Das letzte Rendezvous

Zwei Frauen lieben einen Mann. An seinem Sterbebett entsteht eine deutsch-französische Freundschaft.

Sabine Riedel

Hier sind wir wieder. Moumoune, la bonne und ich.

Wir haben unsere Plätze auf der Terrasse eingenommen, wir haben die Stühle so arrangiert, dass wir in den Garten sehen können. Wir sitzen nebeneinander, Moumoune und ich, la bonne sitzt ein wenig abseits von uns, hinter unserem Rücken.

Das späte Nachmittagslicht hat die Farbe von dunklem Bernstein. Alle Dinge scheinen zu zerfliessen in dieser Stunde, als wollten sie Teil werden dieses Lichts: die harten Kanten des Rasenrondells, die Kieswege, der Teich, in dem den Goldfischen schon längst der Atem ausgegangen ist, und weiter hinten: der Hain aus Eichen und Linden.

Wir schauen stumm auf den Garten. Ich habe Moumoune eine Decke auf die Knie gelegt und den Schal aus ziegelroter Mohairwolle um die Schultern.

Wir warten.

Die Sitze sind hart, der Metallrahmen drückt mich dort, wo ich meine Nieren vermute. Stühle aus Drahtgeflecht, die weisse Farbe ist an vielen Stellen abgeplatzt, sie stehen bei Sonne und Regen draussen, vermutlich selbst im Winter. Aber im Winter bin ich nie hier.

Dies ist das Haus der abwesenden Männer. Und seitdem die Männer fehlen, stehen die Gartenstühle bei Sonne und Regen draussen, und die Bespannung des grossen Sonnenschirms, die einmal weiss gewesen sein muss, ist von einem marmorierten Grau.

 

Einmal im Jahr komme ich in dieses Haus. Immer im Sommer, das ist seit neunzehn Jahren so. Manchmal, wenn es Nacht wird, steht die Frau, die ich Moumoune nennen darf, in meinem Zimmer, im knöchellangen Nachthemd. Sie streicht mir über den Kopf, legt mir die rechte Hand flüchtig an die Wange. A demain, ma petite.

Seit neunzehn Jahren bin ich ma petite, manchmal bin ich ma kokotte, und manchmal bin ich ma pauvre kokotte.

Ich bin damit einverstanden.

Ich komme aus dem Land, das sie ein Leben lang sich geweigert hat zu betreten.

Ich komme aus dem Land, das ihr etwas schuldig ist.

Ich bin die Frau aus dem Land hinter der Siegfried-Linie

Freude bereiten.
Ein Reportagen-Jahresabo für Ihre Liebsten.

Jetzt schenken

Wir warten. Jetzt steigt eine Wildtaube auf aus der Krone der alten Kiefer. Der Vogel steigt senkrecht in die Luft, fast hysterisch schreiend, dann gleitet er, mit ausgebreiteten Flügeln und stumm, schräg durch die Luft. Moumoune hebt ihre rechte Hand, winkt, sie wirft dem Vogel eine Kusshand zu.

Denn Moumoune glaubt fest daran, dass eine Seele sich erhebt, immer wieder, in einer majestätischen Bewegung.

Sie glaubt fest daran, dass sich eine Seele verwandelt.

Einmal im Jahr denke ich nach über diese Verwandlung.

Zum Schluss war er ein Kind, ich konnte nicht glauben, dass er zwanzig Jahre älter war als ich, er war ein Kind, das sich vor der Nacht fürchtet. Ich hielt ihn, ein Bündel aus Knochen in meinen Armen, so lagen wir unter einer Decke, ich spürte den Druck seiner spitzen Hüftknochen, stand ich auf, rieselten tote Hautschuppen von meiner Haut. Ich wusste, dass er schon jetzt zu Staub zerfiel. Was er erbrach, war schwarz wie Moorwasser, ich fragte mich, ob er sah, was ich sah. Er starrte mich an, hinter meinem Rücken sah er Dämonen tanzen. Er gab ihnen Namen, die ich nicht kannte, Namen aus einer Zeit vor der Zeit, die ich auch heute noch unsere Zeit nenne.

Gegen Morgen verliessen uns die Dämonen, ich füllte eine Emailleschüssel mit heissem Wasser und wusch ihm den Nachtgeruch von seiner Haut, von seinen Armen, den Händen, seinen Beinen. Hör auf damit, sagte er einmal, nicht sehr freundlich, weil er sich in diesem Moment daran erinnern musste, dass er ein Mann war, und ich war seine Geliebte.

Einmal im Jahr gehe ich den Weg hinunter in das Dorf, überquere die Kreuzung, gehe vorbei an der Filiale der Caisse d’épargne, an den Gemüseständen von Coccinelle, biege ein in die Sackgasse gleich dahinter. Dann stehe ich, betäubt vom Licht, an diesem Ort der Witwen. Wir grüssen uns, mit einem angedeuteten Kopfnicken. Kein Baum ist da, nur manchmal wirft eine der Frauen ihren Schatten auf einen Stein, der stumm daliegt, stumm und vom Licht poliert. Immer ist da eine Frau, ihr gekrümmter Schatten, eine Hand, die sich über schimmernden Marmor schiebt, als müsse einmal doch ein Stein sich erweichen.

Ich stehe aufrecht vor meinem Stein, ein Fuss berührt den anderen, so bildet die Linie der Schuhspitzen eine Parallele zur scharfen Kante. Zwei Daten in Goldgravur, das Leben ist der Bindestrich dazwischen. Die Zeit, die ich unsere Zeit nenne, ist der äusserste rechte Punkt auf diesem Strich.

Ich wusste nicht viel über ihn. Zwei Ehen, eine Scheidung und eine, die eine Ehefrau Nummer zwei eifrig betrieb, erwachsene Kinder. Nirgendwo und überall zu Hause, ein improvisiertes Leben in Mexiko, Chicago, in Peru und in Kenya, Cocktailpartys, Personal, das lautlos und fast unsichtbar anwesend war, eine Frau, die Geschmack hatte, um die andere Männer ihn beneideten: Votre femme est très charmante.

Das musste ihm gefallen haben.

