Christian sammelt aus Angst vor Verlust

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Er fotografiert Toiletten, hortet Türkeile und notiert seine Schlafzeiten.

Dmitrij Kapitelman

Pauschale Urteile sind in der Regel wie lausige Boxer. Schnell gefällt und danach nutzlos. Da dies gesagt ist, besuchen wir einen 37-jährigen Mann in Basel, der sämtliche Toiletten, die er zum ersten Mal aufsucht, fotografiert. Ausserdem Türkeile, Schlüssel sowie Vermisstenanzeigen sammelt. Und Quittungen, die er in einem Wäschekorb lagert. Sein Name ist Christian Mueller. In der Korrespondenz mit Reportagen schrieb Mueller, dass er vermehrt Dinge bei sich behalte, weil er nichts verlieren wolle – weder Objekte noch Erinnerungen. Schon als Kind habe er gesammelt und gesammelt und gesammelt, um nicht loslassen zu müssen. Der Gedanke, dass etwas unwiederbringlich verschwindet, ängstigt Mueller. Ausserdem stand in seinem Brief etwas eher Abstraktes, leicht Überlesbares von der Faszination für unbewusste Gestaltung. Mit diesen Eigenheiten im Kopf ein pfiffiger Vorschlag für das erste persönliche Treffen: Gehen wir doch gleich gemeinsam ins Basler «Grand Casino», einen Tempel der Verluste.

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