Der Berg als Retter

Jaroslav Doležal läuft immer wieder den tschechischen Kahlberg hoch: 6190 Mal. Warum?

Richard Fraunberger

Bange war ihm, als er um drei Uhr früh aufstand, Stadtteil Muglinov, Ostrava, Tschechien, warme Milch trank und zwei Hörnchen ass. Nur nicht stürzen, langsam gehen, dachte Jaroslav Doležal. Rucksack, Stock, Bauchtasche waren gerichtet. Er zog die Mütze über die ergrauten Haare und schlich aus dem Haus. Ludmila schlief. Es war ein kühler, wolkiger Mittwoch, der 27. Mai 2015. In den Plattenbausiedlungen gingen die ersten Lichter an. Ostrava, 300 000 Einwohner, drittgrösste Stadt des Landes, ein aus Kohle geborenes Ungetüm, erwachte zur Frühschicht. Jaroslav Doležal nahm den Bus, dann den Zug. Am Bahnhof herrschte bereits reger Betrieb. Strassenbahnen, Arbeiter, plärrende Durchsagen in den Hallen und am Gleis. Es roch nach Bier und Kaffee. Ein Betrunkener schrie. Um 4 Uhr 53 rumpelte der Zug durch das Morgengrauen, 39 Kilometer bis zum Ziel, vorbei an den Gliedern eines toten Industrie-Dinosauriers, Fördertürme, Hochöfen, Schlote, Kokereien, riesige, überirdische Gasleitungen, schliesslich Äcker, Wälder, Dörfer, Berge. Jaroslav Doležal sass am Fenster und blickte in sein Spiegelbild, sah ein knochiges Gesicht, schütteres Haar, eingefallene Wangen. Er wusste, jeder Schritt kostet drei Atemzüge. Nicht stürzen, langsam gehen. Jaroslav Doležal war auf dem Weg, sein Lebenswerk zu krönen.

Um sechs Uhr erreichte er Ostravice, ein Dorf am Fusse des Kahlbergs, Startpunkt für den Aufstieg. Um halb neun stand er auf dem Gipfel. Zum sechstausendsten Mal. Es war kalt und neblig. Der Wind blies. Mitglieder vom Klub des Kahlbergs warteten oben auf ihn, applaudierten, klopften ihm auf die Schulter. Mit Kräuterschnaps stiessen sie an, sangen Lieder, «lebe, lebe lange und gesund», überreichten Doležal ein Glas Honig zur Stärkung und zum Rekord ein T-Shirt, bedruckt mit der Zahl 6000. Radio und Zeitungen nannten ihn König des Kahlbergs. Das staatliche Fernsehen ČT1 berichtete. Freunde feierten ihn. Tschechien, eine sportverrückte Nation, ehrte seinen Helden. Ludmila, seine Frau, schwieg.

Mit 74 Jahren hat Jaroslav Doležal das Ziel seines Lebens erreicht. Ein Leben, in dem er Kalk von den Wänden gekratzt und gegessen und sich das Gesicht mit Morgentau im Gras gewaschen hat. Ein Leben, in dem er auf Strohmatten geschlafen und Zuckerrüben gestohlen hat und Kerzen auf dem Friedhof. Ein Leben, in dem er 35 Jahre in der Dunkelheit der Gruben verbracht, sie durchfahren und durchlaufen hat und auf allen Vieren gekrochen ist, um halbnackt Kohle aus dem Flöz zu brechen.

12. August 2017, Jaroslav Doležal, spindeldürr, 1 Meter 70 gross, drahtig, blaue Augen, steigt aus dem Zug in Ostravice, wieder ist es ein wolkenverhangener Tag. Er steht im Sportanzug mit Rucksack und Trekkingstock auf dem Bahngleis. Um seinen Hals baumelt ein Handy. Alle paar Stunden ruft Ludmila an und kontrolliert. Sie hat ihm verboten, auf den Berg zu steigen. Jaroslav Doležal ist gekommen, um den Kahlberg zu sehen und vielleicht auf jenem Wanderweg zu spazieren, den er ein Leben lang gegangen ist. Er kann nicht mehr auf den Gipfel. Nie wieder. Das letzte Mal stand er im Mai 2017 oben. Herzklappeninsuffizienz, schwerer Diabetes, die Waden wund von den Medikamenten. Alles ist Wunde an ihm. «Dass ich noch lebe, verdanke ich dem Berg. Er hat mich gerettet. Die Kumpel von der Brigade sind längst tot. Staublunge. Krebs. Acht waren wir.» Doležal klagt nicht. Er ist zufrieden, vor allem erleichtert, dass er es geschafft hat. Jetzt, nach 56 Jahren, kann er sich zurücklehnen. Er steht im tschechischen Guinnessbuch der Rekorde, und niemand wird seinen Rekord überbieten. «Zumindest nicht solange ich lebe», sagt er stolz und blickt hinauf zum Berg.

