Das Geheimnis der Qualle

Die Turritopsis-Qualle stirbt nicht. Ein japanischer Forscher ist dem Rätsel auf der Spur. Winkt uns bald ewiges Leben?

Nathaniel Rich

Über 4000 Jahre nachdem mehr oder weniger am Anfang unserer dokumentierten Geschichte Utnapischtim zu Gilgamesch gesagt hatte, dass das Geheimnis der Unsterblichkeit in einer Koralle auf dem Meeresboden liege, entdeckte der Mensch im Jahr 1988 endlich das ewige Leben. Und tatsächlich fand er es auf dem Meeresboden. Die Entdeckung erfolgte zufällig durch Christian Sommer, einen knapp 20-jährigen deutschen Studenten der Meeresbiologie. Er verbrachte den Sommer in Rapallo, einem Städtchen an der italienischen Riviera, wo Friedrich Nietzsche genau ein Jahrhundert zuvor die Idee zu «Also sprach Zarathustra» gekommen war. «Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf.»
Sommer untersuchte Hydrozoen, kleine Wirbellose, die je nachdem, wo sie in ihrem Lebenszyklus standen, entweder einer Qualle oder einer Weichkoralle glichen. Jeden Morgen schnorchelte Sommer im türkisfarbenen Wasser vor den Klippen von Portofino. Er suchte den Meeresboden nach Hydrozoen ab und sammelte sie mit Plankton-Netzen ein. Unter den Hunderten von Organismen, die er gefunden hatte, war eine winzige, ziemlich obskure Art, die den Biologen als Turritopsis dohrnii bekannt war. Heute ist sie besser bekannt als unsterbliche Qualle.

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Sommer hielt seine Hydrozoen in Petrischalen und studierte ihre Fortpflanzungsgewohnheiten. Nach mehreren Tagen stellte er fest, dass seine Turritopsis dohrnii ein sehr eigenartiges Verhalten an den Tag legte, für das er keine irdische Hypothese aufzustellen vermochte. Simpel ausgedrückt: Sie wollte nicht sterben. Es stellte sich heraus, dass sie rückwärts alterte und immer jünger wurde, bis sie das früheste Entwicklungsstadium erreicht hatte, ab dem ihr Lebenszyklus von vorne begann. 
Sommer war sehr erstaunt über diesen Verlauf, war sich dessen Bedeutung jedoch nicht gleich bewusst. (Das war beinahe zehn Jahre bevor die Art erstmals mit dem Wort «unsterblich» beschrieben worden war.) Mehrere Biologen in Genua, fasziniert von Sommers Entdeckung, befassten sich weiterhin mit dem Studium der Spezies, und 1996 veröffentlichten sie einen Artikel unter dem Titel «Reversing the Life Cycle». Die Forscher beschrieben, wie die Art – egal, in welchem Entwicklungsstadium – sich zum Polypen, ihrem frühesten Stadium, zurückentwickeln könne «und auf diese Weise dem Tod entkommt und potenzielle Unsterblichkeit erlangt». Diese Entdeckung schien das grundlegendste aller Naturgesetze umzustossen – zuerst wird man geboren, und dann stirbt man. 
Einer der Autoren des Artikels, Ferdinando Boero, verglich die Turritopsis mit einem Schmetterling, der, anstatt zu sterben, wieder zur Raupe wird. Eine weitere Metapher ist ein Huhn, das sich in ein Ei verwandelt, aus dem wieder ein Huhn schlüpft. Die auf den Menschen bezogene Analogie ist jene eines alten Mannes, der immer jünger wird, bis er wieder zum Fötus wird. Aus diesem Grund wird die Turritopsis häufig Benjamin-Button-Qualle genannt. 
Doch die Publikation von «Reversing the Life Cycle» fand ausserhalb der akademischen Welt kaum Beachtung. Man würde doch eigentlich annehmen, dass der Mensch, wenn er vom unsterblichen Leben erfährt, gewaltige Ressourcen einzusetzen bereit sei, um herauszufinden, wie der unsterblichen Qualle ihr Kunststück gelingt. Man würde annehmen, dass multinationale Biotechunternehmen darum wetteiferten, das Genom urheberrechtlich zu schützen; dass ein riesiges Forscherbündnis den Mechanismen, durch die die Zellen rückwärts altern, auf die Spur kommen wollen; dass Pharma-Firmen dieses Wissen auf die Humanmedizin anwenden würden; dass Regierungen internationale Abkommen über die zukünftige Regelung der Verjüngungstechnologie aushandelten. Aber nichts davon geschah. 
Doch einige Fortschritte wurden in dem Vierteljahrhundert seit Christian Sommers Entdeckung dennoch verzeichnet. So wissen wir etwa, dass die Verjüngung der Turritopsis dohrnii und einiger weiterer Vertreter dieser Gattung durch umweltbedingten Stress oder physische Gewalt in Gang gesetzt wird. Wir wissen, dass sie während der Verjüngung eine Transdifferenzierung durchläuft, einen ungewöhnlichen Prozess, bei dem ein Zelltyp in einen anderen umgewandelt wird – eine Hautzelle in eine Nervenzelle zum Beispiel. (Derselbe Vorgang tritt bei menschlichen Stammzellen auf.) Wir wissen zudem, dass sich die unsterbliche Qualle in den vergangenen Jahrzehnten rasch in den Weltmeeren verbreitet hat, was Maria Pia Miglietta, eine Biologie-Professorin der Universität Notre Dame, als «stille Invasion» bezeichnet. Die Qualle reiste «per Anhalter» auf Frachtschiffen, die Meereswasser als Ballast verwendeten. So wurde die Turritopsis im Mittelmeer beobachtet, aber auch ausserhalb der Küsten Panamas, Spaniens, Floridas und Japans. Die Qualle scheint in jedem Meer auf dieser Welt überleben und sich vermehren zu können. Man kann sich durchaus vorstellen, dass in ferner Zukunft die meisten anderen Lebewesen ausgestorben sein werden, während die Meere überwiegend von unsterblichen Quallen bevölkert sind, einem grossen, schwabbeligen Bewusstsein, das ewig währt.
