Chronisch todmüde

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Der Sohn leidet unter einem seltenen Erschöpfungs-Syndrom. Kann sein Vater – ein führender Gen-Forscher – helfen?

Marc Bädorf

An einem frühen Morgen im Dezember des Jahres 2015 drückt ein dreissigjähriger Mann, der den etwas ungewöhnlichen Namen Whitney Dafoe trägt, den Klingelknopf direkt neben seinem Bett, um seine Eltern von seinem, wie er sich sicher ist, kurz bevorstehenden Tod in Kenntnis zu setzen.

Schrill durchschneidet die Klingel die Stille im Haus der Familie Dafoe im Zentrum Palo Altos in Kalifornien und reisst oben im zweiten Stockwerk Whitneys Eltern Ronald Davis und Janet Dafoe aus dem Schlaf. Davis, ein Genetiker, der früher biochemische Forschungen betrieb, wirft die Bettdecke beiseite und eilt über eine gewundene Holztreppe hinunter ins Erdgeschoss. Dort biegt er nach rechts in einen langen Flur ab, an dessen Ende sein Sohn seit nunmehr drei Jahren in einem Raum mit zugezogenen Vorhängen liegt.

Durch die Fenster auf der rechten Seite des Flures fallen die ersten Sonnenstrahlen. Davis hebt seine Hand, schützt seine Augen vor dem Licht, in das er, durch den Flur eilend, immer wieder tritt. Die Sonne scheint auf die Gemälde, die an der linken Wand des Flurs hängen, surrealistische Porträts, in deren Rahmen kleine Post-it-Zettel stecken. Zettel, die Whitney Dafoe beschrieben hat, als er noch die Kraft hatte, einen Stift zu halten. Die ersten Zettel sind noch sauber beschrieben, in klaren Buchstaben und ordentlichen Reihen, später dann werden die Buchstaben grösser und die Schrift krakeliger. Der Verfall beginnt.

Ich bin Sand, steht auf einem der Zettel, und wenn jemand mein Zimmer betritt, ist er der Wind, der mich in alle Richtungen auseinandertreibt.

Davis durchmisst den Flur. Wenige Meter bevor er das Ende erreicht, verlangsamt er seinen Schritt. Er tritt nun vorsichtig auf, beinahe sanft, versucht, so wenige Geräusche wie möglich auf dem Parkett zu machen. Vor der Tür, hinter der sein Sohn liegt, bleibt er stehen. Ringsherum sind die Haustüren geschlossen, die Vorhänge zugezogen. Es ist kurz nach sieben.

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