Das Kreischen der Tölpel

Auf der schottischen Insel Sula Sgeir betreibt eine Handvoll Männer jeden Sommer ein archaisches Ritual.

Linus Reichlin

Am Nachmittag wurde der Sturm ernst. Es war eine Unruhe, die alles erfasste, ein Ächzen und Rauschen, und in der Wucht des Windes ruderten Möwen mit den Flügeln, ich glaube, sie hatten Angst. Die Häuser am Quai des Hafens von Stornoway schienen den Atem anzuhalten, sie machten sich auf die Schläge gewaltiger Böen gefasst. Und draussen, zwischen der Insel und dem schottischen Festland, dessen Küste niemand erkennen konnte, schäumte das Meer vor Wut, und es war durchaus eine Art Wut. Hohe, eisgraue Wellen versperrten der Fähre, die nach Ullapool hatte ablegen wollen, den Weg. Rückwärts rollten die Autos aus der Fähre wieder auf den Vorplatz, es war ein Rückzug. Dort, wo ich das Festland vermutete, stieg eine Schwärze aus dem Meer, und sie näherte sich der Insel mit der Geschwindigkeit des Sturms. Etwas flog durch die Luft und schlug scheppernd auf dem Boden auf.

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Am Schalter der Fährgesellschaft erkundigte ich mich bei einem Angestellten, der einen gelben Ölanzug trug, nach der nächsten Fähre. Man warte den Wetterbericht von morgen früh ab, sagte der Angestellte. Für die Nacht sei Windstärke 11 angesagt. Manchmal flaue der Wind in den frühen Morgenstunden vorübergehend ab. «Möglich, dass dann eine Fähre durchkommt», sagte er auf Schottisch, ein Englisch, das die Schotten vollständig ihrer eigenen Zunge angepasst haben.

 

Ich fuhr mit dem Mietwagen zu meiner Unterkunft zurück, einem Bed-and-Breakfast-Zimmer im Haus der Familie MacAulay. Von der Familie hatte ich in den Tagen, seit ich hier war, niemanden zu Gesicht bekommen. Ich begegnete im Haus ausschliesslich Betty MacAulay, die jedes Mal, wenn sie mein Zimmer machte, den Thermostat des Heizkörpers, den ich hochgedreht hatte, wieder auf null stellte. Ich schätzte sie auf Mitte dreissig, sie war eine hübsche, robuste Frau mit sehr kurzen Haaren. Sie hatte mir erzählt, dass ihr Vater dieses Haus eigenhändig gebaut hatte, hier an einer Bucht etwas ausserhalb der Inselhauptstadt Stornoway. Als ich nun von der Fährstation zurückkehrte, sassen Betty und ein Mann, der wie der Angestellte vorhin einen gelben Ölanzug trug, in der Küche, sie tranken aus grossen Tassen Tee. Ich dachte, dass es sich vielleicht um den Ehemann handelte, dass er also doch existierte. Aber Betty stellte ihn mir als ihren Cousin vor, Duncan Murray. Sie lud mich zum Tee ein, und wir sprachen über den Sturm, der alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchte, vor allem in diesem Haus, das wegen der Buchtlage den Winden vollständig ausgeliefert war. Das Haus wand sich unter den Kräften, und manchmal knackte das Dachgebälk so laut, dass ich nach oben schaute, was Betty und ihren Cousin amüsierte. Aber ich sah gleichwohl auch in ihren Augen eine Besorgnis. Murray, der jungenhaft wirkte, wenn er sprach, aber sehr viel älter, wenn er schwieg – dann fiel sein Gesicht in Falten –, sagte, er habe heute Nachtdienst, müsse die Küstenstrasse sperren. Ich fragte, warum, und er zeigte nach draussen. Durchs Küchenfenster konnte ich jenseits der Strasse die Gischtfontänen sehen, die das Meer über die Befestigungsmauer der Bucht spritzte. 

«Ab Windstärke 10», sagte Murray, «werfen die Wellen Steine so gross wie Schafsköpfe auf die Strasse. Deswegen.»

