müssen wir in den Supermarkt.» Als wir die Strasse überqueren, reicht sie mir schützend ihre Hand. 
Die kleine Linhua-Filiale ist im Erdgeschoss eines etwa 30-stöckigen Wohnhauses. Es sieht aus wie in einem Dorf-Supermarkt. Fast alles Gemüse ist in Folie eingewickelt, die Preise sind aufgedruckt, Herkunftsangaben nicht. Gelbe Maiskolben, rote Kürbisse, Brokkoli und grüne Peperoni. Eine Kiste mit schlaffem grünem Salat steht am Boden. Salat ist etwas Neues in China. Beim Obsthändler ist eine ganze Wand staffiert mit gleichförmig-makellosen Äpfeln, deren sanftes Rosé den Paradiesvorstellungen eines nordkoreanischen Illustrators entsprungen sein könnte. Wir kaufen Trauben.
Sie koche etwa fünf Stunden täglich. Eine Stunde für das Frühstück. Mittags und abends je zwei Stunden. «Aber ich bin leider eine bescheidene Köchin.» 1947 in der nördlichen Provinz Shaanxi geboren, sei sie während der Schulzeit eben immer in der Schulkantine verpflegt worden. Nur am Wochenende habe sie von ihrer Grossmutter kochen lernen können. Ende der fünfziger Jahre habe der Hunger angefangen. Die Lebensmittelkarten. Die Rationierung. 
Anlässlich des zweiten Fünfjahresplanes 1958 hatte Staatschef Mao Zedong zum Grossen Sprung Nach Vorne aufgerufen. Das bäuerliche China sollte den Schritt in die Industriegesellschaft machen. Es wurde propagiert, die Agrarphase sei überwunden, es sei genügend Essen für alle vorhanden. Nach regelrechten Fressorgien 1958 und 1959 leerten sich die Nachrungsmittellager. Dann kamen aus der Parteizentrale in Peking Anweisungen an die Farmer, wie sie fortan anzubauen hätten. Politische Konzepte wurden als Pflanzanweisungen ausgegeben. Gleichzeitig wurde das ganze Volk dazu aufgefordert, die Stahlproduktionszahlen zu steigern. Bauern schmolzen in improvisierten Hochöfen aus Lehm ihre Mistgabeln ein. Das Resultat waren riesige Ernteausfälle, verstärkt durch eine Serie von Naturkatastrophen. Zwischen 1960 und 1962 starben in China 20 bis 45 Millionen Menschen an den Folgen der Nahrungsmittelknappheit. Genauere Zahlen gibt es nicht. 
Wir laufen durch den Innenhof. Ein Trinkwasserspender mit Münzschlitz versorgt die vier Blocks mit je 22 Stockwerken. Im zweiten Stock öffnet Frau Zhang eine Gittertür, dahinter eine Holztür, die in ihre 60 m2 grosse Drei-Zimmer-Wohnung führt. Links in der Küche legen wir das Gemüse ab. Alles ist voll chinesischer Technik. Über dem Herd hängt ein Luftabzug, daneben steht eine Mikrowelle, ein kleiner Elektro-Ofen, ein elektrischer Reiskocher – und eine Brotbackmaschine. Der mannshohe Kühlschrank steht nebenan im Wohnzimmer. Frau Zhang zeigt mir ein chinesisches Kochbuch mit deutschen Brotrezepten. Ich probiere ein Stück «bayrisches Weizenbrot», das an einen Weihnachtskuchen erinnert. «Ich liebe Brot», sagt sie. «Das müssen Sie nachher meiner Tochter mitbringen.» Frau Zhang nimmt eine Plastikkanne mit Filter und giesst Wasser in eines der zwei Metallbecken. «Zuerst den Reis waschen. Aber nur mit Filterwasser!» Sie hebt warnend den Finger. «Das Wasser ist verschmutzt von Medizin und Landwirtschaft.»
Wir beginnen das Abendessen vorzubereiten. Ihr Mann kommt herein. Zu dritt schneiden wir Gemüse. Chinesisches Kochen funktioniert modular, Vorbereitung ist alles. Für die anschliessende Braterei reicht der typische Zweiflammen-Herd. Über allem liegt in der Küche ein leichter Fettfilm. Ihr hochgewachsener, schlanker Mann trägt halblange offene graue Haare und übernimmt die Arbeit am Herd. «Das Filtern haben wir vor etwas über zehn Jahren angefangen. Damals haben die Leute im Hof begonnen, über Krebs zu sprechen. Bald fingen wir auch an, alles Obst zu waschen. Früher haben wir die direkt vom Händler ge- gessen. Heutzutage schälen wir fast alles.» Magenkrebs ist eine immer häufigere Todesursache im Schanghai des dritten Jahrtausends. 