Kalt und mächtig ragt er auf, der König der Beskiden, Lysá Hora, Kahlberg zu Deutsch, 1323 Meter hoch, die Kuppe kahl, darauf Wetterstation, Fernsehturm, zwei bewirtschaftete Berghütten, darunter ein grünes Meer aus Kiefern und Fichten und Heidelbeerkraut. Ein unscheinbarer, von Wind und Regen gepeitschter Berg, im Grunde genommen ein Hügel, beschildert und leicht zu erwandern, winters 20 Grad unter null, die Büsche schneeverhüllt, die Bäume zu Stalagmiten erstarrt, sommers sattgrün und voller wilder Beeren und Tagesausflügler. Der Berg ist Doležals Leben. Familie, Freunde, Arbeit, nichts und niemand war so wichtig wie er, stets kam er zuerst, am Wochenende, an Feiertagen, vor der Schicht, nach der Schicht, vor Beerdigungen und Hochzeiten, selbst im Urlaub stieg er hinauf, immer hatte er Vorrang, der Kahlberg, höchster Gipfel des mährisch-schlesischen Gebirges, Ausläufer der Westkarpaten, gelegen im Osten Tschechiens, im Grenzgebiet zur Slowakei. Insgesamt 6190-mal stand Doležal oben. Die einfache Strecke acht Kilometer lang, 900 Höhenmeter. Das sind 99 040 Kilometer zu Fuss, zweieinhalbmal um den Äquator. Anfahrt, Aufstieg, Abstieg, Rückfahrt. Insgesamt acht Stunden. Und immer mit dem Zug. 56 Jahre lang. Das sind 49 520 Stunden. Oder 2063 Tage. Oder fünfeinhalb Jahre. Fünfeinhalb Jahre seines Lebens für den Berg. «Fanatismus», nennt das Doležal. «Verrücktheit. Eine Droge.»

Schlichte Worte für einen neurotischen Zwang, den er nicht erklären kann, nicht erklären will. Nur zögernd und widerwillig spricht er von sich, von seiner Kindheit, den seelischen Wunden, die ihm zugefügt wurden, von seinem Vater, den Mitschülern, dem Staat, Wunden, die noch immer aufbrechen, auch jetzt im Alter, und die ihn nur dann nicht schmerzen, wenn er seinen Körper schleift und den Kahlberg hinaufstürmt und den Ballast der Vergangenheit in den Niederungen zurücklässt und nur noch ein Ziel vor Augen hat, den Gipfel zu besteigen und ihn dann, von Glückshormonen getragen, schliesslich erreicht. Der Kahlberg gibt ihm, was ihm zeitlebens niemand gegeben hat: Stolz und Selbstachtung und ein Selbstwertgefühl, das sein zertrümmertes Ich stützt wie die Krücke den Lahmen.

Doležal deutet auf eine Gruppe Wanderer hinter den Gleisen, die auf einem rot markierten Wanderweg im Wald verschwindet. Es ist sein Weg. «Immer steigt einer auf den Gipfel, winters, sommers, tagsüber, selbst nachts», sagt Doležal. Die Beskiden sind die Hausberge der Ostrauer. Kein Kohlekumpel, der nicht in den Beskiden eine Datscha besitzt. Am beliebtesten ist der Kahlberg. Er ist der Ausguck der Region. Bis in die Hohe Tatra reicht der Blick. Populär gemacht hat ihn der Dichter Petr Bezruč, der über die Beskiden und die Schinderei in den mährischen Kohlegruben schrieb und nach dem Dichten jeden Tag auf den Kahlberg stieg – damals, als Mähren noch österreichisches Kronland war und der Kaiser von Österreich Franz Joseph I. hiess.

