Damals auf dem Tahrir

Abends treffen sich Ägyptens Intellektuelle in der Happy City Bar.

Jonas Lüscher

Der Weg zum Glück führt durch einen Bogen, der fiept und blinkt, denn alles setzt sich über das Gerät hinweg, und keiner müht sich, seine Taschen zu leeren. Pfund und Piaster bleiben, wo sie sind, die Mobiltelefone in der Hand, die Uhren am Arm, und der Wächter über das elektronische Tor, in seiner knittrigen weissen Uniform der Tourist and Antiquities Police, das schwarze Béret im Schoss, bleibt hingefläzt und ungerührt in einem gepolsterten Sessel, den er sich aus der Lobby hergezogen hat, mit einer Langeweile, die ihm ins teigige Gesicht geknetet ist, als ob sie sich von dort nicht vertreiben liesse, selbst wenn die barbarischen Gog und Magog Einlass begehrten, um alles aufzufressen und auszutrinken, was es in Happy City gibt, und damit das jüngste Gericht ankündigten. Der Mann, wiewohl nicht jeden Abend derselbe, bleibt doch immer in seiner Ungerührtheit der gleiche und stellt nie ein Hindernis dar.

Das Piepsen des Metalldetektors im Ohr, wendet man sich scharf nach links, passiert die eng gestellten Sitzgruppen, lässt rechter Hand ein seltsames Arrangement aus Topfpflanzen, grob geschnitzten, hölzernen Fliegenpilzen und trüben Aquarien, in denen schemenhaft die Fischleiber treiben, hinter sich und steuert einen der beiden Fahrstühle an, ohne dass man dabei die Rezeption passiert hat, die sich hinter der Treppe verbirgt.

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Mahmoud ist meistens der Letzte, der am Polizisten vorbeigeht und das obligate Piepsen auslöst, so wie er überhaupt gerne ein, zwei Schritte hinter der Gruppe geht, und dennoch schafft er es jeden Abend, mit seinen langen Armen, über die Köpfe seiner Freunde hinweg, nach der Fahrstuhltür zu greifen und sie für die anderen offen zu halten. Die Schultern etwas eingesunken, die langen Füsse gerade nebeneinander, winkt er mit seiner freien Hand die gutgelaunte Truppe in die enge Kabine, stellt sich als Letzter dazu und drückt den Knopf für die siebte Etage. Der Spiegel an der Rückwand verfehlt seinen Zweck, Weite vorzutäuschen, und erhöht stattdessen, die Körper verdoppelnd, den Eindruck der übervölkerten Enge. Nicht, dass das Mahmoud überhaupt auffallen würde, hat er doch die Fähigkeit perfektioniert, auch in den beengtesten Verhältnissen eine Handbreit zwischen sich und seinem Nächsten zu lassen. Es ist eine Distanz zwischen ihm und der Welt; ein kleiner Mann, der sich in einen grossen, etwas schweren Körper zurückgezogen hat und Bescheidenheit, Schüchternheit und Melancholie wie einen schützenden Mantel trägt, und als habe er sich selbst dafür zu entschuldigen, begegnet er der Welt mit ausgesuchter Höflichkeit und einer altmodisch anmutenden Galanterie.

Selbst in einer Stadt wie Kairo, in der in manchen Vierteln hunderttausend Menschen auf einem Quadratkilometer leben − das ist, als lebten in der Stadt Zürich neun Millionen Menschen − und es manchmal schwer scheint, auch nur für einen Augenblick allein, das heisst mehr als eine Armlänge vom nächsten entfernt zu sein, macht sich in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Schliessen der Tür und dem Augenblick, in dem sich die Kabine in Bewegung setzt, jene Beklemmung breit, die offenbar alle Fahrstühle der Welt beherrscht und die entweder ausgehalten wird und damit Stockwerk für Stockwerk zu einer zähen Masse gerinnt, oder einer hält es nicht aus und zerreisst das Schweigen mit einem schmutzigen Witz, auf den mit einem verschwitzten, pennälerhaften Gackern geantwortet wird.

Gut möglich, dass Mahmoud währenddessen seine Augen mit den langen Wimpern, hinter den dicken Gläsern seiner eckigen Bifokalbrille, auf den vorbeigleitenden Putz heftet, speckig und voller senkrechter Striche, die Türen mit dem zerkratzen Lack und den länglichen Milchglasfenstern, hinter denen sich verschwommen die Hotel­flure erahnen lassen, die bedächtig nach unten wegsacken, und dass er, Mahmoud, der Erste ist, der irgendwann zwischen der sechsten und der siebten Etage die Musik hört, die rasch lauter wird, während auf sein Gesicht ein farbig blinkender Schein durch das letzte Milchglasfenster fällt und sich mit der gedämpften Musik zu einem rasch herbei­gleitenden Versprechen von Glückseligkeit vermischt. Ein Versprechen, das sich mit dem Aufstossen der Tür konkretisiert: Eine tremolierende Stimme, Vierteltonschritte, ein Orchester, wie aus Buttercrème, dazu die Trommeln, die Oud und das Tamburin. Wenn der Wind vom Nil her weht, steht der beissende Rauch im engen Durchgang, der vom Holzkohlengrill ausgeht und einen Duft nach gebratenem Hammel verteilt. Das Blinken kommt von einer mit bunten Lämpchen besetzten Tafel, die gegenüber dem Fahrstuhl hängt und den Gast zweisprachig begrüsst: AHLAN WA-SAHLAN, WELCOME. Willkommen in der Happy City Bar.

 

Die tätowierten Kreuze sind Zeichen einer Bruderschaft

 

Eine Weile zuvor, in den frühen Abendstunden, die noch den Kellnern gehören, zwischen sechs und neun, sind die Gäste spärlich auf der Dachterrasse verstreut. Ein paar Touristen, die früh wieder in ihr Hotel zurück wollen, weil sie sich später nicht mehr auf die Strasse trauen, einige Gäste aus dem Haus, die sich die Zeit bis zum Abendessen mit ein paar Flaschen Stella vertreiben. Der Service ist nachlässig. Die Hälse der geöffneten Bierflaschen zwischen die Finger geklemmt, bewegen sich die Kellner träge zwischen den leeren Stühlen aus Polyrattan und den quadratischen Tischchen mit den Kunststoffplatten. Mit dem Offerieren von Mezze beschränkt man sich vorerst auf das Nötigste, ein Tellerchen Lupinensamen mit einer halben Limette dekoriert, ein Schälchen Kichererbsen, die den schweissigen Geruch nach gemahlenem Kreuzkümmel verströmen.