Ich bemühte mich nicht, charmant zu sein, ich trug alte Jeans und Pullover, die ich bei einem Besuch zu Hause aus dem Schrank meines Vaters genommen hatte. Pullover in X-Large, Pullover, in denen ich meine Weiblichkeit versteckte.

Ich weiss nicht warum, vielleicht fühlte ich mich sehr existentialistisch, mit diesen alten Jeans und dem schwarzen Kajalstrich.

Es war in Frankfurt. Nicht gerade der Ort, der als Kulisse für eine Romanze taugt oder für das, was man eine grosse Liebe nennen mag, könnte man denken, wenn man Frankfurt gut genug kennt.

Ich stand verloren im Garten des französischen Konsuls, es war der 14. Juli. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Jetzt klarte der Himmel auf. Ich stand im nassen Gras, durch das dünne Leder meiner Sandalen spürte ich die Feuchtigkeit. Ich eignete mich nicht für Stehempfänge. Ich kannte niemanden und wollte niemanden kennenlernen. Ich war die Journalistin, die für eine Zeitung arbeitete, die als irgendwie links galt, ich war nur hier, weil jemand in der Redaktion der Ansicht gewesen war, dass mein Französisch passabel genug wäre, um den Abend mit ein paar Unverbindlichkeiten überstehen zu können.

Dann stand er vor mir. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Er gab mir ein Glas Champagner, und ich war ihm dankbar dafür, denn so hatte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte.

Ich sah dich und dachte: Ich muss diese Frau unbedingt kennenlernen. Sagte er mir sehr viel später.

Denke ich an ihn heute, frage ich mich, was es war, das er zwei Jahre lang in mir gesehen hat.

Kommst du, sagte er eines Morgens am Telefon, er rief aus Paris an. In letzter Zeit war er oft in Paris gewesen, er sprach von Terminen, von Arztterminen, ich stellte nicht viele Fragen, ich war nicht seine Frau.

Kommst du. Es klang gar nicht wie eine Frage, mehr wie die vorweggenommene Antwort darauf. Es war diese Art, wie er Fragen stellte, die mich wütend machen konnte, ich glaubte, darin den Mann zu erkennen, der sich an ein Leben mit Personal gewöhnt hatte. Einmal sagte ich zu ihm: Ich bin nicht einer von deinen Domestiken. Dafür könnte ich mir noch heute auf die Zunge beissen.

Kommst du.

Ich nahm sofort den Nachtzug, am Gare de l’Est trat ich hinaus in die Julihitze. Schon morgens um sieben hatte die Stadt einen verbrauchten Atem. Er umarmte mich nicht, er sagte nichts. Es musste aussehen, als ob ein Fremder versehentlich auf mich zugestolpert wäre, mit seinen rissigen Lippen meine Wange streifend, ein im Morgenlicht des Zuglavabos hingekleckstes Make-up wegwischend. Wir irrten durch die Verbindungsröhren der Métro, stiegen dreimal um, standen eingeklemmt zwischen Menschen, die schon jetzt erschöpft wirkten.

Er hatte mir die Tasche nicht abgenommen. Er lief schnell, ich lief hinter ihm her, so schnell ich konnte, die Tasche schlug gegen meine Knie.

Einmal, im blauen Licht des Métro-Abteils, sah er mich an, ansonsten blieb er stumm. Heute denke ich, er brauchte all seine Energie, um seine Beine in Bewegung zu halten, um anzukommen.

Die Wohnung lag in der obersten Etage, der Fahrstuhl kletterte schwerfällig hinauf. Ich dachte, dies wäre der richtige Moment für einen Kuss, auf den ich seit meiner Ankunft gewartet hatte.

Ich war nie hier gewesen. Er betrat als Erster die Wohnung, ich sah, wie sich seine Schulterblätter bewegten unter seinem weissen Hemd, sie erschienen mir plötzlich so spitz. Schwere Vorhänge vor den Fenstern, durch die die Hitze und der Lärm der Strasse sickerten. Er liess sich auf ein Bett fallen, ich rutschte neben ihn, er lag auf dem Rücken mit offenen Augen. Im Pastelllicht erkannte ich eine mit Antiquitäten vollgestellte Wohnung. Sie roch nach Staub und nach der Art von Seife, die Frauen benutzen, die gerne Lavendelkissen in den Wäscheschrank legen. Ich erinnere mich, dass ich gerne eine Frage gestellt hätte und entschied, es nicht zu tun.

Als die Stadt Luft holte, dirigierte mich der Mann, den ich liebte, die Stufen zur Sacré-Cœur hinauf. Ausgerechnet an diesen Touristenort, dachte ich. Wir sassen lange auf einer der Steinstufen, sahen auf die Stadt, die in der Dämmerung dalag wie ein zusammengekehrter Haufen aus zerbrochenem Glas. Ich beobachtete die Touristenpärchen, sie waren so beschäftigt miteinander, ihre Körper so verhakt ineinander. Wie wir auch einmal und viele Male ineinander verhakt gewesen waren.

Endlich sprach er. Er sah mich nicht an, er sah geradeaus, als spräche er zu der Stadt, die zu unseren Füssen lag, als er sagte: Ich habe noch drei Monate.

Am Ende waren es vier.

Wir essen früh zu Abend. Ich sitze Moumoune gegenüber. Es ist der Platz, der einmal dem Mann zustand, der ihr Sohn war und mein Geliebter. Alles ist mir vertraut: Die schwere Anrichte aus dunkel gebeiztem Holz, die rechte Tür hängt schief im Scharnier, sie quietscht, wenn ich sie öffne, um die Teller herauszunehmen. Die Teller sind alt, mit dunklen Flecken auf dem Porzellan, haarfeinen Rissen in der Glasur. Ich kenne jeden Fleck auf der hellblauen Tischdecke mit den stilisierten Kornblumensträussen, der sich nicht mehr rauswaschen lässt, und ich denke albernes Zeug wie: Vielleicht war es der Mann, dessen Platz ich jetzt einnehme, der hier ein Glas umgeworfen hat, ungeschickt mit einem Löffel hantierte. In einer Zeit vor unserer Zeit. Ich sehe die Messerbänkchen aus stumpfem Glas. Ich habe sie oft genug abgespült, um zu wissen, dass sie schwer und seltsam weich zugleich in der Hand liegen. An der Wand über der dunklen Truhe, in der die Kissen für die Terrassenstühle aufbewahrt werden, hängt der Kopf eines Wildschweins, die Schnauze fast kahl, nur dicht an den eingetrockneten Lippen stehen graue Borsten wie Drähte. Die Männer in diesem Haus sind schon zu lange abwesend, niemand kann mir sagen, wer auf die Idee gekommen ist, einen präparierten Wildschweinschädel an eine Wand mit Blümchentapete zu hängen.