Aber wir verstehen noch immer nicht, wie die Qualle rückwärts altert. Es gibt mehrere Gründe für diese Wissenslücke, aber alle sind in höchstem Masse unbefriedigend. Erstens gibt es nur sehr wenige Spezialisten auf dieser Welt, die darauf eingerichtet sind, die erforderlichen Experimente durchzuführen. «Wirklich gute Hydroid-Experten zu finden, ist sehr schwierig», sagt der amerikanische Professor für Meereswissenschaften James Carlton. Eine Folge des Phänomens «Small’s Rule»: «Miniatur-Organismen sind im Vergleich zu grösseren Organismen schlecht erforscht. So gibt es bedeutend mehr Krabben- als Hydroid-Experten.»
Besonders entmutigend ist jedoch die Tatsache, dass es sich als ausserordentlich schwierig erweist, die Gattung im Labor zu züchten. Die Aufzucht erfordert grosse Aufmerksamkeit und umfasst unzählige repetitive, mühselige Arbeitsschritte; und sogar dann produziert eine Turritopsis nur unter optimalen Bedingungen, von denen die meisten den Biologen noch nicht bekannt sind, Nachkommen. 
Genau genommen gibt es nur einen Forscher, der Turritopsis-Polypen dauerhaft in seinem Labor züchtet. Er arbeitet alleine, ohne grosse finanzielle Hilfe und ohne Team, in einem winzigen Büro in Shirahama, einem verschlafenen Küstenort in der Präfektur Wakayma, Japan, vier Stunden südlich von Kyoto. Der Forscher heisst Shin Kubota, und bei ihm haben wir zurzeit die besten Aussichten auf eine Erklärung für dieses einzigartige Auftreten von biologischer Unsterblichkeit.
Viele Meeresbiologen sind vorsichtig, wenn es darum geht, grossartige Behauptungen aufzustellen, dass das Versprechen der Turritopsis auf die Humanmedizin übertragen werden kann. Kubota hingegen hat da keinerlei Skrupel. «Die Erkenntnisse, die wir durch die Turritopsis gewinnen, auf den Menschen übertragen, ist der phantastischste Traum der Menschheit», sagte er mir, als ich ihn zum ersten Mal anrief. «Wenn wir erst einmal herausfinden, wie sich die Qualle selber erneuert, werden wir Grossartiges zustande bringen. Meiner Meinung nach werden wir uns dann weiterentwickeln und selber unsterblich werden.»
Ich buchte vorsichtshalber mal ein Ticket nach Japan. 
Eine von Shirahamas Hauptattraktionen ist der sichelförmige weisse Sandstrand; «Shirahama» bedeutet «weisser Strand». Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist der Strand immer mehr verschwunden. Seit den sechziger Jahren, als Shirahama von Osaka aus per Eisenbahn erreichbar wurde, entwickelte sich die Stadt zum beliebten Reiseziel, und weisse Hoteltürme wurden entlang der Küstenstrasse  hochgezogen. Der zunehmende Ausbau beschleunigte die Erosion, und der berühmte Sand wurde ins Meer geschwemmt. Aus Angst, dass die Stadt des weissen Strands ihren Strand verlieren könnte, begann die Präfektur Wakayama, wie ein Stadtbeamter erzählte, im Jahr 1989 Sand aus Perth, Australien, zu importieren – 7500 Kilometer weit. Während 15 Jahren kippte Shirahama 745 000 Kubikmeter Aussie-Sand auf seinen Strand und bewahrte so sein ewiges Weiss – jedenfalls bis heute. 
Shirahama ist voller zeitloser Naturwunder, die dem Lauf der Zeit nicht standhalten. Gleich vor der Küste liegt die Insel Engetsu, eine prächtige, bogenförmige Sandsteinformation, die wie ein Donut aussieht, der bis zur Hälfte in ein Glas Milch getaucht wurde. Im Morgengrauen stellen sich die Touristen an einer bestimmten Stelle der Küstenstrasse auf, wo an gewissen Tagen der Bogen einen perfekten Rahmen für die aufgehende Sonne bildet. Bögen sind temporäre geologische Phänomene; sie wurden durch Erosion gebildet, und durch Erosion fallen sie auch wieder in sich zusammen. Aus Angst, Engetsu zu verlieren, versucht die Stadt nun, mit Mörtel den weiteren Zerfall aufzuhalten. Ein grosses Gerüst ragt hinter dem Bogen empor, und vom Ufer aus sieht man Bauarbeiter, winzige Pünktchen im Meer, die den Fels zementieren. 
Engetsus Schönheit wird beinahe noch übertroffen von Sandanbeki, den zerklüfteten Klippen ein Stück weit die Küste hinunter, die 50 Meter steil aus der wilden Brandung emporragen. Hinter Sandanbeki liegt die Höhle, die Piraten vor über tausend Jahren als geheimes Lager diente. Heute gehören die Klippen zu den bekanntesten Selbstmordpunkten der Welt. Eine Tafel am Abgrund warnt jene, die sich über ihre Sterblichkeit Gedanken machen: «Warten Sie einen Moment. Eine tote Blume blüht nicht.»
Aber am bekanntesten ist Shirahama für seine Onsen, heisse Salzwasserquellen, die angeblich das Leben verlängern sollen. Es gibt grössere, komfortablere Bäder in Hotels, kleinere Becken für die Allgemeinheit und alte Badehäuser in winzigen Hütten entlang der kurvigen Küstenstrasse. Man weiss schon aus einem Block Entfernung, dass man sich einem Onsen nähert, wenn man den Schwefel riecht. 