Ich fragte ihn, ab wo die Strasse denn gesperrt werde, und er sagte: «Genau ab hier.» Das bedeutete, dass ich abends nicht nach Stornoway fahren konnte, und das hatte ich vorgehabt, um dort in einem der drei trostlosen Pubs Bier zu trinken. Ich hatte keine Idee, wie ich den Abend sonst hinter mich hätte bringen können. Ich fragte Murray, ob er nicht eine Ausnahme für mich machen könne, ich müsse dringend nach Stornoway. Er sagte: «Sie können nach Stornoway fahren, aber nicht mehr hierher zurück.» Ich sass also nicht nur auf der Insel fest, sondern auch in Betty MacAulays Haus.

 

Steine so gross wie Schafsköpfe

 

Geplant gewesen waren drei Tage auf Lewis, der grössten Insel der Äusseren Hebriden, ein beruflicher Aufenthalt: Ich wollte einige Szenen meines neuen Buches auf einer abgelegenen Insel spielen lassen, und Lewis war die abgelegenste Insel, die mit meinem Budget erreichbar war. In den drei Tagen vor dem Sturm hatte ich die Insel mit einem Mietwagen kreuz und quer vermessen, hatte verlassene Friedhöfe fotografiert, sumpfige Tümpel betrachtet und war am helllichten Tag durch Dörfer gegangen, in denen nur die weiss gewaschenen Vorhänge vor den winzigen Fenstern auf die Anwesenheit von Bewohnern hindeuteten. Ich hatte in meiner Notizdatei vermerkt, dass die Insel, die sich mitten im Ozean befindet, selbst zur Hauptsache aus Wasser besteht, sie ist mit Feuchtigkeit so gesättigt, dass aus Grasabbrüchen das Wasser steil in die Höhe spritzt. Die Besiedlungsweise ist undurchsichtig. Es fehlt die vertraute Kompaktheit, die einleuchtende örtliche Nähe von Wohnhäusern, Schulen, Kirchen und Einkaufsmöglichkeiten. Auf Lewis sind die Komponenten eines Dorfes über grosse Distanzen verstreut. Dorfplätze sind unbekannt. Pubs findet man einzig in der Hauptstadt, und auch dort wirken sie ungewollt, man trinkt sein Bier in einer ausgesprochen lieblosen Atmosphäre. Die Menschen, so hatte ich in meinen Notizen festgehalten, sind unzugänglich, nicht nur für Fremde. Auch im Pub unter ihresgleichen zwingen sie ihren Lippen die Wörter ab, kein einziges Mal in den drei Tagen habe ich jemanden von Herzen lachen gesehen. Männern und Frauen aus schwerem Fleisch begegnet man, sie arbeiten mit den Händen im Wasser oder in der torfigen Erde, oder sie stecken sie ins Fell der Schafe. Sie tragen Schuhe mit tiefem Profil, und ihre Wetterjacken riechen nach Tier und Maschinenöl. Seefahrer sind sie nur zur Not und ungern, die Häfen ausser dem in der Hauptstadt sind klein und schlecht befestigt, wer auf dem Meer sein Brot verdient, wird bedauert. Denn es ist ein gefährliches Meer, geädert mit tückischen Strömungen, und wehe, der Wind dreht auf Nordwest! 

 

Unter einer Daunendecke in meinem Zimmer las ich in jener Sturmnacht ein Buch über die Insel, geschrieben von ihrem Chronisten Bill Lawson. Ab und zu rauchte ich durch einen zweifingerbreiten Spalt eine Zigarette zum Fenster hinaus, ich blies dem Sturm den Rauch ins Gesicht, und er blies ihn zurück und riss mir die Glut von der Zigarettenspitze. Ich konnte vom Fenster aus das tobende Meer sehen und Duncans quer über die Strasse gestellten Polizeiwagen, dessen Blaulichter sich träge drehten. Das Gebälk des Hauses spielte eine Sinfonie des Knackens, und bei besonders heftigen Windstössen roch man im ganzen Zimmer für einen Moment das Meer. 

