Das Leben der anderen

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Ein Hacker verliert sich in der Intimsphäre Hollywoods.

Claas Relotius

Hinweis

Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen im Dezember 2018 unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor. Betroffen ist in Teilen auch diese Reportage, die Relotius für unser Magazin verfasst hat. Hier der Stand unserer Nachrecherchen (Januar 2019):​

Relotius gab vor, den Hollywood-Hacker Christopher Chaney im Gefängnis besucht zu haben. Die Sonntagsredaktion des Tagesspiegels hat diese Geschichte zweitverwertet. Aber: Relotius war nie vor Ort, wie er gegenüber dem Tagesspiegel bestätigte.

SZENERIE:

«Fünf Besuchstage» habe er mit Chaney verbringen dürfen, behauptet Relotius im Text. Szenen, wie etwa «sein Blick fällt auf Gitterstäbe», sind somit Imagination. Der Text weist zudem faktische Fehler auf. Chaneys Strafe, frei nach Relotius: 42 Jahre auf Bewährung. Doch Chaney kommt bereits im Jahr 2021 frei. Auch die Häftlingsnummer 814 ist falsch.


Christopher Chaney hatte sich, so gut es ging, zurechtgemacht, ehe er seinem prominentesten Opfer zum letzten Mal gegenübertrat. Es war an einem Montagmorgen in einem verdunkelten Gerichtssaal in Jacksonville, Florida. Chaney trug ein oranges Sträflingshemd, eine randlose Brille und einen sauber gestutzten Bart. Er wollte einen gepflegten Eindruck hinterlassen, wollte den Geschworenen zeigen, dass er nichts Böses oder Gefährliches an sich habe. Dass er nicht der Geisteskranke sei, den die Leute in ihm sehen.

Chaney gegenüber, auf einer mannshohen Leinwand neben der Anklagebank, prangten wie leuchtende Beweismittel die Fotos, die seinen Namen im ganzen Land bekannt gemacht hatten. Die Blicke der Anwesenden fielen auf die Selbstporträts einer jungen Frau mit blondem Haar und zartem, beinahe mädchenhaftem Gesicht. Das erste Bild zeigte, wie sie sich auf einem Hotelbett räkelte und ihre Brüste fotografierte. Das zweite war eine Grossaufnahme ihres Intimbereichs. Auf dem dritten Bild posierte sie vor einem Badezimmerspiegel und schürzte lasziv ihre Lippen, während sie sich über die Schulter hinweg mit einer Handykamera ablichtete. Sie war dabei nur lose mit einem Handtuch bekleidet, und im Spiegel schimmerte die nackte Rückseite ihres Körpers. In Druckbuchstaben unter den Fotos stand ein Name: Scarlett Johansson.

Die Bilder der Hollywoodschönheit waren um die Welt gegangen, sie hatten im Netz und auf den Titelseiten zahlloser Klatschmagazine für Aufsehen gesorgt, aber es waren nicht die einzigen, die Chaney gestohlen hatte. Am Ende seiner Taten verfügte er über ganze Ordner, die voll waren mit den Privatfotos Dutzender Berühmtheiten; Johanssons zählten nur zu den intimsten. Drei Jahre lang hatte Christopher Chaney die E-Mails von Hollywoodstars gelesen, die persönlichen Nachrichten, die sie ihren Liebhabern, Familien und engsten Vertrauten sendeten. Zehntausende waren es, und er hatte sie gesammelt, ausgedruckt und wie Karteikarten nach Namen sortiert. Die Fotos waren dabei nicht alles, was er den Stars raubte. Chaney stahl auch jedes ihrer Geheimnisse. Er wusste über alles Bescheid, was hinter den Kulissen der Filmwelt vor sich ging. Er wusste, wer wen liebte. Er wusste, wer wen hasste. Er war im Bilde darüber, welcher Produzent aus einer Entzugsklinik geflohen war, welcher Regisseur eine heimliche Affäre mit welchem Darsteller pflegte und wie das Drehbuch ihres nächsten gemeinsamen Films aussah. Er kannte all die geheimen Pläne, die verbotenen Wünsche, die schmutzigen Lügen und Intrigen, die sich hinter der Fassade Hollywoods verbargen.

Christopher Chaney, 37, hatte nie geplant, die E-Mail-Konten prominenter Menschen abzuhören und wie ein Einbrecher in deren Intimsphären einzudringen. Er hatte nie die Absicht gehabt, ihre Privatfotos zu stehlen, um diese auf illegalen Netzseiten zu verbreiten. Er wollte nie bekannt werden als der Mann, der Hollywood hackte. So hiess es vor Gericht, im Schlussplädoyer seines Verteidigers, und doch: In Chaneys Augenhöhlen, grauen Abgründen, funkelt es noch heute, wenn er erzählt, wie es ihm, einem arbeitslosen Vorstädter aus Jacksonville, Florida, gelang, vom Computer seines Schlafzimmers aus am Alltag der aufregendsten Persönlichkeiten des Showgeschäfts teilzuhaben.

Reihenhaus in der Cinderella Road

Das Bundesgefängnis von Jesup, Wayne County, im Südwesten Georgias, ist ein schwerer Betonbau inmitten weiter Baumwollfelder. Hohe, mit Stacheldraht besetzte Mauern umgrenzen die Welt der Häftlinge. Im Besuchertrakt 5, einem von Überwachungskameras durchzogenen Saal mit kahlen Wänden und kantenlosen Plastikstühlen, sitzt Chaney nach vorn gebeugt an einem Tisch; blaues Hemd, Häftlingsnummer 814, die Hände wie ein Schuljunge im Schoss vergraben. Er sieht nicht aus wie die meisten hier. Ein blasser Kerl mit zarten Händen und dem teigigen Gesicht eines Mannes, der in seinem Leben kaum Härte erfahren hat. Chaney passt nicht zu den anderen, den Tätowierten und den Zahnlosen, die schon Jahrzehnte im Knast verbringen. Er ist kein Drogendealer, kein Vergewaltiger, auch kein Mörder. Und doch verurteilte ihn das Gericht zu 42 Jahren Haft ohne Bewährung.

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