Jeden Morgen besucht der 60-jährige Shin Kubota Muronoyu, ein einfaches Onsen, das bei den ältesten Einwohnern sehr beliebt ist und auf eine 1350-jährige Geschichte zurückblickt. «Das Onsen regt den Stoffwechsel an und wäscht abgestorbene Hautzellen ab», sagte Kubota. «Es trägt massgeblich zu einem längeren Leben bei.» Um 8 Uhr 30 fährt er 15 Minuten die Küste hoch, am weissen Strand vorbei bis auf eine Landzunge hinaus, die wie ein arthritischer Zeigefinger die Kanayama-Bucht von der grösseren Tanabe-Bucht trennt. Am Ende der Landzunge befindet sich das Labor für Meeresbiologie der Universität Kyoto in Seto, ein zweistöckiger Betonblock. Obwohl es mehrere Unterrichtsräume gibt, Dutzende von Büros und lange Korridore, wirkt das Gebäude oft total verlassen. Die wenigen dort stationierten Forscher verbringen fast ihre gesamte Zeit mit Tauchen und Probensammeln. Kubota jedoch besucht sein Büro täglich. Er muss, sonst verhungern seine unsterblichen Quallen. 
Der weltweit einzige Zuchtbestand von unsterblichen Quallen lebt hier in Petrischalen, wahllos verteilt in verschiedenen Abteilen eines kleinen Kühlschranks in Kubotas Büro. Wie die meisten Hydrozoen durchlaufen auch Turritopsis-Quallen in ihrem Leben zwei Hauptstadien: Polyp und Meduse. Ein Polyp ähnelt einem verästelten Dillzweig, dessen Ästchen in einer Knospe enden. Wenn diese Knospen aufgehen, spriessen nicht etwa Blumen daraus, sondern Medusen. Eine Meduse hat eine schirmförmige Wölbung und baumelnde Tentakel. Jeder Laie könnte sie als Qualle bestimmen, aber es handelt sich dabei nicht um die Sorte, die man am Strand findet. Diese gehören einer anderen taxonomischen Gruppe an, den Scyphozoen, die meist ihr ganzes Leben als Quallen verbringen; die Medusen-Phasen der Hydrozoen sind jedoch kürzer. Eine ausgewachsene Meduse produziert Eier oder Spermien, die zu Larven verschmelzen, aus denen neue Polypen entstehen. Bei anderen Hydroid-Arten stirbt die Meduse nach dem Freisetzen der Eier. Eine Turritopsis-Meduse sinkt hingegen auf den Meeresgrund, wo sich ihr Körper in sich zusammenfaltet – und zur Qualle in der Fötusstellung wird. Der Schirm resorbiert die Tentakel und degeneriert dann wieder zu einem gallertartigen Klümpchen. Über mehrere Tage hinweg formt dieses Klümpchen ein Gehäuse. Als Nächstes bildet es Stolonen aus, die Wurzeln ähneln. Die Stolonen wachsen und werden zu einem Polypen. Der neue Polyp produziert neue Medusen, und der Prozess beginnt von vorn. 
Kubota schätzt, dass seine Menagerie mindestens 100 Tiere umfasst, rund drei pro Petrischale. «Sie sind ganz winzig», sagte Kubota, der stolze Papa. «Sehr niedlich.» Sie ist niedlich, die unsterbliche Qualle. Eine ausgewachsene Meduse ist etwa gleich gross wie der geschnittene Nagel des kleinen Fingers. Sie schleppt Hunderte von haarfeinen Tentakeln hinter sich her. Medusen aus kühleren Gewässern haben einen leuchtend roten Schirm, aber im Allgemeinen ist die Meduse durchscheinend weiss und so fein konturiert, dass sie unter dem Mikroskop wie eine Strichzeichnung aussieht. Sie verbringt die meiste Zeit damit, sich träge im Wasser treiben zu lassen. Sie hat keine Eile. 
Während der letzten 15 Jahre hat Kubota mindestens drei Stunden täglich dafür aufgewendet, für seine Brut zu sorgen. Nachdem ich ihn eine Woche beobachtet habe, kann ich bestätigen, dass es eine anstrengende, eintönige Aufgabe ist. Wenn er in sein Büro kommt, holt er zuerst die Petrischalen aus dem Kühlschrank, eine um die andere, und wechselt das Wasser aus. Dann untersucht er seine Proben unter dem Mikroskop. Er will sicher sein, dass die Medusen gesund aussehen: dass sie anmutig schwimmen, dass ihre Schirme ungetrübt sind und dass sie ihre Nahrung verdauen. Er füttert sie mit getrockneten Salinenkrebseiern aus dem Great Salt Lake in Utah. Obwohl die Zysten winzig klein sind und mit blossem Auge kaum sichtbar, sind sie für eine Meduse häufig zu gross zum Verdauen. Dann muss Kubota das Ei unter dem Mikroskop mit zwei spitzen Nadeln zerteilen, so wie wenn ein Vater einen Hamburger für sein Kind in Häppchen schneidet. Dabei muss Kubota laut grummeln und mit der Zunge schnalzen. 
«Iss allein!», brüllte er eine Meduse an. «Du bist kein Baby!» Dann lachte er herzhaft. Es ist ansteckend, sein anschwellendes Gelächter, das sein rundes Gesicht noch runder macht, während die Falten Kreise um seine Augen und seinen Mund bilden. 
Die Betreuung der unsterblichen Qualle nimmt einen voll in Anspruch. Wenn Kubota für Konferenzen ins Ausland reist, muss er die Medusen in einer Kühltasche mittragen. (In vergangenen Jahren wurde er zu Vorträgen in Kapstadt; Xiamen, China; Lawrence, Kanada und Plymouth, England, eingeladen.) Er reist auch nach Kyoto, wenn er an Sitzungen an der Universität teilnehmen muss, aber er kommt am selben Abend zurück – acht Stunden Fahrt, hin und zurück –, damit er keine Fütterung verpasst. 
