Der Berg als Retter

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Jaroslav Doležal läuft immer wieder den tschechischen Kahlberg hoch: 6190 Mal. Warum?

Richard Fraunberger

Bange war ihm, als er um drei Uhr früh aufstand, Stadtteil Muglinov, Ostrava, Tschechien, warme Milch trank und zwei Hörnchen ass. Nur nicht stürzen, langsam gehen, dachte Jaroslav Doležal. Rucksack, Stock, Bauchtasche waren gerichtet. Er zog die Mütze über die ergrauten Haare und schlich aus dem Haus. Ludmila schlief. Es war ein kühler, wolkiger Mittwoch, der 27. Mai 2015. In den Plattenbausiedlungen gingen die ersten Lichter an. Ostrava, 300 000 Einwohner, drittgrösste Stadt des Landes, ein aus Kohle geborenes Ungetüm, erwachte zur Frühschicht. Jaroslav Doležal nahm den Bus, dann den Zug. Am Bahnhof herrschte bereits reger Betrieb. Strassenbahnen, Arbeiter, plärrende Durchsagen in den Hallen und am Gleis. Es roch nach Bier und Kaffee. Ein Betrunkener schrie. Um 4 Uhr 53 rumpelte der Zug durch das Morgengrauen, 39 Kilometer bis zum Ziel, vorbei an den Gliedern eines toten Industrie-Dinosauriers, Fördertürme, Hochöfen, Schlote, Kokereien, riesige, überirdische Gasleitungen, schliesslich Äcker, Wälder, Dörfer, Berge. Jaroslav Doležal sass am Fenster und blickte in sein Spiegelbild, sah ein knochiges Gesicht, schütteres Haar, eingefallene Wangen. Er wusste, jeder Schritt kostet drei Atemzüge. Nicht stürzen, langsam gehen. Jaroslav Doležal war auf dem Weg, sein Lebenswerk zu krönen.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.
Richard Fraunberger unterwegs:
Themen
Region
Richard Fraunberger