Solange ich Moumoune kenne, waren ihre Haare grau, ein sanftes Grau, von ein paar Silberfäden durchzogen.

Über Winter sind ihre Haare weiss geworden.

Jemand hat ihr zu Weihnachten einen Kater geschenkt, einen Kartäuserkater, und sein weiches dichtes Fell ist genau von dem Grau, das der Winter ihren Haaren genommen hat.

Er ist die Freude meiner letzten Tage, sagt Moumoune.

Und ich: Vous êtes témoin de mes derniers soupirs. Sagt sie und sieht mich an.

Der Kater ist sanftmütig und frech, er ist mon amour chéri, er macht, was er will, er spaziert auf dem Tisch herum, schnüffelt an der Petersilie auf der zu kleinen Würfeln geschnittenen Roten Bete, sein Schwanz streift die weisse Haut des Camemberts. Also wirklich, sage ich und fege den Kater mit der Hand vom Tisch.

Später springt er zu mir auf den Schoss. Es tut mir leid, ich sehe, wie sehr sie sich wünscht, er käme zu ihr, nicht zu mir, die ihn grob behandelt. Ihre Stimme ist immer zu laut, wenn sie den Kater ruft, mon amour chéri, viens chez ta moumoune.

Der Kater bleibt nie lange, er treibt sich im Garten herum, manchmal legt er ihr eine halb tote Maus zu Füssen.

Regnet es, schläft er stundenlang hinter dem geblümten Vorhang, ich sehe, wie sich der Vorhang sanft bewegt. Sie ruft nach der bonne: Séverine, où est mon bébé?

Wir sitzen im Salon, wir warten auf die Nachrichten um acht Uhr. Die bonne hat einen Stuhl vor den Sessel gerückt und Moumounes Füsse hochgelegt. Ihre Füsse sind zierlich wie die eines Mädchens. Sie trägt weisse Leinenschuhe, als wäre sie zu einer Partie Tennis verabredet. Ich sitze schräg neben ihr, in einem Louis-Quinze-Imitat, mit diesen geschwungenen, kurzen Beinen und dieser zierlichen Rückenlehne. Der Sessel ist viel zu niedrig für mich, ich sitze darin wie zusammengeklappt.

Dies ist unsere Acht-Uhr-Position, und der Kopf von Moumoune, die entspannt in ihrem hohen Ohrensessel lehnt, muss meinen um ein paar Zentimeter überragen.

Wir sehen immer France  2, denn Moumoune ist ein bisschen verliebt in den Nachrichtensprecher. Er hat grosse, ausdrucksvolle Augen, vielleicht sind sie blau, wir streiten manchmal darüber, seine Haare sind dicht und von einem glänzenden Schwarz, als käme er aus dem Maghreb. Aber er kommt nicht aus dem Maghreb. Il est un bon Français. Er scheint eine Vorliebe zu haben für himmelblaue Hemden. Sein Gesicht wirkt kindlich, es ist das unschuldige Gesicht eines Jungen bei der Erstkommunion.

Mesdames, messieurs, bonsoir, ruft er uns zu, in einer Lautstärke, die ich kaum ertrage.

Und Moumoune ruft: Qu´il est beau. Vous ne trouvez pas.

Ich nicke. Es gefällt ihr, dass wir in puncto Männer denselben Geschmack haben.

Schliesslich haben wir schon einmal denselben Mann geliebt.

Ich denke daran, wie nervös wir waren, als wir uns das erste Mal begegneten. Sie dirigierte mich sofort in den Salon, der Sommer leuchtete jenseits der Fenster, der Rasen glitzerte wie frisch gesprengt. Ich sah alles zum ersten Mal: den schweren Kristalllüster, die Familiengeschichte in Silberrahmen auf dem Kaminsims, Flügeltüren von einer Farbe wie nachgedunkeltes Elfenbein, mattgoldene Zierleisten, Polster von einem Blau wie der Maihimmel bei Regen. Ich rutschte in dem Louis-Quinze-Sessel hin und her und wusste nicht, wohin mit meinen Beinen. Ich wagte nicht, vom Knabbergebäck zu nehmen. Der Champagner war zwei, drei Grad zu warm. Sie rief nach Eiswürfeln, klingelte nach dem Mädchen, Séverine, ihre Stimme ein silberner Sopran, Séverine.

Sie war kein Snob, nur ein Snob schüttelt den Kopf über Eiswürfel im Champagner. Am Goldrand ihres Champagnerkelchs sah ich eine feine Spur von Lippenstift.

Sie sagte: Ihr Französisch ist sehr gut. Sie sprechen wie eine Elsässerin, man hört nur einen leichten Akzent.

Ich wusste, dass mein Akzent mich verriet, dass da eine kaum hörbare Schläfrigkeit in meiner Stimme war, die dem Französischen etwas von seiner Leichtigkeit nahm. Aber ich kam nun mal aus dem Land, in dem die Menschen nicht gerade für ihre Leichtigkeit bekannt sind.

Ich kam aus dem Land hinter der Siegfried-Linie.

Die Worte, die ihr dieses Land geschenkt hatte, waren: Ausweis, verboten, Ersatz de café. Sie sprach sie mir vor, übertrieben die Silben formend, als müsste sie ein Kind das Sprechen lehren.

Ich nannte sie Madame. Vier Monate später, als ich wortlos vor Schmerz aus einem Krankenhaus ins Freie stolperte, nahm sie mich in den Arm und sagte: Wann hören Sie endlich auf, mich Madame zu nennen.