Gegen sieben taucht Wagdy auf und stellt sich zu seinen Kollegen an die Bar. Mit angewinkelten Ellenbogen schlagen sie ihre Handflächen zusammen, verhaken ihre Daumen, als wollten sie sich im Armdrücken messen, ziehen das Gesicht ihres Gegenübers über ihre eigene Schulter, zum angedeuteten Wangenkuss, und dabei legen sich die kleinen tätowierten Kreuze auf ihren Handgelenken übereinander, dieses Symbol ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer koptischen Identität, das ganz nach politischer Grosswetterlage wieder zum Stigma werden kann. Hier, über den Dächern von Downtown Cairo, in der Happy City Bar, sind die Kreuze das Zeichen einer Bruderschaft, die sich unbelastet von religiösen Verboten dem Ausschank von Alkohol widmen darf, damit sich kein Muslim mit der doppelten Sünde belasten muss, nicht nur dem Alkoholkonsum zu frönen, sondern sich auch noch daran zu bereichern, genügt doch der mehrheitlich muslimischen Kundschaft bereits die Last, die mit der ganz persönlichen Verfehlung einhergeht. Eine jener stillen Vereinbarungen, die von jeher das fragile Gleichgewicht multireligiöser Gesellschaften in der Balance halten. Was jener nicht darf, ist dem anderen erlaubt, und so verlassen sich die Bewohner Kairos seit langem darauf, dass ihnen die Kopten das Bier servieren und ihre Schweine, mit denen sie in garbage city die Strassen und Hinterhöfe teilen, den organischen Müll verwerten, so wie sich früher die Kairoer Juden, als es in Kairo noch Juden gab, der Dienste ihrer nichtjüdischen Nachbarn bedient haben, die für sie am Sabbat das Licht ein- und ausschalteten.

 

Wagdy arbeitet seit sechs Jahren sechs Nächte die Woche

Wagdy fixiert seine Schuhspitzen, legt dann den Kopf in den Nacken und starrt einen Augenblick in das kalte Licht der spiralförmigen Sparlampen, die, eingeschraubt in bunte Lampions, in Dreiergruppen unter der Markise hängen, in der Hoffnung, die schneidende Helligkeit vertreibe den trüben, bröckeligen Film, der sich zwischen ihn und die Welt geschoben hat. Es ist die Müdigkeit, die über die Jahre eine stoffliche Form angenommen hat. Wagdy ist immer müde. Wagdy weiss gar nicht mehr, wie es ist, nicht müde zu sein. Wagdy ist müde, seit er vor sechs Jahren in der Happy City Bar zu arbeiten begonnen hat, sechs Tage die Woche, von abends um sieben bis morgens um sieben. Am schlimmsten ist die Müdigkeit, wenn er morgens auf die Strasse tritt, sich von seinen Kollegen verabschiedet und mit schmerzendem Kreuz seinen gedrungenen Körper die hundert Meter zur Metrostation schleppt, die nach Muhammad Naguib benannt ist, dem ersten Präsidenten Ägyptens, der von seinem Waffenbruder Nasser, nach nur drei Jahren Regierungszeit, für 18 Jahre in den Hausarrest geschickt wurde. 18 Jahre Hausarrest. Das wäre kaum das schlimmste Schicksal für einen wie Wagdy, könnte er dann doch die Nacht zur Ruhe nutzen, für die sie der Herrgott schliesslich vom Tage hat unterschieden, und die Tage könnte er mit seiner Familie verbringen, seiner Frau, die er vor kaum zwei Jahren geheiratet hat, und seiner Tochter, die bald ihre ersten Schritte gehen wird; einen Moment, den er ziemlich sicher verpassen wird, weil er ihn entweder bei zugezogenen Vorhängen, das Kissen gegen den Strassenlärm auf dem Gesicht, in seinem Schweiss gebadet, verschläft oder ein Tablett mit Bierflaschen über eine Dachterrasse in Downtown balanciert.

Eine halbe Stunde fährt die Metro nach Shubra, zu kurz, um zu schlafen, und es ist um diese Zeit sowieso selten ein Platz frei. Lärmend drängeln sich die Schüler in den Wagen, Schüler, wie sie Wagdy unterrichten würde, hätte er sich nach seinem Zeichenlehrerstudium für den Schuldienst entschieden, aber mit einem Lehrerlohn lässt sich in Kairo längst keine Familie mehr ernähren, also wäre es darauf hinausgelaufen, nebenher Taxi zu fahren, da kann er sich gleich im Happy City die Nächte um die Ohren schlagen. Damit kann er sich wenigstens die Familie leisten. Eine Familie, die er allerdings, genau wegen dieses Jobs, kaum zu Gesicht bekommt, aber ohne diesen Job könnte er sie sich nicht leisten, diese Familie, wobei er doch wegen dieses Jobs, dessentwegen er sich die Familie leisten kann, die Familie kaum sieht, diese Familie, die er sich nur leisten kann, weil er kaum etwas von ihr hat  … und plötzlich weiss er nicht mehr sicher, ob er den Job eigentlich macht, weil er die Familie hat, oder die Familie hat, weil er den Job macht, oder ob das letzten Endes nicht auf dasselbe hinausläuft … Er sucht nach Klarheit in seinem mürben Schädel, aber das gelingt ihm in letzter Zeit immer schlechter. Manchmal weiss er nicht mehr, was wann war, und mühsam muss er, sich an Äusserlichkeiten und Nebensächlichkeiten klammernd, das eigene Leben in die richtige Reihenfolge bringen. Die Korrespondenz mit den Behörden, das Zahlen der Strom- und Wasserrechnung, die Verwaltung seines Kontos, das hat er alles seiner Frau übergeben. Es fehlt ihm an der nötigen Konzentration, und es fehlen ihm manchmal die Worte, und wenn er sie findet, bringt er sie nicht in die richtige Reihenfolge, und mit den Zahlen ist es noch schlimmer, sie ergeben kaum mehr Sinn. Ihm ist, als sei alles von einer bröckeligen Konsistenz; es reiche, mit dem Fingernagel an der Zeit zu kratzen, und das Leben stürze ein wie eine Mauer aus Sand. Kurz vor Kolleyyet El-Zeraa taucht die Metro aus dem Untergrund auf, und das helle Tageslicht schlägt ihm ins blasse Gesicht.