Lawson beschrieb unter anderem auch eine Tradition der Insel Lewis, den Guga Cull. Jedes Jahr im August, so las ich, fuhren zehn Männer auf einem Fischkutter zu einer kleinen Nistinsel namens Sula Sgeir; siebzig Kilometer nordwestlich von Lewis. Hier sammelten sich die Tölpel, um in den messerscharfen Klippen der Insel zu brüten. Die Männer von Lewis stiegen bei Wind und Regen über die Klippen zu den Nestern und pflückten daraus Tölpelküken eines bestimmten Alters, die Gugas. Sie wurden getötet und noch an Ort und Stelle für den Transport gepökelt. Lawson beschrieb dies mit einer gewissen Vorsicht, wie mir schien, er enthielt sich eines Urteils, erwähnte aber, dass der Guga Cull umstritten sei und es Versuche von Tierschutzorganisationen gebe, ihn zu verbieten, wogegen sich die Bewohner von Lewis heftig wehrten. 

 

Am nächsten Morgen war die Küstenstrasse mit Steinen so gross wie Schafsköpfe übersät, Duncan hatte nicht übertrieben. Durch die kühle, feuchte Luft flitzten Wassernadeln, sie pieksten im Gesicht. Der Sturm, der die ganze Nacht nicht müde geworden war, hatte die Farbe des Meers verändert, von einem klaren Grau in ein matschiges Graubraun. Keine einzige Möwe wagte es zu fliegen. 

Ich verlängerte bei Betty mein Zimmer um zwei Tage. Sie sagte, sie freue sich, aber in meinem Zimmer rieche es nach Rauch. Ich versprach ihr, nicht mehr zum Fenster hinaus zu rauchen, und bezahlte in ihrem kleinen Büro die zwei Tage im Voraus. Auf dem Schreibtisch standen Fotos von ihrem Mann und zwei Buben im Alter von etwa zehn und acht. Ich fragte Betty nach dem Guga Cull, sagte, ich hätte darüber gelesen, und jetzt, da ich länger als geplant hierbleiben müsse, würde ich gern mehr über diese Tradition in Erfahrung bringen, um vielleicht darüber zu schreiben. 

«Da gibt's nicht viel zu erzählen», sagte Betty, und sie erzählte folglich auch nichts. Ich fragte sie, ob sie jemanden kenne, der mir Auskunft geben könne. Sie sagte, die Leute hier würden mit Fremden nicht gern über den Guga Cull reden. Es sei schon viel zu viel Schlechtes darüber geschrieben worden in der Festland-Presse. Es seien in den Medien Lügen verbreitet worden, ja man habe die Gugajäger als Tierquäler hingestellt, so als würden sie die Gugas zum Spass töten. 

«Wir gehen ja auch nicht zu den Engländern und verbieten ihnen die Hunderennen», sagte Betty. Obwohl man ja wisse, dass Windhunde, die im Rennen zu langsam seien, einfach erschossen würden. 

Ich fragte Betty, welches denn die Vorwürfe der Gegner des Guga Culls seien.

«Da fragen Sie am besten den SPCA», sagte sie. Ihre Wangen hatten sich gerötet, wie das bei den Schotten schnell der Fall ist.

 

Für Tierquälerei habe man gar keine Zeit

 