Turritopsis-Quallen sind nicht sein einziger Forschungsschwerpunkt. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Artikel verfasst, allein im Jahr 2011 waren es 52, viele stützen sich auf Beobachtungen, die er an einem Privatstrand vor dem Seto-Labor macht sowie in einem kleinen Hafen an der Küstenstrasse. Jeden Nachmittag, nachdem er seine Quallen versorgt hat, marschiert er mit einem Notizbuch zum Strand hinunter und notiert sich jeden Organismus, der an Land gespült wurde. Er gibt ein eindrückliches Bild ab, wie er so ganz für sich allein in Flip-Flops die 400 Meter Strand vorsichtig durchkämmt, hochkonzentriert, vornübergebeugt, und sein strähniges Haar von der Brise zerzaust wird. Er sortiert seine Daten und veröffentlicht sie in Arbeiten, die Titel tragen wie «Protokolle über gestrandete Fische an der Küste von Kitahama» und «Das erste Auftreten von Bythotiara-Arten in der Bucht von Tanabe». Er ist aktives Mitglied von einem Dutzend wissenschaftlicher Gesellschaften und schreibt eine Qualle-der-Woche-Kolumne in einer Lokalzeitung. Kubota sagt, dass er seinen Lesern schon hundert Quallen vorgestellt hat. 
Angesichts von Kubotas obsessiver Beschäftigung mit seiner Arbeit ist es nicht erstaunlich, dass er gezwungen wurde, in anderen Bereichen in seinem Leben zurückzustecken. Er kocht nie und ernährt sich häufig von Take-away-Mahlzeiten im Büro. Im Labor trägt er T-Shirts – auf denen Quallen abgebildet sind – und Trainerhosen. Er sollte dringend zum Friseur. Und in seinem Büro herrscht Chaos. Es sieht so aus, als hätte er es noch nie aufgeräumt, seit er Turritopsis-Quallen züchtet. Die Türe lässt sich gerade so weit öffnen, dass ein Mann von Kubotas Statur hindurch mag. Weiter öffnen geht nicht, weil ein brusthoher Schrank, auf dem mehrere Hundert Objekte liegen, die Kubota an Stränden eingesammelt hat – Muscheln, Federn, Krebszangen, Korallen – den Weg versperrt. Der Schreibtisch ist unsichtbar unter einem Haufen geöffneter Bücher. Fünfzig Zahnbürsten stecken in einer Tasse auf dem Aluminium-Waschbecken. An der Wand hängen eingerahmte Bilder, die meisten zeigen Quallen, eines davon sieht aus wie eine Kinderzeichnung. Ich fragte Kubota, der zwei erwachsene Söhne hat, ob eines seiner Kinder das Bild gezeichnet habe. Er lachte, schüttelt den Kopf. «Ich bin kein besonders guter Künstler», sagte er. Ich folgte seinem Blick auf den Schreibtisch, wo eine Schachtel Farbstifte lag. 
Die Bücherregale entlang der Wände sind überstellt mit Lehrbüchern, Magazinen und wissenschaftlicher Literatur, aber auch einigen englischen Titeln: «Dune» von Frank Herbert, «The Works of Aristotle», «The Life and Death of Charles Darwin». Kubota las als Erstes Darwins «Über die Entstehung der Arten» am Gymnasium; davor wollte er Archäologe werden. Er war damals schon fasziniert vom «Geheimnis des menschlichen Lebens», wie er es nannte – woher sind wir gekommen und weshalb? – und hoffte, dass er in den alten Kulturen Antworten auf seine Fragen finden würde. Aber nach der Lektüre von Darwin wurde ihm klar, dass er noch weiter in die Vergangenheit blicken musste, über den Beginn der menschlichen Existenz hinaus. 

Kubota wuchs in Matsuyama auf, auf der Insel Shikoku. Obwohl sein Vater Lehrer war, hatte Kubota am Gymnasium keine besonders guten Noten, er gehörte der Generation an, die nach Kenzaburo Oe kam. «Ich habe nicht gelernt», sagte er. «Ich habe nur Science-Fiction gelesen.» Als er dann zur Hochschule zugelassen wurde, schenkte ihm sein Grossvater ein Biologielexikon. Es steht auf einem der Regale in seinem Büro, neben einem sepiafarbenen Porträt seines Grossvaters. 
«Ich habe viel aus diesem Buch gelernt», sagte Kubota. «Ich habe jede Seite gelesen.» Besonders fasziniert hat ihn der phylogenetische Baum, ein taxonomisches Schema, das Darwin den Stammbaum des Lebens nannte. Eine der ersten Versionen des Stammbaums des Lebens bildete Darwin in «Über die Entstehung der Arten» ab – es ist die einzige Illustration in diesem Buch. Heute befinden sich auf den äussersten Knospen und Ästen des Stammbaums des Lebens die Säugetiere und Vögel, während am Fuss des Baumes die primitivsten Stämme – Porifera (Schwämme), Phlathelminthes (Plattwürmer), Cnidaria (Quallen) angesiedelt sind. «Das Geheimnis des Lebens liegt nicht bei den höheren Tieren verborgen», sagte Kubota zu mir. «Es verbirgt sich in der Wurzel. Und an der Wurzel des Baums des Lebens befindet sich die Qualle.»