 

Das ist Mahragan, die Musik der Jugend aus den Armenvierteln Kairos

Wagdy blinzelt mit seinen kleinen Augen in das weisse Licht, aber es hilft nicht, also geht er hinter den Tresen und sucht nach dem rosa USB-Stick, steckt ihn in die Hi-Fi-Anlage und drückt play. Die Musik stolpert aus den Membranen, ein Beat, zusammengeflickt aus dumpfen Bässen, einer synkopischen Darbuka und einer hart geschlagenen Glocke, die unaufhaltsam über jeden Break hinwegmarschiert wie eine Invasionsarmee, dazu ein hektisch geschüttelter Schellenkranz. Knacken und Rauschen, digitale Artefakte, Hinterlassenschaften der raubkopierten Software und der hohen Kompressionsrate. Eine Melodie schwingt sich auf den Rhythmus wie auf ein durchgehendes Pferd und gibt dem Song die Sporen. Das Instrument ist undefinierbar und versucht nicht einmal seine Herkunft aus den Eingeweiden eines billigen Synthesizers zu verbergen. Das Keyboard, in Halbtonschritte gezwängt, wird mittels des Pitchrades in die arabische Tonleiter verschleppt. Dann setzen die kehligen Laute ein. Aus dem Rachen rasseln die Konsonanten, jede Zeile endet mit einem langen Vokal, wie eine unaufhaltsame Kette von gebellten Befehlen. Der zweite Sänger antwortetet dem ersten, die Stimme, mittels Autotune, zu einem grotesken metallischen Scheppern verzerrt, taumelt tremolierend über der prekären Konstruktion, die, wie ein aus dem Tritt Geratener, den eigenen Schwung nutzt, um nicht zu fallen, und dem Ganzen eine sture, vorwärtshastende Beharrlichkeit verleiht. Das ist Mahragan, die Musik, die, von den Armenvierteln ausgehend, in den letzten Jahren die Stadt überschwemmt hat, aus den geöffneten Fenstern der Taxen dringt, mit treibendem Beat die Partyboote, die um die Nilinseln kreisen, unter Dampf setzt und, beinahe zur Unkenntlichkeit verzerrt, aus den Mobiltelefonen der dahinschlendernden Jugendlichen lärmt. Die Texte sind direkt und nicht selten vulgär oder zumindest das, was in Ägypten dafür gilt; nur selten offensichtlich politisch, aber fast immer kritisch, einfach, indem sie vom Leben in den Strassen berichten, auf keinen Fall nostalgisch und fern von jenem sentimentalen, bittersüssen Liebesleid, mit dem beinahe jedes ägyptische Lied überzuckert ist. Mahragan ist die Stimme der Jugend, und in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter 25 ist, hungrig auf Zukunft und arm, mit wenig Aussicht auf Besserung, regiert von einer Kaste brutaler Militärs, Ersatz für eine Riege graubärtiger, religiöser Eiferer, die einen greisen Despoten abgelöst haben, muss sie laut und drängend sein, fordernd und respektlos, ausgelassen und nach vorne schauend. Ausgestattet mit jenem Optimismus, der eine Hochzeit in jungen Jahren, die einem von gesellschaftlichen Konventionen und familiären Traditionen alternativlos aufgezwungen wird, in ein Fest verwandeln kann, ist Mahragan der Soundtrack zu diesen Feiern.

Gefeiert wird am Grund einer Schlucht, auf Sand und Staub und Strassendreck, in einer Schneise, gerade breit genug für ein schmales Auto. Senkrecht ragen die Wände hoch. Aus Ziegel, Zement und Beton. Skizzierten Zinnen gleich, ragen die Armierungseisen über die Dächer, damit man, wenn wieder Geld da ist, noch eine Etage oder zwei weiterbauen kann. Die Fenster sind zufällig verteilt, der Rest sind schwarze Rechtecke, faule Zähne in einem greisen Mund. Von weitem sehen sie aus wie ausgebombt, diese Wohnviertel; von europäischen Urbanisten euphemistisch als informelle Siedlungen bezeichnet, folgt ihre Planung den Gesetzen der Gier, des Schlendrians, der Korruption und der schieren Not. Hier gibt der Mahragan den Takt an. Besonders bei den Hochzeitsfesten, die in den engen Gassen gefeiert werden. Hunderte sind geladen, und Hunderte tanzen. Die jungen Männer Leib an Leib, von einer Mauer zur anderen, schwenken dabei Laserpointer, deren dünne Strahlen die staubige Luft zerschneiden. Oder pyrotechnische Fackeln, die einen Teppich aus Rauch über die Köpfe der Feiernden legen. Und wenn das Geld für Feuerwerk fehlt, tut es auch ein Feuerzeug und eine Dose Haarspray, mit denen flüchtige Feuerbälle in den Himmel geschickt werden. Die Bewegungen der Tanzenden stehen im seltsamen Kontrast zu den staccatoartigen Rhythmen, die einen mit ihren Offbeats dazu verleiten, den Kopf wie ein aufgescheuchter Vogel ruckartig vor und zurück zu bewegen und dabei aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen. Stattdessen geraten die Tanzenden in einen Zustand der erhöhten Viskosität, alles gleitet und fliesst. Die Glieder schlenkern, als seien sie aus Kautschuk, die Leiber winden sich in immer neuen Wellen, die Arme streichen über den eigenen Körper und verlieren sich in der Luft. Es ist, als streiften sie ihre noch jungen Häute ab, entledigten sich damit ihrer vorhersehbaren Zukunft und schwämmen mit freien Zügen in den schmalen Streifen Himmel, der über ihren Köpfen ruht.