Ich sass im den Gästen vorbehaltenen Aufenthaltsraum des Hauses am kalten Kamin. Über mir hörte ich das Sausen und Schaben des Staubsaugers, mit dem Betty in meinem Zimmer die Asche wegmachte, die der Sturm gestern durch die Fensterritze geblasen hatte. Meine Versuche, mit dem Handy den SPCA, die schottische Tierschutzgesellschaft, anzurufen, scheiterten zunächst. Es war eine merkwürdige Erfahrung, dass ein sehr heftiger Sturm wie der, der sich seit gestern mit Lewis beschäftigte, den Fernsehempfang derart stören kann, dass das Bild förmlich weggeweht wird. Auch die Handywellen schienen im Sturm ihre Richtung zu verlieren, sie erreichten ihr Ziel erst beim zehnten Versuch. Ich hörte die schwache, von Knistern überlagerte Stimme einer Frau, deren Name ich als Chisholm verstand. Auf meine Frage nach den Argumenten gegen den Guga Cull sagte sie, ich könne das alles auf der Website des SPCA nachlesen. Ich sagte, ich hätte kein Notebook dabei. Daraufhin las mir Frau Chisholm vor, was auf der Website des SPCA zum Thema Guga Cull stand. Es lief darauf hinaus, dass die Jungvögel auf barbarische Weise zu tausenden totgeschlagen wurden. Bei der Stelle, in der geschildert wurde, wie den Jungvögeln mit einem harten Gegenstand der Kopf eingeschlagen wurde, erkletterte Frau Chisholms Stimme religiöse Höhen. Ihre Vorlesung der Website wurde durch das Fehlen eigener Anschauung zunehmend biblischer. Weder sie selbst noch der Verfasser des Berichts für die Website hatten persönlich an einem Guga Cull teilgenommen, und auch mir war es unmöglich, den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen in der Gegenüberstellung mit eigenem Erleben. Es lief also auf eine reine Glaubenssache hinaus, ob man im Guga Cull eine Tierquälerei sehen wollte oder eine erhaltenswerte Tradition.

 

«Wie schmeckt Guga?», fragte ich Betty.

«Manche mögen es, andere nicht», sagte sie.

«Und wo auf Lewis kriegt man Guga?»

Betty sagte, ich solle doch lieber über die Zwillinge schreiben, die gestern Abend im Krankenhaus von Stornoway zur Welt gekommen seien, zwei Frühchen. Im hiesigen Krankenhaus gebe es aber keine Brutkästen, und normale Flugzeuge könnten bei dem Sturm nicht fliegen. Eine Maschine der Royal Airforce habe die Frühchen in eine Klinik nach Edinburgh geflogen, auf allen Fernsehsendern sei die Rettungsaktion gezeigt worden. Ich sagte, das sei eine dramatische Geschichte, aber mir stehe der Sinn nach Guga. Betty kapitulierte. Sie rief Duncan an, ihren Cousin, der draussen die Küstenstrasse bewachte. Duncan, der aus Port Nis stammte, einer Ortschaft am Nordende der Insel, erklärte sich bereit, mich nach Dienstschluss mitzunehmen.

Um vier Uhr nachmittags endete seine Schicht, und bei wildem Regen, dem die Scheibenwischer nicht Herr wurden, fuhren Duncan und ich in seinem Privatwagen über die passierbare Inlandstrasse nach Norden. Der Sturm presste das Weidegras flach auf die Erde. Auf der Oberfläche der Torftümpel bildeten sich kleine spitze Wellen wie Gänsehaut. Tropfnasse Schafe lehnten sich stoisch gegen den Wind, sie kauten und glotzten, dies war ihre Welt. Duncan mochte es, dass ich Guga essen wollte und dass ich rauchte. Wir fuhren, wenn wir rauchten, bei halboffenem Fenster, und wenn die Zigaretten zu nass wurden, warfen wir sie raus und zündeten neue an. 

«Meine Frau will nicht, dass der Wagen nach Rauch stinkt», sagte Duncan. Sie hiess Jane, und er sagte, Jane mache den besten Guga auf der ganzen Insel. Er hätte, sagte Duncan, sich schon gedacht, dass ich keiner von diesen Journalisten sei.

«Die sehen schleimig aus, Sie nicht», sagte er. 