Diese Nächte in einem Krankenhaus, gebaut zwischen zwei Weltkriegen, mit diesem ewigen Klopfen in alten dicken Heizungsrohren: Alle Lichter waren gelöscht, nur das herabgedimmte Licht einer Leuchtröhre fiel auf einen Kopf, der knochig und haarlos war und in diesem Funzellicht fremd für mich, archaisch und ewig wie eine Steinfigur in der Glasvitrine einer prähistorischen Sammlung.

Ich löschte das Licht, und sein Kopf war eins mit der Dunkelheit. Auf dem Nachttisch stand ein Dosiergerät, es arbeitete Tag und Nacht, pumpte geräuschlos in immer höheren Dosen Morphin durch seine Venen. An der Stirnseite des Geräts war eine kleine Leuchtdiode. Rund und rot, in der Dunkelheit sah sie aus wie das glühende Ende einer Zigarette. Ich schlief kaum, ich sass auf meinem metallenen Klappbett, das eine Krankenschwester für mich aufgestellt hatte. Das Zimmer war so klein, dass sie das Bett dicht an die Heizungsrohre gerückt hatte, und jede Nacht lag ich mit brennenden Wangen neben diesen alten Rohren, lauschte auf den Atem eines sterbenden Mannes, und das Klopfen der Heizung wurde zu einem Klopfen in meinem Schädel. Ich setzte mich auf, stellte meine nackten Füsse auf den alten Linoleumboden, ich spürte den harten Metallrahmen an meinen Oberschenkeln, meine Augen suchten nach dem kleinen roten Licht. Sie fanden es, und das Klopfen in meinem Schädel wurde leiser. Mein kleines rotes Licht: Ich wusste, da war noch jemand, ein Ding nur, aber immerhin etwas, das arbeitete. So wie ich arbeitete, während ich die Länge der Pausen zählte zwischen einem Atemholen und dem nächsten. Im Morgengrauen, glaube ich, schlief ich ein.

Am Nachmittag kam Moumoune. Ich hörte sie herbeieilen durch den Krankenhausflur, hörte das Klack-Klack ihrer dünnen Absätze auf dem Linoleum. Coucou, sang ihre Stimme, coucou.

Sie trat nicht ein, sie trat auf. Ich sah es ihr nach, sie kam zum letzten Rendezvous.

Ich sehe noch ihr Kostüm, die Schleifenbluse, den Diamantring am kleinen Finger der rechten Hand, wo sie ihn auch heute noch trägt. Ich sah den schweren Goldreif am Handgelenk und die Altersflecken auf der Haut darunter. Sie trug Make-up, ihre Augenlider hatten die Farbe später Pflaumen. Coucou, sang ihre Stimme, sie huschte herein. Dieses Hereinhuschen hatte etwas von einer mädchenhaften Verlegenheit, und ich vergass, dass diese Frau in wenigen Wochen achtzig werden würde.

Mon amour chéri, rief sie. Baby, flüsterte ich.

Sie beugte sich über ihn, und ihre dreireihige Perlenkette baumelte vor seinem Gesicht, das tief in einem Kissen lag. Wenn sie ihn umarmte, hielt sie ihn immer den entscheidenden Moment zu lange, der einer Mutter nicht zusteht. Wie ich fand.

Ich wusste, sie hoffte ein Wort, wie ich auf ein Wort hoffte, das mir allein gehören würde. Wir bettelten mit Blicken um einen Halbsatz. Drehte ich ihm den Rücken zu, überfiel mich die Angst, er könnte genau in diesem Moment wortlos sterben.

Wir waren keine Rivalinnen.

Wir waren Kolleginnen.

Wir teilten uns die letzte Schicht.

Ich setzte mich auf die linke Bettkante, Moumoune auf die rechte, wir schoben die Bettdecke hoch, wir begannen immer bei den Füssen, mit den Zehen, wir sahen ohne Kommentar auf seine gelb verfärbten Zehennägel, arbeiteten uns hinauf, die Bewegung unserer massierenden Hände fast synchron. Da gab es nicht mehr viel Muskulatur, die wir massieren konnten. Seine Beine nahmen es hin, die Haut transparent wie Reispapier.

Moumoune wusste immer, was zu tun war. Ich wusste es nicht. Sie öffnete die Schranktür, nahm ungetragene Wäsche aus einem Fach und räumte frisch gebügelte Wäsche ein. Sie schüttelte das Kissen auf, nagelte mit Reisszwecken ein Handtuch vor die Leuchtröhre und schützte seine blinzelnden Augen vor dem Licht.

Sie ordnete die Arzneiflaschen auf dem Beistelltischchen, manchmal schlug ihr Goldreif gegen eines der Fläschchen, und ich glaubte das Glas summen zu hören wie eine Stimmgabel. Aber damals war ich so durcheinander, dass ich an alles Mögliche glaubte, ich glaubte an alle möglichen Wunder, ich glaubte an Spontanheilung und glaubte an die geheime Kraft, die in einer Leuchtdiode steckt.

Ma petite, flüsterte Moumoune, auf ein Wort. Sie zog mich hinaus auf den Flur, da standen wir im milchigen Licht, ich ahnte, wie müde ihre Füsse sein mussten, wenn sie ihre hochhackigen Schuhe endlich auszog. Ich sah fasziniert, wie das Deckenlicht die Perlen schimmern liess, wie sie sich bewegten auf dem fast transparenten Stoff der Schleifenbluse mit jedem Atemholen. Ich wusste, jede einzelne dieser Perlen war entstanden aus nichts als einem Sandkorn, und ich dachte, wie merkwürdig es war, dass sich mir ausgerechnet hier, auf dem Flur einer Palliativstation, auf dem man nie einen Patienten sah, dieses Wunder erschloss.

Sie sind zu dünn, sagte Moumoune, ihre Stimme klang streng, Sie essen nicht, Sie werden mit jeder Woche dünner. Was wollen Sie bezwecken mit Ihrer Askese? Den lieben Gott beeindrucken?

Es war wahr, ich konnte kaum noch etwas essen, nicht in der Gegenwart eines Mannes, der nur noch von Kochsalzlösungen und Morphin genährt wurde.