Früher gingen vor allem Rentner und Familien mit Kleinkindern auf dem Kahlberg wandern, sie pflückten Heidelbeeren und tranken auf dem Gipfel ein Bier. Doch dann kamen die Nordic Walker, Marathonläufer, Extremsportler. Sie rennen, laufen, stürmen auf den Gipfel, eine Schar von Menschen mit Trekkingstöcken, Stirnlampe, Stirnband und gelgedämpften Sportschuhen. Die Beskiden sind Tschechiens Trainingslager für Sportverrückte. Jaroslav Doležal ist einer von ihnen. Er ist Mitglied des KPLH, Klub der Freunde der Lysá Hora, Mitgliedsnummer 74. Jeden Aufstieg zählt man im Klub, erstellt Ranglisten, Statistiken, monatlich, jährlich. Auf dem Gipfel angekommen, werfen die Mitglieder eine Marke mit ihrer Mitgliedsnummer in den Briefkasten. Manche gehen jeden Tag auf den Gipfel, andere schaffen drei Aufstiege an einem Tag.

Auto waschen, Rosen schneiden, den Gartenzaun streichen und abends in die Kneipe auf ein Bier – das hat Jaroslav Doležal nie interessiert. Er meidet Vereinstreffen und Klubabende. Er ist kein geselliger Typ. Auf dem Kahlberg bleibt er für sich. Er trinkt nicht, raucht nicht, glaubt nicht an Gott oder an eine andere höhere Macht. Er besitzt kein Auto und kein Haus, keine Datscha und keine Ersparnisse. Seine Handschrift ist so ungelenk wie die eines Kindes, seine Sprache so einfach wie sein Leben. «Ich ging kaum zur Schule. Es interessierte mich nicht. Ich mochte lieber den Wald», sagt er beschämt, als hätte er etwas Unrechtes getan. Zeitlebens war er ein Sonderling, im Sozialismus und auch danach, als die Menschen um ihn herum plötzlich Autos kauften, Häuser bauten, von Geld träumten und von einem Leben wie in Amerika. Doležal aber träumte vom Kahlberg, denn der Kahlberg hilft ihm, die Bilder der Vergangenheit zu verscheuchen, die sich eingebrannt haben in Seele und Fleisch: die Schläge des betrunkenen Vaters, die Schreie und das Weinen der Mutter, die Armut, das Verwahrlostsein und die bodenlose Scham, im Elend aufgewachsen zu sein, der Spott der anderen und immer wieder der Hunger, den man nie vergisst, weil er so mächtig war und sich ins Hirn frass und man an nichts anderes dachte als an ihn. Der Wald behütet und schützt, und mit jedem Schritt hinauf zum Berg kommt das Herz mehr zur Ruhe, verblassen die trostlosen Bilder, und andere kommen: ein Siebenstern am Wegesrand, eine Blautanne, darin ein scheuer Fink, bemooste Felsen, Pilze und hoch oben weisse Wolken, die wie Segelschiffe durch den blauen Himmel ziehen. «Ich bin ein Junge aus Fryšták, aufgewachsen im Wald. Im Grunde genommen lebte ich auf Bäumen», sagt der 78-Jährige.

Am 20. Oktober 1941 kommt Jaroslav Doležal mitten im Krieg zur Welt, Hausgeburt, das dritte von sechs Kindern von Irma und František Doležal, wohnhaft in Fryšták, Freistadt, in Mähren. Der Vater, gesellig, gut auf dem Akkordeon und mit einer Vorliebe für Schnaps, ist Schneider, Irma Dienstmädchen. Die Familie lebt von der Hand in den Mund. Jaroslav ist viel im Freien, spielt im Hof mit den Geschwistern Murmeln. Am 6. Mai 1945 wird Fryšták von der Roten Armee befreit. Lebensmittelkarten und Bezugsscheine werden ausgeteilt, nahezu alles ist rationiert, Kleider, Schuhe, Zucker, Brot, Mehl, Milch. Der Schwarzmarkt blüht. Der Vater leiht sich Geld, kauft mit einem Freund Nähmaschinen, vier ausrangierte Singer mit Trittpedal, näht Hosen und Hemden, flickt Anzüge. Irma, erneut schwanger, bringt das sechste Kind zur Welt und stillt und putzt und wäscht. Schreiben und lesen hat sie nie gelernt.

