China auf der Zunge

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Essen ist für die Chinesen auch Medizin, Kunstform und Geschichte. Doch mittlerweile ist es ihre grösste Angst.

Hannes Grassegger

Süsssauer. 
So schmeckt ein Apfel. 
So riecht ein Apfel. 
Nicht wahr? 

Als sie mir den Apfel hinhält, da riecht er genau so, wie ein richtiger Apfel eben riecht. Dennoch ist er ganz anders als diese glänzenden, rosa-, fast pfirsichfarbenen, zuckersüssen und dünnhäutigen Äpfel, die man sonst an Chinas Obstständen und in Supermärkten findet. Er ist von einer gelblichen Sorte, matt, mit dickerer Haut, ein paar kleinen roten Sprenkeln. Vor allem ist er nicht perfekt. Die Haut ist ein bisschen weich, so wie das eben passiert nach ein paar Tagen Apfelleben. Und es gibt diese holzartigen Pünktchen auf seiner Haut. Ich bin kein Apfelexperte. Wer ist das schon? Er erinnert mich an Äpfel aus meiner Kindheit. Sie sieht mich an, ihre Mandelaugen glitzern. «Good Apple», sagt sie. Ich drehe die Frucht in meinen Händen. Wut steigt in mir hoch. Ich lege den Apfel zurück in die Pappschachtel, verabschiede mich eilig. Schnell die mit weichem, goldbraunem Teppich belegten Stufen hinunter, raus aus dem verspiegelten schwarzen Appartementkomplex, ein Taxi von der zehnspurigen Stadtautobahn fischen. Richtung Huohai District.

Stau. Ich checke meine Smog-App. Smogwarnung erfolgt in der Schweiz ab 75 µg/m3. Die höchste Smogstufe ist 150 µg/m3. Offenes Feuer ist dann verboten. Der Verkehr wird strikt reguliert. Als ich vor ein paar Tagen in Peking ankam, glitt ich durch ein graues Nebelmeer, in dem die Spitzen der Wolkenkratzer versanken. Der Taxichauffeur sang mit rauer Stimme «Hey Jude» von den Beatles und schenkte mir eine hellblaue Atemmaske. 300 µg/m3.
Über eine Million Chinesen starben 2010 nach Angaben des Medizinjournals «Lancet» einen Smog-bedingten Tod. Doch Umweltzerstörung ist ein vergleichsweise abstraktes Risiko für die meisten Chinesen. In Umfragen steht es an vierter oder fünfter Stelle ihrer Sicherheitsbedenken. Smog ist schliesslich landesweit durchschnittlich nur an jedem zweiten Tag und vor allem in Städten. Auch der Vorschlag des britischen Historikers Niall Ferguson, die Einführung eines westlichen Gesundheitssystems sei «die Killer-App», um zum Westen aufzuschliessen, dürfte nicht so schnell umgesetzt werden. Das desolate Gesundheitssystem war 2012 nur die drittgrösste Sorge der Bevölkerung, direkt nach der öffentlichen Sicherheit, die lediglich knapp der Hälfte aller Chinesen Sorgen bereitet. Das Problem, das hingegen acht von zehn Personen in Chinas Städten für ihr grösstes Risiko halten, ist viel essenzieller. Und alltäglicher.  
Seit Jahren hört man ausserhalb Chinas immer wieder von seltsamen Lebensmittelskandalen. Rattenfleisch, das als Lamm verkauft wird. Eigelb, gefärbt mit Schwermetallen, vergiftete Babymilch. In China hört man so etwas beinahe täglich. Seit über zehn Jahren. Essen ist gefährlich geworden. Und das in einer Gesellschaft, in der Essen mehr als nur Verpflegung ist, sondern ebenfalls: Medizin, Kunstform, Geschichte und Gemeinschaft.
Die «CN Air Quality»-App zeigt grün. 83 µg/m3. Ich lasse mich in den Sitz zurückfallen. Sonntag, 15. September 2013, 17 Uhr 30. Noch zwölf Stunden bis zum Heimflug. Vor zwei Wochen war ich angereist, um in China zu kochen. Ich wollte herausfinden, wie die Menschen mit diesem Zweifel umgehen. Was es heisst, bei jedem Essen Angst zu verspüren. 

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