Ihr Mann stellt eine Reihe kleiner Schalen neben dem Herd auf, wässert Mu-Err-Pilze, legt den Tofu bereit, zaubert ein Stück Schweineschwarte hervor. Er setzt einen Wassertopf auf, um ein paar Hühnerflügel aufzukochen. Zu jedem chinesischen Mahl gehört eine Suppe. Meist eine wässrige Brühe. Früher wurde in China die Kompetenz einer Hausfrau an ihrer Fähigkeit gemessen, eine besonders schmackhafte Brühe zuzubereiten. 
China produziert etwa die Hälfte allen Schweinefleisches weltweit. Und es kauft noch weiteres dazu. Schweinefleisch ist das Symbol des Fortschritts für die sogenannte Bittere Generation, zu der die Jahrgänge der Babyboomer in China gezählt werden. Während die zwischen 1945 und 1960 Geborenen im Westen vom Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten, durchlitten ihre Altersgenossen in China Anfang der 1960er die grösste Hungersnot der Weltgeschichte, anschliessend den Terror und die mageren Jahre der Kulturrevolution. 
«Die Intellektuellen», also mehr oder minder die gesamte gebildete Schicht des Landes, litten unter den Strassengangs, die Mao aktiviert hatte, um das Übel der «konterrevolutionären Lebenshaltung» an der Wurzel zu packen. Studenten wurden aufs Land geschickt, um von den Bauern ein bescheidenes Leben zu lernen und die landwirtschaftliche Produktivität anzukurbeln. Historiker wie der deutsche Kai Vogelsang vermuten, es sei darum gegangen, die geburtenstarken Jahrgänge, für die es keine Arbeit gab, loszuwerden und durch einen Kampf verschiedener Gesellschaftsschichten gegeneinander die Notwendigkeit einer starken Partei aufrechtzuerhalten. 
Viele starben auf dem Land an den Folgen harter Bedingungen, andere vereinsamten, zogen sich zurück, wieder andere gewöhnten sich an das neue Leben, wie der in Schanghai geborene Herr Zhang, der in Xi’an seine Frau kennenlernte und heiratete. Ende der 1970er konnte die junge Familie nach Schanghai ziehen. Als es in dieser Zeit begann, bergauf zu gehen, wurde die schlecht ausgebildete Bittere Generation bereits von den Jüngeren am Arbeitsmarkt verdrängt. 
Doch Familie Zhang hatte stets halbwegs Glück, die Eltern von Frau Zhang waren Parteikader. Und in Schanghai sei man gerade so durchgekommen mit den Rationierungsscheinen. Es habe keine Wahl gegeben. Nur Reis und Mehl. Damals habe er wie so viele diese aufgedunsene Haut gehabt. «Man konnte hineindrücken, und das Loch blieb», erinnert sich Herr Zhang. Als das Essen wieder kam, sei er fast gestorben. Er habe es nicht mehr vertragen. Wochenlang lag er im Krankenhaus, später päppelte ihn die Mutter mit dem wenigen Fleisch auf, das die Familie hatte. Er schneidet die zwei geschälten Gurken und zeigt mir, dass ich sie salzen muss, um sie für etwa zehn Minuten zu dehydrieren. «Mein Mann kann besser kochen als ich», kichert Frau Zhang.
Stolz zeigt er mir, wie man das Salat-Dressing zubereitet. Zwei Löffel Erdnussbutter, aus einer Schublade holt er duftende Szechuan-Pfefferkörner, Salz, einen Esslöffel Glutamat, einen Esslöffel milden Zhenjiang-Essig, ebenso viel Sesamöl. Wir hacken acht Knoblauchzehen, werfen sie ins Dressing. Es riecht nach Reis. Der Ehemann bindet sich eine Schürze um und dünstet Erbsen an. «Die kaufen wir saisonal! Genau wie die Aprikosensamen hier.» Karottenscheiben und Paprika kommen dazu, später Tofu.
Mittlerweile ist es fast unerträglich schwül in der Küche. Links dünstet das angebratene Schweinefleisch in einem Lauchsud. Es gibt Dongpo. Rechts brutzelt es in der grossen runden Pfanne. Hinten dampft der Reiskocher. Stolz zeigt Herr Zhang italienisches Olivenöl. Die Flasche ist ungeöffnet. «Wir mögen Kochen, Dünsten und Braten. Frittieren ist ungesund», sagt er. Der Preissticker zeigt beinahe den gleichen Preis wie in der Schweiz. Die beiden leben von monatlichen Renten rund um die 3000 ¥ (300 €). Dazu kommt Geld von der Tochter. Dennoch leistete sich die Familie letztes Jahr einen einmonatigen Europa-Trip. 