Die Kommunisten übernehmen die Macht. Industriebetriebe werden verstaatlicht, Bauernhöfe und Felder kollektiviert. Zwei Männer kommen in die Schneiderwerkstatt des Vaters und beschlagnahmen die Nähmaschinen. «Staatseigentum. Aufbau des Sozialismus. Alle Macht dem Volk.» Der Vater schimpft auf die Männer und die Politik. Er hat jetzt keine Nähmaschinen mehr, mit denen er die Schulden zurückzahlen kann. Ohne eine Krone in der Tasche, wie soll man leben? Er tingelt durch Kneipen, spielt Akkordeon. Niemand gibt Geld, dafür Schnaps. Der Vater trinkt gern und viel.

Die achtköpfige Familie, mittellos, besitzlos, der Vater mehr in der Kneipe als daheim, zieht ins Armenhaus, eine Baracke am Waldrand, vier Zimmer für vier Familien, Lehmboden, kein Strom, kein fliessend Wasser, keine Toilette, die Wände nackt und kalt, im Zimmer Stuhl, Tisch und zwei Betten, die sich der Vater mit vier Kindern teilt, die Mutter mit zwei. Am Brunnen hinter dem Haus wäscht die Mutter Geschirr und Wäsche, in einer Nische kocht sie über einem Feuer aus morschem Holz, was sie und die Kinder nachts auf den Feldern heimlich ausgraben, Zwiebeln, Zuckerrüben, Kartoffeln. Morgens Hunger. Abends Hunger. Der Hunger ist ein wildes Tier. Die Kinder kratzen den Kalk von den Wänden, ziehen das Stroh aus den Matratzen, stopfen sich den Mund voll und kauen, was sich kauen lässt. Sie sind mager. Jaroslav sieht aus wie ein Skelett. Er trägt alte Mädchenkleider, die die Dienstherrin der Mutter geschenkt hat. Andere hat er nicht. Die Kinder im Dorf und in der Schule hänseln ihn. Schamerfüllt versteckt er sich im Wald.

Jaroslav, widerspenstig und eigensinnig, stiehlt Äpfel und Brot und auf dem Friedhof Kerzen. Er will nicht im Dunkeln sitzen. Er weiss, alle anderen Kinder sitzen im Licht. Lallend kommt der Vater nach Hause. «Irma, wo ist der Schnaps?» Die Kinder drücken sich an die Mutter. Der Vater holt aus, schlägt die Frau, greift zum Gürtel und prügelt dann die Kinder. Jaroslav rennt davon, klettert auf die Buche neben dem Haus und bleibt oben sitzen. Der Vater tobt.

Jaroslav verbringt mehr Zeit im Wald als zu Hause und in der Schule. Er klettert auf Felsen und Hochsitze, spielt Indianer, sammelt Pilze und Beeren und Holz zum Heizen, und niemand spottet oder ballt die Hand zur Faust. Friedlich ist der Wald. Der Wald folgt eigenen Gesetzen. Fern ist die Menschenwelt. Vögel zwitschern. Laub raschelt. Und Schnecken stossen Schaumblüten hervor, glitzernde, winzige Blasen. Jaroslav sitzt auf Ästen und nicht in einem kahlen Zimmer, in dem rotzverschmierte Kinder greinen und die Mutter weint und schimpft und nicht weiss, wie sie sie durchfüttern soll. Der Schullehrer kommt. «Jaroslav erscheint nicht zum Unterricht. Und wenn doch, stiehlt er Stifte und Pausenbrote und prügelt sich», sagt er. Der Vater nickt und geht in die Kneipe und säuft. Die Mutter gelobt Besserung und schickt Jaroslav dem Vater hinterher, er solle nach Hause kommen. Jaroslav bleibt zwei Tage fort. Der Sohn sitzt neben dem Vater und reicht ihm den Schnaps, den er fürs Akkordeonspielen bekommt. Trink, sagt der Vater. Der Sohn schüttelt den Kopf. Der Vater holt aus.

Jaroslav Doležal hat Tee bestellt. Er sitzt auf der Veranda des Cafés U Freuda, in dem er gelegentlich ein Bier trank, nachdem er vom Kahlberg abgestiegen war. Er blickt auf die Bergkette, kneift die Augen zusammen, kann sie trotz Brille, feuerrot und eckig, nicht scharf sehen. Die Brille gehört seiner Frau Ludmila. Seine ist am Nasensteg gebrochen. Er muss sie löten. Er klebt, nagelt, schraubt, repariert den Wäscheständer, den Rucksack, die Lampe, den Schrank, wirft nichts fort. Nicht die Sportjacke, nicht die Bauchtasche, die er jetzt trägt. Sicherheitsnadeln halten die kaputten Reissverschlüsse zusammen. Immer hat er die Mutter vor Augen, auch jetzt nach über 70 Jahren, wie sie Eicheln und Gras ins kochende Wasser wirft, damit die Suppe dicker wird. Immer erinnert er sich an den Vater, wie er Lumpen zusammennäht und Schuhe flickt.