Sie sagte: Rechnen Sie nicht mit Gott. Wenn Gott existiert und wenn er ein Mann ist, dann ist er schwach wie alle Männer.

Gott war ihr etwas schuldig geblieben. Er hatte sich weiss der Himmel wo herumgetrieben, als sie ihn am nötigsten gebraucht hatte. Ich wusste das.

Sie zwang mich zu essen, ich stellte mir vor, dass sie einen ganzen Vormittag durch Paris gelaufen war, auf der Suche nach dem dunklen Brot der Deutschen. Sie führte mich in ein Restaurant, sie bestand darauf. Sie sass ganz klein auf ihrem Stuhl, ich sah, wir ihre Füsse in den hochhackigen Schuhen in der Luft baumelten.

Als meine Mutter jung war, hatte mein Geliebter gesagt, sah sie aus wie Michèle Morgan. Puuh, macht Moumoune, Michèle Morgan. Ich achtete nicht auf ihre Worte, ich achtete auf das, was unter ihnen lag, ich hörte dieses Coucou-Coucou, ich hörte das Klack-Klack, das Echo ihrer eiligen Schritte, ich sah mich neben ihm liegen, meine Haltung der Krümmung seines Körpers angepasst, sah seinen Arm auf meiner Schulter ruhen, mager und kantig wie ein Zollstock.

Wie Michèle Morgan, sagte ich noch einmal.

Und Moumoune sagte: Meine arme Kleine, alle Söhne sind in ihre Mutter verliebt.

Ihr Sohn, ihr Pierrot: geboren, eine Woche bevor die Deutschen Russland überfielen.

Dass die Menschen einfach nichts dazulernen, sagte sie.

Ich wurde 1916 geboren. Mitten im Krieg, das muss man sich mal vorstellen. Was dachten sich die Menschen bloss – nun, die Männer dachten sich vermutlich gar nichts. Ich war ein Kind des Krieges und hätte meine Lektion lernen sollen. Aber als Pierre zur Welt kam, war wieder Krieg, Juni 1941.

Sie erinnerte sich, es war ein Sonntag, wie hätte sie sich nicht erinnern können an diesen Albtraum, der morgens um neun begann und erst kurz vor Mitternacht endete.

Ich weiss nicht, wie die Stunden vergingen, es war, als driftete ich durch dichten Nebel, meine Mutter sass neben mir und hielt mir all die Stunden die Hand. Wissen Sie, damals brachte eine Frau ein Kind zu Hause zur Welt. Die Männer wurden weggeschickt, was sollten sie machen, also gingen sie spazieren oder betranken sich, mein lieber Jacques ging ins Kino, nach ein paar Stunden kehrte er zurück und jedes Mal winkte ihn die Hebamme aus dem Zimmer: Ce n’est pas encore pour tout de suite, Monsieur.

Die Hebamme: Ich habe ihren Namen vergessen. Man erinnert sich nie an den Namen einer Hebamme, es ist fast so, als wollte man sich nicht erinnern. Sie war eine dicke, joviale Frau, diese sage-femme, sie hatte den starken Akzent der Leute aus Marseille ... Sie gab mir einen Klaps auf die Hüfte, als ich bereit war aufzugeben, als ich nur noch schlafen wollte: Allez allez, courage, ma petite, poussez, le petit va s’étouffer.

Mein Pierrot: Er sah aus wie ein Äffchen, der Kopf war ganz verformt. Meine Mutter hatte meine Hand losgelassen und hielt sich die Hände vor den Mund. Ich sah das Entsetzen in ihren Augen. Oh Gott, dachte ich: Mein Kind ist blöd. Ich richtete mich auf, so gut ich konnte, nahm den Kopf in meine Hände, er war ganz nass und weich, ich drückte ein wenig hier und da und versuchte, ihm eine menschliche Form zu geben. Es klingt vielleicht eigenartig: Aber in diesem Moment spürte ich eine solche Macht in meinen Händen, ich fühlte mich so mächtig in diesem Augenblick, als wäre ich Gott. Als hätte ich dieses Wesen geschaffen aus nichts als Staub und Spucke.

Moumoune legte kurz den Kopf in den Nacken und richtete die Augen zur Zimmerdecke: Pardon, Seigneur, falls es Sie wirklich gibt.

Die Hebamme sagte: Das wird sich zurechtwachsen. Und so war es. Er wurde ein richtiges Pummelchen. Er lächelte nie, mon patapouf.

 

Nachts stehe ich barfuss im Flur und lausche auf ihren trockenen Husten. Ich sehe mich schemenhaft im stockfleckigen Spiegel mit dem schweren Goldrahmen. Ich zähle die Länge der Pausen zwischen den Hustenanfällen.

Ich höre das Geschrei der Dohlen. Sie suchen ihre Schlafplätze auf in der alten Linde, von der ich in einem anderen Sommer die Blüten gesammelt habe. Ich liess sie auf dem Küchentisch trocknen, legte sie in ein altes Marmeladenglas und stellte es in den Wandschrank.

Da steht es noch immer, unberührt, neben dem Paket mit den weissen Zuckerwürfeln und der Dose Ricoré.

Damals glaubte ich an die Kraft von Kräutertees, ich pflückte Salbei, den ich im Garten entdeckt hatte, es waren riesige Büsche, es musste Jahre her sein, dass jemand sie geschnitten hatte. Ich sammelte die Dolden des wilden Hopfens, der sich an den äusseren Ästen der Hartriegelbüsche emporwand. Jeden Abend, wenn es Zeit wurde für die Nachrichten, stellte ich Moumoune ein grosses Glas Lindenblütentee auf das Tischchen neben ihrem Sessel. Ich hielt ihr einen kleinen Vortrag, an dem ich schon in der Küche gearbeitet hatte, während ich wartete, dass der verkalkte Wasserkocher endlich das Wasser zum Kochen bringen würde.

Ich sprach von Tradition, von Proust, von gesundem Schlaf.

Was wollte ich mit dieser albernen Teezeremonie?

Ich wollte, dass sie ewig lebte.