Bis vor kurzem wäre die Idee, dass die Menschheit etwas Entscheidendes von einer Qualle lernen könnte, als völlig absurd angesehen worden. Schliesslich scheinen typische Cnidaria wenig mit einem Menschen gemeinsam zu haben. Zum Beispiel hat sie weder Hirn noch Herz. Sie hat eine kleine Öffnung für die Nahrungsaufnahme und für Ausscheidungen – sie isst mit anderen Worten mit ihrem eigenen After. Doch das Humangenomprojekt, das 2003 abgeschlossen wurde, liess etwas anderes verlauten. Es war vermutet worden, dass unser Genom über 100 000 proteinkodierende Gene enthält, doch dann stellte sich heraus, dass es nur rund 21 000 sind. Das bedeutet, dass wir ungefähr gleich viele Gene wie Hühner, Fadenwürmer oder Fruchtfliegen haben. Eine separate, im Jahr 2005 veröffentlichte Studie kam zum Schluss, dass Cnidaria ein viel komplexeres Genom haben, als bisher angenommen worden war. 
«Es gibt erschreckend viele Parallelen zwischen den Genen von Quallen und Menschen», sagt Kevin J. Peterson, ein Paläobiologe, der bei dieser Studie mitgewirkt hatte, als ich ihn in seinem Büro in Dartmouth besuchte. Aus genetischer Sicht, abgesehen davon, dass wir zwei Genomverdoppelungen haben, «sehen wir Quallen verdammt ähnlich». 
Das kann sich auf die Medizin auswirken, insbesondere in den Bereichen Krebsforschung und Langlebigkeit. «Unsterblichkeit könnte viel häufiger vorkommen, als wir glauben», sagte Peterson. «Es gibt Schwämme da draussen, die seit Jahrzehnten leben. Seeigel-Larven können sich regenerieren und laufend neue ausgereifte Nachkommen produzieren.» Peterson teilt die Meinung vieler Forscher, dass Süsswasserpolypen aus genetischer Sicht gleich wie Menschen sind, Variationen desselben Themas. «Würde ich Krebs erforschen, wäre das Letzte, was ich erforschen würde, Krebs. Ich würde keine Schilddrüsentumoren an Mäusen untersuchen. Ich würde an Süsswasserpolypen arbeiten.» Hydrozoen sind, wie er vermutet, einen Teufelspakt eingegangen. Im Tausch gegen einen simplen Körper – ohne Kopf oder Schwanz, ohne Sehkraft, mit dem After essen – erhielten sie die Unsterblichkeit. Diese besonderen, einfachen Geschöpfe können uns unter Umständen beibringen, wie wir Krebs, Alter und Tod bekämpfen können.
Andere Berufskollegen äussern sich vorsichtig zu den potenziellen medizinischen Anwendungen der Turritopsis-Forschung. «Es ist schwierig, vorherzusehen, in welchem Ausmass und innert welcher Frist die Turritopsis dohrnii bei der Bekämpfung von Krankheiten von Nutzen sein kann», schrieb Stefano Piraino, ein Kollege von Ferdinando Boero, in einer E-Mail. «Eine längere Lebensdauer von Menschen ist sinnlos, das ist ökologischer Blödsinn. Was wir erwarten und womit wir uns beschäftigen, ist, die Lebensqualität in unseren letzten Jahren zu verbessern.» Kubota sieht das anders. «Die unsterbliche Meduse ist die wundersamste Spezies im gesamten Tierreich», sagte er. «Ich glaube, es wird ein Leichtes sein, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu lüften und den Menschen ewiges Leben zu verleihen.» 
Was für Kubotas Ansicht spricht, ist die Tatsache, dass die grössten Fortschritte in der Humanmedizin dank Beobachtungen erzielt wurden, die zu ihrer Zeit kaum bis gar nicht mit Menschen in Verbindung gebracht wurden. Im England des 18. Jahrhunderts erkannte man, dass Milchmädchen, die an Kuhpocken erkrankt waren, auch gegen Pocken immun waren; der Bakteriologe Alexander Fleming entdeckte Penicillin durch einen Zufall, als eine seiner Petrischalen Schimmel ansetzte; und erst kürzlich haben Forscher in Wyoming, die sich mit Fadenwürmern beschäftigten, Gene gefunden, die auch bei der Krebsentwicklung beim Menschen eine Rolle spielen. Sie halten es für möglich, dass diese für die Herstellung von Krebsmedikamenten eingesetzt werden können. Und so sammelt Kubota weiter Daten zu seinem eigenen, simplen Organismus, jeden Tag in seinem Leben. 
Eine Foto auf Shin Kubotas Büroregal zeigt junge Unistudenten, die auf dem Campus der Universität Ehime in Matsuyama posieren. Die Foto ist 40 Jahre alt, aber der 20-jährige Kubota ist eindeutig zu erkennen – das runde Gesicht, die lächelnden Augen, das zerzauste, schwarze Haar. Er seufzte, als ich ihn darauf ansprach.
«So jung damals», sagte er. «So alt jetzt.» Ich sagte ihm, dass er jetzt viel besser ausschaue – erheblich jünger, als es seinem Alter entsprechen würde. «Zu alt», sagte er missmutig. «Ich möchte wieder jung sein. Ich möchte das unsterbliche Wunder werden.» Wie um sich von diesem Gedankenstrom abzulenken, holte er eine Petrischale aus dem Kühlschrank. Er hielt sie unters Licht, damit ich die geisterhafte Turritopsis sehen konnte, die darin eingesperrt war. «Passen Sie auf», sagte er. «Ich werde dafür sorgen, dass sich diese Meduse verjüngt.»