Seit 51 Jahren wohnen er und Ludmila in Ostrava, Stadtteil Muglinov, ein grauer, bröckelnder Plattenbau, 1955 für die Bergarbeiter errichtet, die Wohnung damals ein Luxus – zwei Zimmer, Bad, Küche, Fernheizung. Die alten Nachbarn sind längst fortgezogen. Roma wohnen jetzt in der Siedlung. Die Stadtverwaltung hat ihnen angeboten, sie könnten in ein anderes Haus ziehen. «Wozu?», fragt Doležal. «Wir haben das Oder-Hochwasser 1997 überstanden und eine Gasexplosion im Keller. Ich will nicht fort, ich bleibe im Haus, hier sterbe ich.»

Aus dem Rucksack zieht er eine abgegriffene Kladde, auf dem Deckel eine Jahreszahl in silberner Farbe. 22.1.1961: Erster Aufstieg auf den Kahlberg, 1,4 Meter Schnee. 28.1.1961: Zweiter Aufstieg, Biwak, -12 Grad Celsius, Abfahrt auf Skiern. Akribisch hat er alles aufgeschrieben und gezählt und nach Jahren abgelegt, jede Tour mit dem Fahrrad, auf Skiern, zu Fuss, jeden Aufstieg auf einen Berg, 9000 an der Zahl, dazu Wetterangaben, Kosten, Dauer. Notizen im Telegrammstil, ein Leben, verteilt auf 56 Kladden, jede Kladde ein Jahr. Selbst die Zugfahrkarten hat er aufgehoben und in Schachteln verstaut, Fahrscheine aus Pappe, die der Schaffner lochte, und Fahrplanbücher, dicker als die Bibel, Wälzer aus jener Zeit, als die KSČ regierte, die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei. «Eine Marotte, die ich übernommen habe», sagt Doležal. Sein Grossvater, ein Imker, führte penibel Buch über jedes Detail: Tag der Honigernte, Anzahl der Bienenstöcke und der Honigwaben, wie viele Kilo Honig aus welchem Bienenstock, Einnahmen, Ausgaben, Gewinn. «Ich staunte über die Zahlenkolonnen. Nie verlor er den Überblick. Stets hatte er alles im Griff», sagt Doležal.

Jaroslav, krank vor Hunger, stiehlt Eier, Schinken, Schmalz, Vesperbrote, wo immer Essbares greifbar ist, in einem Hof, auf einer Fensterbank. Die Behörden rügen die Eltern. Im Wald findet er eine Pistole und nimmt sie mit in die Schule. Er ist jetzt Soldat und befiehlt der Klasse: «Hände hoch!» Die Lehrerin packt ihn an den Ohren und schleppt ihn zur Polizei. Jaroslav beisst ihr in die Hand und rennt davon. Die Polizei kommt. Der Vater zuckt mit den Schultern und säuft. Die Kinder schreien. Die Mutter weint. Jaroslav, 13, muss in die Besserungsanstalt für Schwererziehbare. Er freut sich. Alles ist besser als zu Hause. Seine verschleppte Gelbsucht wird kuriert, es gibt genügend zu essen, ein warmes Bett, und niemand schlägt ihn. Endlich ist er fort aus dem Haus, das nur Unheil bringt. Den Wald jedoch vermisst er. Von den Behörden verpflichtet, geht er mit 15 Jahren zur Besserung in den Schacht, wie die meisten, die sich der Partei und der Gesellschaft gegenüber etwas haben zuschulden kommen lassen, Grube Urx 5, 882 Meter tief, gelegen im mährischen Kohlerevier Ostrava, stählernes Herz der ČSSR, Stadt der Kumpel und des Fortschritts, Hüttenwerke, Chemiewerke, Schwerindustrie, höchste Stahlproduktion der Welt, gemessen an der Einwohnerzahl des Landes. Die Winter in Ostrava sind eisig, die Sommer warm und voller Russ. «Ich bin Bergarbeiter. Keiner steht über mir», lautet eine Redensart. Niemand verdient mehr als die Elite der Arbeiterklasse. Manche Kumpel zünden sich mit einem 100-Kronen-Schein die Zigarette an.