Jedes Mal, wenn eine Sturmböe den Wagen traf, musste Duncan gegenlenken. Er sagte, ich solle nichts von dem glauben, was der SPCA und Greenpeace über den Cull behaupteten. Keiner von denen sei je dabei gewesen. Es stimme zum Beispiel nicht, dass die Gugas totgeschlagen würden. Man betäube sie nur mit einem einzigen Schlag, und danach schneide man ihnen sofort den Kopf ab. Für Tierquälerei habe man gar keine Zeit, es müsse schnell gehen, das sei schliesslich auch im Interesse der Gugas.

Ich hätte aber nur durch eigene Anschauung erfahren können, ob der SPCA recht hatte oder Duncan, und so fragte ich ihn, was ich tun müsse, um am nächsten Cull teilzunehmen. 

«Sie müssten einer von uns sein», sagte Duncan. Nur Männer aus Port Nis dürften am Cull teilnehmen. 

«Und Frauen?», fragte ich. Für Frauen sei das viel zu gefährlich, sagte Duncan. Sula Sgeir sei kein Ausflugsort. Es sei eine schroffe, völlig kahle Insel, eigentlich nur ein grösserer Felsen im Atlantik. Kalt, feucht, glitschig, bedeckt mit Guano, der aussehe wie Schnee, aber ganz anders rieche, wirklich ganz anders, sagte Duncan. Ein falscher Tritt auf den scharfen Klippen, die so glatt seien wie nasse Fischhaut, und man stürze siebzig Meter tief in die Brandung, und wenn einen die Klippen nicht schon aufgeschlitzt hätten, erledige das Meer den Rest. Auf Sula Sgeir kämen sogar gestandene Männer an ihre Grenzen, um wie viel mehr dann eine Frau! 

Ich gab zu bedenken, dass eine umstrittene Tradition vielleicht nur gerettet werden könne, wenn man Aussenstehende in die Bräuche einweihe. Der SPCA verbreite die Halbwahrheiten ja deshalb ungestraft, weil niemand sie überprüfen könne ausser den zehn Männern aus Port Nis, die als Einzige zum Cull zugelassen seien. Nur diese zehn Männer wüssten, dass die Vögel in Wirklichkeit geköpft und nicht auf brutale Weise totgeschlagen würden. Es stehe Aussage gegen Aussage, aber die Öffentlichkeit werde bei der Diskussion, ob der Cull verboten werden solle, den Tierschützern eher glauben als den Gugajägern, denn man werde sie natürlich der Verharmlosung verdächtigen.

 

Der Guga roch wie des Teufels Atem

 

Ich wollte Duncan vorschlagen, dass die Gugajäger nächstes Mal ein Fernsehteam nach Sula Sgeir mitnehmen sollten. Aber dann stellte ich mir eine englische Familie vor, die nach dem Abendessen im Fernsehen Männer sah, die jungen Vögeln die Hälse durchschnitten. Die Vögel litten dabei nicht mehr als das Huhn, das die Familie zuvor verspeist haben mochte. Der Unterschied lag in der Offenlegung, der Konfrontation mit dem Prozess, der Tiere erst essbar macht. Die Familie würde nicht verstehen, warum Männer bei Wind und Regen auf Klippen hinausklettern, um Jungvögel aus ihren Nestern zu reissen, wenn es doch bereits geschlachtete Hähnchen im Supermarkt zu kaufen gab. Das Argument, dass auch diese stillen, toten Hähnchen einst geköpft worden waren, würde weniger wiegen als der Anblick der langen Messer der Gugajäger und des Blutes, das auf ihre Ölanzüge spritzt. Der Guga Cull war medienmässig schwer vermittelbar, das begann ich zu begreifen. Er war wie der Stierkampf eine rituelle Tiertötung, der der Ruch des Unnötigen anhaftete. Beim Guga Cull schienen die Tiere im Gegensatz zu den Supermarkthähnchen einen sinnlosen Tod zu sterben. Der Begriff «Tradition», mit dem die Leute von Lewis für den Cull warben, wurde ihnen sogar zum Verhängnis, denn in den Augen der Uneingeweihten verstärkte er noch den Eindruck, dass auf Sula Sgeir Tiere um des Tötens willen geschlachtet wurden. Dem Guga Cull wurde also beides zum Nachteil: dass er mehr oder weniger heimlich vonstatten ging, und dass man ihn andererseits aber auch nicht öffentlich machen konnte.