Doch sie entkommen ihrem Leben nur für die Stunden der Feier, so wie auch für Wagdy die belebende Wirkung des Mahragan nur von begrenzter Dauer ist, denn spätestens, wenn die ersten Stammgäste auftauchen, muss der Mann hinter dem Tresen eine der üblichen Playlisten starten, ein Potpourri aus ägyptischen Klassikern der letzten 60 Jahre. So will es der Chef, und so wollen es die älteren Herren in ihren leichten Sommerhosen mit den scharfen Bügelfalten und den akkurat geplätteten Hemden, die über die Bäuche spannen und ausladend über den Hosenbund fallen. Majnun, sagen sie, verrückt, wenn sie den Mahragan hören, und bewegen drei Finger an der Schläfe, als sässe da eine Schraube locker.

Ab neun wird es voller, und Wagdy hat keine Zeit mehr für seine Müdigkeit. Es ist täglich dieselbe Routine, es sind dieselben eingeschliffenen Bewegungen, dieselben kurzen Dialoge, und dennoch wird seine ganze Aufmerksamkeit gefordert. Nur manchmal, wenn er sich für eine halbe Minute an den Tresen stellt und auf einer trockenen Ecke Fladenbrot kaut, das auf Ägyptisch esch, Leben, heisst, taucht das mürbe Gefühl wieder auf, als fehle es der Welt an Zusammenhalt, und Wagdy rettet sich in den Traum einer Apotheke, die er sich irgendwann, in der Zukunft, kaufen will. Dann aber steht bereits wieder die nächste Runde Bierflaschen auf dem Tablett vor ihm, und aus dem Fahrstuhl tritt die nächste Gruppe, die nach einem freien Tisch Ausschau hält.

 

Die Zeit der Schönfärberei ist vorbei, die Brutalität liegt offen zutage

Mahmoud hält sich im Hintergrund, während einer seiner Freunde die Lage sondiert. Nie geht er allein ins Happy City. Immer sind es die Freunde, die ihn mitnehmen. Und nie geht Mahmoud ins Happy City ohne Nesrin. Seit zwanzig Jahren ist sie dabei und doch nie da. Im Herzen trage er sie, seit jenem Tag, als er sie zum ersten Mal sah. Every man has a Rosebud, sagt Mahmoud, nicht nur die Zeitungsmagnaten; mine is Nesrin. Beide waren sie junge Journalisten und arbeiteten bei derselben Zeitung. Es war Liebe auf den ersten Blick. Vielleicht hätte er sich ihr offenbaren sollen, damals. Aber ich war jung, sagt er und neigt, wie immer, wenn er von Nesrin spricht, ein wenig den Kopf zur Seite und wiegt ihn dort leise hin und her, und ich hatte nichts zu bieten, kein Geld, war am Anfang meiner Karriere und habe die Tage im Kino verbracht. Sie aber kam aus gutem Haus, wusste, was sie wollte. Nein, nein, unmöglich, es wäre nicht richtig gewesen. Und dann plötzlich hebt er drei Finger und sagt, drei Mal  …, drei Mal wurde ich zum Chefredakteur des October Magazine gewählt. Ich habe abgelehnt, jedes Mal. Man muss seinen Platz kennen im Leben. Dann trottet er seinen Freunden hinterher.

Wagdy hat sie alle mit Handschlag begrüsst und sucht nun für sie nach einem freien Tisch. Auf der hinteren Terrasse ist alles voll ausser dem Sudanesentisch. Die kommen erst später, aber weil sie fast jeden Abend kommen, wird für sie ein Tisch freigehalten. Männer mit dunklen Gesichtern und sorgfältig gestutzten Schnurrbärten. Die älteren schweigsam, in breit geschnittenen, hellen Anzügen, mit einer Körperhaltung, die von ihrem Erfolg spricht. Sie haben es zu etwas gebracht. Keine Vermögen, aber solide Geschäfte. Die jüngeren breitbeinig und selbstsicher, in teuren Trainingsanzügen. Manche setzen auch um Mitternacht ihre Sonnenbrillen nicht ab, und weil man, wenn es um die Gegend südlich des zweiten Katarakts geht, gerne seinem Orientalismus freien Lauf lässt, schenkt man bereitwillig dem Gerücht Glauben, nicht alle ihre Geschäfte seien ganz sauber, und sofort scheinen die Schatten in der Ecke, in der der Sudanesentisch steht, eine Spur dunkler und schärfer. Dazu tragen auch die Frauen bei, die sie an manchen Abenden bei sich haben. Sie sind schön und schweigsam und trinken mit Strohhalmen Orangensaft mit Eis, das wie Glasscherben in ihren rosa Handflächen glitzert, wenn sie es mit schlanken Fingern und lackierten Nägeln aus einem silbernen Eimer fischen und mit hellem Klirren in die Whiskygläser ihrer Männer fallen lassen. Eine von ihnen lehnt an der weissen Brüstung und bohrt mit dem Finger in der Erde einer Topfpflanze. Sie spricht in ein Telefon, dessen Beleuchtung ihr ernstes Gesicht in zwei Hälften teilt; konzentriert und leise. Ein Palmwedel kratzt sie mit scharfem Blattrand im Nacken, ungeduldig drückt sie ihn beiseite. Hinter ihr liegen die Dächer Downtowns und versperren die Sicht auf den Nil. Ein steinernes Meer aus Quadern und Kuben, aus denen die Antennen ragen, fragile Gebilde, geometrisch verästelt, und runde Parabolantennen, deren Silhouetten schwarze Monde aus dem teefarbenen Himmel schneiden.