Jaroslav wird nicht zum Teil dieser Elite. Nach der Ausbildung in der Bergwerksschule kommt er zu den Bibelforschern, Kulaken, Kleinkriminellen, Arbeitsscheuen, offizieller Sprachgebrauch nepohodlné lidi, «unbequeme Leute», unterste Lohngruppe, Dreischichtenbetrieb, niedere Tätigkeit, weder Helm noch Maske, dafür Kautabak, der den Staub von der Lunge abhalten soll. Bei 33 Grad liegt er nur mit einer Armeehose bekleidet im Staub und hämmert mit dem Presslufthammer ins Gestein. Er wohnt im Bergarbeiterviertel Muglinov, fünf Kilometer von der Grube entfernt, teilt sich das Zimmer mit einem Kumpel aus der Brigade. Im Zimmer Schrank, Tisch, Bett, im Flur die Toilette und im Hauseingang ein Slogan: Kdo nepracuje - ať nejí! – «Wer nicht arbeitet, soll nicht essen!» Jaroslav träumt vom Wald.

Nach zwei Jahren besucht er die Eltern. Der Vater schaufelt gerade Sand, im Gras die Schnapsflasche. Jaroslav kippt sie wortlos aus. Wutentbrannt stürzt sich der Vater auf den Sohn, schlägt ihn, der schlägt zurück. Weinend eilt die Mutter hinzu. Vor dem Haus dreht sich ein Knäuel aus Fäusten und Schreien. Jaroslav ist jetzt Lokführer, steuert durch dunkle, kilometerlange Stollen Pressluftlokomotiven, 30 PS, 50 Waggons, pro Waggon eine Tonne Kohle. Fährt er nicht, ist er Mädchen für alles, montiert Lampen, bohrt, an Ketten hängend, Löcher ins Gestein, räumt Steinbrocken aus Fahrwegen, versorgt die Kumpel mit Vesper und Kautabak. Hat er nichts zu tun oder muss das Plansoll auf Anweisung der Partei übererfüllt werden, stiehlt er sich heimlich aus dem Schacht, nimmt den Zug und steigt auf den Kahlberg. Doležal will keinen Plan erfüllen. Er hasst Politik und liebt den Kahlberg. Der Kahlberg ist sein Freund. Tausende Male hat er ihn besucht. Auf ihn ist Verlass. Er gibt ihm das Gefühl, ein normaler Mensch zu sein und nicht bloss Abschaum.

1962 heiratet Jaroslav Ivana, geborene Procházková, sie wandern, klettern, fahren Ski. Sohn Ivan kommt zur Welt. In der Tschechoslowakei herrscht politisches Tauwetter. Sozialismus mit menschlichem Antlitz, Rock and Roll, Jazz, Miniröcke, Alexander Dubček. Die Tschechoslowakei ist der Wilde Westen im Osten. Jaroslav hört im Wohnzimmer Svobodná Evropa, Freies Europa, ein von den USA finanzierter Radiosender in München – und ein verbotener dazu. Er träumt von den Alpen, ist 26, will wandern, klettern. Ivana, seine Frau, überzeugte Kommunistin, Mitglied der Partei, reicht nach fünf Jahren die Scheidung ein. Sie hat genug von Jaroslav und seinem Kahlberg und schickt ihm die Staatssicherheit auf den Hals. Sie nimmt Ivan, zieht aus und verbietet ihm, den Sohn zu sehen. Hilflos nickt Jaroslav alles ab und leugnet nichts. Nicht den Zwang, auf den Kahlberg steigen zu müssen, und auch nicht, verbotene Radiosender zu hören. Er weiss, er kann nicht tiefer sinken. Er kommt von ganz unten. Die Staatssicherheit bestellt ihn ein und lässt ihn wieder gehen. Über diese Zeit spricht er ungern. Über seinen Sohn schweigt er, sitzt da wie gelähmt, starrt auf seinen Tee und bringt kein Wort mehr heraus. Sein Innerstes nach aussen zu kehren, hat er nie gelernt. Es ist ihm ein Greuel. So tief sitzt die Scham über sich und seine Herkunft. Zu gross ist das Misstrauen gegenüber anderen.