Ma pauvre kokotte, sagte Moumoune, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, von dem jungen Mann im hellblauen Hemd mit diesen unfranzösisch schwarzen Haaren und den grossen dunklen Augen, je déteste les tisanes. Und Proust, puuh, wie er mich langweilt.

Nachts trägt der Westwind das Geräusch der Züge in den Garten, in dem Moment, wenn sie den Viadukt überqueren, der über die Eure führt. Ich muss nicht die Augen schliessen, um die Algen zu sehen, die die Strömung kämmt, gelbgrün im Sonnenlicht eines Spätsommers. Ich weiss, jetzt schlafen die Schwäne auf der schmalen Landzunge, die in das Flüsschen ragt. Immer riecht es faulig, wenn ich an der Schwanenkolonie vorbeigehe. Ich sehe die wilden Ranken der Waldrebe, wie sie die Haselnusssträucher am Ufer überwuchert, ihre mattgelben Blüten, ein feiner Strahlenkranz, um die letzte Bienen kreisen. Sie fliegen wild und hektisch, ihr Flug hat etwas Schaukelndes, als wären die Bienen betrunken.

Manchmal fliehe ich aus dem Haus. Ich sage: Je vais faire un petit tour.

Ich gehe die Eure entlang, vorbei an der alten Mühle, den Speichern, die langsam verfallen. Sie verfielen schon, als ich sie zum ersten Mal sah. Die Brücke ist gesperrt, einige Holzplanken sind eingebrochen. Ich passiere die grands prés. Die Wiesen werden jedes Jahr weniger. Das Land hier, nur eine Autostunde westlich von Paris, wird Gold in den Händen von Spekulanten. Jeden Sommer sehe ich, wie die Neubausiedlungen weiter gewachsen sind.

In der Ferne die Türme der Kathedrale, auf dem Dach steht ein kleiner Engel. Ich habe ihn neunzehn Jahre lang übersehen, aber in diesem Sommer sehe ich ihn, wie er dasteht, auf dem Dachfirst, am äussersten östlichen Punkt, die Flügel gespreizt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob er gerade gelandet ist oder sich zum Flug bereitmacht und welche Vorstellung mir besser gefallen würde.

Je fais un petit tour. Weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass nichts ewig ist.

 

Es wurde November. Die drei Monate waren vorbei. Es fühlte sich nicht an wie ein Sieg. Ich verliess das Krankenzimmer nur noch ungern. An einem Nachmittag legte Moumoune ihre Hand auf meinen Unterarm und führte mich hinaus, über den Flur, auf dem ich nie einem Patienten begegnen würde, in die Schwesternküche. Ich erinnere mich an das Licht, der späte Nachmittag leuchtete blau im Fenster.

Keine Schwester, nur Moumoune und ich. Sie öffnete einen Schrank, nahm zwei Tassen heraus und stellte sie auf den kleinen Tisch, der dicht am Fenster stand. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich bewegte in dieser fremden Küche, machte mich verlegen. Ich sagte, um etwas zu sagen: Ich liebe diese blaue Stunde. Und sie sagte: Es ist die Stunde, in der sich Kinder und Kranke vor dem Sterben fürchten.

Sie öffnete ihre Handtasche, nahm eine kleine Flasche Whiskey heraus und füllte unsere Tassen.

Auf Eiswürfel, sagte Moumoune, werden wir wohl verzichten müssen.

Dann erzählte sie mir die Geschichte von dem Mann, den mein Land ihr genommen hat.

Es war kein coup de foudre, aber was heisst das schon. Coups de foudre gibt es in diesen livres de gare, sagte Moumoune, von der ich heute weiss, dass sie am liebsten Biografien über grosse Männer liest: über Mazarin, Montaigne und natürlich de Gaulle.

Es war Herbst 1935, ich besuchte in Paris das Gymnasium Louis le Grand. Seit einiger Zeit bemerkte ich, wenn ich die Schule verliess, einen jungen Mann, der auf der gegenüberliegenden Strassenseite stand. Er hiess Jacques, wie ich bald erfuhr, und er wartete auf einen gemeinsamen Freund. Er war Student an der Faculté de Droit. War er schön? Nein. Ich fand ihn zu gross, zu hager, seine Haare lagen zu glatt an seinem Kopf, aber er hatte dieses quelque chose de pas comme les autres.

Und ich hatte meine Prinzipien, sagte Moumoune. Ich hatte mir gesagt: Du wirst den Mann heiraten, der dir den ersten Kuss gibt.

Und dieser Mann war Jacques.

Ich dachte an die alte Fotografie, die ich entdeckte hatte, als ich das erste Mal die Wohnung meines Geliebten in Frankfurt betrat. Die Wohnung war gross und komfortabel, auf eine anonyme Art komfortabel, wie es Hotelzimmer sind, und die Schwarz-Weiss-Fotografie auf dem Schreibtisch schien mir das einzige Detail, das verriet, dass hier jemand lebte, der seine eigene Geschichte hat. Das Foto zeigte einen jungen Mann, er konnte damals erst 24 oder 25 sein, aber seine hohe Stirn und die nach hinten gekämmten glatten Haare liessen ihn reifer erscheinen. Er lächelt und schwenkt ein Kind in einem hellen Strampelanzug. Er hält dabei die Arme durchgestreckt, so als wolle er das Kind auf Distanz halten, als müsse er erst noch verstehen, wer dieses pummelige Wesen ist, das er da durch die Luft wirbelt. Aber das pummelige Kind scheint zu jauchzen vor lauter Glückseligkeit.

Ich werde es nie verstehen, sagte Moumoune. Ihre Stimme zitierte mich zurück in das Schwesternzimmer. Meine Mutter konnte Jacques nicht leiden. Aber sie setzte sich an ihre Singer-Nähmaschine und nähte mir mein Brautkleid: weisser Organza, bestickt mit kleinen Margeriten.

Ein alter Priester traute uns in einer kleinen Kirche auf dem Land; Jacques und ich, wir sahen uns an und sagten: Ja, ich will, pour le meilleur et le pire. Wir hatten ja keine Ahnung, welches Gewicht ein Wort haben kann.