Essen

Wir tragen das Dongpo, eine Schale mit Hühnchenflügeln, den Karotten-Erbsen-Paprika-Tofu, die Brühe, Reis und die geschnittenen Gurken auf. Daneben der Erdnussdip. Herr Zhang schmeisst die Klimaanlage an, läuft an einem Tower-Computer und einem Flat Screen vorbei zum kleinen Esstisch aus dunklem Holzimitat.
«China auf der Zunge» ist die erfolgreichste Fernsehserie der letzten Jahre in China. Kopien finden sich an jedem Strasseneck. In satten Farben und mit vielen schlürfenden und glibschigen Tönen unterlegt, zeigt die Serie, wie Essen in China auf den Teller kommt. Die Zuschauer reisen durch fast alle Provinzen des Landes, sehen die Felder und Fischgründe, die Menschen, die sie bearbeiten, sowie Dutzende regionale Kochstile. Es wird nicht nur die chinesische Kochtradition gefeiert, sondern gleichzeitig auf subtile Art der Stadt-Land-Konflikt, seit je ein heikles wirtschaftliches Problem, verhandelt. Wenn eine tibetische Pilzsammlerin an ihrem Heimatmarkt 60 ¥ für einen Matsutake-Pilz kassiert, der in der Stadt für 600 ¥ verkauft wird, dann beginnt man die Gründe für die vielen unterdrückten Bauernrebellionen und die anhaltende Landflucht zu verstehen. 
Gleichzeitig bespricht die Serie die Metaphorik des chinesischen Essens. «Die Szechuan-Nudelsuppe», säuselt eine sanfte Stimme, «köchelt seit tausenden von Jahren in allen Winkeln des Landes. Ein wunderbares Kunstwerk, das als Gericht und Wunsch gleichzeitig funktioniert. Nudeln bedeuten Langlebigkeit. Geburtstagsfeiern in Szechuan müssen unbedingt mit dieser Nudelsuppe gefeiert werden. Die Nudeln werden begleitet von den fünf Farben; weissgelbe Eier bedeuten Wohlstand, rote Karotten blühendes Leben, grüner Lauch Vitalität. Geschmack ist das Wichtigste auf der Welt. Erinnerungen an die Kindheit, die für immer bleiben.» Hungrig beginnen wir zu essen. Es ist etwa 19 Uhr.

«Europa war absolut unvergesslich», die Augen von Frau Zhang drücken sich fröhlich zusammen. «Berlin! Das Eis war so günstig! 1  Euro für eine Kugel. Und in Italien waren wir in einer traditionellen Eisdiele. Es war wunderbar!» – «Hier kostet Eis 30 ¥. Und es ist grauenhaft. Schrecklich.» Herr Zhang verzieht seinen Mund aufgeregt. «Eine Pest!» Speiseeis ist derzeit im Kommen in China. Der letzte Skandal ist erst wenige Monate her. Fäkalspuren, Bakterien bei Mengniu, einem der landesweit grössten Hersteller.
«In der Schweiz erinnere ich mich an den blauen Himmel, die klare Luft und das saubere Wasser. Man konnte wirklich den Boden sehen. Wie damals, als ich Teenager war. Die Kinder fingen Fische im Wasser», ihr Blick wird weich. 
Wir schütten Gemüse über den Reis, ich bekomme einen Hühnchenschlegel. Herr Zhang schmatzt fröhlich, spuckt immer wieder Knochen auf eine Platte. Der dickflüssige Erdnussdip passt gut zu allem. Er ist salzig, süss, sauer und sehr cremig. 
Frau Zhang bringt die Trauben. «Ich liebe süsses Essen!», sagt ihr Mann. «Die Trauben habe ich mit Filterwasser in Zahnpasta gewaschen, die können Sie ganz ungeschält essen», sagt Frau Zhang freundlich. «Das Gemüse übrigens habe ich in Salzwasser gewaschen. Das neutralisiert die sauren Pestizide.» 
Die Schalen der Riesentrauben schmecken künstlich. In den letzten Monaten machten in China Berichte die Runde, dass Blei und Formaldehyd aus Packmaterialien in Lebensmittel eingedrungen sei. Giftige Verpackungen sind eine neue Variante in Chinas jüngster Geschichte fehlender Nahrungsmittelsicherheit. Ich richte mich nach ihrem Mann, der das Fruchtfleisch aus der Haut schlürft. «Ich mag die Trauben nicht. Sie sind so süss geworden in den letzten Jahren. Und so gross.» Frau Zhang verzieht das Gesicht. 