Am 20. August 1968, einen Tag vor der Niederschlagung des Prager Frühlings, heiratet er Ludmila, geborene Poledníková, aufgewachsen am Fusse des Kahlbergs, wo er sie kennengelernt hat. Irma, Jaroslavs Mutter, stirbt 1979, František, der Vater, nur noch Haut und Knochen, trinkt sich ins Delirium und stirbt zwei Jahre später. Beide haben das Armenhaus nie verlassen. Ivana, seine erste Frau, stirbt 2010. Zu ihrem Begräbnis ertönt die Internationale. 2014 stirbt Sohn Ivan, 50-jährig, an Bluthochdruck.

«Ich habe zwei Leben gelebt, war Bergmann und Tramp», sagt Doležal. «Ich bin so häufig auf den Kahlberg gestiegen, dass ich nicht mehr wusste, ob die Nachbarn noch neben uns wohnen oder längst fortgezogen sind.» Tausendmal nimmt er den Zug um 4 Uhr 58, marschiert bei Regen, Sturm, Sonne, Schnee durch dichten Fichtenwald, wirft auf dem Gipfel des Kahlbergs eine Marke mit seiner Mitgliedsnummer in den Briefkasten und steigt ab ins Tal. Um 11 Uhr steht er in der Küche. Um 14 Uhr geht es in den Schacht. 1991 ist die Kohleindustrie am Ende. Die neue Zechenleitung schickt Doležal in Frührente. Das heisst mehr Zeit für seinen Hausberg und weniger für Ludmila. Er schafft 300 Aufstiege im Jahr. Und das neun Jahre lang. Selbst bei meterhohem Schnee gibt er nicht auf. An einem Wintertag rennt er viermal gegen den Kahlberg an, sinkt ein, rutscht ab, schürft sich Arm und Bein auf, bis er endlich auf dem Gipfel steht. 6000 Aufstiege hat er sich zum Ziel gesetzt. 6000 wären nationaler Rekord. Ein Rekord bedeutet Ansehen und Anerkennung. Für Doležal bedeutet es vor allem, herauszutreten aus den Schatten der Vergangenheit, endlich als Mensch wahrgenommen zu werden wie andere auch.

Mit Doležals manischer Rekordjagd, die irgendwann in den neunziger Jahren begann und sich in den Bergvereinen bald herumsprach, finden neue Wettkämpfe in den Beskiden statt. Beim Winterbergmarathon rennen die Teilnehmer, ausgerüstet mit Steigeisen und Stirnlampen, 24 Stunden lang den Kahlberg auf und ab. In einem anderen Wettbewerb rennen sie durch sieben Täler und auf sieben Gipfel der Beskiden. Im Ganzjahresrennen schafft der Gewinner in 365 Tagen 1000 Aufstiege auf den Kahlberg.

«Wäre ich jünger, ich würde mitrennen», sagt Doležal. Ludmila, seine Frau, hasst den Kahlberg, hasst den Klub, hasst die Wettkämpfe. Egoist, Fanatiker nennt sie ihren Mann. «Sie ist der Stern an meinem Himmel», sagt Doležal. «Sie hat mich nicht verlassen. Tausendmal habe ich sie angelogen, habe sie sitzenlassen, habe ihr erzählt, ich müsse am Wochenende zur Schicht in die Grube, müsse in die Stadt, aufs Amt, zu einem Freund, zu meinem Bruder.» Stattdessen stieg er auf den Kahlberg.

Aus dem Protokoll eines manisch Unverbesserlichen: 8. August 1992, ein sonniger Samstag, Doležal hat mit seiner Frau einen Ausflug ins Grüne geplant. Er gehe den Mülleimer leeren, sagt er zu Ludmila. Im Morgenmantel steigt er in den Keller, zieht Trainingsanzug und Sportschuhe an und nimmt den Zug zum Kahlberg. Acht Stunden später steht er im Morgenmantel vor der Haustür, in der Hand den leeren Mülleimer. Ludmila, heute 79, klein gewachsen, das Haar schwarz und kurz, das Gesicht rot vor Wut, stürzt in die Küche, wirft mit Tellern nach ihm, zerfetzt drei seiner Kladden und schmeisst ihn aus der Wohnung. «Eine Woche lang schlief ich bei Freunden», erinnert sich Doležal. Tagelang kocht sie nicht für ihn, wäscht nicht seine Kleider. Freunde und Arbeitskollegen schütteln den Kopf über ihn. Niemand versucht ihn zu verstehen, niemand fragt nach den Geistern, die ihn quälen. «Ich kann nicht sein ohne den Berg. Ich muss auf den Gipfel», sagt Doležal. Mittwoch, 25. Oktober 1995: Ludmilas Vater, Pavel, wird in Metylovice, einem Kaff unterhalb des Kahlbergs, beerdigt. Um 6 Uhr 30 steigt Doležal auf den Gipfel. Um 10 Uhr sitzt er im Anzug in der vordersten Reihe der Trauergemeinde. Alles hat er in seinen Kladden notiert. Die Lügen, die Fluchten, Ludmilas Klagen. Dass er noch am Leben ist, verdankt er dem Berg – und Ludmila. Mit Freunden plant er eine Klettertour in den Walliser Alpen. Ludmila droht damit, ihn zu verlassen. Doležal bleibt und steigt auf den Kahlberg. Die Freunde steigen auf den Monte Rosa, stürzen ab und sterben.