Das war 1937. Wir machten Pläne. Jacques würde nach dem Studium in den diplomatischen Dienst gehen, und ich: Ich wäre mehr als die Frau an seiner Seite. Ich wäre eine inoffizielle ambassadrice, ich würde die Herzen der Menschen für Frankreich gewinnen. Für ein grosses Land mit einer grossen Kultur. Ich dachte, dies ist meine Aufgabe: faire aimer la France.

Wir glaubten an unsere Zukunft.

Wir glaubten nicht an Krieg.

Wir fühlten uns sicher, hinter unserer Maginot-Linie.

Wie naiv wir waren, wie naiv unsere Generäle, unsere Politiker, und niemand hörte auf de Gaulle.

Ich erinnere mich an die Plakate, an den Hausmauern in Paris, nach der Generalmobilmachung: Nous sommes les plus forts! Lächerlich.

Nach einer Woche wehte die Hakenkreuzfahne auf dem Eiffelturm, und auf den Champs Elysées marschierte la Wehrmacht. Diese Soldaten, sie waren gross gewachsen, sehr schlank, ich konnte nicht umhin zu denken: Sie sehen gut aus, diese Soldaten du Reich.

Für sie war Paris ein Fest: Der Wein, der Champagner und unsere hübschen Pariserinnen, sie kauften die Boutiquen leer, Parfums, Seidendessous für ihre nanas. Ich sehe sie noch sitzen, die Deutschen mit ihren kleinen Französinnen, auf der Terrasse des Dôms, im Coupole, im Maxim’s.

Und die Franzosen: Sie haben sich sehr gut arrangiert. Sie machten glänzende Geschäfte mit dem Reich, die Unternehmer, die Boutiquen, die Bordelle.

Nach dem Krieg waren sie alle unschuldig, die kleinen Denunzianten, die Gendarmen, die Miliz, keiner war dabei gewesen bei den Verhaftungen, den Verhören, der Folter. Bei den Razzien auf die Juden. La Grande rafle du vél’ d’hiv’, quel déshonneur de la France.

Wie sie getanzt haben in den Strassen von Paris, im August 1944, ich sah General Leclerc mit seiner Panzerdivision, wie sie in Paris einzog, wie die Hakenkreuzfahnen eingeholt wurden. Auf dem Eiffelturm flatterte wieder unsere Tricolore, überall wurde getanzt. Nur mir war nicht nach Tanzen zumute.

Ich hatte für diesen Sieg einen zu hohen Preis gezahlt.

Waren wir uns der Gefahr nicht bewusst gewesen? Vielleicht ist man ein bisschen grössenwahnsinnig, wenn man so jung ist, wie wir es waren, Jacques und ich. Wir dachten: Es ist doch unsere patriotische Pflicht.

Vous savez, ma pauvre petite, ich habe nichts gegen die Deutschen, solange sie in ihrem Land bleiben.

 

Das Quai d’Orsay schickte Jacques nach Vichy, als attaché au chef de cabinet du Maréchal Pétain. Da hatte sich Jacques längst der Résistance angeschlossen.

Sein Büro war im Hôtel du Parc, er war ganz dicht dran an Pétain und Laval. Einmal die Woche traf er sich mit einem Kontaktmann und übergab ihm seinen Bericht. Der Kontaktmann kam aus Paris, es war immer ein anderer, und keiner nannte seinen richtigen Namen.

Der nom de guerre von Jacques? Ich kannte ihn damals nicht. Ich wusste nicht, durch wie viele Hände die Berichte gingen, die Jacques abends auf seiner Schreibmaschine schrieb, bevor sie de Gaulle in London erreichten. Jacques sagte: Je weniger du weisst, desto sicherer bist du.

Ich? Ich lebte das typische Leben einer Diplomatenfrau, trank Tee mit den anderen Diplomatenfrauen, mein Pierrot spielte mit ihren Kindern, wir Frauen plauderten, sprachen über Literatur, damals lasen wir Montherlant, Gide, Giono. Wir plauderten stundenlang, aber wir sagten nie ein Wort zu viel.

Vichy war eine hübsche kleine Stadt, mit ihren alten Villen, ihren Lindenalleen.

Aber ich hatte das Gefühl, ich atme Gift.

In der Stadt wimmelte es von Spionen, Intriganten, Opportunisten.

Eines Tages begegnete ich Mitterrand. Mitterrand! Wissen Sie, wie ich ihn nenne? Einen grenouillard. Das Wort sollten Sie sich merken. Ein grenouillard ist ein Mann wie Mitterrand, der immer die Nase im Wind hat und weiss, wann es Zeit ist, die Seiten zu wechseln.

Ich sehe ihn noch in Verdun mit Ihrem Kanzler Kohl, wann war das, in den achtziger Jahren. Auf dem Soldatenfriedhof von Douaumont. Zwei Männer, inmitten von Kreuzen, vor einem Sarg, bedeckt mit den Fahnen unserer Länder. Ich sah es in den Nachrichten, zwei Männer, Hand in Hand, minutenlang, schweigend, und ich dachte: Mir machst du nichts vor.

Der Nachmittag hinter dem Fenster war jetzt nicht mehr blau, sondern von einem dunklen Grau wie das Wasser eines träge fliessenden Flusses. Der Raum war geflutet mit diesem grauen Wasser, und unsere Körper schienen mir darin zu schwimmen wie merkwürdige urzeitliche Kreaturen. Ich fühlte mich plötzlich seltsam geborgen in diesem Aquarium: ein stummes Wesen aus einer Zeit, lange bevor der erste Mensch erschien.

Am 15. Mai 1944, es muss gegen zehn Uhr gewesen sein, wurde Jacques von der Gestapo in seinem Büro verhaftet.

Vielleicht lag es am Whiskey, Moumounes Stimme klang jetzt ganz gedämpft, als hielte ich meinen Kopf tatsächlich unter Wasser.

Ich lief sofort ins Hotel du Parc. Ich bettelte um eine Audienz bei Pétain. Pétain sagte: Wir werden in angemessener Weise protestieren. Allez, courage.