Wagdy lotst die Gruppe ums Eck; hier vorne, gegenüber vom Tresen, ist noch ein Tischchen frei. Es werden Softdrinks bestellt und Bier, und Mahmoud, nach seinen Wünschen gefragt, verzieht das Gesicht, winkt ab und lässt sich dann doch zu einem Glas gezuckertem shay überreden. Der grosse Fernseher in seinem Rücken spiegelt die hell erleuchtete Terrasse. Eingeschaltet wird er nur, wenn Zamalek oder al Ahly spielen. Geisterspiele vor leeren Rängen, denn seit die Ultras beider Vereine sich auf dem Tahrir durch besondere Aufsässigkeit ausgezeichnet haben, kam es in den Stadien zu blutigen Auseinandersetzungen mit Dutzenden von Toten, für die sich die Fans und die Sicherheitskräfte gegenseitig die Schuld zuschoben. Das Regime bestraft die Kairoer mit Stadionsperren, die Mannschaften spielen in menschenleeren Arenen; im Grunde genommen ein Propaganda-Supergau, dieses Bild, denn die fehlenden Menschen und die Totenstille in den Stadien, durch die nur die gellenden Pfiffe der Schiedsrichter hallen, bilden eine Leerstelle, als warteten die Abertausenden Schalensitze auf die zahllosen Oppositionellen, die in den letzten Monaten vom Regime zum Verschwinden gebracht wurden. Aber auch anderswo kümmern sich die Machthaber wenig um die Bilder, die sie erzeugen. Nach wie vor sind einige der Seitenstrassen zum Tahrir mit jenen meterhohen Mauern aus Betonquadern versperrt, die einen sofort an Betonköpfe denken lassen, und nach wie vor langweilen sich in einer schäbigen Strasse hinter der Mogamma, dem Gebäude der Zentralverwaltung, diesem einschüchternden Symbol für den aufgeblähten und unterdrückerischen Staat, die Polizisten in Kampfuniform und Panzerwagen, bereit, den kleinsten Aufruhr im Keim zu ersticken. Die Quasr-el-Eyni-Strasse, der zentrale Zubringer zum Tahrir, lässt sich mittlerweile mit einem gigantischen stachelbewehrten Stahltor in Minutenschnelle sperren. Aber vermutlich sind es genau diese Bilder, die das Regime erzeugen will. Die Zeit der Schönfärberei ist vorbei, man sitzt sicher genug im Sattel, die Brutalität liegt offen zutage.

 

Im World Happiness Report der Uno liegt Ägypten auf Platz 135

Mahmoud hat Zeit, die Gäste zu mustern, während sich seine Freunde die Shishas bestücken lassen. Links, in der Nische, haben fünf junge Männer zwei Tische zusammengeschoben. Mit Fladenbrot schaufeln sie sich die Mezze in die lachenden Münder und spülen mit grossen Schlucken Bier nach. Einer lehnt sich weit zurück, bis er fast nach hinten überkippt, seine Freunde, in ihren breit gestreiften Polohemden, fassen sich um die Schultern und drängeln sich vor seinem Smartphone, während er das Glück des Augenblicks festhält. Studenten vermutlich; schon etwas älter, kurz vor dem Abschluss. Fünf von einer Dreiviertelmillion, die jedes Jahr die Universität verlassen, und nur für die wenigsten wird es einen Job in ihrem Studienfach geben.

Kairo − Happy City; Stadt des Glücks? Im neusten World Happiness Report der Uno liegt Ägypten auf Platz 135, und kaum ein anderes Land ist seit der letzten Erhebung tiefer ins Unglück gesunken. Ist man bereit, zu akzeptieren, dass das Glück messbar ist und sich offenbar aus den Parametern Pro-Kopf-BIP, Lebenserwartung, soziale Unterstützung, Vertrauen, Grosszügigkeit und Freiheit beim Treffen von Lebensentscheidungen zusammensetzt, kann es also nicht gut bestellt sein um das Durchschnittsglück der 22 Millionen Bewohner von Greater Cairo. Aber was ist mit dem Glück des Einzelnen? Was ist mit dem Glück derer, die heute Abend auf dieser Dachterrasse sitzen; in der Happy City Bar?

Was ist mit den beiden Frauen dort drüben? Was sagen uns ihre schwarzen Abayas, diese knöchellangen Gewänder, und ihre Hijab, die die Gesichter seltsam nackt, rund und ausgestellt wirken lassen? Und die Bierflaschen, aus denen sie trinken? Und die augenfällige Diskrepanz zwischen ihrer religiösen Kleidung und ihrem Alkoholkonsum? Eine Diskrepanz, die im Auge des Betrachters zu liegen scheint, denn die beiden geben sich ganz ungezwungen. Sind sie so frei, dass sie sich trotz Hijab ein Bierchen erlauben, oder sind sie so unfrei, dass sie trotz Bierchen den Hijab tragen müssen, oder ist das Verhältnis zwischen Hijab und Alkoholgenuss nicht vielleicht doch viel komplexer, und steht diese Komplexität dem Glück im Wege, oder lässt gerade sie es zu?

Und die älteren Herren dort, am Ecktisch, geboren als Untertanen in einem Königreich, als Kinder noch, von einer Gruppe Offiziere, die die Macht an sich rissen und den ungeliebten König ins römische Exil schickten, zu freien Bürgern gemacht, sich irgendwie zurechtgefunden in der zunehmend paranoid werdenden sozialistischen Republik Nassers, vermutlich haben sie gedient und gekämpft, im Sinai, in Gaza, an den Ufern der Bitterseen, überlebt, Familien gegründet, sich erschrocken die Augen gerieben, als Sadat 1975 die Türen aufstiess und Frieden schloss, sich von der Sowjetunion ab- und den Amerikanern zuwandte, sind Zeugen geworden, wie in der Folge die Mittelschicht beinahe verschwand, gestrauchelt, haben gekämpft, ihren Status erhalten, sonst wären sie heute Abend nicht hier, wo sie sich ein paar Bier, eine Shisha und eine Flasche Whiskey leisten können; Glück gehabt. But lucky is not happy; nur die deutsche Sprache scheint da keinen grossen Unterschied zu machen, während man auch im Arabischen hazz haben kann, das aber noch lange nicht garantiert, dass man damit auch saied wird.

Aber sie dort, bei ihr wenigstens scheint der Fall klar zu sein. Eine Schönheit, jung und herausfordernd. Sie teilt sich mit einem bärtigen Jüngling den Tisch, eine Flasche Weisswein und eine Packung Kleopatra. Als er sich für einen Augenblick entschuldigt, zieht sie ihre Lippen nach. Happy do it, steht auf ihrem T-Shirt. Zumindest der Wille ist da. Und tatsächlich wirkt das alles etwas angestrengt, der durchgedrückte Rücken, die Jeans etwas zu eng, die Risse im verwaschenen Stoff etwas zu offensichtlich, der Lippenstift etwas zu rot, die Hand mit den sorgfältig manikürten Nägeln, die etwas zu regelmässig durch die glänzenden Locken fährt, die Augen, die übergangslos zwischen ungläubig aufgerissenem Staunen und lasziver Augendeckelschwere changieren.