Die sicherste Methode, um eine unsterbliche Qualle dazu zu bringen, rückwärts zu altern, ist, wie Kubota mir erklärt hatte, sie zu verstümmeln. Mit zwei feinen Metallstiften begann er, ihre Mesoglea zu durchbohren, das gallertartige Gewebe, aus dem der Schirm besteht. Nachdem er sie sechsmal gepiekt hatte, benahm sich die Meduse wie jedes andere Opfer einer Messerstecherei – sie legte sich auf die Seite und begann spasmisch zu zucken. Ihre Tentakel bewegten sich nicht mehr, und ihr Schirm zog sich ein wenig zusammen. Aber Kubota hielt nicht inne mit seinen quasi sadistischen Handlungen. Er stach insgesamt 50-mal auf sie ein. Die Meduse hatte sich schon längst nicht mehr gerührt. Sie lag schlaff da, verstümmelt, die Mesoglea zerfetzt, der Schirm platt. Kubota sah befriedigt aus. «Jetzt verjünge dich!», brüllte er die Qualle an. Dann lachte er.
Wir schauten in dieser Woche jeden Tag nach dem malträtierten Opfer, um seine Verwandlung mitzuverfolgen. Am zweiten Tag hatte sich die gallertartige Masse am Boden der Petrischale festgesetzt; die Tentakel hatten sich eingerollt. «Sie transdifferenziert», sagte Kubota. «Sie vollzieht einen dynamischen Wandel.» Am vierten Tag waren die Tentakel verschwunden, und der Organismus sah nicht mehr aus wie eine Meduse, sondern vielmehr wie eine Amöbe. Kubota nannte sie «Fleischkloss». Ende Woche schossen Stolonen aus dem Fleischkloss.
Mit dieser Methode hat Kubota gewissermassen geschummelt, da durch körperliche Übergriffe die Verjüngung eingeleitet wird. Doch der Prozess geschieht auch natürlich, wenn die Meduse alt oder krank wird. In seinem zuletzt erschienenen Artikel über die Turritopsis dokumentierte Kubota die natürliche Verjüngung einer einzelnen Kolonie in seinem Labor zwischen 2009 und 2011. Die Idee war, zu schauen, wie schnell sich die Art regeneriert, wenn sie sich selbst überlassen ist. Im Laufe dieser zwei Jahre hat sich die Kolonie in Abständen von nur jeweils einem Monat 10-mal wiedergeboren. Als Fazit dieses im Magazin «Biogeography» erschienenen Artikels schrieb Kubota: «Turritopsis-Quallen werden mit der vorliegenden Methode ewig weiterleben und werden (…) zu jeder beliebigen Studie beitragen.» 
Er ist in den vergangenen Jahren zu weiteren Erkenntnissen gelangt. So hat er etwa herausgefunden, dass gewisse Umstände die Verjüngung unterbinden: Hunger, ein grosser Schirm und Wasser, das kälter ist als 22° C. Und er hat Fortschritte gemacht im Bestreben, das grösste Rätsel überhaupt zu knacken. Das Geheimnis der Unsterblichkeit der Art liege in den Tentakeln verborgen, glaubt Kubota. Für die Durchführung von Experimenten ist er jedoch auf weitere finanzielle Mittel angewiesen wie auch auf Unterstützung durch einen Genetiker oder einen Molekularbiologen, um herauszubekommen, wie die unsterbliche Qualle das hinkriegt. Er glaubt zudem, dass wir nahe dran sind, das Rätsel der Art zu lösen – dass es eine Frage von Jahren ist, vielleicht von ein, zwei Jahrzehnten. «Menschen sind so intelligent», sagte er mir, als ob er mich überzeugen wollte. Doch dann setzte er etwas Widersprüchliches hinzu. «Bevor wir Unsterblichkeit erlangen», sagte er, «müssen wir uns weiterentwickeln. Das Herz ist nicht gut.»
Ich ging davon aus, dass er aus biologischer Sicht argumentierte – dass das Organ biologisch nicht zu unendlichem Leben fähig ist, dass wir neue, künstliche Herzen für längere, künstliche Leben schaffen müssen. Doch dann realisierte ich, dass er es nicht wörtlich meinte. Mit Herz meinte er den menschlichen Geist. «Die Menschen müssen lernen, die Natur zu lieben», sagte er. «Heute ist die Landschaft nicht mehr wichtig. In Japan ist sie verschwunden. Überall sind grosse Städte. Wir befinden uns auf einem Müllhaufen. Wenn es so weitergeht, wird die Natur sterben.» Der Mensch, erklärte er, sei intelligent genug, um biologische Unsterblichkeit zu erlangen. Aber wir würden es nicht verdienen. Ich war erstaunt, ein solches Urteil von einem Mann zu vernehmen, der sein Leben dem Streben nach Unsterblichkeit gewidmet hatte. 
«Selbstkontrolle fällt den Menschen sehr schwer», fuhr er fort. «Um dieses Problem zu lösen, ist ein geistiger Wandel fällig.» Aus diesem Grund hat Kubota in den Jahren seit seinem «Schrecken» eine zweite Karriere begonnen. Zusätzlich zu seinen Tätigkeiten als Forscher, Professor und Gastredner ist er jetzt auch noch Liedermacher. Kubotas Lieder wurden am nationalen Fernsehen gezeigt, können auf Karaokemaschinen in ganz Japan gespielt werden und haben ihn zu einer kleinen Berühmtheit gemacht.
Hilfreich ist, dass die unsterbliche Qualle in Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, einen relativ hohen Stellenwert in der Populärkultur einnimmt. Richtig bekannt wurde sie 2003 durch die TV-Serie «14 Monate», in der die Heldin einen aus der unsterblichen Qualle gebrauten Trank einnimmt, der sie rückwärts altern lässt. Seither wird Kubota regelmässig in Fernseh- und Radiosendungen eingeladen. Er zeigte mir Ausschnitte aus kürzlich ausgestrahlten Sendungen und übersetzte sie. Im März widmete «Morgen Nr. 1», eine japanische Morgensendung, Shirahama eine Folge. Nachdem sie Kubota in ein Onsen begleitet hatten, besuchten ihn die Moderatoren im Seto-Aquarium, wo er über die Turritopsis sprach. «Ich möchte auch wieder jung werden!», kreischte einer der Moderatoren. In «Liebeslabor», einer Wissenschaftssendung, berichtete Kubota über seine zuletzt durchgeführten Experimente, während er am Ufer von Shirahama nach Proben suchte. «Ich beneide die unsterbliche Meduse!», schwärmte die Hostess. In «Nahrung für unsere Körper», einem ähnlichen Programm, sagte Kubota in die Kamera: «Die unsterbliche Qualle ist das wundervollste aller Tiere.» Es folgte ein Interview mit 100-jährigen Zwillingen.