Ich bettelte um eine Audienz bei Laval. Laval, der übelste von allen Kollaborateuren. Ich sass in seinem Empfangszimmer, er liess mich warten, kam herein, grusslos, setzte sich an seinen Schreibtisch. Er trug an diesem Tag einen schwarzen Anzug, ein weisses Hemd, merkwürdig, an welche Details man sich erinnert. Ich redete, erklärte, sagte, das alles müsse ein grosses Missverständnis sein, und die ganze Zeit sah Laval mich nicht an, er hielt den Kopf gesenkt, und es war, als spräche ich zu seinen buschigen Augenbrauen.

Dann hob er den Kopf, er schrie mich an, mit diesem rollenden R, das so typisch für ihn war: Les Français, ils sont tous fous. Font de la résistance. C’est pas chef de gouvernement que je devrais être, c’est médecin psychiatre.

Sie brachten Jacques in das Gefängnis von Moulins. Gleich gegenüber steht eine Kathedrale. Da sass ich jeden Morgen, auf den Stufen der Kathedrale, mit den Frauen der anderen Gefangenen. Jede hatte ein kleines Bündel bei sich: Wäsche, ein Stück Seife, Zigaretten. Manchmal ein Stückchen Butter.

Dann ging das Holztor auf, ein Soldat stellte einen kleinen Tisch und einen Stuhl auf, und wir Frauen öffneten unsere Bündel und legten nach und nach alles auf den Tisch. Und der Soldat, er sah sich alles an, befingerte die Wäsche, wie widerlich mir das war, seine Finger in Jacques Wäsche. Er nickte, oder er sagte: Verboten!

Verboten. Eines der wenigen Worte in Ihrer Sprache, die ich kenne.

Die Frauen zeigten mir, wie man Kassiber in das Gefängnis schmuggelte. Wir schrieben Botschaften auf Zigarettenpapier, rollten das Papier und schoben es in den Kragen der frisch gewaschenen Hemden oder versteckten es im Saum der Pyjamahose. Ich schrieb, was man schreibt in so einer Situation: Mon amour chéri, je pense tout le temps à toi. Tu es ma vie. Garde ton courage, mes prières finiront bien par être entendues …

Und mein Jacques – er bat um Streichhölzer, Eau de Cologne, Gedichtbände, er würde gerne die Gedichte von Apollinaire auswendig lernen. Schrieb er.

Inzwischen war es schon Ende Juni, die Alliierten waren in der Normandie gelandet. Einmal an einem Nachmittag, ich ging durch Strassen von Moulins, hörte ich, wie jemand leise das Lied der Partisanen sang: Montez de la mine, descendez des collines, camarades, sortez de la paille les fusils, la mitraille, les grenades …

Und plötzlich fühlte ich mich so leicht, ich dachte: Es wird noch alles gut.

Am 23. Juni verliess ein Zug mit Gefangenen Moulins. Es war früh am Morgen, unter den Gefangenen war Jacques. Er sollte nach Paris gebracht werden und dann nach Dachau oder Buchenwald. All das erfuhr ich später.

Es gab Bombenalarm an diesem Morgen, der Zug hielt auf freier Strecke, mein Jacques riss das Fenster herunter und schwang sich nach draussen. Er rannte über die Gleise, ein deutscher Soldat hinterher. Auf der anderen Seite der Gleise waren Baumstämme gestapelt. Jacques kletterte hinauf, rutschte aus, lag bäuchlings über den Stämmen.

Der Schuss, der ihn von hinten traf, traf mitten in sein Herz.

 

Ich habe Moumoune nie weinen sehen. Nicht an jenem Nachmittag in der Schwesternküche.

Und nicht an dem Morgen, als der Mann starb, der ihr Pierrot war und mein Geliebter. Es war ein Samstag im November, kurz vor elf, wir drängten uns um sein Bett: Moumoune, seine Schwester, erwachsene oder halb erwachsene Kinder aus zwei gescheiterten Ehen. Wir bettelten um einen Blick, um ein letztes Wort, ein Wort, das nur uns gehören würde.

Je voudrais rester. Seine letzten Worte. Er schenkte sie keinem von uns. Er sprach sie zu sich selbst. Die Pupillen seiner Augen waren schwarz, sie sahen, was wir nicht sehen konnten.

Danach mussten wir Stunden verbracht haben in diesem Raum, etwas streifte meine Schulter, ich schaute noch einmal auf sein Gesicht, jetzt war es leer, nichts als eine Maske. Moumoune räumte die ungetragene Wäsche aus dem Schrank, die Bücher, die er nicht mehr gelesen hatte, sie wusste auch jetzt, was zu tun war. Eine Schwester kam, schickte uns hinaus, dann rief sie uns wieder hinein. Jetzt hatte er die Augen geschlossen. Sehen Sie, sagte die Schwester, er lächelt.

Aber ich wusste, dass er nicht mit einem Lächeln aus dieser Welt gegangen war.

Hier sind wir wieder: Moumoune, la bonne und ich. Wir haben unsere Plätze auf der Terrasse eingenommen.

Moumoune trägt den roten Mohairschal, den ich ihr um die Schultern gelegt habe.

Wir warten.

Ich weiss, sie liebt mich mit halbem Herzen, die andere Hälfte fliegt jedem Vogel zu.

Jeden Sommer, seit neunzehn Jahren, frage ich mich, wohin eine Seele geht, ob sie sich verwandelt, sich wieder und wieder hinaufschwingt zum Licht, wie ein Vogel.

Ich weiss es nicht.

Was ich weiss, ist, was ich nicht wissen will: Dies ist vielleicht unser letztes Rendezvous.

Als wir das erste Mal gemeinsam zum Friedhof gingen, hielt Moumoune meine Hand. Sie hielt sie, als wir die Strasse zum Dorf hinuntergingen, vorbei an der Filiale der Caisse d’épargne, den Auslagen von Coccinelle. Und sie hielt sie noch, als wir vor einem Marmorquader standen, vor diesem Schwarz, das im schattenlosen Licht glänzte, als würde sich der Stein verflüssigen.

Sprachen wir? Ich erinnere mich nicht.

Ich sah zwei Daten, ein Kreuz, feingliedrig und dezent. Und ich starrte und starrte auf den äussersten Punkt am rechten Ende eines goldenen Strichs.

 

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