 

Mahmouds Leben ist ein Leben in Filmen

Jetzt ist es die Musik, die Mahmouds Aufmerksamkeit weckt. Drumcomputer, Sommerrhythmen, Calypso, darüber arabischer Gesang: Eiscrème in Gleam, Eiscrème im Dezember. Es ist die Stimme Amr Diabs, die jeder in Ägypten kennt, und Mahmoud kann ganz selbstverständlich abrufen, wann und wo er den Film, dessen Titelsong Diab hier singt, zum ersten Mal gesehen hat, vor vierundzwanzig Jahren, 1992, hier in Downtown Cairo, im Cinema Rivoli, unweit von dieser Dachterrasse, auf der er mit seinen Freunden sitzt und Tee trinkt. Kaum ein Wort hat er damals verstanden. Das Publikum, alle unter zwanzig, also deutlich jünger als er, sprang bei jedem Auftritt Amr Diabs auf, jubelnd und pfeifend, und alle Lieder wurden aus vollen Kehlen mitgesungen. Dann ist er noch einmal hin, in eine ruhigere Vorstellung, und ein drittes Mal, weil ihn seine Schwester darum gebeten hatte, der er, weder damals noch heute, einen Wunsch abschlagen kann.

Seine Schwester neben ihm im dunklen Saal; mit offenem Mund und schmachtendem Blick schaute sie zur Leinwand hoch. Der junge Amr Diab, wie er seinem Freund in Kairo von seiner Sehnsucht erzählt, der Sehnsucht nach jener dunkelhaarigen Schönheit, die in einem Eiscafé am Strand von Gleam, mit einer süssen Heiserkeit in der Stimme, eine Kugel Schokoladeneis und eine Kugel Zitroneneis bestellte und dabei ihren Handschuh fallenlassen habe und wie er ihn für sie aufgehoben habe. Gleichzeitig heiss und kalt sei ihm dabei gewesen und wie er sie in der Folge nie habe vergessen können und noch jahrelang in den Strassen Alexandrias nach ihr Ausschau gehalten habe. Immer wenn er Eis esse, so sprach der überlebensgrosse Amr Diab in den dunklen Saal hinunter, müsse er an sie denken, während seine, Mahmouds, Schwester mit offenem Mund nach oben starrte.

Mahmoud kann unzählige solcher Szenen nacherzählen; immer haben sie zwei Seiten, eine aus Licht und eine, die nur im Abglanz dieses Lichtes zu sehen ist, einmal das, was auf der Leinwand geschieht, und einmal er, wie er vor dieser Leinwand sitzt, wo, wann, mit wem. Und beide sind von identischer Tiefe, als gebe es keinen Unterschied zwischen Film und Leben, als verschwimme beides mühelos ineinander. Mahmouds Leben ist eines in Filmen. Angefangen bei jenem allerersten Film, den er in seinem Elternhaus im oberägyptischen Nag-Hammadi gesehen hat. Malak wa shaitan, Engel und Teufel, in Schwarz-Weiss, auf einem japanischen Fernsehgerät, das Licht im Wohnzimmer wurde ausgeschaltet, wenn der Fernseher lief. Und dann sein erstes Mal im Kino, im Nile Cinema, From Home to School, hiess der Film. Mahmoud reist nicht, kein einziges Mal hat er in seinem Leben Ägypten verlassen. I hate travelling, sagt er, und zudem müsse er sich um seine kranke Schwester kümmern, mehr als ein paar Stunden könne er sie nicht alleine lassen. Und dennoch ist Mahmoud ein Kosmopolit. Deutschland kennt er von Schlöndorff, München von Fassbinder, Hamburg von Fatih Akin, Berlin von Wenders. Sein Paris ist das von Truffaut, Marseille hat er an der Seite von Popeye Doyle erkundet, Italien kennt er wie seine Westentasche, Fellinis Rom, Viscontis Sizilien, Pasolinis Salò. Mit Antonioni war er in London und im Death Valley, mit Ozu in Tokio, mit Orson Welles in Xanadu und mit J. J. Abrams im Weltall. Seit zwanzig Jahren ist Mahmoud Filmkritiker beim October Weekly Magazine. Bis vor einiger Zeit ging er täglich ins Kino. Heute, so sagt er, ist er zu alt dafür. Zwei Kritiken veröffentlicht er pro Woche im October Weekly, und daneben schreibt er Bücher. Cinemaniac heisst ganz treffend eines.

 

Wie eine Dunstglocke hängt Nostalgie über der Bar

Auch eine Frau am Nebentisch wird ganz nostalgisch. Selbstvergessen dirigiert sie mit dem Mundstück ihrer Shisha und singt den Refrain mit: Eiscrème in Gleam, Eiscrème im Dezember. Dann wirft sie den Kopf in den Nacken und lacht laut auf, als habe sie sich gerade an etwas erinnert, etwas Unanständiges, das sie getan hat, in eben jener Zeit, als sie jung war und Amr Diab über Speiseeis an einem Strand in Alexandria sang.

Es ist diese Nostalgie, die wie eine Dunstglocke über der Dach­terrasse hängt. Die Nostalgie der unteren Mittelklasse, die die Hoffnung auf Besserung aufgegeben und es sich eingerichtet hat in einer Gegenwart, die ihr erträglich erscheint, und von dort aus versonnen zurückblickt, auf grosse Zeiten und eine Kindheit, die im hellen Glanz des Vergangenen strahlt. Die Vergangenheit scheint in Ägypten immer hell, von mystischer Grösse und bittersüsser Unerreichbarkeit. Dass es mal richtig gut lief im Land, ist verflucht lange her, so ungefähr viereinhalbtausend Jahre, und seither, so scheint es vielen, hinke man dieser Blütezeit hinterher. Die Geschichte sitzt uns im Nacken, pflegt Mahmoud zu sagen, seit Jahrtausenden versuchen wir zu unseren Vorfahren aufzuschliessen. Da brauche man sich nicht wundern, dass das ganze Land an einem Minderwertigkeitskomplex leide. Unter diesem Blickwinkel dräuen die Pyramiden wie ein steinernes Mahnmal vergangener Grösse und gegenwärtigen Versagens über der Stadt.