Doležal sitzt im Zug, ist auf dem Weg nach Hause. Die Dämmerung naht. Aus dem Spaziergang auf seinem Wanderweg ist nichts geworden. Das Herz sticht. Ein Schritt, drei Atemzüge. Er sitzt am Fenster und blickt zurück zum Kahlberg. Er blickt auf ihn, als sähe er ein grosses, geheimes Glück. Er zückt das Handy, ein letztes Foto, sein Gesicht spiegelt sich auf dem Display, Doležal betrachtet sich, er sieht graues, schütteres Haar und eingefallene Wangen, sieht einen Mann, der nie wieder auf den Kahlberg steigen wird. Seit drei Jahren liegt Ludmilas Föhn kaputt im Schrank. Immer wieder hat er versprochen, ihn zu reparieren. «Jetzt habe ich Zeit», sagt Jaroslav Doležal.

 


Wanderverrückte Tschechen

Die Tschechen sind überaus naturverbunden und sportverrückt. Wandern ist bei ihnen Volkssport. Das lässt sich unter anderem auf die Wandervogel- und Pfadfinderbewegungen der zwanziger Jahre zurück­führen. Diese haben sich im Kern bis heute gehalten, wenn auch in abgewandelter Form. In der Tatra (heute Slowakei) werden die Berghütten von Trägern beliefert. Gasflaschen, Bier, Brot, Eier, Nudeln, Knödel, Sauerkraut, alles, was zur Hüttenbewirtung benötigt wird, tragen Männer auf dem Rücken hinauf. Die Träger sind Tschechen und Slowaken. Sie tragen 80 Kilogramm bis zu 1200 Höhenmeter hinauf und verdienen für jedes Kilo 20 Cent – also insgesamt 16 Euro. Ganz klar: Das macht niemand des Geldes wegen, sondern weil es ein Sport ist und – auch wenn es verrückt klingt – ein Spass. Jedes Jahr gibt es eine Sherpa-­Rallye, das heisst ein Wetttragen zu den Hütten. Männer, Frauen und Kinder treten in unterschiedlichen Kategorien an. Der Gewinner einer jeden Kategorie erhält einen Becher Tee als Siegerpreis.

Autor

Richard Fraunberger, der mittlerweile in Griechenland lebt, verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre in einem Weiler am Fusse des Kahlbergs gehört. Daher reist er oft in die Gegend und geht wandern. Von seinem Cousin, der dort lebt, erfuhr Fraunberger, dass jemand den sechstausendsten Aufstieg geschafft habe. Er fand Doležal und rief ihn an. «Zuerst sollte es ein kleiner Text über seinen Rekord werden. Aber als er zu erzählen anfing, war schnell klar, dass die Geschichte eine andere Richtung nehmen würde», sagt Fraunberger. «Wir trafen uns mehrmals. Doležal erzählte sehr zaghaft und nie strukturiert, er sprang von einem Thema zum anderen, erwähnte seine Jugend immer nur kurz, um dann auf seinen Rekord zurückzukommen. Ich musste also stets nachhaken. Eine Gratwanderung. Hakte ich zu intensiv nach, zog er sich augenblicklich zurück, wurde misstrauisch und verstummte. Manche Themen streifte er nur einmal und ging nie wieder darauf ein. Es wurde ihm zu persönlich. Sein Sohn blieb ein Geheimnis, mehr über ihn zu erfahren, war nicht möglich. Doležal wollte es nicht.»

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