Aber kein Fernsehauftritt ohne Lied. Für seine Auftritte verwandelt er sich von Dr. Shin Kubota, belesenem Meeresbiologen in Jackett und Krawatte, in den Unsterbliche-Quallen-Mann. Sein Alter Ego als Superheld trägt ein eigenes Kostüm: einen Laborkittel, dunkelrote Handschuhe, rote Sonnenbrille und einen roten Gummihut, mit dem er wie eine Meduse aussehen soll, mit baumelnden Gummitentakeln. Kubotas Sohn, ein angehender Musiker, hat ihm in den letzten fünf Jahren dabei geholfen, Dutzende von Liedern zu schreiben und sechs Alben zu veröffentlichen. Viele von seinen Liedern sind Oden an die Turritopsis. Sie heissen etwa «Ich bin die rote Meduse», «Ewiges Leben», «Die rote Meduse – ewige Zeugin», «Die Meduse ist nicht totzukriegen» und, sein eingängigster Titel, der «Song der roten Meduse». 

Mein Name ist rote Meduse
Bin eine winzig kleine Qualle
Aber ich hüte ein besonderes Geheimnis
Das niemand sonst besitzen kann
Ich kann – oh ja, ich kann! – mich verjüngen

Er huldigt auch anderen Meeresbewohnern mit Liedern: «Wir sind die Schwämme – Ein Lied über die Porifera», «Es lebe die Vielfalt der Cnidaria» und der «Saitenwurm-Mambo». Es gibt auch «Ich bin Shin Kubota»: 

Mein Name ist Shin Kubota
Bin ausserordentlicher Professor der Universität Kyoto
In Shirahama, Präfektur Wakayama
Ich wohne neben einem Aquarium
Mir gefällt die Meeresbiologie
Ich gehe täglich am Strand spazieren
Ausgerüstet mit einem Planktonnetz
Suche wundersame Kreaturen
Suche unbekannte Quallen.
Ich stelle mein Leben in den Dienst der kleinen Geschöpfe
Streife jeden Tag den Stränden entlang
Badeschuhe für heisse Quellen trage ich immer
Unentbehrlich für das Meer
Die rote Meduse verjüngt sich
Die rote Meduse ist unsterblich

«Er ist wichtig für das Aquarium», erzählte mir Akira Asakura, der Direktor des Labors in Seto. «Die Leute kommen, weil sie ihn am Fernsehen sehen und sie sich deshalb für die unsterbliche Meduse und das Leben im Meer im Allgemeinen interessieren. Er ist ein brillanter Redner mit einem sehr breitgefächerten Wissen.»
Viele Lehrer führen im Rahmen des naturwissenschaftlichen Unterrichts Exkursionen zum Unsterbliche-Quallen-Mann durch. Während meiner Woche in Shirahama wurde er von einer Gruppe von 150 zehn- und elfjährigen Kindern besucht, die Vorträge und Diashows über die Turritopsis vorbereitet hatten. Die Gruppe war zu gross, um Seto zu besichtigen, weshalb sie sich im Festsaal eines Hotels in der Nähe auf den Boden setzten. Nachdem die Kinder ihre Vorträge gehalten hatten («Ich bin verrückt nach Quallen!», rief ein Mädchen), trat Kubota auf die Bühne. Er sprach laut und sehr lebhaft, rief und bombardierte sie mit Fragen. Wie viele Tierarten gibt es auf dieser Welt? Wie viele Stämme gibt es? Das Karaoke-Video des «Songs der roten Meduse» wurde auf eine grosse Leinwand projiziert, und die Kinder sangen kichernd mit. 
Kubota betreibt diesen Aufwand nicht bloss zu seinem eigenen Vergnügen – wenn er sich auch sichtlich dabei wohlfühlt. Zudem erachtet er seinen Bildungsauftrag nicht als zweitrangig hinter der Forschung. Er ist vielmehr der eigentliche Kern seines Lebenswerks. «Wir müssen die Pflanzen lieben – ohne Pflanzen können wir nicht leben. Wir müssen Bakterien lieben – ohne Zersetzung können sich unsere Körper nicht zu Erde zurückverwandeln. Wenn jeder lernt, lebende Organismen zu lieben, wird es kein Verbrechen mehr geben. Keinen Mord. Keinen Selbstmord. Wir brauchen einen spirituellen Wandel. Und am einfachsten erreichen wir dieses Ziel mit Liedern.»
«Die Biologie ist spezialisiert», sagte er und hielt die Handflächen wenige Zentimeter voneinander entfernt. «Und Lieder?» Er breitete die Hände weit aus, als wollte er damit die Grösse der Welt darstellen. 
Jeden Abend nach der Arbeit isst Kubota eine Kleinigkeit und besucht dann eine Karaokebar. Er singt täglich mindestens zwei Stunden Karaoke. Er besitzt ein 1611 Seiten starkes Karaokebuch, das ungefähr die Grösse eines Telefonbuchs hat und noch dichter beschrieben ist. Sein Ziel ist es, mindestens ein Lied von jeder Seite zu singen. Jedes Mal, wenn er ein Lied singt, streicht er es im Buch an. Als ich durch den Band blätterte, sah ich, dass er sein Ziel locker übertroffen hatte. 