Es ist aber auch der Nil, dessen Einfluss nicht zu unterschätzen ist. Ohne Nil kein Ägypten, so einfach ist das. Und dass ein Volk, dessen Schicksal derart aufs Engste mit einem Strom verknüpft ist, ein besonderes Bewusstsein für das unaufhaltsame Zerrinnen der Zeit entwickelt und gerade darüber sich der Nostalgie hingibt − zumindest jene, die es sich leisten können −, scheint nur folgerichtig.

In der Happy City Bar wird viel über die Vergangenheit gesprochen. Anekdoten aus der Kindheit, Erinnerungen an die Jugend, und selbst wenn von den politischen Verwerfungen der letzten Jahre die Rede ist, klingt es manchmal, als sei das alles lange her: Damals, als wir auf dem Tahrir standen … In der Happy City Bar scheuen sich gestandene Männer nicht, sentimental zu werden. Zum Beispiel, wenn sie von Umm Kulthum erzählen, dem Stern des Ostens, der Callas der arabischen Welt, der vielleicht, nein, mit Sicherheit, grössten Ägypterin seit Kleopatra. Jeden ersten Donnerstag im Monat habe sie live gesungen, hier in der Cairo Radio Hall, und in der gesamten arabischen Welt seien derweil die Strassen wie leergefegt gewesen, weil alles vor den Empfängern sass. Heute noch spiele das Radio am Donnerstagabend Umm Kulthums Lieder. Das Mikrofon, so weiss einer zu berichten, habe immer mehrere Meter vor ihr stehen müssen, so laut sei ihre Stimme gewesen. Von der Liebe habe sie gesungen, wie keine Zweite. Vor allem von der unglücklichen. Sie selbst habe auch wenig Glück gehabt in der Liebe. Und ob man von ihrem Begräbnis gehört habe, im Februar 1975? Vier Millionen Menschen in den Strassen Kairos. Vier Millionen, die Abschied nehmen wollten. Den Sarg habe das Volk den Soldaten in ihren Paradeuniformen entwunden, und stundenlang habe man ihn durch die engen Gassen der Armenviertel getragen. Und wie zum Beweis zückt einer sein Smartphone und zeigt einem auf Youtube einen körnigen Film in verwaschenen Farben. Menschenmassen, ein endloses Meer wogender Arme, und darauf schaukelt der weisse Nachen der Diva.

Sie sind alle zu jung, um sich wirklich daran erinnern zu können, aber sie sprechen davon, als hätten sie selbst das Gewicht des Sarges auf ihren emporgereckten Armen gespürt.

 

Die Siebziger begannen und endeten mit einem Begräbnis

Mahmoud kann sich selbstverständlich erinnern an den Tag, an dem Umm Kulthum starb. Da war er zehn, und seine Familie lebte seit einigen Jahren in Oberägypten. Ich bin ein Kind der Siebziger, pflegt Mahmoud zu sagen.

Eigentlich begann das Jahrzehnt, folgt man Mahmouds Erzählung, erst am 18. September, um sieben Uhr Abends. Es begann mit einem Schrei. Mahmoud stand in seinem Pyjama neben seiner Mutter in der Küche in Shubra und half ihr, den Tee für den Vater zuzubereiten. Durch das offene Fenster, welches in einen Lichtschacht ging, drangen die Geräusche der anderen Hausbewohner. Im Wohnzimmer spielte das Radio. Plötzlich drang der Schrei einer Nachbarin aus dem Lichtschacht, und von der Strasse drang derselbe Schrei, aus tausend Kehlen, und hallte wider in den Gassen Shubras, traf sich über dem Nil mit dem kollektiven Aufschrei der Bewohner Gizas und hallte wider in der Wüste; es schrie das ganze Land auf, von Alexandria bis Abu Simbel. Nasser war tot. Und so begann das Jahrzehnt, etwas verspätet, mit einem Begräbnis, bei dem, wie fünf Jahre später, Millionen die Strassenränder säumten.

Sein Nachfolger wurde Sadat; a president by accident, wie Mahmoud meint. Aber immerhin, das hält er ihm zugute, hat er dem Land Frieden gebracht, nach Jahrzehnten der militärischen Auseinandersetzung mit Israel. Und dann, kurz nach jenem schwarzen Dienstag, an dem die Ägypter ihre Umm Kulthum zu Grabe tragen mussten, in der Mitte des Jahrzehntes, verkündete Sadat seine Politik der offenen Tür, wandte sich von der Sowjetunion ab und dem Westen zu, öffnete das Land für den freien Markt und verabschiedete sich von Nassers Idee des Panarabismus.

Die fragile ägyptische Wirtschaft, von Korruption durchsetzt und geschwächt, nach Jahrzehnten, in denen sich die Bevölkerung um einen Platz am nährenden Busen des Staates gestritten hatte, verkraftete diesen forcierten Wandel nur schlecht. Während Mahmouds Vater, der am Gymnasium in Oberägypten Philosophie und Soziologie unterrichtet hatte, mit seinem Gehalt seine Familie einigermassen komfortabel ernähren konnte, stehen heute, vierzig Jahre später, am Ende dieser Geschichte der Marginalisierung der Mittelklasse, Leute wie Wagdy, der lieber Nachtschichten als Kellner schiebt, als von einem Lehrerlohn zu hungern. Und jene, die im eigenen Land keine Zukunft für sich sehen, suchen ihr Glück als Gastarbeiter in Saudiarabien und kommen zurück, mit etwas Geld und seltsamen Ideen im Kopf, von der einen reinen Lehre des Islam und von der Verwerflichkeit der Vielfalt. Kaum eine seiner Kommilitoninnen habe damals ein Kopftuch getragen, auch auf den Strassen sei es kaum zu sehen gewesen, während es heute, so sagt Mahmoud, von den Köpfen der Studentinnen und aus dem Stras­senbild kaum mehr wegzudenken sei.

