Ciao bella Svizzera

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Nach vierzig Jahren als Gastarbeiterin kehrt Grossmutter nach Italien zurück. Eine Heimatsuche.

Sarah Serafini

Seit meine Nonni nach Italien zurückgekehrt sind, sehe ich sie nur noch selten. Höchstens einmal im Jahr. Im Sommer 2000 fuhren sie für immer weg. Manchmal rufe ich in Italien an und sage tanti auguri oder buon natale. Die Stimmen im Telefon klingen, als seien sie nur ein Haus weit entfernt. Wenn ich Nonna frage, wie es geht, weint sie in den Hörer. «Wann kommst du mich wieder einmal besuchen?», fragt sie. Dann rufe ich noch seltener an und immer mit einem schlechten Gewissen.

Mein Vater macht sich heute Vorwürfe. Er habe die Grosseltern nie gefragt, ob sie ihre Entscheidung gut durchdacht hätten. Er wusste, dass Nonna nicht zurückwollte, doch der Grossvater sagte jedes Jahr, bald gehe er. Bis er sich frühpensionieren liess und der Umzugstermin eines Tages feststand. Nonno sagt, es sei alles perfekt dort unten. Das Einzige, was ihm fehle, seien seine Kinder und seine Enkelkinder. Er kann es besser wegstecken als meine Grossmutter.

Als die Grosseltern fortgingen, war ich 12 Jahre alt. Sie wohnten in einer Blockwohnung im dritten Stock in Wolfhausen. Ich sehe Nonna in der Küche stehen, um die Hüfte eine Schürze gebunden. Es riecht nach Essen, Lasagne, Papas Lieblingsgericht. Nonno sitzt im Esszimmer, eine Flasche Wein vor sich. In meiner Erinnerung ist die Flasche riesig und steht in einem Korb. Nonna hat eine Katze mit schwarz-­weissem Fell. Eines Tages liegt die Katze tot auf der Strasse vor dem Haus. Sie haben einen Garten. Grossvater fährt mit dem Auto hin, weil er weit weg ist, Grossmutter manchmal mit dem Fahrrad. Der Garten ist gross, ich spiele Verstecken mit meinem Bruder. Es gibt Hühner, Hasen und Gemüse. Bevor die Nonni nach Italien zurückfahren, machen sie ein Abschiedsfest im Garten. Viele Leute weinen.

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