«Wo informieren Sie sich eigentlich über Lebensmittel?», frage ich. «Das mit dem Essensproblem haben wir schon öfter im Fernsehen gesehen. In CCTV. Die meisten Leute bedrückt das. Es ist etwas Tägliches. Man redet im Hof drüber. Wir haben sogar unseren Computer benutzt. Dieses I… I…», sie schaut ihren Mann an. «Internet.» – «Genau. Da kann man alles lesen. China ist jetzt offen, und man kann sich informieren.» Herr Zhang beginnt abzutragen. «Ausserdem scheint sich die Regierung drum zu kümmern. Vielleicht ist unsere Technologie aber noch nicht so gut wie im Westen.»
Herr Zhang setzt sich wieder ans Ende des kleinen Tisches. Er beugt sich vornüber und schaut mir in die Augen: «China ist und bleibt ein Agrarland. Daher sehen Chinesen Essen als das Wichtigste an. Es geht ums Überleben.» Was kann man also tun, um sauberes Essen zu bekommen? Frau Zhang zuckt mit den Schultern. «Die Leute wollen mehr Geld. Reiche Leute kaufen gesundes Essen.» Bei der Verabschiedung drückt Herr Zhang meine Hand im europäischen Stil. «Kennst du diese alte Redewendung? Jeder Chinese kennt sie: ‹Essen ist der Himmel des einfachen Mannes.›» Er lacht.

Essen ist ein Vertrauensgut, sagt die ökonomische Theorie. Ware, auf deren angebliche Qualität man schlicht vertrauen muss, weil es zu aufwändig wäre, sie zu untersuchen. Jeder müsste ein Labor mit sich herumtragen. Daher ist es in entwickelten Ländern eine Staatsaufgabe, via Gesetz, Kontrolle und Justiz für ausreichende Lebensmittelsicherheit zu sorgen. Nirgendwo wirkt sich die Qualität eines Staatswesens so direkt auf seine Bürger aus wie bei Lebensmitteln. Wir bestehen aus dem, was wir essen.
Im September 2013 zeigen offizielle Fotos Staats- und Parteichef Xi Jinping auf einem Reisfeld. Nachdenklich betrachtet er ein paar grüne Halme. Rundherum unterwürfige Berater. Die Qualität von Lebensmitteln misst sich in harten Fakten. Und Fakten mochten Diktatoren noch nie. Es ist ein Dilemma. 
Premier Li Keqiang hat derweil den Vorsitz einer «Nationalen Lebensmittelsicherheitskommission» übernommen. Essen ist jetzt Chefsache. Chinas Führung hat Angst vor der Wut des Volkes. «Essen ist essenziell, und Sicherheit sollte höchste Priorität haben», verkündete Li kürzlich in ungewohnter Klarheit. Man hört von Food-Razzien. Tausende werden verhaftet, Tausende Richtlinien und Standards erlassen, in Dörfern und auf dem Land. Immer wieder tauchen in chinesischen Zeitungen wie dem Parteiorgan «China Daily» Berichte auf, die beweisen sollen, wie sehr sich der Staat nun um «Food Safety» –  – kümmert. Was allerdings nicht mit plötzlicher Meinungsfreiheit verwechselt werden darf: In China kann man für unverblümte Aussagen zu Lebensmittelfragen derzeit ins Gefängnis wandern. So wie im September der bekannte Unternehmer Charles Xue. Es scheint, dass der grosse chinesische Staat mit seinen 30 Millionen Angestellten alle Waffen gezückt hat. Doch er kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner, gegen ein System, das er selber kreiert hat. Aus dem er selber besteht.
Es ist eine Horror-Reality-Show, was sich die 500 Millionen von der Staatspresse desillusionierten Sina-Weibo-Nutzer via die twitterartige Mobiltelefon-Applikation zusenden. Die Tausenden Schweinekadaver, die letztes Jahr im Huangpu River, einem der wichtigsten Trinkwasserflüsse Schanghais, auf die Metropole zutrieben. Ratte, als Lamm verkauft. In Ziegen-Urin mariniertes Entenfleisch, das als Rind angeboten wurde. Das Schweinefleisch, das im Dunklen leuchtet. Wassermelonen, die vor lauter Düngemittel explodieren. Joghurt aus pulverisierter Schuhsohle. Aluminium im Mehl. Die Website www.zccw.info (kurz für «Schmeiss alles aus dem Fenster») zeigt eine Chinakarte, wo man die Skandale nach Region und Jahr begutachten kann. Klassifiziert nach Kategorien wie Giftig, Fälschung, Abgelaufen usw. Es ist überall. Alles. Möglich. «Nach einer Serie noch makabererer Lebensmittelvorfälle löst das Label ‹Made in China› bei Chinesen mittlerweile Todesangst aus», kommentierte kürzlich das «Wall Street Journal». 

