Claude gerät in den Aufstand der Tibeter

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In Lhasa bricht 2008 das Chaos aus – und reisst Touristen mit.

Andres Eberhard

Gestern konnten wir immerhin noch sehen, wer hier gegen wen kämpfte. Heute zeugen nur noch schwarze Rauchschwaden am Himmel von dem, was auf den Strassen Lhasas vor sich geht. Explosionen, Schüsse, ein verkohlter Geruch steigt in meine Nase. «Es riecht nach verbranntem Fleisch», sagt ein dicker Amerikaner, der von sich behauptet, in der US-Armee gedient zu haben. Idiot, denke ich, du hilfst uns auch nicht weiter. Seit Stunden sind wir bereits in diesem Innenhof eingeschlossen. Hoffentlich stürmen sie nicht auch noch unser Hotel.

Von Anfang an war ich wie elektrisiert von Tibet. Dieses Licht, diese Berge! Neun Monate war ich schon unterwegs, zwei weitere lagen vor mir. Ich war 25 und wollte mein altes Leben gegen ein neues eintauschen. Meinen Lehrerjob hatte ich gekündigt, um einen Reiseführer über das Mountainbiken im indischen Himalaja zu schreiben. Mein Rad, das ich in China aufgegeben hatte, war allerdings nicht in den Zug nach Tibet verladen worden, so dass ich einige Tage als Tourist in der tibetischen Hauptstadt Lhasa verbringen musste. Als ich am 8. März 2008 ins Hotel Yak eincheckte, konnte ich nicht wissen, dass ich Augenzeuge der grössten Unruhen in Tibet seit zwei Jahrzehnten werden sollte. Ich ahnte auch nicht, dass in mir etwas zu Bruch gehen würde.

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