Wir fuhren auf einer schnurgeraden Strasse an niedrigen Hügeln vorbei, die Reifen pressten Wasserfontänen zur Seite. Zu unserer Linken führte das Meer sich auf wie eine Furie, und über uns entluden schwere, dunkelgraue Wolken ihre Regenfracht.

Duncan sagte, schon sein Urgrossvater sei nach Sula Sgeir gefahren, und seither sei die Linie väterlicherseits nie unterbrochen worden. 

«Nächstes Jahr kommt mein Sohn zum ersten Mal mit», sagte Duncan. «Und er wird einen Stein hinlegen, wie wir es alle tun, seit Generationen, um zu zeigen, dass wir dort waren. Manche Steintürme sind zwei Meter hoch. Wenn sie umstürzen, bauen wir sie wieder auf. Und dann weisst du, das war der Stein, den dein Vater hingelegt hat. Und den Stein darunter hat dein Grossvater hingelegt.»

Inzwischen sah ich aber wenig Hoffnung, dass auch Duncans Enkel noch einen Stein hinlegen würde, zu fremd lag der Guga Cull in der Zeit.

 

In früheren Zeiten herrschte in den Wintern auf Lewis Nahrungsmangel. Es war überlebenswichtig, im Sommer die noch nicht flugfähigen Tölpelküken auf Sula Sgeir zu ernten. Sie wurden gepökelt und bis zum Winter aufbewahrt. Später, als Versorgungsschiffe Lewis das ganze Jahr über regelmässig mit Frischfleisch und Konserven belieferten, bekam der Cull eine andere Bedeutung. Er war jetzt das, was nur die Leute auf Lewis, insbesondere nur die aus Port Nis, taten und was sie von den Fremden unterschied, die mit den Versorgungsschiffen kamen. Jahrhundertelang hatte man auf Lewis nur selten Besuch von ausserhalb bekommen. An den Versorgungsschiffen, die jetzt plötzlich anlegten, wusste man zwar die Güter zu schätzen, die das harte Leben erleichterten, nicht aber die Fremden, die zusammen mit den Gütern die Insel betraten. Das Beunruhigende an den Fremden war gerade ihre Ähnlichkeit mit dem eigenen Blut: Auch sie waren Schotten, sprachen dieselbe Sprache, dachten dieselben Gedanken. Man musste einen Weg finden, um sich dennoch von ihnen zu unterscheiden. Nur so konnte man bleiben, was man vor Ankunft der Schiffe gewesen war. 

«Sollen sie uns den Cull verbieten», sagte Duncan, als wir die ersten Häuser von Port Nis erreichten, «wir fahren trotzdem raus!» Er öffnete alle Fenster, um den Wagen noch einmal richtig durchzulüften, bevor wir seiner Frau Jane begegneten.

 

Der Guga kam aus der Tiefkühltruhe, ein graues, gestaltloses Stück Fleisch, einer von zweitausend Jungvögeln, die die zehn Männer aus Port Nis jährlich auf Sula Sgeir ernten dürfen gemäss einer speziell für sie festgeschriebenen Ausnahme des Britischen Vogelschutzgesetzes. Selbst in gefrorenem Zustand roch der Guga wie des Teufels Atem. Besorgt sah ich zu, wie Jane ihn auf einem Teller auf den Heizkörper stellte. Während der Guga auftaute, erklärte Duncan mir beim Whisky die Einzelheiten des Culls: Ein bis zwei Wochen bleiben die zehn Männer jeweils auf Sula Sgeir. Sie leben in Steinhütten, von denen niemand weiss, wann genau sie errichtet worden sind. Die Hütten müssen zunächst getrocknet werden, zu diesem Zweck entzündet man Torffeuer. Am ersten Abend wird im blauen Rauch des Torfs aus der Bibel vorgelesen, nachdem man sich zuvor von Hering ernährt und mit Tee gewärmt hat. Ist das Wetter am nächsten Tag gut – darunter versteht man: kein Sturm –, klettern die einen auf die senkrecht abfallenden Klippen zu den Nestern, während die anderen sie an Seilen sichern. Gefangen werden ausschliesslich Jungvögel, die kurz davorstehen, flügge zu werden. Die Kletterer holen sie mit an langen Stöcken befestigten Schlingen aus dem Nest und reichen sie an die Männer weiter, die auf sicherem Boden stehen. Die Vögel werden betäubt, mit Messern geköpft und gleich darauf gerupft, zerteilt, gepökelt und zu Stapeln geschichtet. 