Guangzhou

Chen Da-Ka will trotzdem in den Food-Himmel. Da-Ka – Die Grosse – ist der Künstlername der 29-Jährigen. In der 15-Millionen-Metropole Guangzhou (Kanton), im Süden Chinas nahe Hongkong, ist Chen eine beliebte Foodkritikerin mit Zehntausenden Followern auf Weibo und diversen «Foodie Apps». Auf solchen Plattformen nehmen viele Enthüllungen ihren Ursprung. Hier tauscht man sich via Mobiltelefon über Restaurants aus. Vor allem die anspruchsvollen Jüngeren aus der Ein-Kind-Epoche. Sie haben keine Zeit zu kochen. Der Wettbewerb in den Unis und am Arbeitsmarkt ist zeitraubend.
Für sie ist mittlerweile jedes Restaurant verdächtig. Vor Restaurants, die als «sauber» gelten, bilden sich schnell lange Schlangen. Die langen Schlangen gelten wiederum als gutes Zeichen für Passanten. Die Menschen warten ein, zwei Stunden. Daneben leere Gaststätten. Umso wichtiger werden Restaurant-Beurteilungen auf Mobiltelefonen. Es gibt eigene Food-Safety-Apps. Chen ist bekannt geworden als listige Stimme jener, die kein Gift mehr wollen. Kürzlich veröffentlichte sie ihr erstes Kochbuch. «Die Art, wie wir mit Lebensmitteln umgehen, zeigt, wie wir mit unserem Leben umgehen», steht auf der Rückseite. Die ersten 10 000 Exemplare des Essaybandes «Eine Tonschale voll Rauch und Feuer» waren innert Monaten ausverkauft. «Keine Bilder, weil ich nicht will, dass dumme Leute es lesen», sagt Chen und schaut unschuldig. Mit ihren riesigen Augen, der hellen Haut, dem spitzen Kinn ist die zarte Chen eine auffällige Schönheit. Sie trägt ein türkises 50er-Jahre-Kleid, dazu ein breites rotes Haarband. Sie mag Vintage. «Ich will was Besseres», sagt Chen. «Mir schmeckt das Essen nicht mehr.» Nichts schmecke mehr wie früher. 
Chen hat mich ins «Vlife» in Guangzhou geladen. Das Restaurant liegt in einem belebten Viertel, nahe einer Universität und eines grossen internationalen Hotels, gleich neben einem bekannten Luxusrestaurant. 155 µg/m3. Noch vor zwei oder drei Jahren waren derartige Restaurants in chinesischen Metropolen selten und wurden fast nur von gesundheitsbewussten Ausländern besucht. Seit kurzem werden sie geflutet von Chinesen auf der Suche nach gesunder Nahrung. Die Front ist komplett verglast. «The Green Resolution» steht in grossen Buchstaben auf den Scheiben. Hinter den Fenstern Olivenölflaschen, Holzkisten und eine Bücherwand. Auf der ersten Seite des Menus steht: «Wer du bist, zeigt sich daran, was du isst.» Es gibt Fusion-Food. Die Wirtin, eine Freundin von Chen, empfiehlt gebratenen Reis mit Freilandeiern. Die Schale à 6o ¥. 
«Ich schmecke das, wenn es nicht biologisch ist. Es ist wie bei Tomaten. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Und da haben Tomaten anders geschmeckt», sagt Chen. Seit 2009 kursieren in China Gerüchte, es seien gefälschte Eier im Umlauf. Hergestellt aus Gelatine, Lebensmittelfarbe und Gipspulver. Gar nichts scheint mehr sicher. «Hier kann ich essen, weil ich genau weiss, woher das Essen kommt.»
Auf der Karte des Restaurants werden die Produzenten der Zutaten namentlich aufgeführt. Es ist eine Soziale-Netzwerk-Philosophie, Selbstversorgung im Bekanntenkreis. Autarkie. Zwei Jahre, sagt die Wirtin, eine frühere Texterin der Werbeagentur Saatchi, habe sie gebraucht, um alle nötigen Bauern zu finden. Stolz zeigt sie Kühltheken voll eingeschweisstem Gemüse mit Herkunftsangaben. Das sei ihr eigenes System. Sie hole die Lebensmittel von den Bauern selber. Denn es gebe für Bauern und Zwischenhändler stets den Anreiz, billig produzierte, pestizidverseuchte Ware unterzuschieben. Mit weniger als einem Zehntel des globalen Farmlands muss China ein Fünftel der Weltbevölkerung ernähren. Über die Hälfte der Gewässer und zehn Prozent des Landes sind verseucht mit Schwermetallen oder Pestiziden. Nur wenn sie selber die Lebensmittel hole, könne sie garantieren, dass ‹Vlife› bio sei. Oder es zumindest versuchen. «Vlife tries its best to watch the sources and quality of your food» steht in der Karte.