 «Wenn ich Karaoke singe», sagte er, «wird ein anderer Teil des Gehirns beansprucht. Es tut gut, zu entspannen, ein Lied zu singen, das von Herzen kommt. Es tut gut, laut zu sein.» Seine Lieblings-Karaokebar trägt den Namen Kibarashi, was so viel heisst wie «Erholung» und wörtlich übersetzt «frische Luft». Das «Kibarashi» befindet sich am Ende einer Wohnstrasse, abseits der Küstenstrasse und der Geschäftsviertel der Stadt. Aber selbst mit Kubotas genauem Wegbeschrieb hatte ich Mühe, die Bar zu finden. Die Strasse war still und dunkel. Ich wollte schon umkehren in der Annahme, dass ich mich verfahren hatte, als ich ein kleines Schild entdeckte mit einem leuchtenden Mikrofon. Als ich die Türe öffnete, stand ich in einer Art Wohnzimmer – Sofas, Couchtische, Töpfe mit Plastikblumen, Goldfische in kleinen Aquarien. Eine niedrige, schmale Bar stand vor einer Wand. Auf zwei an der Decke befestigten Fernsehern lief das Karaokevideo einer sanften japanischen Ballade. Kubota stand dort und schaute in einen der Fernseher, das Mikrofon in der Hand, wiegte hin und her und sang aus voller Kehle in seinem eleganten Mezzo-Bariton. Hinter der Bar sass eine Frau in den Siebzigern und tippte auf ihrem iPhone. Sonst war niemand dort. 
Wir sangen während zwei Stunden – Elvis Presley, Beatles, Beastie Boys und unzählige japanische Balladen und Kinderlieder. Ich bat Kubota, seine eigenen Lieder zu singen, von denen sieben in seinem Karaokebuch aufgeführt sind. Die Karaokemaschine des «Kibarashi» gehört einem internationalen Vertreiber von Karaokemaschinen, und der Computer zeigt für jedes Lied eine Statistik an, aus der sich zum Beispiel ablesen lässt, wie oft es in Japan im vergangenen Monat gespielt wurde. Offenbar hatte niemand Kubotas Lieder ausgewählt. «Leider werden sie nicht von vielen gesungen», sagte er mir. «Sie sind nicht gefragt, weil es sehr schwierig ist, die Natur zu lieben, die Tiere zu lieben.»

An meinem letzten Morgen in Shirahama rief mich Kubota an und sagte unser letztes Treffen ab. Er hatte eine bakterielle Infektion und entschuldigte sich mehrmals. «Menschen sehr schwach», sagte er. «Bakterien sehr stark. Ich möchte unsterblich sein!» Er lachte sein herzliches Lachen. 
Die Turritopsis, wie sich herausstellte, ist auch sehr schwach. Obwohl sie unsterblich ist, ist es leicht, sie zu töten. Turritopsis-Polypen sind ihren Feinden quasi schutzlos ausgeliefert, besonders den Seeschnecken. Sie können leicht an organischem Material ersticken. «Sie sind Wunder der Natur, aber sie sind nicht vollkommen», räumte Kubota ein. «Sie sind nach wie vor Organismen. Sie sind nicht heilig. Sie sind nicht Gott.» Und ihre Unsterblichkeit ist bis zu einem gewissen Grad eine Frage der Semantik. «Das Wort ‹unsterblich› ist verwirrend», sagt James Carlton. «Wenn man unter ‹unsterblich› die Weitergabe der Gene versteht, dann ja, bedeutet es unsterblich. Aber das sind nicht mehr dieselben Zellen. Die Zellen sind unsterblich, aber nicht unbedingt der Organismus selber.» Um die Benjamin-Button-Analogie zu vervollständigen, stelle man sich den Mann vor, der, nachdem er sich in einen Fötus zurückverwandelt hat, wieder geboren wird. Die Zellen würden wiederverwertet werden, aber der alte Benjamin wäre nicht mehr da; an seiner Stelle wäre ein anderer Mann mit einem neuen Hirn, einem neuen Herzen, einem neuen Körper. Er wäre ein Klon.
Kubota seinerseits fürchtet, dass die Lektion, die wir von der unsterblichen Qualle lernen, zu früh angewandt wird, bevor der Mensch überhaupt dazu bereit ist, das Wissen um die Unsterblichkeit auf ethisch vertretbare Weise nutzbar zu machen. «Wir sind sehr komische Tiere», sagte er. «Wir sind so clever und zivilisiert, aber unsere Herzen sind sehr primitiv. Wären unsere Herzen nicht primitiv, gäbe es keine Kriege. Ich befürchte, dass wir die Erkenntnisse zu früh anwenden, wie wir es mit der Atombombe taten.»
Mir fiel ein, was er früher in dieser Woche gesagt hatte, als wir uns ein Musikvideo seiner Songs anschauten. Er bezeichnete sein Lied als Ode an die Schönheit der Natur. Das Video hatte sein 88-jähriger Nachbar gedreht, ein pensionierter Angestellter der Osaka Gas Company. Kubotas Liedtexte wurden über einer Bilderserie eingeblendet. Da war Engetsu, dessen Bogen mit Moos bedeckt war und von dem Eichen und Pinien emporragten; der schroffe Berg Seppiko und der sanfte Berg Takane; die zerklüfteten Klippen von Sandanbeki; der Privatstrand des Seto-Labors; ein Wasserfall; ein Bach; ein Teich; und der an die Stadt angrenzende Wald, der so dicht und schwarz ist, dass es wirkt, als ob die Bäume Dunkelheit absondern würden. «Die Natur ist wunderschön», sagte Kubota mit einem wehmütigen Lächeln. «Wenn die Menschen verschwinden würden, wie friedlich wäre diese Welt.

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