So wie die Siebziger in Ägypten, etwas verspätet, mit einem Begräbnis begannen, so endeten sie, wieder etwas verspätet, mit einem Begräbnis. Am 10. Oktober 1980 wurde Sadat zu Grabe getragen. Es nahmen zahlreiche Staatsgäste aus dem Westen an dem Trauerzug teil, und auch die Sowjetunion schickte ihre Repräsentanten. Die Führer der arabischen Welt fehlten, und in Teheran wurde eine Strasse nach dem Mörder Sadats benannt, einem Islamisten, der vier Tage zuvor mit seinen Komplizen bei einer Militärparade 37 Kugeln in den Leib des ägyptischen Präsidenten gefeuert hatte und danach triumphierend rief, er habe den Pharao getötet.

Und inmitten der Aufzählung dieser Trauerzüge − man sollte, der Vollständigkeit halber, jenen im März 77 nicht vergessen, bei dem wiederum in Kairo Millionen die Strassenränder säumten, diesmal, um dem Sänger Abdel Halim Hafez die letzte Ehre zu erweisen, während sich von den Balkonen hysterische Frauen in den Tod stürzten (auch davon gibt es auf Youtube einen Film, von einer Frau, schwarz gekleidet, die auf einem Balkon die Hände in den sepiafarbenen Himmel wirft, Kopf voran, als tauche sie in einen Swimmingpool, über die Brüstung springt und kreiselnd in die Tiefe fällt) −, inmitten dieser Trauerzüge also, darf man sich Mahmoud als glückliches Kind vorstellen. Die ersten Jahre in Shubra, dann der Umzug nach Assuan, der Vater und dessen Liebe zur Philosophie; wie er versucht hatte, die ober­ägyptischen Gymnasiasten für das Denken eines Königsberger Philosophen zu interessieren. Und immer wieder die Mutter, gross, gütig und ein Quell unerschöpflicher Liebe. Die Kindheit ist in der Erzählung immer unbeschwert. Eine Zeit der Freiheit sei sie gewesen, ohne die Last der Verantwortung.

 

Was, sagt er, hätte ich mich da offenbaren sollen

Irgendwann verschwand Nesrin aus Mahmouds Leben, ohne dass er sich ihr offenbart hatte. Sie wechselte die Stelle, zog fort. Ein wenig rückte sie in den Hintergrund, aber nicht genug, als dass er sich nach anderen Frauen umgesehen hätte. Und dann plötzlich, vor einigen Jahren, war sie wieder da. Auf Facebook meldete sie sich und wollte den Faden wieder aufnehmen. Sie trafen sich im Café Bocelli, hinter der Oper, unter den roten Schirmen und tranken Mangosaft. Mahmoud war glücklich, sie waren nun Freunde. Was, sagt er, hätte ich mich da offenbaren sollen. Sie war doch zumindest in meiner Nähe. Und irgendwann erfuhr er über Facebook, dass sie geheiratet hatte. Für ein halbes Jahr hat er den Kontakt abgebrochen, zu schmerzhaft war ihm die Erinnerung. Selbst seine Facebook-Aktivitäten hat er in dieser Zeit eingestellt. Jetzt nimmt er wieder teil an ihrem Leben, zumindest aus der sicheren Distanz der sozialen Netzwerke. Manchmal, sagt er, treffe ich zufällig auf der Strasse eine gemeinsame Bekannte. Pures Glück fühle ich dann. Und zur Bekräftigung legt er sich die flache Hand auf die Brust.

Nesrin ist längst Teil seiner Erzählung, so wie der Schrei, den seine Mutter ausstiess, als Nasser starb, so wie die arabische Ausgabe der Kritischen Vernunft, die auf dem Schreibtisch seines Vaters stand, wie die Freiheit des Kindes und der japanische Fernseher im dunklen Wohnzimmer, so wie eine bestimmte Szene in einem Ingmar-Bergman-­Film, den er sich auf Video angesehen hat, wie Amr Diab, der von Zitroneneis sang, im Kino Rivoli, wie die Mittelschicht, der es einst viel besser ging, so wie Umm Kulthums Stimme, die aus dem Radio drang und das Lied von den Ruinen sang. Frage nicht, mein Herz, wohin die Liebe ging / Sie war eine Zitadelle, gebaut aus Illusionen / Nun ist sie eingestürzt ­/ Schenk mir ein und lass uns auf ihren Ruinen trinken, so sang Umm Kulthum, die auch kein Glück in der Liebe fand.

Am Ende der Nacht sind die Kellner wieder allein. Wagdy fegt unter den Tischen die heruntergerollten Kichererbsen, die Krümel und die ausgetretenen Stummel der Kleopatra-Zigaretten zusammen und träumt dabei von seiner Apotheke, während sich hinter dem muqattam der erste fahle Glanz eines neuen Tages zeigt.

Hunderttausende Ägypter versammeln sich am 25. Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo, um gegen die Herrschaft des korrupten Langzeitmachthabers Hosni Mubarak zu demonstrieren. Gemeinsam fordern sie «Brot, Freiheit und Würde». Bei Zusammenstössen mit Militär und Polizei sterben Hunderte von Menschen. Am 11. Februar tritt Mubarak zurück. Bei den ersten freien Parlamentswahlen triumphieren die Muslimbrüder, Mohammed Mursi wird im Juni 2012 zum Präsidenten erklärt. Ein Jahr später kommt es zu weiteren Massenprotesten von mehr als einer Million Ägyptern gegen die zunehmende Islamisierung. Das Militär setzt Mursi ab, worauf die islamistische Muslimbruderschaft zur Terrororganisation erklärt wird. Ex-Armeechef Abdelfatah al-Sisi wird als Präsident vereidigt, Mursi wird zum Tode verurteilt. Heute scheint der Widerstandsgeist der Aktivisten gebrochen. Das Regime von al-Sisi regiert autoritär. Am fünften Jahrestag der Aufstände haben auf dem Tahrir-Platz nur Unterstützer des Regimes demonstriert. Mit Razzien und Festnahmen konnte das Militär mögliche Versammlungen von Revolutionären verhindern. Politische Inhaftierungen und Folter gehören in Ägypten zur Tagesordnung.
Das Land wird immer öfter Ziel von Terroranschlägen, was das Regime zum Anlass nimmt, noch härter gegen Oppositionelle durchzugreifen. Derweil öffnet die andauernde ökonomische Krise die Schere zwischen den reicheren und ärmeren Bevölkerungsschichten. Die zunehmende Perspektivlosigkeit führt dazu, dass Junge im Ausland ihr Glück versuchen.

Jonas Lüscher unterwegs:
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