«Organic bei uns heisst etwas ganz anderes als bei euch», erklärt Chen. «Den staatlichen Biolabels vertraue ich nicht. Ich vertraue niemandem. Niemand vertraut in diesem Land mehr irgendjemandem. Ich vertraue dem, was ich selber gesehen habe. Oder meinen Freunden. Alles müssen wir selber machen. Das heisst organic.» Und das sei aufwendig, erklärt die Wirtin. Ihre Profite seien leider recht gering. Wegen der hohen Kosten der vertrauenswürdigen Zutaten.
Mein Bio-Gemüse-Würstchen-Reis ist mit etwas Käseartigem überbacken. Das Lieblingsgericht der Wirtin schmeckt nach Kindergarten. Da-Ka muss auf ganz schön viel verzichten, um an ihr gesundes Essen ranzukommen, denke ich.
«Sie haben also lieber eine gute Moral als satte Gewinne?», frage ich. Die Wirtin zögert. Chen antwortet: «Gläubig? Religiös? Nein. Wir sind noch böser», sie funkelt. «Ich will die Vuitton-Tasche und das gesunde Essen. Ich will von allem das Beste.»
Wir bestellen uns einen Fruchtsalat. Chens Mann setzt sich zu uns an den Tisch. Ein junger Journalist mit buntem Shirt, «Mad Men»-Brille und Dalí-Bart. Er hat eine Schachtel gebracht. «Ich habe ein Geschenk», sagt Chen und reicht mir die Schachtel. «Das sind Kiwis. Unsere Kiwis.» Chen richtet sich auf. «Schau, wie hässlich sie sind! Das ist der Beweis! Sie sind echt.» Ihre Schwiegereltern hätten angefangen, Kiwis zu züchten. Chen begann die Ernte über die Internetplattform taobao zu vermarkten. 
Der Internet-Direktverkauf gesunder Lebensmittel boomt in China. Der bekannte Online-Supermarkt Yihaodian.com konnte seinen Lebensmittelumsatz 2012 verfünffachen. Ein besonderer Renner: Import-Babymilch. Denn chinesische Babymilch liegt seit dem Sanlu-Skandal wie Blei im Regal. Heute kaufen Chinesen bei Auslandsreisen statt Schweizer Uhren Babymilch. Und zwar so massiv, dass Hongkong Ausfuhrbeschränkungen einführte und Supermärkte in England Limits setzten. Resultat: Babymilch-Schmuggel. Und Importe. Neuseeländische Anbieter exportieren derart grosse Mengen, dass im Juni 2013 gar Neuseelands Währung wackelte, als es kurzzeitig Schwierigkeiten beim Babymilch-Export nach China gab. 

Chen ist schwanger. Weiterhin gilt die Ein-Kind-Politik. Dass Schwangere sogar Strahlenschutzwesten gegen Mobiltelefone tragen, ist in China nicht ungewöhnlich. Ein Interesse an gesunder Nahrung liegt da nahe. «Aber wie könnte man mehr gesundes Essen bereitstellen?», frage ich. «Das ist ein Problem», meint die Wirtin. «Mein Modell lässt sich kaum ausweiten. Dann gäbe es wieder Mittelsmänner. Wahrscheinlich hilft nur der Import.» – «Wir sollten neue Kolonien gründen. In Brasilien, Afrika und Australien», scherzt Chens Mann. Alle lachen. 

Peking

Peking, 14. September, im Hutong nahe Beixinqiao Metro Station, 167 µg/m3. Michael Eddy und ich klettern auf das Dach. Dort steht er, sein Aquaponic. Ein Tank, darauf Grünzeug. Das hat sich der kanadische Künstler nach ein paar Jahren China gegönnt. Als ich es in Schanghai das erste Mal hörte, dachte ich, es sei ein Gerücht, dass mittlerweile in immer mehr Hochhaus-Appartements Chinas diese Tanks blubberten, in denen Grünzeug und Fische gezüchtet werden. «Es ist ein Kreislauf», sagt Eddy. «Wir müssen nur die Fische füttern. Ihre Ausscheidungen füttern den Salat. Und der wiederum säubert das Wasser.» Komplette Autarkie ist der konsequente letzte Schritt. Der individuelle Exit aus einem System, das seinen Teilnehmern nichts mehr zu bieten hat. 
Eddys japanische Frau Emi Uemura hält das Baby. Bald wollen die beiden wegziehen. Rüber nach Kanada. Wo die Luft gut ist, man das Wasser trinken kann. Sich wieder um die Arbeit kümmern kann. Das Kind schreit. Uemura kann mit dem Kind nur an guten Tagen nach draussen. In Peking hat jeder, der es sich leisten kann, nicht nur Wasserfilter, sondern auch Luftfilter im Appartement. 
