Der Hölle entkommen

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Der Inder Masih hat im Irak endlich Arbeit gefunden – dann entführt ihn der IS.

Alia Allana

Anfang Juli 2013 sass der Inder Harjit Masih in der zweitletzten Reihe eines Flugzeugs Richtung Dubai. Schon einmal hatten ihn seine Träume in die Golfmetropole geführt. An diesem Ort, dachte er, könnte ein halbwegs gebildeter Inder wie er es schaffen. Jetzt war Dubai nur mehr eine Zwischenstation nach Basra im Irak. Er schoss ein Selfie unter einer gigantischen goldenen Palme und hing im Gold-Souk herum. Erst als er Designer-Pilotenbrillen anprobierte und sein Spiegelbild anstarrte, kam er sich wie ein Betrüger vor, unterwegs in einem Märchenland, weit weg von zu Hause.

Zu Hause: Das ist das Dorf Kala Afghana im nordindischen Bezirk Punjab, ein nicht besonders aufregender Ort. Die Marktstrasse misst ungefähr die Länge der Rollsteige im Dubai International Airport. Sein Haus war eine alte Lehmkonstruktion, in der seine fünfköpfige Familie zusammengepfercht lebte. Mehr Platz räumte er seinen beiden Kühen ein, sie waren sein wertvollster Besitz. Masih und die anderen Männer, mit denen er zusammen in den Nahen Osten reiste, kannten einander. Sie stammten aus anderen Dörfern des Bezirks, umgeben von Weizen- und Reisfeldern, wo Drogen zahlreich, Gelegenheiten für Arbeit aber selten sind. Deshalb fahren sie zu Hunderttausenden an Orte, die so unsicher und unberechenbar sind wie der Irak. Dubai und Doha sind zwar beliebter, doch der wirtschaftliche Druck bestimmt über das Ziel. Während man in Dubai im Monat 15 000 Rupien verdienen kann, sind es im Irak wegen der Gefahrenzulage 25 000 Rupien.

Um im Irak arbeiten zu können, nahm Masih eine Hypothek auf sein Haus auf und bezahlte seinem Onkel, der als Vermittler auftrat, 150 000 Rupien dafür. Als die Männer aber in Basra ankamen, wartete niemand auf sie, auch kein Job. Unter der Führung von Kamaljit Singh und mit einer am Flughaufen gekauften SIM-Karte telefonierten die Männer nervös in der Gegend herum. Kamal, wie sie ihn nannten, war ein alter Hase im Golf, der bereits zwölf Jahre im Nahen Osten verbracht hatte. Er verhandelte mit dem Vermittler in der Heimat, der einen Arbeitgeber in Bagdad erwähnte, und etwas später sprach Kamal in flüssigem Arabisch mit einem Taxifahrer, der sie schliesslich bei einer Fabrik absetzte, die früher schon Arbeiter aus Punjab angestellt hatte.

Zwei Wochen vergingen, dann hatten die Arbeiter endlich Glück: Es gab Arbeit. Leute wurden gebraucht, um Türme in Mosul zu bauen, Iraks zweitgrösster Stadt. Nachdem der Vermittler ein paar Tage mit dem irakischen Besitzer verhandelt hatte, kam es endlich zum Deal: Die Männer würden ab Ende Juli 2013 die University Lake Towers im Jamia-Bezirk in Mosul bauen.

Ihr Arbeits- und Wohnort in Mosul stiess an das College of Agriculture and Forestry innerhalb des Universitätsgeländes. Auf den Fotos, welche die Arbeiter auf Facebook hochluden, ist die grüne Fassade des Agriculture Department deutlich sichtbar. Der Bezirk galt als sicher vor den Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten, weil hier auch das Hauptquartier der 2nd Division lag, einer Eliteeinheit der irakischen Armee. Aber ungeachtet der 2nd Division war das erste Jahr, das Masih in Mosul verbrachte, von Autobomben, Selbstmordattentaten, koordinierten Anschlägen und einer stetig anwachsenden Zahl von Toten gezeichnet.

Masih wurde nie gesagt, dass sein Leben in Gefahr sein würde. Alles, was er wollte, war, seine kleine Lehmhütte in einen Bungalow aus Zement zu verwandeln, genau wie sein Nachbar, der dies mit Geld­sendungen aus dem fernen Maskat bereits geschafft hatte. 

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