«Am Anfang ist es die Hölle», sagte Duncan. Denn dies alles geschieht in unbeschreiblichem Gestank. Die ganze Insel ist mit einer Guanokruste überzogen, die sich bei Regen in stinkenden Schlamm verwandelt, in dem man die verwesenden Kadaver von auf natürliche Weise gestorbenen Tölpeln zertritt. Nach zwei Tagen vermischt sich dieser gärende Schlamm mit dem frischen Blut und den Innereien der geschlachteten Gugas und dem Erbrochenen jener Gugajäger, denen sich selbst nach Jahren noch jedes Mal wieder der Magen umdreht. Doch nicht nur der bestialische Gestank zermürbt die Männer. Schwer auszuhalten sind auch das ununterbrochene Gekreische der Alttölpel und ihre Schnabelattacken, das irrsinnige Flappen von dreitausend Flügeln. Die Männer ächzen unter dem Gekreische und dem Gestank, Blut spritzt ihnen aus den Hälsen ins Gesicht, ihre Messer kommen nicht zur Ruhe, und nach einem harten Tag führt ein Fehltritt auf dem mit glitschigem Morast überzogenen Fels zu bösen Stürzen, und man liegt mit dem Gesicht im Vogelkot und dem zu Öl zerflossenen Fett der Gugas, das diese auf den Pökelstapeln ausschwitzen. 

Das alles erzählte Duncan mir nicht im Ton einer Heldengeschichte, sondern als Klage. Er gab sich keine Mühe, zu verbergen, dass er den Guga Cull als Pflicht betrachtete und jedes Mal den Tag herbeisehnte, an dem er Sula Sgeir wieder verlassen durfte. Jane fand es unziemlich, dass ihr Mann vor einem Fremden dieses Bild entwarf, und sie sagte: «Aber ihr Männer habt doch da draussen immer eine gute Zeit.»

Duncan trank einen Schluck Whisky und sagte: «Klar.»

Unter fliessendem Wasser schrubbte Jane mit einer Bürste das Fett vom angetauten Guga. Die Küche füllte sich mit einem Geruch, der Duncans Schilderungen noch lebendiger werden liess. Der Guga wurde gesotten, und kurz darauf lag er bleich auf meinem weissen Teller. Unter den Blicken meiner Gastgeber ass ich ein Stück. Auch sie assen davon.

«Für einen Fremden schmeckt es wahrscheinlich wie gesalzener Hund», sagte Duncan.

Das traf es nicht ganz.

Aber es kam nicht darauf an, wie der Guga schmeckte. Was zählte, war, dass Duncan und die anderen neun Männer jedes Jahr im August nach Sula Sgeir fuhren und dass sie dort den Steintürmen einen weiteren Stein hinzufügten zum Zeichen, dass sie hier gewesen waren.

 

Zwei Tage später lag das Meer glatt da, schweigend und erschöpft, und der Rauch aus den Kaminen der Häuser von Stornoway stieg schnurgerade in den Himmel, denn es regte sich kein einziger Windhauch. Ich fuhr mit der Fähre nach Ullapool, und als ich mich noch einmal nach der Küste umdrehte, war ich froh, als Fremder auf diese Insel gekommen zu sein und sie als Fremder wieder zu verlassen.

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