Vor drei Jahren zog Uemura wegen Eddy nach Peking. Es war ein Schock. Für die essensversessenen Japaner zählt vor allem die Qualität der Zutaten. 200 km nördlich des Stadtzentrums fand die Endzwanzigerin endlich Kleinbauern, die ohne Gift arbeiteten. Sie erzählte das Freunden, die nach gesundem Essen suchten. Man brachte die Bauern in die Stadt und startete so, fast ohne es zu verstehen, eine Art politische Lebensmittel-Bewegung, die sich mittlerweile in ganz China ausbreitet. Während Autarkie ein individueller Schritt aus der Politik ist, startet Politik erst in der Gemeinschaft. Und die begann als Biomarkt.
2010 begründete Uemura den «Beijing Farmer’s Market»: «Ich wollte gesundes Essen», erinnert sich Uemura. Zwei Stände gab es. Am Anfang kamen Freunde. Fast nur Ausländer. Man begann Diskussionen zu Lebensmittelsicherheit zu veranstalten. Ein Farmer's Market nach amerikanischen Modell ist eine demokratische Kooperative, bei der jeder Markstand über Entscheidungen mit abstimmen kann. Dann habe man einen Weibo-Account eingerichtet und es sei explodiert. Hunderte, Tausende kamen, alles Chinesen. Rund 80 000 Follower hat der Sina-Weibo-Account des Bauernmarkts mittlerweile. Während des arabischen Frühlings begann die Polizei zu patrouillieren. Einmal wurde der Markt geschlossen: Versammlungsverbot. Man muss sich fortan mit den Behörden arrangieren. Uemura wurde das alles zu viel, eine Chinesin führt nun die Geschäfte. 
Seit einiger Zeit unterhalte übrigens die Renmin University, Pekings Kaderschmiede, die landesweit wichtigste Biofarm, die Donkeyfarm. «Interessanterweise startete das die Wirtschaftsfakultät», sagt Eddy. Vielleicht ist es ein Testlauf, wie so oft in Chinas Führungsstrategie. Denn es gibt etwas, was Chinas Bürger äusserst wütend macht. Allerorten wird darüber getuschelt. Während das Volk am Essen leidet, isst die Regierung – Bio.  
Denn es gibt ein Biosystem in China, das vielleicht sogar älter ist als jenes im Westen. Ein Netzwerk geheimer staatlicher Farmen und Restaurants. Separate Versorgung der Führungskräfte mit sicherer Nahrung – ein System, das Mao aus der Sowjetunion übernahm. Chinas Topsportler erhalten diese Nahrung – um bei Dopingtests nicht wegen leistungssteigernder Hormone disqualifiziert zu werden. Das Staatsgemüse sei so rein gewesen, erzählt ein Bauer im Monatsmagazin «Atlantic», dass er es direkt vom Feld habe essen können. Vielleicht testet man also derzeit aus, dieses System zu erweitern oder gar öffentlich zugänglich zu machen.

Heute ist der «Beijing Farmer’s Market» im New World Department Store III. Mein letzter Tag im Land. Der verdammte Stau. Ich bin fast zu spät. Ich renne vorbei an Textilien und Kosmetik. Eine Middleclass-Mall. Da! Etwa 40 Stände. Es gibt frische, unbehandelte Milch. Ein Stand verkauft Rosenblütenmarmelade. Da ist Gemüse und sogar Käse. Vielleicht zum ersten Mal seit Beginn meiner Suche vor zwei Wochen sehe ich richtige Lebensmittel. Allerdings sind sie teurer als in der Schweiz. Sogar teurer als Importprodukte. Es muss in China sehr aufwändig sein, so zu produzieren. Und die Kunden sind bereit, jeden Preis zu zahlen. 
Eine Kundin ist Michelle Garnault, Inhaberin der edlen Restaurantgruppe «M». Bei ihr essen Diplomaten, Parteikader und Wirtschaftsspitzen. Ein paar Tage zuvor hat sie in Schanghai ein kleines Business-Dinner veranstaltet, bei der ein Chiquita-Vertreter darüber referiert hatte, dass das weltgrösste Bananenunternehmen zwei Jahre lang ganz China abgesucht habe, nur um fünf Anbauorte zu finden, die sauber genug für die Aufzucht ganz normaler Bananen waren. Garnault stellt mir Chang Tianle vor. Sie trägt einen grossen Jutesack. Darauf steht: «I own it». Chang ist die neue Leiterin des «Beijing Farmer’s Market». Eine Frau mit kräftigen Wangenknochen und selbstbewusstem Auftreten. «Ich muss los. Auf ein Essen. Aber komm doch mit», sagt sie freundlich, «zu einem richtigen Fest!» Sie reicht mir eine Schachtel. «Öffentlichkeit ist sowieso Teil von unserer Agenda.» 
Draussen fährt ein nagelneuer schwarzer Volkswagen vor. Am Steu- er sitzt ein junger Mann, der einladen hilft. «Stop the CO2» steht auf seinem T-Shirt. Ich hebe meine Pappschachtel in den Kofferraum. Sie eine Tüte mit Gemüse. «Ein Freiwilliger», sagt Chang, die sich im amerikanischen Stil duzen lässt, «er hilft dem Farmer’s Market». Wir sinken in die Rücksitze. Tianle ist 34. Früher habe sie für eine Genfer Nichtregierungsorganisation Freihandelsabkommen mit China überwacht. Der Farmer’s Market sei ein riesiger Erfolg. Man habe die Kapazität verdoppelt. Er finde jetzt dreimal pro Woche statt. Man rechne mit mehreren Hunderttausend Besuchern im Jahr. Wir fahren zwischen Hutongs und Hochhäusern vorbei. Entlang eines Kanals zieht sich ein Slum, Bretterbuden voll Graffiti. Sie überlege die Ausweitung des Handels. So etwas wie ein chinesisches Whole Foods. «Der Bauernmarkt ist unser Versuch, in diesem Horror eine Insel zu bauen.» Nur mit der Demokratie habe es noch nicht geklappt. «Die Bauern sind noch nicht bereit dafür.»

Wir landen in einem schwarzen Appartementkomplex mit verspiegelten Scheiben. Am Empfang vorbei ein paar teppichbelegte Stufen hoch. Ein luxuriös mit Teppichen und Sofas ausgekleideter Dinner-Room. Ein ausgelassenes Dutzend an einem runden Dinnertisch. Eine Flasche Moët & Chandon. Ein offizielles Restaurant ist das nicht. Ich stelle den Pappkarton ab. Livrierte Kellner tragen immer neue Schalen mit Bergen von Hummern und Wollkrebsen auf. «Organic Farmer haben uns die Krebse geschenkt. Aus Dankbarkeit. Weil sie bei uns auf dem Markt verkaufen können. Wir sollen sie testen», sagt Tianle. Im ganzen Raum knistert und knackt es zufrieden.
Bald türmen sich vor uns Berge von Schalen. Die Tiere sind eines der höchsten Statussysmbole im gegenwärtigen China. Sie wachsen nur in sauberem Wasser. Ein Krebs in bester Qualität kostet in Restaurants 500 ¥. Den Monatslohn eines Farmers. Was für ein Fest ist das genau, frage ich mich. Eine bescheidene Bio-Party? Ein etwa vierzigjähriger Mann mit rasierter Glatze und Brooks-Brothers-Shirt zeigt mir stolz eine ausgegessene Krabbe, die er adrett wieder zurechtgelegt hat. Ein altes Spielchen des reichen Adels. «Das kann ich in acht Minuten!», lacht er. Eine ältere Dame nähert sich Tianle und flüstert ihr hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Irgendwie hat die neue Leiterin des Farmers Market etwas Staatstragendes, denke ich. Dabei war das doch als Gegenmodell gedacht. 
Tianle stellt mir eine gedresste Freundin Ende zwanzig vor. «Schau», sagt sie und nimmt das weisse iPhone der Freundin, «ihr Mann war früher Anwalt für geistiges Eigentum. Er ist jetzt Farmer geworden. Wo ist das Bild? Ah, da.» Ein Schnappschuss, die hübsche Freundin posiert mit einem Salat vor einem Bio-Marktstand. «Sie hilft ihrem Mann zu verkaufen! Toll, nicht?» Die Freundin öffnet die Pappschachtel, ein paar der Gäste zücken ihre Handtaschen. «Sonst ist sie Musikerin …» Ein Schnappschuss. Die junge Frau in einer grünen Armeeuniform. Vor sich ein Cello. «… im Orchester der Volksbefreiungsarmee.»
Mir wird klar, wo ich hier bin. Mit dem Orchester trat auch Peng Liyuan auf. Eine Erinnerung, wie die bekannte Sängerin Peng 1989 am Tiananmen-Platz direkt nach dem Massaker an Oppositionellen den Soldaten Autogramme auf ihre Helme gibt. Die Gattin von Xi Jinping, dem Präsidenten von China. 
«Ich war früher übrigens auch Journalistin», sagt Tianle. 
«Bei ‹China Daily›.» 
Ich schlucke. Die Parteizeitung. 
«Hast du noch Freunde da?», frage ich. 
«Oh ja!», lächelt mich Tianle an. 
Vor mir liegt die geöffnete Pappkiste. In Reih und Glied liegen darin, getrennt durch Kartonstreifen, einzeln umwickelt mit Plastikfolie, aussenherum noch schützendes Styropor, Äpfel. Die Cellistin greift hinein. Schnell packt sie sich drei Äpfel in ihre Tasche. Schau, sagt sie. «Bioäpfel.» Sie nimmt einen heraus, lächelt mich an, hält ihn mir hin.

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